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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

12. Sonntag nach Trinitatis, 11.09.2011

Predigt zu Jesaja 29:17-24, verfasst von Anke Fasse

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen.

Liebe Gemeinde,

Gott macht alles neu. Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen, und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen.

Heute ist es genau zehn Jahre her: Am 11. September 2001 entführten 19 Terroristen der Al-Kaida unter Regie von Osama Bin Laden 4 Flugzeuge. Anschlagsziele waren das World Trade Center, das Pentagon und das Weiße Haus. Dabei sollten möglichst viele Menschen sterben und die politischen und industriellen Wahrzeichen des Westens zerstört werden. Die beiden Flugzeuge, die die Zwillingstürme trafen, schwächten die Struktur so stark, dass das aus dem Einschlag resultierende Feuer wenig später zum Einsturz der Türme führte. Die Bilder davon gingen um die Welt und haben sich tief und erschütternd in unsere Erinnerungen eingebrannt. Auch das Pentagon wurde von einer Maschine getroffen, die aber durch die Wucht des Aufpralls komplett pulverisiert wurde. Der Anschlag auf das Weiße Haus konnte von einigen mutigen Passagieren vereitelt werden, die die Maschine vorher zum Absturz brachten. Osama Bin Laden gab kurze Zeit später bekannt, dass er für die Anschläge verantwortlich sei. Deshalb zog die USA, unterstützt durch die Internationale Sicherheitsunterstützungstruppe (ISAF) in den Kampf gegen die „Achse des Bösen". Viele, viele Menschen, darunter auch deutsche Soldaten, sind seitdem in diesem Kampf in Afghanistan und anderswo gestorben. Ein Ende, ja Frieden, ist nicht abzusehen. Der 11. September 2001, er veränderte die Welt. Er veränderte unser Leben.

Gott macht alles neu. Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen, und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen.

Bilder des Kampfes aus Lybien begleiten uns in den letzten Wochen in den Medien und in unseren Gedanken. Aufständische und Rebellen, unterstützt von der NATO, gegen Gadafi-Treue. Entdeckte Folterkammern, Tripolis ohne Trinkwasser und Nahrungsmittel.

Unsere Welt, ein Ort voller Unfrieden, Gewalt und Not. Einerseits. War das schon immer so? Wird sich da denn nie wirklich etwas ändern? Außer, dass der Blick von einem Krisenherd auf einen anderen gelenkt wird?

Liebe Gemeinde, wenden wir unseren Blick zurück, in die biblische Zeit des Propheten Jesaja. Jerusalem, 700 Jahre vor unserer Zeitrechnung. Das Nordreich Israels ist bereits vor einigen Jahren untergegangen. Überall in Jerusalem sind Überreste von Kämpfen zu sehen. Die Stimmung im Volk ist überaus gespannt. Der eine versucht den anderen übers Ohr zu hauen. Und vor den Toren der heiligen Stadt ist schon das Säbelrasseln der Assyrer zu hören. Nicht mehr lange wird es dauern, bis sie die Stadt belagern und gewaltvoll in sie eindringen werden. Und wer weiß, was dann noch alles geschehen wird. Jerusalem, zurzeit Jesajas - ein düsterer Ort voller Gewalt, Misstrauen und Zukunftsangst.

Jerusalem gerade in jener Zeit, der Ort einer großen Vision des Propheten Jesaja. Inmitten aller realen Bedrohung vernimmt er Gottes Botschaft für das Volk Israel und für uns heute. Gott verändert. Gott macht alles neu. Andererseits.

Ich lese den Predigttext für den heutigen Sonntag, aufgeschrieben bei Jesaja im 29. Kapitel:Wohlan, es ist noch eine kleine Weile, so soll der Libanon fruchtbares Land werden, und was jetzt fruchtbares Land ist, soll wie ein Wald werden. Zu der Zeit werden die Tauben hören die Worte des Buches, und die Augen der Blinden werden aus Dunkel und Finsternis sehen; und die Elenden werden wieder Freude haben am Herrn, und die Ärmsten unter den Menschen werden fröhlich sein in dem Heiligen Israels. Denn es wird ein Ende haben mit den Tyrannen und mit den Spöttern aus sein, und es werden vertilgt werden alle, die darauf aus sind Unheil anzurichten, welche die Leute schuldig sprechen vor Gericht und stellen dem nach, der sie zurecht weist im Tor, und beugen durch Lügen das Recht der Unschuldigen. Darum spricht der Herr, der Abraham erlöst hat, zum Hause Jakob: Jakob soll nicht mehr beschämt dastehen, und sein Antlitz soll nicht mehr erblassen. Denn wenn sie sehen werden die Werke meiner Hände - und seine Kinder - in ihrer Mitte, werden sie meinen Namen heiligen; sie werden den Heiligen Jakobs heiligen und den Gott Israels fürchten. Und die, welche irren in ihrem Geist, werden Verstand annehmen, und die, welche murren, werden sich belehren lassen.

Liebe Gemeinde, Jerusalem 700 Jahre vor unserer Zeitrechnung. Jesaja vernimmt aller grauen und beängstigenden Realität zum Trotz eine großartige Botschaft Gottes und gibt diese weiter, bis in unsere Zeit heute. Gott verwandelt. Gott macht alles neu. Der Traum und die Sehnsucht nach einer besseren Welt werden wahr werden. Gottes Reich wird kommen. Friede wird sein. Tote Gärten werden wieder fruchtbar sein. Blinde werden sehen, Taube werden hören. Richter werden gerechte Urteile sprechen... Und Urheber und Grund all dieser Verwandlung ist Gott. Gott, der schon früher Menschen befreit hat, er wird es wieder tun aller anders erscheinenden Realität zum Trotz. Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen, und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen.

Liebe Gemeinde, eine wunderbare Vision, eine wunderbare Botschaft Gottes. Eine Botschaft, die heute, zehn Jahren nach den Anschlägen in New York hier in Lima und an vielen anderen Orten der Welt erklingt. Aller anders erscheinenden Realität zum Trotz. Es wird anders werden.

Wir erfahren es immer wieder, Gottes Wort, Gottes Geist lässt Menschen an einer anderen Wirklichkeit teilhaben. Es ist eine Wirklichkeit, die alles Herkömmliche und Normale sprengt. Neue Räume, neue Möglichkeiten, neues Leben werden geschaffen und geschenkt. Für uns Christinnen und Christen ist viele, viele Jahre nach Jesaja mit Jesus Christus die eine ganz große Verheißung wahr geworden. Neues Leben und neue Wege sind geschenkt. Taube werden hörend - das Evangelium erzählt davon, Blinde werden sehend, der Tod ist nicht das Letzte. Nach dem Dunkel wird Gott uns wieder ins Licht führen.

Gottes Reich ist angebrochen mitten unter uns, das können wir durch Gottes Wort und Geist spüren. Aber es ist längst noch nicht vollendet, auch das spüren wir jeden Tag schmerzlich in unserem eigenen Leben, mit Blick auf die vielen Krisenherde unserer Welt, mit Blick vor unsere Haustür, mit Blick in die anderen Teile dieser großen Stadt. Dieses einerseits: schon jetzt ist Gottes Reich angebrochen und doch andererseits: noch längst nicht ist es vollendet, birgt eine große Spannung. Eine Spannung, die zu unserem Leben dazu gehört und oft schwer auszuhalten ist. Und doch, wenn wir unsere Blicke öffnen, gibt es ganz viel Mutmachendes - jetzt und hier:

Heute, mit diesem Gottesdienst, geht hier in Lima das Prädikantenseminar der EKD zu Ende. Fünf Tage lang haben sich Ehrenamtliche aus den verschiedensten Ländern Lateinamerikas hier getroffen, um sich über ihren Glauben auszutauschen. Um voneinander und miteinander zu lernen. Um so wieder gestärkt und zugerüstet in ihren Gemeinden, Gottes Wort zu verkünden und Gottesdienste gestalten zu können. Botinnen und Boten Gottes seid Ihr, viele Jahre nach Jesaja. Menschen, die etwas von dieser anderen Realität Gottes spüren. Menschen, die sich dadurch bewegen und antreiben lassen. Menschen, die Gottes Botschaft weitersagen wollen und so etwas verändern. Menschen, die am Kommen des Reiches Gottes mitbauen. Liebe Prädikantinnen und Prädikanten, dass Ihr heute hier seid, ist etwas Besonderes, etwas Mutmachendes. Und neben und mit Euch gibt es Viele andere. Wir alle dürfen und sollen am Kommen des Reiches Gottes mitbauen, durch unser Tun und Handeln im Großen wie im Kleinen.

Dein Reich komme - so beten wir in jedem Gottesdienst. Treten wir mit unseren Möglichkeiten dafür ein, dass Gottes Reich jeden Tag mitten in unserer Welt ein Stück mehr Wirklichkeit wird.

11. September. Vor zwei Monaten waren wir als Familie in New York, am Ground Zero. Die Bilder des 11. September 2001 waren wieder gegenwärtig, Blumen erinnern immer noch an die vielen Toten. Bauarbeiten sind im Gange. Menschen arbeiten an einer Vision an dieser Stelle ein großes Begegnungszentrum zwischen verschiedenen Kulturen und Religionen zu schaffen.

Gott macht alles neu. Durch sein Wort und seinen Geist können wir davon etwas spüren, - von Gottes verwandelnder Kraft und Macht. Lassen wir uns von Gottes Kraft anrühren und mitbauen an seinem Reich.

Gott verwandelt. Gott macht alles neu. Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen, und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen. Amen



Pfarrerin Anke Fasse
Lima/Peru
E-Mail: pastora@ev-kirche-peru.org

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