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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

16. Sonntag nach Trinitatis, 09.10.2011

Predigt zu Die Klagelieder Jeremias 3:22-26,31, verfasst von Martin Dutzmann

 

Liebe Schwestern und Brüder,

wie wohltuend sind die Worte, die wir da gerade gehört haben. Balsam sind sie für aufgeschreckte Seelen, Labsal für Menschen, die sich am Ende glauben. „Die Güte des Herrn ist's, dass wir nicht gar aus sind, seine Barmherzigkeit hat noch kein Ende." So fängt er an, der Lobpreis Gottes, um schließlich mit einem großen Versprechen zu enden: „Denn der Herr verstößt nicht ewig; sondern er betrübt wohl und erbarmt sich wieder nach seiner großen Güte." Wer wollte da nicht ruhig werden? Wer wollte da nicht neuen Mut fassen?

Doch während ich in den biblischen Trostworten schwelge und mich anschicke diese Worte den Mühseligen und Beladenen unserer Zeit weiterzusagen und zuzusprechen, kommt mir ein Gespräch in den Sinn, das ich vor einigen Jahren führte. Das junge Paar hatte sein fünfzehn Monate altes Kind verloren; es war nach langer Krankheit, nach Bangen und Hoffen, gestorben. Nun saßen wir in der kleinen Küche beim Trauergespräch, die Mutter weinend, der Vater noch wie erstarrt. Da sagte die junge Frau Sätze, die ich nie vergessen habe: „Wissen Sie, dass wir unseren Sohn verloren haben, ist schlimm, und wir werden sicher lange brauchen, um mit diesem Verlust leben zu können. Fast noch schmerzhafter aber ist es, wenn wohlmeinende Freunde und Nachbarn uns zu trösten versuchen. Heute Morgen sagte mir eine Bekannte: ‚Sieh mal, ihr beide seid doch noch jung. Ich könnt doch bald wieder ein Kind bekommen.' Das hat uns sehr weh getan. Als ob ein Kind einfach so ersetzbar wäre! Als ob wir nach dieser Katastrophe schon morgen wieder zur Tagesordnung übergehen könnten!"

Während ich an jene Begebenheit zurückdenke, werde ich neugierig. Ich muss das biblische Lied vom Trost Gottes für die Leidenden genauer betrachten. Ich muss wissen, ob das ein billiger Trost ist, wie er der verwaisten Mutter gespendet wurde. Dazu muss ich den Zusammenhang lesen, in dem die Trostworte stehen. Und tatsächlich: Schon die Überschrift, die in der Lutherübersetzung über dem dritten Kapitel der Klagelieder Jeremias steht, lässt aufmerken: „Klage und Trost eines Leidenden." Die Klage hören wir uns jetzt an, sonst werden wir vermutlich das Trostwort nicht richtig verstehen...

Ich bin der Mann, der Elend sehen muss durch die Rute des Grimmes Gottes. Er hat mich geführt und gehen lassen in die Finsternis und nicht ins Licht. Er hat seine Hand gewendet gegen mich und erhebt sie gegen mich Tag für Tag. Er hat mir Fleisch und Haut alt gemacht und mein Gebein zerschlagen. Er hat mich ringsum eingeschlossen und mich mit Bitternis und Mühsal umgeben. Er hat mich in Finsternis versetzt wie die, die längst tot sind. Er hat mich ummauert, dass ich nicht heraus kann, und mich in harte Fesseln gelegt. Und wenn ich auch schreie und rufe, so stopft er sich die Ohren zu vor meinem Gebet. Er hat meinen Weg vermauert mit Quadern und meinen Pfad zum Irrweg gemacht. Er hat auf mich gelauert wie ein Bär, wie ein Löwe im Verborgenen. Er lässt mich den Weg verfehlen, er hat mich zerfleischt und zunichte gemacht. Er hat seinen Bogen gespannt und mich dem Pfeil zum Ziel gegeben. Er hat mir seine Pfeile in die Nieren geschossen. Ich bin ein Hohn für mein ganzes Volk und täglich ihr Spottlied. Er hat mich mit Bitterkeit gesättigt und mit Wermut getränkt. Er hat mich auf Kiesel beißen lassen, er drückte mich nieder in die Asche. Meine Seele ist aus dem Frieden vertrieben; ich habe das Gute vergessen. Ich sprach: Mein Ruhm und meine Hoffnung auf den Herrn sind dahin. Gedenke doch, wie ich so elend und verlassen, mit Wermut und Bitterkeit getränkt bin!"

Erschütternde Klageschreie sind das. Sie tun beinahe körperlich weh, und ich kann verstehen, dass Menschen das nicht hören wollen. Dass sie die Klage des Leidenden mit schnellem Trost zu ersticken suchen. Aber schneller Trost tröstet nicht. Zu trösten vermag allein jener Trost, der sich zuvor die Klage angehört und die Verzweiflung mit ausgehalten hat. Das hat jene junge Mutter mir damals unmissverständlich gesagt. Das sagt genauso unmissverständlich der Leidende, der in den Klageliedern Jeremias zu Wort kommt. Denken Sie daran, liebe Schwestern und Brüder, wenn Sie mit verzweifelten Menschen im Gespräch sind: mit der jungen Frau, die schwer erkrankt ist und vielleicht sterben muss, obwohl ihr Mann, vor allem aber ihre kleinen Kinder, sie noch so dringend brauchen. Mit dem Elternpaar, dessen vierzehnjähriger Junge mit dem Fahrrad tödlich verunglückte. Dabei hatte er sein ganzes Leben noch vor sich. Mit der noch nicht fünfzigjährigen Frau, die kurz nach der Silberhochzeit von ihrem Mann verlassen wurde, weil der eine Jüngere attraktiver fand. Versuchen Sie, die Ratlosigkeit und Verzweiflung mit auszuhalten - so wie die Freunde des leidenden Hiob es taten. Von ihnen heißt es: „Sie saßen mit Hiob auf der Erde sieben Tage und sieben Nächte und redeten nichts mit ihm; denn sie sahen, dass der Schmerz sehr groß war." Und wenn Ihr Gegenüber wie Sie ein Christenmensch ist, dann sagen Sie ihm, dass auch Gott der Klage Raum gibt. Wären uns sonst Klagepsalmen überliefert wie der bekannte Psalm 22, der mit den Worten beginnt: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?" Oder wäre uns erzählt worden, wie Jesus am Abend vor seiner Kreuzigung verzweifelt zu seinen Jüngern sagt: „Meine Seele ist betrübt bis an den Tod; bleibt hier und wacht mit mir." Und wie er dann Gott anfleht: „Mein Vater, ist's möglich, so gehe dieser Kelch an mir vorüber." In unserem Gesangbuch gibt es leider nicht viele Klagelieder, aber eines ist besonders eindrücklich und kann helfen, dem Schmerz und der Verzweiflung Worte zu geben: „Ich steh vor dir mit leeren Händen, Herr; fremd wie dein Name sind mir deine Wege. Seit Menschen leben, rufen sie nach Gott; mein Los ist Tod, hast du nicht andern Segen? Bist du der Gott, der Zukunft mir verheißt? Ich möchte glauben, komm du mir entgegen." (EG 382)

Nun habe ich lange vom Klagen gesprochen, aber ich bin davon überzeugt, dass das notwendig war. Trostworte, die die Klage überspringen, sind kein Trost, sondern Beschwichtigung. Wer sich nicht dem Kummer und der Verzweiflung eines Menschen ausgesetzt hat, wird ihn nicht wirklich trösten können. Wirksamer Trost gedeiht, wo zuvor miteinander geseufzt, geweint, geklagt wurde. Dann aber gedeiht er auch, der Trost. Davon ist der Leidende, der in den Klageliedern Jeremias zu Wort kommt, fest überzeugt. Seine Klage - wir haben es gerade gehört - endete als Gebet mit den Worten: „Gedenke doch, wie ich so elend und verlassen, mit Wermut und Bitterkeit getränkt bin!" Und so geht das Gebet nun weiter: „Du wirst ja daran gedenken, denn meine Seele sagt mir's. Dies nehme ich zu Herzen, darum hoffe ich noch: Die Güte des Herrn ist's, dass wir nicht gar aus sind, seine Barmherzigkeit hat noch kein Ende, sondern sie ist alle Morgen neu, und deine Treue ist groß. Der Herr ist mein Teil, spricht meine Seele; darum will ich auf ihn hoffen." Hier nennt der Leidende den Grund seiner Hoffnung: „Der Herr ist mein Teil, spricht meine Seele; darum will ich auf ihn hoffen." Was bedeutet das?

Als das Gelobte Land unter den Stämmen Israels verteilt wurde, bekam jeder Stamm seinen Anteil daran - bis auf die priesterliche Gruppe. Sie erhielt kein Land, sondern ihr wurde Anteil an Gott selbst gegeben. Gott war ihr Teil. Davon ist nun auch der leidende Beter in den Klageliedern überzeugt: dass Gott sein Teil ist. Dass er Anteil an dem lebendigen Gott hat. Dass er deshalb nicht gestorben, „nicht gar aus", ist. Dass er deshalb auch für die Zukunft auf Gottes Erbarmen hoffen kann: „Der Herr ist mein Teil, spricht meine Seele; darum will ich auf ihn hoffen."

Wenn wir mit einem verzweifelten und entwurzelten Menschen im Gespräch sind, werden wir irgendwann spüren, dass unser Gegenüber nach einem Angelpunkt sucht, an dem es sich wieder fest machen kann. Nach einem Angelpunkt, der besser hält als ein vorschnell verlegen dahin gemurmeltes „Das-wird-schon-wieder." Nach einem Grund, auf dem erste Schritte in ein verändertes Leben gewagt werden können. Wir Christen werden dann nicht sprachlos bleiben, wissen wir doch, dass Gott unser Teil ist. Dass Gott sich uns im Glück wie in der Trauer, im Leben wie im Sterben ganz fest verbunden hat. Dass nichts uns von der Liebe Gottes scheiden kann, wie es der Apostel Paulus an die Römer schreibt. An Jesus Christus können wir das sehen: Als der in Gethsemane weinte und klagte, verstopfte Gott seine Ohren nicht. Als der Sterbende schrie „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?" war Gott ganz und gar nicht fern von ihm. Das kam am Ostermorgen bei Sonnenaufgang ans Licht: Der Tod ist besiegt, das Leben triumphiert. Die Klage ist verstummt, und es erklingt ein neues Lied.

Auch jetzt werden wir den Menschen, der Schlimmes erlebt hat, nicht mit unserer Hoffnung überfahren. Wir werden daran denken, wie tief der Schmerz war und vielleicht noch ist und behutsame Worte finden. In der Bibel zum Beispiel in den Klageliedern Jeremias: „Denn der Herr verstößt nicht ewig; sondern er betrübt wohl und erbarmt sich wieder nach seiner großen Güte." Oder wir erzählen die Geschichte von den Emmausjüngern, die nach der Kreuzigung Jesu traurig und enttäuscht Jerusalem verlassen haben. Unterwegs begegnet ihnen der auferstandene Herr und öffnet ihnen behutsam die Augen für die Zukunft. Oder wir halten uns an Lieder aus unserem Gesangbuch, zum Beispiel dieses: „Befiehl du deine Wege und was dein Herze kränkt der allertreusten Pflege des, der den Himmel lenkt. Der Wolken, Luft und Winden gibt Wege, Lauf und Bahn, der wird auch Wege finden, da dein Fußgehen kann."

Liebe Gemeinde, im dritten Kapitel der Klagelieder Jeremias haben wir eine Schule der Seelsorge vor uns. Der Leidende, der dort zu Wort kommt, lehrt uns, dass das Leid zur Sprache kommen muss. Dass der Mensch, dem der Boden unter den Füßen weggezogen wurde, Zeit und Raum braucht, um zu klagen und seine Verzweiflung herauszuschreien. Wir lernen aber auch, woran der, dem alles entglitten ist, sich festmachen kann: an Gott. Gott ist unser Teil. Auf ihn können wir hoffen - im Leben und im Sterben. Übrigens: Die Schule der Seelsorge ist nicht nur für Pastorinnen und Pastoren sondern für uns alle geöffnet - auf dass wir einander in der Not beistehen und in der Trauer trösten.



Landessuperintendent Dr. Martin Dutzmann
Detmold
E-Mail: dutzmann@web.de

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