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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Predigt zum Erntedanktag, 02.10.2011

Predigt zu Jesaja 58:7-12, verfasst von Reiner Kalmbach

 

Die Gnade Gottes unseres Vaters, die Liebe Jesu unseres Herrn und die lebensspendende Kraft des Heiligen Geistes seien mit uns allen. Amen.

Liebe Gemeinde

Erntedank: in dem kleinen Dorf in dem ich mit meiner Familie lebte war das Erntedankfest einer der Höhepunkte des ganzen Jahres. Mittlerweile sind Jahrzehnte ins Land gegangen, aber es bleiben Bilder, Erinnerungen, Gefühle. So sehe ich den Einzug des „letzten" Erntewagens, als wäre es gestern gewesen: das ganze Dorf ist vor der Kirche versammelt, um die Ankunft des Wagens, gezogen von zwei schönen Pferden und beladen mit den letzten geernteten Ähren, zu feiern. Bei schönem Wetter wurde der Gottesdienst im Freien gefeiert, der fast nahtlos in ein grosses Dorffest überging.

Damals, ja „damals", wusste jedes kleine Kind, dass die Milch von der Kuh kommt, die gemolken werden musste, die Kartoffeln vom Acker und das Getreide ebenso. Es gab ein gemeinschaftliches Backhaus in dem die Bauernfrauen jeden Montag Brot und Kuchen buken. Das ganze Dorf war erfüllt vom Duft nach frischem Brot. Und jedes Kind wusste, dass Erntedank das Symbol für ein ganzes Jahr voller Mühe und Arbeit war („...im Schweisse deines Angesichts...") und dass dazu auch so manches Gebet gehörte das, bei aufkommendem Unwetter, gen Himmel geschickt wurde. Damals, ja damals, war die Kirche noch mitten im Dorf, damals wussten die Menschen noch um die Grenzen ihrer Möglichkeiten und um das empfindliche Gleichgewicht in der Natur. Erntedank heisst doch anerkennen, dass letztendlich doch alles von IHM kommt, dem Schöpfer Himmels und der Erden.

So war es damals...Dankbarkeit als Antwort auf das was Gott uns mit der Ernte schenkt. Und wie sieht es heute aus?, von diesem „damals" ist selbst in dem Dorf meiner Kindheit nur noch sehr wenig übriggeblieben.

Und wenn ich mich in meinem jetzigen geografischen, kulturellen und sozialen Kontext umschaue, wird mir schwindelig. Heute lebe und arbeite ich in Argentinen, einem der grössten Lebensmittelproduzenten der Welt. Dort wo früher tausende von Rinder weideten sieht man heute nur ein Meer von Soja oder Mais. Das Land ist schon längst nicht mehr im Besitz der Bauern, sondern gehört internationalen Kapitalgesellschaften, in denen auch Bundesbürger ihr hart verdientes Geld anlegen. Und natürlich ist seit vielen Jahren alles was gesäht und gepflanzt wird „gentechnisch verändert". Die Produktion von Mais für „Biodiesel" wächst von Jahr zu Jahr und der Einsatz von Agrochemie schlägt alle Rekorde.

Und dennoch, in diesem Land, das drei Mal so viel „Lebensmittel" produziert als es selbst verbrauchen kann, leiden Hunderttausende an Unterernährung und täglich sterben 20 Kinder an diesem Übel.

Erntedank..., Erntedank?

Hören wir das Wort, das uns für heute gegeben ist. Es steht im Buch des Propheten Jesaia, im Kap. 58, die Verse 7 - 12

Textlesung

Erntedank..., mit schlechtem Gewissen

Bei der Vorbereitung der Predigt las ich in einem alten Kommentar aus den 70-iger Jahren. Da wird von Hungersnöten in Afrika gesprochen und vom Butter-und Fleischberg in Europa, von Gewalt und Unterdrückung in Lateinamerika und anderen Teilen der Welt. Mein erster Gedanke: es hat sich nichts geändert! Im Gegenteil, es wurde noch schlimmer!, heute sind Lebensmittel zur Spekulationsware verkommen.

Der einfachste Weg wäre die Situation zu kritisieren, das „böse System" an den Pranger stellen, so wie wir es schon immer getan haben: die Kirchen erheben den mahnenden Finger. Aber es ändert sich nichts!

Deshalb sollten wir dieses Wort so lesen, so hören und verstehen, als ob es ausschliesslich für „uns", eben die Kirchen geschrieben wurde. Also, wir sind in erster Linie angesprochen, nicht die böse Welt! In anderen Worten, wir sollten den Blick senken, weg vom Ganzen, weg von den globalen Dimensionen, hin zum konkreten, dort wo Menschen wirken, wo sie „tun", oder wo sie eben nicht tun...

Mein zweiter Gedanke war: „...das ist eigentlich eine Einladung zur Busse."

Und so ist dieses Wort auch gemeint: es ist an die aus dem babylonischen Exil Heimkehrenden gerichtet. Vor dem Wiederaufbau: erst nachdenken, begangene Fehler erkennen, Schuld anerkennen, sich neu ausrichten, (wirklich) neu beginnen, anders (diesmal)...Und tatsächlich: der Autor spricht in den vorausgehenden Versen vom „Fasten", vom Fasten als Ritus, als Tradition, als Teil der religiösen Pflichten. Er prangert dieses Fasten an, weil es zu keiner Veränderung führt, weil es die Herzen der Menschen sogar noch mehr verhärtet. Deshalb ruft er sie zu einem neuen, anderen Fasten auf, ein Fasten das mit Gerechtigkeit zu tu hat. Also nicht „kultische" Korrektheit, sondern Barmherzigeit und Liebe. Das wäre dann ein Fasten wie Gott es gefällt und wie Jesus es uns gelehrt hat. Wenn das Fasten, wenn die Busse nicht zum radikalen umdenken führt, ist es nutzlos..., es ändert sich nichts!, es kann sich nichts ändern!

Zeit der Heimkehr, Zeit der Entbehrungen, da ist sich jeder selbst der „Nächste" und da kann es leicht passieren, dass die besonders schlauen es schnell zu etwas bringen, auf Kosten anderer. Wer die Nachkriegszeit in Deutschland erlebt hat, dem ist diese Situation sicherlich nicht fremd. Noch eine Erinnerung aus unserem Dorf: in den letzten Kriegsjahren und noch danach kamen die Menschen aus der nahen und zerbomten Stadt, um Wertgegenstände gegen Lebensmittel einzutauschen. Ein alter Bauer erzählte mir einmal: „...am Schluss fehlte mir nur noch ein Perserteppich für meinen Kuhstall..." Die Not anderer zum eigenen Vorteil nutzen, auf Kosten anderer sich bereichern, das geschieht unter uns, da müssen wir nicht mit dem Finger auf die „Grossen" zeigen.

Wenn wir dieses Jesaiawort wirklich hören, mit all unseren Sinnen, dann spüren wir alle jetzt so etwas wie ein „schlechtes" Gewissen. Und das ist gut so!, das ist der erste Schritt in eine andere, richtige Richtung, nur so kann Veränderung geschehen!

Erntedank..., als das andere Fasten

Jesaja will die Menschen aufrütteln, er ringt um sie. Es soll nicht ein Fasten um des Fastens Willens sein, also nicht ins Leere gehen, sondern auf den Menschen ausgerichtet sein. Es geht um eine neue Blickrichtung, nach vorne. Im (richtigen) Fasten erkenne ich, dass der andere, also mein Nächster, Teil von mir ist. Er hat die selbe vom Schöpfer verliehene Würde, er hat die selben Bedürfnisse, den selben Hunger und Durst, leidet den selben Schmerz, die selbe Angst und lebt in der selben Dunkelheit... Jesaia spricht vom „eigenen Fleisch und Blut! Und diese Erkenntnis will ernst genommen werden. Wenn wir Christen dazu nicht in der Lage sind, wer denn dann...?!

Am Dienst am Menschen wird unsere Gottesbeziehung (wieder) heil, denn Gottesliebe und Nächstenliebe gehören zusammen.

Und jetzt etwas ganz hartes, etwas das innere Widerstände in uns weckt...: Ob es uns gefällt, oder nicht, ob wir es gerne hören, oder nicht: wir sind die Reichen!, auch wir Kirchen, wir Christen in Deutschland, in der Schweiz, oder sonstwo in Europa. Wir Christen und Christinnen sind eben reiche Christen und Christinnen, und daran ändert auch nichts die wachsende Armut und Ungleichheit in Deutschland. Verglichen mit dem was in Afrika und Lateinamerika nach wie vor für Millionen von Menschen zum Alltag gehört, leben die meisten Deutschen in einer Gesellschaft in der die Grundbedürfnisse wie Gesundheit, Schulbildung, Altersversorgung, Ernährung abgesichert sind. Diese fünf „Menschenrechte" existieren für über 30% aller Argentinier höchstens in ihren Träumen.

Ist es „Sünde" reich zu sein? Bestimmt nicht, sofern dieser Reichtum nicht auf Kosten der „anderen" aufgebaut wurde und wenn wir die Verantwortung die mit dem Wohlstand zusammenhängt im Auge behalten.

Erntedank..., ja, an diesem Tag sollten wir in erster Linie nachdenken, über uns, unseren Lebensstil, über das was wir mit unserem materiellen Reichtum tun (oder nicht tun), auch darüber was der Reichtum mit uns anstellt, wohin er uns geführt hat..."Geld regiert die Welt!", wir wissen alle, dass es tatsächlich so ist. Angesichts der internationalen Finanzkrise, verschuldet durch Spekulanten und den Grossbanken und bezahlt von Millionen von „kleinen" Leuten, vermisse ich ein klares, ein hartes, ein prophetisches Wort der Kirchen, gerade der reichen Kirchen. Nicht nur nach aussen, sondern auch in die Kirchen hinein, in die Gemeinden. Veränderung beginnt bei mir selbst, bei jedem einzelnen. Der Nächste ist immer erst mein Nächster. Ich muss mein Verhalten ihm gegenüber überdenken und, wenn nötig, ändern.

Deshalb die Einladung zu diesem „Busstag": wer nachdenkt, wer den Motor abstellt..., der wird plötzlich all das andere hören, sehen, schmecken, spüren, all die wesentlichen Dinge..., und dazu gehört zuallererst mein Nächster.

Neulich sagte ich in einer Predigt: „...wenn nur 10% aller Christen auf der Welt ihren Glauben lebendig und spontan leben würden, diese Welt hätte bestimmt ein anderes Gesicht." Lebendiger Glaube nicht aus Tradition oder Gewohnheit, sondern als Antwort auf das was ich von meinem Schöpfer erhielt: das Leben.

Erntedank..., ein neuer Anfang aus wahrer Dankbarkeit

Das wäre dann auch der angemessene Erntedank. Wer dankbar ist, gibt zu erkennen, dass er das Empfangene nicht als etwas Geschuldetes, sondern als Geschenk ansieht. Auch die diesjährige Ernte: ein Liebesbeweis des Schöpfers. Gott selbst bejaht unser Leben. Was wäre all unsere Mühe und Arbeit, unser Planen und Kalkulieren ohne die Gewissheit des segnenden Handelns Gottes? Wer nicht (mehr) mit diesem Segen rechnet, für den ist die Ernte, die Nahrungsmittel, sauberes Wasser..., ja selbst die menschliche Arbeitskraft, nichts weiter als ein Spekulationsobjekt. Und wohin das führt zeigt uns die globale Wirklichkeit in einer immer deutlicher werdenden Grausamkeit.

Demgegenüber steht das Wort des Propheten: nicht als Gesetz das wir einzuhalten haben, sondern als Konsequenz, als Frucht unseres neuen Handelns: aus echter Dankbarkeit. „Wenn du...dann wird..." Was wird dann sein? Nicht nur ich werde anders sein, sondern die Welt die mich umringt wird sich verändern. Wie die Morgenröte wird unser Licht hervorbrechen, und im Dunkel wird unser Licht erstrahlen...

Als Kirchen und als Christen können wir keine neue, perfekte Welt schaffen, dazu sind wir auch nicht aufgerufen. Aber wir werden sichtbar Zeugnis geben von jener neuen Welt die der Schöpfer einst selbst erschaffen wird. Das Wort des Propheten ist an uns gerichtet, in erster Linie an uns! Wenn Jesus seinen Jüngern aufzählt wie es in der Welt zugeht und ihnen dann sagt „...aber unter euch soll es nicht so sein...!", dann geht es ihm eben um dieses Zeugnis.

In unserer Kirche gibt es eine Tradition die in allen Gemeinden praktiziert wird: Essen „a la canasta" (Essen aus dem Korb). Jeder bringt etwas mit und denkt beim einpacken an eine andere zusätzliche Person. Wenn dann der Tisch gedeckt ist und sich alle versammeln, reicht es für alle, auch für die die nichts mitgebracht haben, für Gäste oder jene die wirklich nichts haben..., Reich Gottes im Kleinformat..., aber eben doch: „Reich Gottes".

Amen.



Pfarrer Reiner Kalmbach
Patagonien
E-Mail: reiner.kalmbach@gmail.com

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