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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

12. Sonntag nach Trinitatis, 11.09.2011

Predigt zu Jesaja 29:17-24, verfasst von Sibylle Rolf

 

Liebe Gemeinde,

Im vergangenen halben Jahr sind wir Zeugen von Hoffnung geworden. In der arabischen Welt sind Millionen von Menschen, vor allem jungen Menschen auf die Straßen gegangen, weil Hoffnungen sie bewegt haben: Hoffnung auf eine gerechtere Regierung, auf bessere Chancen für alle. Hoffnung auf mehr Frieden. Hoffnung auf Bildung. Häufig verliefen die Demonstrationen gewaltfrei. Manchmal sind die Hoffnungs-Anliegen der Menschen aber auch mit Gewalt beantwortet worden, und dann ist eine Spirale der Gewalt losgegangen. In Syrien müssen wir gerade einem Bürgerkrieg zusehen, dessen Ende noch nicht abzusehen ist. Hoffnung, das ist eine mächtige Kraft. Sie vereint Menschen und treibt sie auf die Straße: in den letzten Monaten in den arabischen Ländern. Vor Jahren in Amerika mit Martin Luther King oder in Indien mit Mahatma Gandhi und an vielen anderen Orten.

Vor mehr als 2.000 Jahren hat Hoffnung einen großen Propheten bewegt. Wie aus einer anderen Welt klingen seine Hoffnungsworte in unsere Zeit. Wir hören aus dem Buch Jesaja im Kapitel 29:

[Von einer anderen Stelle der Kirche aus gelesen]

  1. Wohlan, es ist noch eine kleine Weile, so soll der Libanon fruchtbares Land werden, und was jetzt fruchtbares Land ist, soll wie ein Wald werden.

  2. Zu der Zeit werden die Tauben hören die Worte des Buches, und die Augen der Blinden werden aus Dunkel und Finsternis sehen;

  3. und die Elenden werden wieder Freude haben am HERRN, und die Ärmsten unter den Menschen werden fröhlich sein in dem Heiligen Israels.

  4. Denn es wird ein Ende haben mit den Tyrannen und mit den Spöttern aus sein, und es werden vertilgt werden alle, die darauf aus sind, Unheil anzurichten,

  5. welche die Leute schuldig sprechen vor Gericht und stellen dem nach, der sie zurechtweist im Tor, und beugen durch Lügen das Recht des Unschuldigen.

  6. Darum spricht der HERR, der Abraham erlöst hat, zum Hause Jakob: Jakob soll nicht mehr beschämt dastehen, und sein Antlitz soll nicht mehr erblassen.

  7. Denn wenn sie sehen werden die Werke meiner Hände - seine Kinder - in ihrer Mitte, werden sie meinen Namen heiligen; sie werden den Heiligen Jakobs heiligen und den Gott Israels fürchten.

  8. Und die, welche irren in ihrem Geist, werden Verstand annehmen, und die, welche murren, werden sich belehren lassen.

Als die Menschen in Israel diese Worte hören, ist ihre Gefangenschaft in Babylon, das Babylonische Exil, vorüber. Sie sind zurückgekehrt in ihr Heimatland Israel, sie haben den Tempel wieder aufgebaut. Alles könnte wunderbar sein. Zurück in den Städten, wieder vereint mit ihren Lieben nach einer Zeit der Gefangenschaft. Das Haus Gottes, der Tempel, ist wieder errichtet. Aber nichts ist wunderbar. Die Menschen, die in einer friedlichen Gesellschaft gerecht miteinander leben sollten, schaffen es nicht, dass es gerecht zugeht. Die Reichen werden reicher, die Armen werden ärmer. Die Herrschenden sind zunehmend korrupt. Und das, obwohl es ihnen so gut gehen könnte - die Bedingungen könnten fast nicht besser sein.

Der Prophet kann sich das nicht länger ansehen. Dafür hat Gott sein Volk nicht befreit, dass es wieder gerade so weitergeht als wäre nichts geschehen. Hat Gott nicht uns, dieses kleine Volk, aus der Gefangenschaft befreit? Erst aus Ägypten, und dann jetzt auch aus Babylon? Hat Gott nicht uns, diesem kleinen Volk, seinen Bund gehalten, wie er es uns versprochen hat? Hat Gott uns nicht gesagt, wie wir miteinander umgehen sollen? Für die Witwen und Waisen sorgen, die Armen speisen und vor allem ihm, Gott, dienen und auf ihn hören? Und jetzt? Die einen leben auf Kosten der anderen und lassen „den lieben Gott einen guten Mann sein", wie sie es nennen. Der Prophet erträgt es nicht. Am liebsten würde er mit der Faust auf den Tisch schlagen, oder besser noch, sein Messer nehmen und in die Häuser der Herrschenden einbrechen. Er würde ihnen nehmen, was sie sich genommen haben, und es denen zurückgeben, die es eigentlich haben sollten. Er würde die Reichen in einer langen Schlange auf die Straße führen und sie der Lächerlichkeit preisgeben. An den Pranger stellen. Bestimmt hätte irgendjemand faule Tomaten oder Eier. Ja, etwas tun, das wäre gut. Und er hört die Stimmen seiner Freunde und seiner Familie: So tu du doch was! Auf dich hören sie vielleicht! Das kann man ja nicht mit ansehen!

Der Prophet tut etwas. Aber nicht etwas gewaltsames. Er bricht nicht in die Häuser der Mächtigen ein. Er macht niemanden lächerlich. Er tut etwas und tut doch nichts. Er breitet seine Hände aus und spricht mit Gott. Er klagt Gott, was die Menschen mit ihrer Freiheit machen. Da hat Gott ihnen Freiheit gegeben, und sie benutzen diese Freiheit dazu, andere zu unterdrücken. Sie benutzen ihre Freiheit für sich selbst. All das klagt er und stellt sich in Gottes Gegenwart.

Auch Gott tut etwas. Er antwortet. Und er gibt dem Propheten Worte. Er gibt dem Propheten Worte und ein Bild. Ein Hoffnungsbild. Ein Hoffnungsbild mit bunten Farben, ein Fenster in eine andere Welt. Ein Hoffnungsbild, das von Gottes Taten spricht. Ich sehe, was ihr tut, sagt das Bild: es gibt Menschen, die sind elend und arm. Ihnen ist alle Freude und Zuversicht abhanden gekommen. Sie können sich nicht mehr freuen, weil sie nicht wissen, wie sie leben und überleben sollen. Es gibt Menschen, die werden ungerecht behandelt. Sie bekommen nicht Recht gesprochen, sondern ihnen wird das wenige, das sie noch haben, genommen. Sie bekommen nicht das, was ihnen eigentlich zusteht, und über sie werden ungerechte Urteile gefällt. Und es gibt Menschen, die sind darauf aus, Unheil anzurichten. Sie errichten eine Tyrannenherrschaft über andere. Das funktioniert nur, indem sie andere ausbeuten, und indem sie anderen Angst machen. Tyrannei basiert auf Angst und Schrecken. Einschüchterung. Sie machen sich nichts aus anderen Menschen, und sie machen sich nichts aus mir. Sie verspotten das Gute. Sie ziehen das in den Schmutz, was dem Leben dienen soll. Sie sind blind und taub für andere, und sie sind blind und taub für mich. Sie hören und sehen nur das, was ihrem eigenen Vorteil dient. Ich sehe das alles, sagt Gott mit dem Bild, das er dem Propheten gibt. Ich sehe das alles, und doch, ich gebe dir noch ein anderes Bild.

Der Prophet ist entsetzt über die Zustände in seinem Land. Und er tut etwas. Aber er tut nichts gewaltsames. Er steuert keine Flugzeuge in Gebäude und zerstört Leben von anderen. Er bricht nicht in Häuser ein und setzt mit Gewalt Gerechtigkeit oder Gleichheit durch. Er schleudert keine Steine oder Flaschen und schreibt keine Drohbriefe. Er klagt Gott, was er sieht. Gott zeigt ihm ein neues Bild. Und er, der Prophet, malt dieses neue, dieses andere, dieses Hoffnungsbild in bunten, strahlenden Farben vor seine Zuhörer. Noch eine kleine Weile, sagt sein Bild, dann wird die Wüste grün sein. Man wird Getreide und Obst anbauen können, wo jetzt nur Sand ist. Freude soll regieren bei denen, die sich nicht mehr freuen können. Und die, die taub und blind für alles, für alle und für Gott waren, sollen wieder hören und sehen - die Worte Gottes. Es wird ein Ende haben mit denen, die alles verspotten. Es wird ein Ende haben mit denen, denen nichts heilig ist. Es soll niemand mehr über den anderen herrschen, sich auf Kosten von anderen bereichern und andere ungerecht verurteilen.

Als er da steht und sein Hoffnungsbild malt, kommen immer mehr Menschen, um es anzusehen. Sie staunen über die strahlenden Farben. Sie lassen sich anrühren von den Figuren, die der Prophet zeichnet: die Elenden, die sich freuen werden. Die Tyrannen, deren Tyrannei ein Ende haben wird. Ein Bild, das zum Herzen spricht. Ein Hoffnungsbild. Als der Prophet merkt, wie die Menschen sein Bild ansehen, malt er es immer farbiger aus. Bis er eine Stimme hört. „Ein Bild", sagt einer von denen, die da stehen. „Das ist doch nur ein Bild. Wieder so ein frommer Wunsch. Aber wir wissen doch: das schert die da oben kein Stück. Und außerdem: nur eine kleine Weile? Wann soll das denn sein, von dem du da sprichst? Werde ich das noch erleben? Oder meine Kinder? Halt mal die Luft an, Prophet. Bilder nützen uns jetzt auch nichts." Andere stimmen ein. Nur ein Bild, hört man von vielen Seiten, nur ein Wunschbild, ein Traum. Ein frommer Wunsch, eine Vision. Und man merkt richtig, wie die Herrschenden sich wieder entspannt zurücklehnen. Einen Augenblick lang waren sie angespannt. Ängstlich, was wohl passiert mit diesem Bild. Aber es nimmt wohl doch niemand so richtig ernst. Da passiert wohl doch nichts. Dann kann ja alles so weitergehen wie bisher. Nur ein Bild. Alles bleibt beim Alten. Oder nehmen da die ersten schon Steine in die Hand?

Der Prophet hält inne. Ein Bild. Ein Hoffnungsbild. So sagt er. Nicht nur ein Traum. Nicht nur ein frommer Wunsch. Sondern ein Hoffnungsbild. Ich habe mir das alles nicht ausgedacht. Das, was ich euch hier sage, kommt nicht von mir, sagt er. Ich wünsche mir das nicht nur. Sondern das, was ich euch hier sage, liegt in Gottes Hand. Eine Hoffnung, das ist etwas anderes als ein Traum. Von einem Traum wissen wir, dass wir wieder aufwachen. Er zerplatzt wie eine Seifenblase. Er wird nicht wahr werden, oder nur sehr selten. Eine Hoffnung, das ist auch etwas anderes als ein Wunsch. Vor allem als ein frommer Wunsch. Ich kann mir viel wünschen. Ob sich Wünsche erfüllen, habe ich häufig nicht in meiner Hand. Vor allem: der Wunsch, den denke ich mir aus. Ich wünsche mir etwas... Das ist mein gutes Recht. Aber Wunsch und Wirklichkeit, das passt oft nicht zusammen.

Eine Hoffnung, die sieht die Wirklichkeit. Aber sie sieht mehr als die Wirklichkeit. Sie sieht, wie etwas sein soll. Und wie etwas werden kann. Und vor allem: sie rechnet nicht nur mit sich selbst. Ich kann mir meine Hoffnung nicht selbst erfüllen. Meine Hoffnung, die macht sich fest an dem, dem sie vertrauen kann. Hoffnung hat zwei Geschwister: den Glauben und die Liebe. Meine Hoffnung kann nicht sein ohne das Vertrauen, das die Hoffnung trägt. Und meine Hoffnung verträgt keinen Hass. Sie sieht die Wirklichkeit und sieht, wie die Wirklichkeit sein soll und kann. Sie sieht, was sie sieht, mit den Augen der Liebe.

Nur ein Bild?, fragt der Prophet. Ja, ein Bild, aber nicht nur ein Bild. Ein Bild der Hoffnung. Ein Bild, das Macht hat. Ein Bild, das Menschen miteinander verbindet. Hoffnung erwartet etwas. Hoffnung vertraut nicht nur auf das, was ich selbst tun kann. Hoffnung sieht über die Welt hinaus: in die Ewigkeit. Hoffnung vertraut darauf, dass Gott handelt. Und Hoffnung sieht die Welt mit den Augen der Liebe: so wie sie jetzt ist und so, wie sie sein könnte. Hoffnung braucht keine Gewalt. Sie muss keine Flugzeuge entführen und keine Kriege beginnen, auch nicht im Namen der Gerechtigkeit. Und doch muss sie sich nicht mit dem abfinden, was schmerzt. Hoffnung setzt Kraft frei. Nicht nur vor über 2.000 Jahren und nicht nur im Nahen Osten. Hoffnung setzt auch Kraft frei, wenn morgen für viele der Alltag wieder beginnt mit seinen kleinen und größeren Lasten. Mit seinen kleinen und größeren Ungerechtigkeiten. Mit seinen kleinen und größeren Nöten und Ängsten. Hoffnung setzt Kraft frei, weil sie uns Mut macht zu vertrauen. Unser Vertrauen nicht nur auf unsere eigenen Kräfte zu setzen, sondern die Welt mit den Augen der Liebe zu sehen - so wie sie ist und so, wie sie sein könnte, nicht erst in der Ewigkeit, sondern jetzt schon. Oder, wie der Apostel Paulus es am Ende seines Römerbriefes schreibt: „Der Gott der Hoffnung aber erfülle euch mit aller Freude und Frieden im Glauben, dass ihr immer reicher werdet an Hoffnung durch die Kraft des Heiligen Geistes." (Röm 15,13)

Amen.



Lehrvikarin PD Dr. Sibylle Rolf
Ladenburg
E-Mail: sibylle.rolf@wts.uni-heidelberg.de

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