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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

12. Sonntag nach Trinitatis, 11.09.2011

Predigt zu Jesaja 29:17-24, verfasst von Manfred Wussow

 

17 Wohlan, es ist noch eine kleine Weile, so soll der Libanon fruchtbares Land werden, und was jetzt fruchtbares Land ist, soll wie ein Wald werden. 18 Zu der Zeit werden die Tauben hören die Worte des Buches, und die Augen der Blinden werden aus Dunkel und Finsternis sehen; 19 und die Elenden werden wieder Freude haben am HERRN, und die Ärmsten unter den Menschen werden fröhlich sein in dem Heiligen Israels. 20 Denn es wird ein Ende haben mit den Tyrannen und mit den Spöttern aus sein, und es werden vertilgt werden alle, die darauf aus sind, Unheil anzurichten, 21 welche die Leute schuldig sprechen vor Gericht und stellen dem nach, der sie zurechtweist im Tor, und beugen durch Lügen das Recht des Unschuldigen. 22 Darum spricht der HERR, der Abraham erlöst hat, zum Hause Jakob: Jakob soll nicht mehr beschämt dastehen, und sein Antlitz soll nicht mehr erblassen. 23 Denn wenn sie sehen werden die Werke meiner Hände - seine Kinder - in ihrer Mitte, werden sie meinen Namen heiligen; sie werden den Heiligen Jakobs heiligen und den Gott Israels fürchten. 24 Und die, welche irren in ihrem Geist, werden Verstand annehmen, und die, welche murren, werden sich belehren lassen.

Predigt

Nicht wahr ...

Ist doch toll, dass ein Prophet seinen Mund so richtig voll nehmen kann! Entschuldigung, nehmen muss! Mit kleinen Lauten ist der Welt nicht beizukommen. Oder haben Sie schon einmal mitbekommen, dass den Kleinlauten die Welt gehört?

Ich bin zu schnell. Kleinlaut sind Menschen, wenn sie sich schuldig gemacht haben, unten sind, attackiert werden. Ich weiß zwar auch nicht, was alles vorgefallen ist, jedenfalls ist das Haus Jakob - also Gottes Volk - ganz unten. Nicht zum ersten, auch nicht zum letzten Mal. Auch nicht ganz ohne eigene Schuld, aber wie die abzuwägen wäre - ich traue mir da kein Urteil zu. Jedenfalls ist weit und breit kein Weg zu sehen, der aus der Misere herausführen würde. Am Ende ist es auch egal, von welcher Misere wir reden - wir brauchen nur im Bus, in der Kneipe oder am Arbeitsplatz die Ohren spitzen. In der Regel wird auch nicht nur getuschelt, manchmal werden sooo große Kübel Bitterkeit ausgeleert.

Unsere Blicke werden aber auf eine Wende gelenkt. Martin Luther übersetzt: Wohlan, es ist noch eine kleine Weile. Dann: Taube hören Gottes Wort, Blinde treten aus der Dunkelheit heraus, Elende können sich wieder freuen und die Ärmsten werden fröhlich sein. Im hebräischen Text heißt es eigentlich: Nicht wahr ... Es liegt ein Werben in diesem Wort, eine zärtliche Nähe, die Einladung, jetzt einfach „ja" zu sagen. Nicht wahr ... Taube hören, Blinde gehen, Elende freuen sich, die Ärmsten sind fröhlich. Warum das so ist, verrät der Prophet auch, wenn auch für unsere Ohren ein wenig floskelhaft: Freude haben am HERRN, fröhlich sein in dem Heiligen Israels. Was sich hier in den alten Worten verbirgt, ist nicht weniger als die unbeirrbare Erwartung, dass Gott selber kommt, für Menschen eintritt und den Tyrannen die Macht aus den Händen nimmt. Ich schaue ein wenig verwundert: Ob die sich davon beeindrucken lassen?

Nicht wahr ... Tyrannen fürchten das freie Wort, Tyrannen entkommen dem Wort nicht, Tyrannen zerschellen an dem Wort. Wobei Wort alles ist, was gegen sie gesagt, geschrieben und gewagt wird. Eine stärkere Waffe als das Wort gibt es nicht. Es wispert, twittert und skandiert. Es lässt sich simsen, sagen und mailen. Es lässt sich frei lassen, erobert Herzen und Bastionen, überquert Flüsse und Wüsten. „Denn" - so der Prophet Jesaja, der aus Schwertern Pflugscharen zu machen weiß - „es wird ein Ende haben mit den Tyrannen und mit den Spöttern aus sein, und es werden vertilgt werden alle, die darauf aus sind, Unheil anzurichten." Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind jetzt ausdrücklich erwünscht und nicht zufällig! Nicht wahr ...

11. September

Heute ist der 11. September. Eigentlich ein Tag wie jeder andere. Vor zehn Jahren begann der Tag auch wie jeder andere, bis dann ... darf ich ihn kurz rekapitulieren? 7.45 Uhr Ortszeit: Eine Boeing 767 startet in Boston, Ziel: Los Angeles. 81 Passagiere, 11 Besatzungsmitglieder - eine Stunde später, 8.46 Uhr, rast das Flugzeug in den Nordturm des World Trade Center. Ein Unfall? Die Menschen - und auch die Fach- und Sicherheitsleute - rätseln. Dann: 9.03 Uhr, eine Viertelstunde später, trifft ein zweites Flugzeug mit 56 Passagieren und 9 Besatzungsmitgliedern an Bord, den Südturm des World Trade Center. Jetzt sind keine Zweifel mehr möglich. Eine dritte Maschine dann, entführt wie die beiden anderen, schlägt 9.43 Uhr ins Pentagon ein - 10.03 Uhr stürzt eine vierte Maschine bei Pittsburgh ab, nach Kämpfen an Bord. Zwischen 8.46 Uhr und 10.03 Uhr - nicht einmal zwei Stunden liegen dazwischen - hat sich die Welt verändert.

Haben Sie damals auch fassungslos vor dem Fernseher gehockt? Wir sahen brennende Türme, Menschen auf der Flucht, Feuerwehrleute, die zu Helden wurden. Konnte das alles wahr sein? Tausende Menschen sterben. Am 11.09. und später. Die Spuren der Attentäter lassen sich auch nach Hamburg zurück verfolgen. Von einem der Terroristen, Atta, wird ihm Gepäck sein Testament gefunden, einige Jahre vorher schon gemacht. Angst geht um - und Hass. Erstmals in ihrer Geschichte werden die Vereinigten Staaten von einem Feind tief im eigenen Land getroffen. Die ganze westliche Welt fühlt sich angegriffen. Der amerikanische Präsident formuliert: Sie „hassen unsere Freiheiten, unsere Religionsfreiheit, unsere Meinungsfreiheit."

Zehn Jahre später: Islamistische Gotteskrieger legten einen großen Schatten auf den Islam. Es ist nach wie vor schwer, ihn wegzunehmen. Die Vorurteile wachsen weiter. Mit ihnen auch die Ängste. Es sind Ängste, die Menschen voreinander haben - und einander machen. Andererseits wird der Kampf gegen den Terror in Afghanistan wohl nicht gewonnen werden - militärisch nicht. Mit großen Hoffnungen, die Freiheit im Mund, zogen Truppen an den Hindukusch. Inzwischen macht sich Ratlosigkeit breit, die nicht immer ehrlich eingestanden wird. An zu vielen Stellen hat die westliche Welt auch ihre eigenen Grundsätze geopfert und Menschenrechte verletzt. Die Erfahrung, nicht unverletzlich zu sein, hat unter uns tiefe Spuren hinterlassen: in der Abwehrhaltung, im Sicherheitsdenken und in der Propaganda. Ein Buch-Titel will es auf den Punkt bringen, ebenso reißerisch wie verräterisch: Deutschland schafft sich ab. In vielen islamisch geprägten Ländern haben es Christen gleichzeitig zunehmend schwerer, dort zu Hause zu sein. Die Welt ist klein geworden, sie macht sich dann aber immer noch - kleiner.

Heute ist der 11. September. Es reicht, den Tag zu nennen. Aber was heißt hier schon: Es reicht ... Reicht es, die Geschehnisse dieses Tages zu rekapitulieren? Obwohl in New York die Wunde noch offen ist - auch räumlich, Ground Zero - kann doch der Hass das letzte Wort nicht behalten.

Nicht mehr beschämt dastehen

Darum freue ich mich, dass der Prophet Jesaja seinen Mund so richtig voll nimmt! Er holt die aus ihren Verstecken, die Unheil anrichten, die kein gerechtes Urteil sprechen, die sich an Schwachen vergehen. Es gibt diese Typen bis heute. Jesaja holt aber auch die aus ihren Verstecken, die den Kopf einziehen, die mit den Wölfen heulen, die immer nur mitlaufen. Der Prophet hat den Mut, so offen zu reden, weil er sich vor Menschen nicht fürchtet, auch nicht vor denen, die Macht und Recht für sich vereinnahmt haben. Der Prophet hat nicht nur Gott auf seiner Seite, er darf in seinem Namen reden. Ist ER nicht - der Heilige Israels? Der , der Abraham erlöst hat? Der, der Jakob den Namen „Israel" gab -übersetzt: Gott wird für uns streiten? Mehr Autorität gibt es nicht!

Darum spricht der HERR, der Abraham erlöst hat, zum Hause Jakob: Jakob soll nicht mehr beschämt dastehen, und sein Antlitz soll nicht mehr erblassen"

Wer sich hinstellt, bleibt nicht sitzen, legt sich auch nicht hin, spielt nicht den Toten. Er stellt sich - hin. Er richtet sich - auf. Er zeigt sein - Gesicht. Was das heißt, wenn Menschen klein sind, klein gemacht wurden, sich klein machen - mit Worten ist das kaum zu beschreiben. Aber zu sehen: Wer sich hinstellt, ist nicht mehr klein, wird auch nicht mehr üb ersehen, nimmt einen, nimmt seinen Platz ein: Hier stehe ich!

Übrigens: wer beschämt ist, schaut nach unten. Wagt nicht, aufzuschauen. Der Prophet lehrt den freien, den weiten Blick. So hat Gott den Menschen ihre Augen gegeben. Begossenen Pudel trollen sich - wir werden uns in Gottes Namen aufrichten, aufstellen. Um Menschen in den Blick zu nehmen, Floskeln und Propaganda zu entzaubern - und jene Wahrheit zu sagen, die frei macht.

Jesus hat, als er zum ersten Mal öffentlich auftrat, ausdrücklich auf Jesaja verwiesen - und ist in seine Fußstapfen getreten. Er hat Menschen aufgerichtet. Dass er jemals einen schuldig gesprochen habe, ist nirgends überliefert. Bei ihm konnten alle sehen, dass Taube hören, Blinde sehen - und Armen das Evangelium verkündigt wird. Dabei wurde immer eine neue Zeit angesagt: Kehrt um, das Reich der Himmel ist nahe.

Geheiligter Name

Es tut gut, im Windschatten des großen und wortmächtigen Jesaja nicht nur von einem neuen Anfang, einer neuen Zeit zu träumen, sondern liebevoll und behutsam Gottes Wort zu trauen:

Nicht wahr:

die abgestumpft sind, werden von einem, von seinem Wort geweckt -

die, die nichts mehr sehen wollen, schauen genau hin -

die, die klein sind, wachsen über sich hinaus -

die, die nichts mehr zu verlieren haben, machen andere reich. Am Ende breitet sich Feierstimmung aus. Menschen feiern ein Fest. Sie schauen nicht auf die Farben der Gesichter - sie verstehen fremde Sprachen und begegnen einander offen. Der Heilige Israels ist in der Mitte. Sein erstes Wort war: Es werde Licht. Und siehe, es ward Licht!

Wenn wir an die vielen Fragen denken, die offen sind, die im Bann des 11. Septembers stehen, die durch die Medien gehen, ohne verwandelt zu werden: Wir vertrauen sie Gott an. Und entdecken mutig, dass wir aufstehen werden, für Recht und Gerechtigkeit einzutreten, Schwachen unsere Stimmen zu leihen und mit verzagten Menschen ein Stück Weg gemeinsam zu gehen. In seinem Namen, in Gottes Namen. Sein Name wird geheiligt, liebevoll genannt und mutig in Anspruch genommen.

Und die, welche irren in ihrem Geist, werden Verstand annehmen, und die, welche murren, werden sich belehren lassen."

Mit diesem Satz hat Jesaja seine Rede beendet. Ein sehr versöhnlicher Schluss! Ist doch toll, dass ein Prophet seinen Mund so richtig voll nehmen kann! Entschuldigung, nehmen muss!

Und der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne, in Christus Jesus, unserem Herrn.

 

Wir haben heute an den 11. September gedacht.

Wissen Sie, was in der Nacht vom 14. zum 15. November 1940 geschah? Ein deutscher Bombenangriff zerstörte die englische Stadt Conventry, die zum Zeichen eines sinnlosen und mörderischen Vernichtungswillens wurde. Nach dem 2. Weltkrieg wurde sie Ausgangspunkt einer weltweiten Versöhnungsbewegung mit dem Symbol des aus drei Nägeln der zerstörten Kathedrale gebildeten „Nagelkreuzes".

Seit 1959 wird an vielen Orten die Versöhnungslitanei gebetet.

Wir wollen heute am 11. September in diese Worte einstimmen:

EG 879



Manfred Wussow
Aachen
E-Mail: M.Wussow@gmx.de

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