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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Predigt zum Erntedanktag, 02.10.2011

Predigt zu Jesaja 58:7-12, verfasst von Christian-Erdmann Schott

 

7 Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus! Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn, und entzieh dich nicht deinem Fleisch und Blut!
8 Dann wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenröte, und deine Heilung wird schnell voranschreiten, und deine Gerechtigkeit wird vor dir hergehen, und die Herrlichkeit des HERRN wird deinen Zug beschließen.
9 Dann wirst du rufen und der HERR wird dir antworten. Wenn du schreist, wird er sagen: Siehe, hier bin ich.
Wenn du in deiner Mitte niemand unterjochst und nicht mit Fingern zeigst und nicht übel redest,
10 sondern den Hungrigen dein Herz finden lässt und den Elenden sättigst, dann wird dein Licht in der Finsternis aufgehen, und dein Dunkel wird sein wie der Mittag.
11 Und der HERR wird dich immerdar führen und dich sättigen in der Dürre und dein Gebein stärken. Und du wirst sein wie ein bewässerter Garten und wie eine Wasserquelle, der es nie an Wasser fehlt.
12 Und es soll durch dich wieder aufgebaut werden, was lange wüst gelegen hat, und du wirst wieder aufrichten, was vorzeiten gegründet ward; und du sollst heißen: »Der die Lücken zumauert und die Wege ausbessert, dass man da wohnen könne«.

 

Liebe Gemeinde, an den öffentlichen Erklärungen zum heutigen Erntedankfest fällt auf, dass in den meisten Fällen von Dank wenig die Rede ist. Viel, sehr viel ist vom Hunger in der Welt die Rede, von der Not in den Entwicklungsländern, von unserer Weg-Werf-Mentalität und von unserer Verpflichtung zur Hilfe. Das Erntedankfest ist unter der Hand zu einem Anklagefest geworden, an dem man uns fast nur noch mit moralischen Appellen kommt.

Ich meine, dass der Sinn dieses schönen Festes damit entstellt wird und möchte versuchen, im Gegensatz dazu heute wirklich eine Erntedankfestpredigt zu halten; denn ich denke, dass wir uns das herzliche, frohe Danken von niemandem nehmen und kaputt machen lassen sollten, auch nicht durch den Hinweis auf die Not in der Welt. Im Gegenteil, gerade diese Not ist es, die den Hintergrund, den dunklen Hintergrund, unseres Dankes bildet.

Je intensiver wir die Bilder der Not auf uns wirken lassen, desto klarer werden wir erkennen, wie viel Grund zum Danken wir haben. Das fängt bei der Nahrung an. Niemand in unserem Land braucht zu hungern. Angesichts der Situation in der Dritten und Vierten Welt ist das nicht selbstverständlich. Es ist auch nicht selbstverständlich, dass wir in einem Rechtsstaat leben. Es war nicht immer und nicht überall so in Deutschland. Viele beneiden uns darum. Es ist nicht selbstverständlich, dass wir Frieden haben, dass unser Volk von niemandem bedroht wird und wir umgekehrt niemanden bedrohen. Es ist nicht selbstverständlich, dass unser Land von den negativen Auswirkungen der weltweiten Finanz- und Wirtschaftskrise noch immer weitgehend verschont geblieben ist. Dieser Aufzählung könnte noch eine Reihe weiterer Glieder angefügt werden. Es würde immer wieder dasselbe deutlich werden: Je genauer wir hinsehen, je nüchterner und wahrhaftiger wir uns das Leben bei uns und in der Welt ansehen, desto klarer werden wir zu der Erkenntnis kommen, dass wir viele Gründe haben, unserem Schöpfer dankbar zu sein. Dies umso mehr, wenn wir hinzufügen, dass wir weder besser noch schlechter als andere Menschen sind. Wir haben das alles durchaus nicht verdient. Wir sind aus reiner Gnade - „ohn` unser Verdienst und Würdigkeit" (Luther) - so sehr bevorzugt.

Das dankbare Wahrhaben des Guten blendet die Not in der Welt nicht aus. Es sieht den Hunger, den Mangel an sauberem und ausreichendem Wasser, die Kindersterblichkeit, die Massenkrankheiten, den Analphabetismus. Es sieht auch die nicht hinnehmbare Korruption, die politische Verantwortungslosigkeit, das strukturelle Unrecht, die wirtschaftliche Unfähigkeit, die sich gar nicht so selten hinter der Not ganzer Völker und Regionen verbergen. Schuld und Schicksal greifen vielfach auch für Außenstehende erkennbar ineinander. Dieses Wissen ist belastend, - mit der Folge, dass wir es gern verdrängen und nichts damit zu tun haben wollen. Und das offensichtlich nicht erst seit heute:

Es wird berichtet, dass Jesus eine Geschichte aufgegriffen hat, in der von einem Mann erzählt wird, der „alle Tage herrlich und in Freuden lebte" (Lk. 16,19), vor dessen Tür aber ein anderer Mann lag, der nichts zu essen hatte und den die Hunde leckten, gegen die er sich in seiner Schwäche nicht wehren konnte. Von dem Reichen nun wird gesagt, dass er diesen armen Lazarus vor seiner Tür offensichtlich gar nicht wahrgenommen hat. Auf jeden Fall hat zwischen beiden keine Beziehung bestanden. Das zeigt einen allgemein menschlichen Wesenszug: Wir möchten uns durch die Nöte der anderen nicht stören lassen. Darum ignorieren wir sie, wenn und so weit es möglich ist. .

Aber das hat Folgen, nicht nur für den Armen. Es hat auch Folgen für den Reichen. Es heißt zwar, er „lebte alle Tage herrlich und in Freuden". Aber da ist eben doch ein Hauch von schlechtem Gewissen, von Selbstverteidigung. Insgeheim fühlt sich der Reiche doch schweigend angeklagt. Darum weicht er diesem Lazarus aus und sieht nicht zu ihm hin. Er bleibt auf der Hut, ja auf der Flucht vor der Wahrheit, deren Appellcharakter er nie ganz übersehen kann. So ist der Reiche an den Armen gebunden, aber in Unfreiheit, ja Angst.

Retten könnte ihn, wenn er die Kraft aufbrächte, der Not vor seiner Tür, Lazarus selbst ins Auge zu schauen. Es bliebe nicht ohne gute Folgen:

I. Sein Gewissen könnte wieder gesund werden. Es gibt ein Sehen und Beispringen, das die Not anderer von der Seite der Reichen her mit trägt, ohne dass die Unterschiede aufgehoben werden. Es wird immer Arme und Reiche geben. So lange diese Welt besteht, wird es Not geben. Damit aber auch der Reiche ohne ständig schlechtes Gewissen leben und sich seines Reichtums ehrlich freuen kann, soll er die Not wahrnehmen und von seinem Reichtum abgeben. Das heißt nicht ausschließlich materielle Güter abgeben. Es kann genauso bedeuten, sich politisch oder marktstrategisch für die Notleidenden einzusetzen, ihnen helfen Chancen zu finden, um dann aus eigener Kraft weiterzukommen. Jesaja bringt es noch auf die Formel „Brich dem Hungrigen dein Brot". Wir müssen es umfassender, über die barmherzige Unterstützung hinaus auch als Anleitung zur Selbsthilfe sehen, um dann mit dem Propheten zu erkennen: Dieser Einsatz wird gute Folgen auch für uns haben: Die Freude Gottes kommt in dein Haus, "deine Gerechtigkeit wird vor dir hergehen", „dein Licht wird in der Finsternis aufgehen", „Du wirst sein wie ein bewässerter Garten und wie eine Wasserquelle, der es nie an Wasser fehlt". Das sind Verheißungen für den Reichen. Er wird nicht ärmer. Er wird reicher. Er kann sich seines Reichtums freuen, gerade weil er brüderlich von seiner Seite aus an der Überwindung der Not der Welt mitarbeitet.

II. Dabei werden wir wohl zugeben müssen, dass durch unser Brotbrechen die Welt nicht erlöst wird. Aber sie wird heller, brüderlicher. Die letzte Beseitigung allen Hungers müssen wir von Gott am Ende der Tage erwarten. Darum beten wir auch, wenn wir sagen „Dein Reich komme". Aber das darf und kann uns nicht von der Hilfe und vom Einsatz für die Notleidenden entbinden. So verläuft unser Christenleben in einer Spannung: Wir sind nach den Worten der Bibel und nach dem Willen Gottes gehalten zuzupacken, zu verbinden, zu helfen. Aber wir wissen, die Ausrottung der Not werden wir nicht schaffen. Auf sie können wir nur hoffen. Wir werden deshalb aber auch sehr skeptisch gegen allen Heilslehren und -Propheten sein, die vorgeben, über Radikallösungen zu verfügen.

Die Lösung, die die Bibel empfiehlt, ist keine Radikallösung, sie ist praktisch: „Brich dem Hungrigen dein Brot", das schließt die Armen und die Reichen als Menschen, als Brüder zusammen. Der Arme soll eine Hoffnung und der Reiche soll Freude haben. Ohne Hoffnung endet das Leben des Armen in Bitterkeit, Verzweiflung oder gar Hass, der sich dann auch gewaltsam entladen kann. Ohne die Solidarität mit dem Armen wird das Leben des Reichen leer und belastet durch das Gefühl der Schuld oder ihre ständige Verdrängung. Im Brotbrechen, im Notteilen bleiben beide menschlich. Und so wird auch das Leben für sie beide aushaltbar. Es steht im Zeichen einer brüderlichen Gemeinsamkeit.

Im Neuen Testament hat der Apostel Paulus diesen Sachverhalt auf die Formel gebracht: „Einer trage des anderen Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen" (Gal. 6,2). Dieses Gesetz macht uns klar, wahr, barmherzig - und in alldem an der Seele gesund.

Das Erntedankfest aber sollte ein wirkliches Dankfest bleiben. Denn im Dank loben wir Gott für seine guten Gaben. Dieses Lob sollte nicht in Klagen oder Anklagen untergehen. Im Gegenteil, es sollte zugleich so praktische Folgen haben, dass auch die Armen einstimmen und sich mit uns im Dank gegen Gott zusammenschließen. Amen.



Pfarrer em. Dr. Christian-Erdmann Schott
55124 Mainz-Gonsenheim
E-Mail: ce.schott@arcor.de

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