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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Predigt zum Erntedanktag, 02.10.2011

Predigt zu Jesaja 58:7-12, verfasst von Dörte Gebhard

Ein Gebet: Gebet!

Gnade sei mit Euch und Friede von Gott, unserem Vater und unserem Herrn, Jesus Christus. Amen.

Liebe Gemeinde,

der für heute vorgeschlagene Predigttext ist ein ‚altmodisches‘ Gebet und lässt sich mit einem sehr ‚altmodischen‘ Wort zusammenfassen: „Gebet!"

Höret (!) aus dem 58. Kapitel des Jesajabuches:

Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus! Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn, und entzieh dich nicht deinem Fleisch und Blut!

Dann wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenröte, und deine Heilung wird schnell voranschreiten, und deine Gerechtigkeit wird vor dir hergehen, und die Herrlichkeit des Herrn wird deinen Zug beschließen.

Dann wirst du rufen, und der Herr wird dir antworten. Wenn du schreist, wird er sagen: Siehe, hier bin ich.

Wenn du in deiner Mitte niemand unterjochst und nicht mit Fingern zeigst und nicht übel redest,

sondern den Hungrigen dein Herz finden lässt und den Elenden sättigst, dann wird dein Licht in der Finsternis aufgehen, und dein Dunkel wird sein wie der Mittag.

Und der Herr wird dich immerdar führen und dich sättigen in der Dürre und dein Gebein stärken. Und du wirst sein wie ein bewässerter Garten und wie eine Wasserquelle, der es nie an Wasser fehlt.

Und es soll durch dich wieder aufgebaut werden, was lange wüst gelegen hat, und du wirst wieder aufrichten, was vorzeiten gegründet ward; und du sollst heißen: „Der die Lücken zumauert und die Wege ausbessert, dass man da wohnen könne." Jes 58, 7-12

Liebe Gemeinde,

ist das denn ein Gebet?

Wir beten doch anders! Dank und Bitten bringen wir vor Gott, Lob und Klagen, stotternd im Stillen oder als Vater unser mit allen.

Hier aber hören wir nichts als Aufforderungen! - Allerdings unheimlich verheißungsvolle Imperative.

Sollte es doch ein Gebet sein?

Der Prophet betet offenbar anders. Er redet nicht selbst, er hört im Gebet auf Gott.

Das ist es, was er hört: vielversprechende Aufrufe.

Obwohl wir anders beten, kann man dieses lange, - von Gott kommend - gehörte Gebet leicht behalten, denn man kann es kurz zusammenfassen: Gebet!

Freilich, das ist grammatikalisch veraltet. Wir sagen bloß noch: Gebt!

Sind diese herzlichen Ermahnungen auch veraltet? Oh nein, sondern aktuell. Alles spricht - leider?! - auch dafür, dass sie aktuell bleiben.

Sie treffen Kopf, Herz und Hände. So hat die Predigt drei Teile und beginnt am Kopf, geht danach zu Herzen und schließt mit Fingerübungen für zwei leere, offene Hände.

1. Hauptsächliches

Der Kopf hat es wohl zuerst am schwersten mit diesem Text. Sobald das Nachdenken beginnt, ist das Nachrechnen schon lange im Gange. Sieben Milliarden Menschen sollen auf Erden ernährt werden - wirklich unermessliche Zahlen!

Wer sich besinnt, ermisst sofort, wie reich er hierzulande ist im großen, globalen Vergleich.

Wer aufmerksam die Weltläufte verfolgt, erkennt gleich, wie schwierig es mit dem Geben und Nehmen ist. Das Simple funktioniert nicht. Es hilft nicht, wenn wir den Teller leeressen, weil am Horn von Afrika, in dieser Ödnis, Kinder zwischen Leben und Tod hungern. Doch macht es einen kleinen, aber wesentlichen Unterschied, welchen Kaffee wir trinken und welche Schokolade wir uns im Munde zergehen lassen.

In der vorletzten ZEIT, der Hamburger Wochenzeitung, war zu lesen, dass 95 kg Lebensmittel pro Kopf und Jahr in Europa weggeworfen werden.1 Vom Essensabfall der USA und Europa, so heißt es, könnte man die Hungernden der Welt siebenmal ernähren. Vielleicht bezweifelt mancher diese Zahlen, aber wenn jeweils die Hälfte stimmt, ist es schon viel ...

Um Gottes willen aber sollen wir unseren Kopf gebrauchen. Als Geschöpfe Gottes sind wir offenbar gewollt vernunftbegabt. Wir sind nicht verständig genug, um Gott zu denken, aber Gedanken um die Welt und ihre komplexen Kreisläufe und ihre Teufelskreise sind uns nicht nur möglich, sondern sogar geboten. Können wir das: Exakt so viele Bananen einkaufen wie wir auch wirklich essen?! Oder allgemeiner gefragt: Wissen wir, wie viel wir wirklich brauchen? Oder ehrlicher: Ahnen wir, wie wenig wir überhaupt nur nötig haben?

Haben Sie es bemerkt? Gleich haben wir uns vom gehörten Gebet entfernt. Gleich waren wir bei den Hungernden der ganzen Welt, bei allen, bei Zahlen, die beängstigend und zu groß sind.

Das Gebet „Gebet!" kennt eine kleinere Zahl: es geht zunächst um einen, nicht sogleich um alle. Als wüsste Gott, was er uns Menschen zumuten kann:

Brich dem Hungrigen dein Brot

Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn -

Es ist ein Imperativ, eine Aufforderung, die nichts an Deutlichkeit zu wünschen übrig lässt.

Aber Jesajas Gebet ‚macht‘ trotzdem das Übliche ‚verrückt‘.

Einem soll geholfen werden, wenn einer Hunger hat, wenn einer keine Kleider hat ...

So bleibt es auch im Neuen Testament: Was ihr einem meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan ... (Mt 25).

Essensausgabe und Kleiderkammer - das waren königliche Aufgaben zu Jesajas Zeiten. Sollen also nur Könige helfen? Oder nicht mindestens auch noch die, die sich selbst für Könige halten?! Das sei ferne!

Das Jesajabuch wird seit mehr als zwei Jahrtausenden auch von Nichtkönigen gelesen, also gilt das gehörte Gebet gewiß allen, die helfen könnten. Stellen Sie sich nun die Menschenmassen vor, die im Laufe der Zeit schon gehört und gelesen haben: Brich dem Hungrigen dein Brot ... Also:

Gebet alle, die ihr könnt!

Gebet miteinander!

Schau, wie andere vor dir gegeben haben und auch heute geben. Gottlob sind es auch unermesslich viele, die fröhlich geben ...

Nicht einer hilft allen, sondern alle, die es vermögen, helfen je einem: So wird die Welt nicht vollkommen gut, sondern sie würde besser als jetzt.

2. Herzliches

Liebe Gemeinde,

jetzt lassen wir uns den Text zu Herzen gehen.

Wenn die alten Propheten vom Herzen reden, meinen sie den Ort in unserer Seele, wo wir Pläne schmieden, wo wir dieses wollen und anderes lassen oder hassen. Im Herzen, glaubten sie, hockt der Wille des Menschen, seine Sturheit, sein Einfühlungsvermögen.

Daher muss der Hungrige auch unbedingt zum Herzen finden - und braucht ein Herz, das sich finden lässt. Am Kopf und seinen Berechnungen wird jeder Hungrige scheitern.

Schon vor mehr als 2000 Jahren wusste man, dass ein weises, ein weites Herz rank und schlank sein muss. Das verstockte Herz im Alten Testament wurde nie anders vorgestellt als ein fettes Herz, das nur dumpf und träge schlägt und zu dem nichts mehr durchdringt, schon gar nicht Hungergeschrei.

Die verordnete Diät gegen diese spezielle Herzkrankheit hat grandiose Heilungsaussichten:

Dann wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenröte, und deine Heilung wird schnell voranschreiten,

Dann wirst du rufen, und der Herr wird dir antworten. Wenn du schreist, wird er sagen: Siehe, hier bin ich.

Unser Herz, das ist wahr, ist zu fett, wenn wir nicht geben, nicht teilen - Gott gibt des Guten so viel, das kann kein Mensch für sich allein behalten.

Wenn ich nichts gebe, niemals, keinem, dann werde ich nie erfahren, dass die Hälfte fast immer noch völlig ausreichend ist.

Wenn ich nichts gebe, niemals, keinem, dann werde ich nicht realisieren, wie wenig mein ist von dem, was ich habe.

Wenn ich nichts gebe, niemals, keinem, dann ahne ich auch nicht, wie viel ich brauche, was ich selbst nicht schaffen kann und was sich doch bei mir finden lassen sollte:

Licht zum Leben in dunkler Zeit,

Wasser zum Leben in dürrer Zeit ...

Mit den Worten aus dem Munde des Propheten:

dann wird dein Licht in der Finsternis aufgehen, und dein Dunkel wird sein wie der Mittag.

Und der Herr wird dich immerdar führen und dich sättigen in der Dürre und dein Gebein stärken. Und du wirst sein wie ein bewässerter Garten und wie eine Wasserquelle, der es nie an Wasser fehlt.

Der Wasserkreislauf wird zum Bild für das notwendig beständige Geben und Nehmen. Alles, was Menschen besitzen, muss ständig in Bewegung sein, sonst fängt es an zu stinken wie faules, weil stehendes Wasser.

„Der vollkommene Besitz erweist sich erst durch das Geschenk. Nur was du hingibst, wird sich entwickeln. Was du dir zu sichern versuchst, verkümmert."

Unser Herz ahnt wohlmöglich solche paradoxen Wahrheiten, aber es braucht Schriftsteller wie Andre Gide, die es auch ausdrücken können.

Ein weises Herz begreift so merkwürdige Dinge: Dass man etwas erst hat, wenn man es gibt.

3. Handgreifliches

Liebe Gemeinde,

kommen wir zu guter Letzt zu den Fingerübungen.

Wenn du in deiner Mitte niemand unterjochst und nicht mit Fingern zeigst und nicht übel redest,...

Wenn du nicht mit Fingern auf andere zeigst und dabei deine Hand verkrampfst, weil du übel redest ...

Wenn du nicht mit Fingern zeigst, kannst du deine Hände einmal in den Schoß legen und genau anschauen: was haben sie schon alles geschafft und geschrieben,

was haben sie alles schon durchgehen lassen: Spielzeug früher und dann Geld, so oft ...

Wenn du nicht mit dem Finger zeigst, kannst du auch jemanden anderes bei der Hand nehmen, denn siehe - er hat leere Hände wie du!

Wenn du nicht mit Fingern zeigst, kannst du sehen, dass deine Hände leer sind,

wie - einst - am Tag deiner Geburt,

wie - einst - am Tag deines Todes,

Wenn Du nicht mit Fingern zeigst, kannst du manches mit deinen leeren Händen tun:

Brot brechen - zum Beispiel. Das heißt übrigens nicht, dass man einmal bei sich schaut, was man erübrigen könnte, sondern dass man grundsätzlich nicht allein essen soll, sondern immer zuvor jemanden zum Teilen suchen kann.

Gemeinsames Essen ist der Inbegriff guter Gemeinschaft. Zu biblischen Zeiten gab es manchmal nichts zu beißen, so dass man sich das Reich Gottes zuerst und am leichtesten als großes, gemeinsames Essen ausmalen konnte: Immer wieder im Neuen Testament wird die kommende Gottesherrschaft mit einem gewaltigen, königlichen Essen für alle verglichen. Denn was könnte großartiger sein, als wenn alle miteinander essen und alle bekommen genug?!

Das ist keine naive Vorstellung sondern die größte Hoffnung für den größeren Teil der Welt: Es kann für die meisten Menschen keine andere, keine wichtigere Hoffnung geben.

Wenn ihr alle mit offenen, leeren Händen da seid, nehmt diese Hoffnungen in die Hände:

Und es soll durch dich wieder aufgebaut werden, was lange wüst gelegen hat, und du wirst wieder aufrichten, was vorzeiten gegründet ward;

Wir sind gemeint. Gott wirkt nicht ein menschenloses Wunder, das Menschen nicht beteiligt und dumm daneben stehen lässt. Gott wirkt nicht in einer menschenleeren Welt.

Und du sollst heißen: „Der die Lücken zumauert und die Wege ausbessert, dass man da wohnen könne."

Wir sind keine Helden.

Wir retten nicht die Welt, wie wahr.

Wir sollen die kleinen Reparierer sein und haben damit doch schon groß zu tun. Wir werden nicht die Macher, nicht Alleskönner, aber wir waren auch nie die total Ohnmächtigen, die höchstens wissen, dass sie nichts wissen.

Unsere Freiheit ist das unendlich weite Feld zwischen ‚allem‘ und ‚nichts‘: Dort sollen wir bewohnbare Orte schaffen. Das wünschen wir von Herzen, darüber wird uns der Kopf nicht zerbrechen, das könnten wir versuchen, solange wir mit zwei leeren Händen dastehen. Wir sind noch lange nicht fertig, die Lücken auszubessern, die Wege zwischen den Menschen begehbar zu machen.

Aus uns soll um Gottes Willen noch etwas werden! Das Lückenausbessern ist fast immer unspektakulär, es wird immer noch Krisen und Katastrophen geben, aber: Dann wirst du rufen, und der Herr wird dir antworten. Wenn du schreist, wird er sagen: Siehe, hier bin ich.

Dann wirst du dein Gebet vor Gott bringen und von Gott hören: Gebet!

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, stärke und bewahre Eure Köpfe und Herzen und Hände in Jesus Christus, Amen.

 



Pfarrerin und PD Dörte Gebhard
CH-5742 Kölliken
E-Mail: doerte.gebhard@web.de

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