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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Predigt zum Erntedanktag, 02.10.2011

Predigt zu Jesaja 58:7-12, verfasst von Güntzel Schmidt

7 Brichst du nicht dem Hungrigen dein Brot und führst den armen Heimatlosen ins Haus?wenn du einen unbekleidet siehst, gib ihm etwas zum Anziehenund entziehe dich nicht deinem Angehörigen.

8 Dann wird dein Licht hervorbrechen wie der Morgen
und deine heilende Haut wird schnell nachwachsen
und deine Gerechtigkeit wird vor dir her gehen
und die Herrlichkeit Gottes wird deinen Zug beschließen.

9 Dann wirst du rufen und Gott wird antworten;
und wirst um Hilfe rufen und er wird sagen: Hier bin ich.
wenn du aus deiner Mitte wegschaffst: das Jochholz,
das mit dem Finger zeigen und Böses reden;

10 wenn du den Hungrigen dein Herz finden lässt und die Seele des Gebeugten sättigst,

dann wird dein Licht in der Finsternis hervorbrechen,
und dein Dunkel wird sein wie die Mittagszeit.

11 Und Gott wird dich ständig führen
und deine Seele sättigen in der Verwüstung
und deinen Körper rüstig machen.
und du wirst sein wie ein bewässerter Garten,
und wie ein Ort, wo Wasser quillt,
dessen Wasser nicht versiegen.

12 Und die uralten Trümmerstätten werden von dir aufgebaut werden,
du wirst die altehrwürdigen Fundamente aufrichten.
und man wird dich nennen:
Maurer der Lücken,
wiederhersteller der Pfade zum Wohnen.

(Eigene Übersetzung, vgl. http://www.offene-bibel.de/wiki/index.php5?title=Jesaja_58)

Ich schlage vor, der Gemeinde den Predigttext zu verteilen.

Liebe Gemeinde,

wir feiern Erntedank und haben den Altar mit Früchten aus dem Garten und von den Feldern geschmückt. Wir feiern Erntedank, obwohl die meisten von uns selbst nichts mehr ernten - die Zahl der landwirtschaftlichen Betriebe in den Dörfern ist dramatisch zurückgegangen (- die Fläche, die früher 20 Landwirte und ihre Familien ernährte, ernährt heute gerade noch zwei), und nur Wenige bauen noch eigenes Obst und Gemüse an.

Beim Thema Erntedank sind wir trotzdem alle dabei. Das rührt an tiefe Schichten unseres Menschseins. Wir stammen alle von Leuten ab, die im Schweiße ihres Angesichts der Erde ihr täglich Brot, ihre Mahlzeit abrangen; von Leuten, die Land bearbeiteten und die Landschaft gestalteten, die wir heute genießen; von Leuten, die davon träumten, dass sie oder ihre Kinder es einmal besser haben sollten; die davon träumten, das es gerechter zuginge in der Welt, friedlicher, fairer. Weil sie das in ihrem Alltag nicht erleben konnten, stellten sie sich diese andere Welt vor im Bild eines paradiesischen Gartens.

Wir teilen ihren Traum, bis heute. Wenn wir ihn vergessen haben sollten, diesen Traum: die alten Worte des Propheten Jesaja, seine wunderbaren Bilder wecken ihn auf, bringen ihn wieder ans Licht und lassen den bewässerten Garten, die Welt ohne Jochstange, ohne Fingerzeigen und böse Worte als etwas erscheinen, das mehr ist als ein Traum: Etwas, das Wirklichkeit werden könnte.

I

Könnte. Aber sie wird nicht Wirklichkeit, diese andere, gerechte, friedlichere, größere Welt. Sie bleibt ein Traum, eine Hoffnung für's Jenseits. Unter uns gibt es zu viele Hungrige, zu viele Heimatlose, zu viele Kleingemachte und Unterdrückte, als dass wir darauf hoffen könnten, es würde sich daran etwas ändern lassen.

"Brichst du nicht dem Hungrigen dein Brot
und führst den armen Heimatlosen ins Haus?
wenn du einen unbekleidet siehst, gib ihm etwas zum Anziehen
und entziehe dich nicht deinem Angehörigen."

Was Jesaja hier beschreibt, sind Selbstverständlichkeiten.

Dem, der hungrig ist, etwas abgeben. Dem Heimatlosen Obdach gewähren, und ihn bei uns eine neue Heimat finden lassen. Menschen, die nicht genug zum Anziehen haben, etwas - wie sagt man? - Anständiges zum Anziehen geben. Für die alten Eltern, für Geschwister da sein, wenn sie Hilfe brauchen.

Alles Selbstverständlichkeiten. Aber keineswegs selbstverständlich.

Schon im Kindergarten beginnt die Unterscheidung zwischen "mein" und "dein". In der Schule fällt es schwer, der Mitschülerin vom Pausenbrot, dem Mitschüler von den Süßigkeiten etwas abzugeben. Ein wichtiges Argument der Erwachsenen für ein scharfes Einwanderungsrecht ist, dass man hier in unserem Land keine "Wirtschaftsflüchtlinge" haben will, wie man so unschön sagt. Wer nicht für seinen Leib und sein Leben fürchten muss, wer es für sich oder seine Kinder einfach nur besser haben will - regelmäßig zu essen, kein Wasser über hunderte von Metern schleppen müssen, eine ordentliche Ausbildung mit der Möglichkeit, zu studieren - wer solchen Luxus haben will, wird zurückgeschickt in sein Heimatland. Wir teilen nicht.

Was die Kleidung angeht, so könnte man angesichts unserer vollen Kleiderschränke mit dem amerikanischen Philosophen Henry David Thoreau fragen: "Wer hat jemals seinen alten Mantel so abgetragen, dass es keine Wohltat mehr war, ihn einem armen Jungen zu schenken, damit der ihn vielleicht einem noch ärmeren schenkte? Oder sollen wir ihn vielleicht einen reicheren nennen, da er sich mit weniger begnügen konnte?"

(Henry David Thoreau, Walden oder Leben in den Wäldern, dt. von Emma Emmerich, Tatjana Fischer, Zürich (Diogenes) 1979, S. 35)

Und wie es um die Sorge für die Eltern steht, das kann man an den voll belegten Altersheimen studieren und an der Häufigkeit, mit der ihre Bewohner --- nicht besucht werden.

II

Schon zu Jesajas Zeit waren das Teilen, das Gewähren von Asyl und die Sorge für die Angehörigen keine Selbstverständlichkeiten. Auch vor mehr als zweieinhalbtausend Jahren war dem Menschen schon das Hemd näher als die Jacke. Die Tatsache, dass sich in dieser kaum vorstellbaren Zeitspanne die Welt zwar komplett gewandelt, der Mensch sich in seinem Wesen aber gar nicht geändert hat, scheint zu belegen, dass der Traum von der größeren Welt, in der Menschen mit einem weiteren Herzen leben, ein Traum bleiben muss.

Jesaja sieht das anders:

"Dann wird dein Licht hervorbrechen wie der Morgen
und deine heilende Haut wird schnell nachwachsen
und deine Gerechtigkeit wird vor dir her gehen
und die Herrlichkeit Gottes wird deinen Zug beschließen.

Dann wirst du rufen und Gott wird antworten;
du wirst um Hilfe rufen und er wird sagen: Hier bin ich."

Jesaja sieht einen Zusammenhang zwischen dem Tun des Guten und den positiven Folgen für das eigene Leben. Die Theologische Wissenschaft nennt das den "Tat-Ergehens-Zusammenhang", und er funktioniert, kurz gesagt, so: Wenn man anderen Menschen Gutes tut, schlägt das in positiver Weise auf das eigene Leben zurück. Das gilt auch umgekehrt: Wer Böses tut, dem droht Unheil für das eigene Leben.

Allerdings beklagen schon die Psalmen der Bibel, dass es mit dem Tat-Ergehens-Zusammenhang nicht weit her ist: Die Bösen kommen meist davon, leben ein unbeschwertes Leben in Reichtum und Fülle, während die, die sich um Gerechtigkeit bemühen, leiden müssen, verfolgt und unterdrückt werden.

Und andersherum hat jeder, der schon mal Gutes zu tun versucht hat, die Erfahrung gemacht, dass die Wundheilung davon nicht beschleunigt wird. Auch steht man dadurch nicht stärker im Licht - es sei denn, man wäre eine Mutter Theresa. Aber auch die hat viele Jahre unbeachtet Gutes getan, bis sie endlich "entdeckt" wurde und ihre Taten ans Licht der Öffentlichkeit kamen.

III

Ich bin mir aber gar nicht sicher, ob Jesaja den Zusammenhang zwischen den Taten und ihren Folgen so sieht, wie wir uns das gerade vorgestellt haben. Der Zusammenhang, den Jesaja herstellt, ist ein anderer, er zeigt sich in den folgenden Worten:

"wenn du den Hungrigen dein Herz finden lässt und die Seele des Gebeugten sättigst".

Für "Herz" und "Seele" steht im Hebräischen das selbe Wort: "näphäsch". Wir sagen ja auch: "Ein Herz und eine Seele" und meinen damit, das beide sehr eng zusammenhängen. Für das Hebräische ist "näphäsch" im Sinne von "Herz" der Ort, wo die Gefühle sitzen - das Mitgefühl z.B. Und "näphäsch" im Sinne von "Seele" ist der Sitz des Lebens. Man könnte also auch sagen:

"Wenn du den Hungrigen dich finden lässt und den Gebeugten sättigst",

ohne dass sich der Sinn groß verändern würde. Im Gegenteil: Der Satz ist jetzt viel leichter zu verstehen.

Aber so ist er auch viel leichter misszuverstehen.

Es kommt schon auf die "näphäsch" an, sie macht den ganzen Unterschied aus.

Es geht Jesaja nicht nur darum, dass der Hungrige satt wird. Sondern dass er "mein Herz findet". Das Herz, das man sich damals wie heute als Sitz der Gefühle vorstellt. Es geht Jesaja ums Mitgefühl mit dem Hungrigen, ums Mitleiden und daraus resultierend: um Barmherzigkeit. All das hat Platz in unserem Herzen. Und dazu noch der Mensch selbst, dem wir Mitgefühl, Mitleid und Barmherzigkeit entgegenbringen. Der Mensch, den wir lieben, z.B. Mit ihr oder ihm teilen wir Brot und Bett, ihr oder ihm kaufen wir nicht erst etwas zum Anziehen, wenn ihm die Kleidung vom Körper fällt, und wir sind für diesen Menschen da, auch und gerade, wenn er Hilfe braucht. Diese Selbstverständlichkeit haben wir uns bewahrt.

Wir sind also durchaus fähig, Mitgefühl, Mitleid, Barmherzigkeit zu entwickeln. Unser Herz ist nicht verhärtet, es ist zum Mitfühlen in der Lage.

IV

Wenn wir nun unser empfindsames Herz benutzen, dann passiert etwas mit uns. Nicht nur, dass wir bereit sind zum Teilen. Wir selbst verändern uns. Jesaja beschreibt diese Veränderung so:

"dann wird dein Licht in der Finsternis hervorbrechen,
nd dein Dunkel wird sein wie die Mittagszeit.

Und Gott wird dich ständig führen
und deine Seele sättigen in der Verwüstung
und deinen Körper rüstig machen."

Es geht hier nicht um die nächtliche Finsternis, die wir heutzutage beliebig aufhellen können. Es geht um die Dunkelheiten in uns, die jede und jeder von uns kennt, und die sich oft so schwer aufhellen lassen. Man kann Tabletten nehmen dagegen. - Manche müssen sie regelmäßig einnehmen, um sich nicht in dieser Dunkelheit zu verlieren. Man kann sich betäuben, um diese Dunkelheit nicht zu spüren. Aber dadurch wird man sie nicht los.

"Wenn du den Hungrigen dein Herz finden lässt ..., wird dein Licht in der Finsternis hervorbrechen". Zunächst einmal ist das kaum vorstellbar. Das Gegenteil müsste vielmehr der Fall sein: Wenn ich mich tatsächlich für den Hungrigen, den Asylanten, den Obdachlosen interessiere, dann bringt sein Schicksal zusätzliche Dunkelheit über mich. Die Geschichten dieser Menschen sind z.T. so abgrundtief traurig und verzweifelt, dass sie einem mitfühlenden Menschen das Herz schwer machen.

Aber wenn man diesen Menschen hilft, verändert man ihre Geschichte. Man bringt Licht in ihr Leben, das zeigt sich oft genug an einem Lächeln, an der Freude. Mit einem anderen Menschen zu teilen, einen anderen Menschen fair und respektvoll zu behandeln bringt Licht in dessen Leben. Dieses Licht strahlt aus auf andere - auf mich, wenn ich mich in seinem Umkreis befinde. Das Licht eines Menschen, der Gutes erfahren hat, strahlt aus auf andere - sogar auf die, die gar nichts dafür getan haben.

Die gute Tat, das Engagement für den Mitmenschen verändert auch mein Leben zum Guten: Bringt ein Licht in meine Dunkelheiten, macht Hoffnung und Mut, selbst in größter Verwüstung. Das ist der wahre Zusammenhang von Tun und Ergehen, den Jesaja meint.

V

Unsere Welt hat sich grundlegend verändert. In den 2.500 Jahren seit Jesaja so sehr, dass er sie nicht wiedererkennen würde. Wir sind heute in der Lage, unsere Umwelt, unser Leben so zu gestalten, wie wir es möchten. Es ist keine Frage der Möglichkeit mehr, sondern nur noch eine Frage des Geldes.

Was wir aber nach wie vor nicht verändern können, das sind unser Herz und unsere Seele. Trotz aller Wissenssprünge, trotz allen Fortschritts sind wir unserem Wesen nach keine anderen als die Zeitgenossen Jesajas. Wir haben unsere Dunkelheiten wie sie, und wir werden sie nicht los.

Doch da gibt es diesen Traum. Da gibt es dieses Bild, das Jesaja zeichnet, und das einen ebenfalls nicht mehr los lässt:

"Du wirst sein wie ein bewässerter Garten,
und wie ein Ort, wo Wasser quillt,
dessen Wasser nicht versiegen.

Und die uralten Trümmerstätten werden von dir aufgebaut werden,
du wirst die altehrwürdigen Fundamente aufrichten.
und man wird dich nennen:
Maurer der Lücken,
wiederhersteller der Pfade zum Wohnen."

Auf den Fundamenten des Jesaja aufbauen und darauf --- kein großes Gebäude errichten, sondern vielleicht erst einmal nur eine Hütte am See. Oder eine Kirche. Ein Haus, das anderen Obdach bietet. Asyl. Ein Zuhause. Ein Haus, in dem das Teilen geübt wird. Zunächst nur Brot und Wein. Etwas Geld für die Kollekte. Das ist schon mal ein wichtiger Anfang. Wir sehen in diesem Haus, wie sich Gesichter aufhellen. Wie die Finsternis vergeht. Und das macht Mut, auch außerhalb dieser schützenden Mauern, auch außerhalb dieses geschützten Raumes Schritte zu wagen. Lücken zuzumauern und Pfade auszubessern. Damit man da wohnen kann. Und leben.

Amen.



Pfarrer Güntzel Schmidt
Riddagshausen
E-Mail: guentzel.schmidt@lk-bs.de

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