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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

16. Sonntag nach Trinitatis, 09.10.2011

Predigt zu Die Klagelieder Jeremias 3:22-26, 31-32, verfasst von Peter Huschke

 

Gnade sei mit Euch und Friede von Gott, unserm Vater, und unserm Herrn, Jesus Christus!

Siehe ich bin bei Euch alle Tage bis an der Welt Ende"

Diese Worte Jesu stehen am Anfang unseres Lebens und Glaubens als Christinnen und Christen bei unserer Taufe. Der Taufstein hier vorne erinnert uns daran.

Gott begleitet uns, wenn es uns prima geht und wir uns sauwohl fühlen, nicht anders als wenn wir durch hängen und nicht mehr weiter wissen. Und Gott begleitet uns an allen so ganz durchschnittlichen und normalen Tagen, an denen wir vielleicht nicht einen einzigen Gedanken an ihn verwenden.

Um diese gütige und treue Begleitung Gottes geht es in unserem heutigen Predigttext, den Versen 22 bis 26 und 31 bis 32 aus dem dritten Kapitel der Klagelieder:

(Textverlesung)

Liebe Gemeinde, als erster Ausdruck der Begleitung Gottes für uns werden wir im Blick auf alle unsere Tage aus unserem Selbstmitleid und unserer Klage über die böse Welt herausgeholt. Wir werden mit der Nase auf das Leben gestoßen, das wir dank Gottes Begleitung gestalten können: V. 22f.

Uns gibt es noch; wir können noch was unternehmen. Wir brauchen die Augen nicht verschließen vor der Wirklichkeit, wie sie uns im Internet, in der Zeitung und im Fernsehen begegnet. Wir brauchen uns nicht aus dem Leben zurückzuziehen, auch wenn der Verlust eines lieben Menschen uns den Boden unter den Füßen für einige Zeit wegzieht. Wir dürfen als Eltern und Kinder noch etwas voneinander erwarten, auch wenn gerade Funkstille herrscht. V. 31f.

Liebe Gemeinde, begleitet von diesen Worten Gottes können wir uns alle Tage erst einmal fröhlich und zuversichtlich auf den Weg machen. Wir werden wachgerüttelt, Gott etwas in unserem Leben zuzutrauen. Manchmal dann auch durchaus trotzig können wir uns unserer Wirklichkeit stellen. Im Vertrauen auf Gottes Begleitung können wir die Dinge anpacken.

Wir können Gott frohgemut mehr zutrauen als unseren schlechten Erfahrungen. Gottvertrauen wird mehr bewirken als unser trübsinniges Selbstmitleid, das immer wieder in dem dümmlichen und lebensfeindlichen Satz endet: „Da kann man ja doch nichts machen."

Dagegen wird in unserem Predigttext trotzig bekannt: V. 24.

Wenn dem wirklich so ist, wenn ich wirklich auf Gott hoffe, dann halte ich es aus, die Dinge nüchtern zu sehen, dann muss ich nicht wegschauen von den Problemen in der Welt, in Erlangen und bei mir zu Hause. Ich kann mich mutig und zuversichtlich trauen, genau hinzuschauen. In der Hoffnung auf Gottes Begleitung kann ich mich der Welt um mich herum stellen, so wie sie ist. V. 24.

Wenn dem wirklich so ist, wenn ich wirklich auf Gott hoffe, dann kann ich den geliebten verstorbenen Menschen Gott anvertrauen. Ich traue Gott zu, dass er jetzt für diesen lieben Menschen sorgt, auch wenn er mir fürchterlich fehlt. Langsam und vorsichtig kann ich mich alle Tage wieder selber auf den Weg machen. Ich kann mir selber etwas zutrauen. Ich kann es auch ohne diesen lieben Menschen schaffen. Gott sorgt für den von mir geliebten Menschen und für mich, die oder der ich mein Leben weiter gestalten muss. V. 24

Wenn dem wirklich so ist, wenn ich wirklich auf Gott hoffe, dann gebe ich meine Kinder, meine Eltern, Menschen, die mir wichtig sind, nicht verloren. Ich gebe nicht einmal Menschen verloren, die mich nerven und aufregen. Mein Urteil „Die sind unmöglich, da ist jede Liebesmüh umsonst" muss ich dann wieder zurücknehmen. Denen gilt Gottes Güte und Gottes Barmherzigkeit doch genauso wie mir. Wenn aber Gott mit mir barmherzig ist, wie kann ich dann so unbarmherzig mit meinen Eltern, mit meinen Kindern, mit anderen Menschen umgehen. Wenn aber Gott mit mir gütig ist, wie kann ich dann als Vater, als Mutter, als Tochter, als Sohn oder auch als Mitbürgerin und Mitmensch so hart und unnachgiebig sein?

Liebe Gemeinde, sie merken, wie Gottes Begleitung mich keinen Tag meines Lebens in den Grauzonen, nicht einmal in den Trümmern meines Lebens untergehen oder allein lässt: V. 25.

Aus diesem frohen und zuversichtlichen Gottvertrauen heraus nehme ich mein Leben wieder in die Hand. Gottes Barmherzigkeit begleitet mich auf dem Weg. Ich versuche wieder dahin zu kommen, sagen zu können: V. 26.

Hier wird mir wieder eine Perspektive zum Leben, zum Handeln und zum Glauben angeboten. Wir können trotz nicht zu leugnender Rückschläge auch wieder angreifen in unserem Leben. Geduld und Gottvertrauen helfen uns dabei.

Trotz der vielen schlimmen Nachrichten, die uns immer wieder beschäftigen, kann ich bei den Gesprächen mit meinen Bekannten und Nachbarn darauf achten, dass auch das Schöne erzählt wird. Wir können einander aufmuntern, indem wir auch über das reden, was uns gelungen ist, wo wir uns gefreut haben. V. 26

Und manchmal gelingt es Ihnen und mir eigentlich doch sogar sehr gut, gegen den Trend der schlechten Nachrichten unser Leben zu gestalten: So erlebe ich das Zusammenleben mit ausländischen Mitmenschen in dieser Stadt als Bereicherung. Für mich waren etwa die Einladungen zu den hiesigen muslimischen und jüdischen Gemeinden, zu deren Fastenbrechen und Neujahrsfest etwas sehr Schönes und Beeindruckendes. Das Miteinander mit der Nachbarschaft klappt doch manchmal ganz prima. Es ist schön, da mal schnell klingeln und mit Hilfe rechnen zu können ... oder einfach auf der Straße miteinander zu sprechen Oft erlebe ich es hier in den Häusern dieser Stadt ebenfalls als etwas Tolles: Ein Mensch setzt sich für einen anderen selbstlos ein, ohne dass es ihm etwas bringt. Ein Mensch ändert sich nach langer Zeit doch zum Positiven, er kriegt die Kurve, obwohl ihm das niemand mehr zugetraut hatte, nach dem, was man schon alles mit ihm erlebt hat.

Da ist was zu bewegen alle Tage. Da bewegt sich etwas. Menschen können sagen: V.26

Trotz tiefer Trauer gelingt es Menschen nach und nach wieder Tritt im Leben zu fassen. Da werden sogar neue Begabungen entdeckt. Neue Menschen werden wichtig. Menschen werden wichtig, die bisher keine Rolle spielten oder glatt übersehen wurden. Es gibt wieder Stunden zum Fröhlichsein und Lachen. Der Schmerz bleibt, aber bestimmt nicht mehr jede Stunde

Da ist was zu bewegen. Da bewegt sich etwas alle Tage. Menschen können sagen: V.26

Trotz schlimmer Verletzungen und tiefem oder bösem Schweigen hat sich zwischen Eltern und Kindern etwas bewegt. Nach und nach wird mir an anderen Eltern oder Mitschülern deutlich, dass meine Eltern, meine Kinder gar nicht so schlimm sind. Ich entdecke wieder auch Positives bei meinen Eltern, bei meinen Kindern. Ich kann wieder an schöne Dinge denken, die wir zusammen erlebt haben. Wir führen wieder ein tolles Gespräch zusammen. Mein Vater, meine Mutter, mein Sohn, meine Tochter helfen mir, ein Problem zu lösen. Sie packen mit zu. Sie helfen mir aus einer Patsche, einer Verlegenheit, obwohl ich es nie erwartet hätte. Einfach so.

Ich kann zugeben, dass ich auch nicht ganz unschuldig an der verfahrenen Situation bin. Es gibt doch noch mehr, was uns als Kinder und Eltern verbindet, als ich mir in meiner Enttäuschung und meinem Ärger eingestehen konnte.

Liebe Gemeinde, Ihnen fällt da bestimmt allen im Rückblick auf die letzten Tage und Wochen einiges ein, wo sie auch dankbar etwas von Gottes Begleitung für Sie erzählen können: V.26

Manche haben deswegen hier vorne an der Osterkerze eine Kerze angezündet. Voller Zuversicht können wir alle Tage unseres Lebens fröhlich mit Gottes Begleitung rechnen, die Licht in unser Leben bringt: V. 31f

Am Ende jedes Gottesdienstes wird uns genau deswegen die gütige und treue Begleitung für alle Tage der kommenden Woche mitgegeben. Uns wird Gottes Begleitung zugesprochen für die schönen und den traurigen Stunden der kommenden Woche und für die Stunden, in denen wir Gott ganz aus dem Blick verloren haben:

Der Herr segne Dich und behüte Dich, der Herr lasse sein Angesicht leuchten über Dir und sei Dir gnädig, der Herr hebe sein Angesicht über Dich und gebe Dir Frieden."

Und der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus.

Amen



Dekan Peter Huschke
91054 Erlangen
E-Mail: peter.huschke@elkb.de

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