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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

16. Sonntag nach Trinitatis, 09.10.2011

Predigt zu Die Klagelieder Jeremias 3:22-26.31-32, verfasst von Rainer Kopisch

 

22 Die Güte des HERRN ist's, dass wir nicht gar aus sind, seine Barmherzigkeit hat noch kein Ende, 23 sondern sie ist alle Morgen neu, und deine Treue ist groß.
24 Der HERR ist mein Teil, spricht meine Seele; darum will ich auf ihn hoffen.
25 Denn der HERR ist freundlich dem, der auf ihn harrt, und dem Menschen, der nach ihm fragt. 26 Es ist ein köstlich Ding, geduldig sein und auf die Hilfe des HERRN hoffen..
31 Denn der HERR verstößt nicht ewig;
32 sondern er betrübt wohl und erbarmt sich wieder nach seiner großen Güte.

Liebe Gemeinde,

um verstehen zu können, was diese Sätze an Kraft mitbringen, ist es wichtig, uns zu vergegenwärtigen, in welchem Zusammenhang sie stehen.
Wir finden sie in der Sammlung der Klagelieder Jeremias. Die Klagelieder sind zeitlich dem Ende des Königreiches Juda zuzuordnen. Die Babylonier hatten das Land erobert, Jerusalem und den Tempel zerstört. Das Volk wurde in die Gefangenschaft geführt.
Das Wirken des Propheten Jeremia hatte keinen Erfolg gehabt.
Sein prophetisches Reden, sein Warnen vor der Katastrophe hatte keine Einsicht gebracht.
Unbeschreibliches Elend und Leid ist über das Volk Gottes gekommen. In Erinnerung an das Wirken des Propheten Jeremia sind die Klagelieder mit seinem Namen zusammengebracht worden. Jeremia hat immer wieder zur Umkehr gemahnt und vor der drohenden Katastrophe gewarnt.

Die in den Klageliedern geschilderten Ereignisse werden deshalb auch als Strafe Gottes verstanden.

Im dritten Kapitel kommt ein Mann zu Wort, der das Elend seines eigenen Leidens und sein Elend als Strafe Gottes versteht. Er nimmt seine Strafe auf sich und beschwört Gottes Güte und Barmherzigkeit. Es sind prophetische Worte voller Hoffnung und Glauben. Wir wollen sie näher ansehen.

Wenn wir Christen Texte des Alten Testamentes lesen oder hören, stehen wir in der Gefahr, sie durch eine christologische Brille oder ein christologisches Hörgerät zu vernehmen. Weil wir Christus als Gottes Sohn glauben, erwarten wir von ihm, dass er uns als ein guter Hirte durch unser Leben führt. Wir fühlen uns abgesichert durch den Tod hindurch bis in alle Ewigkeit.

Im Umgang mit unserem Predigtext aus den Klageliedern kann das also heißen, dass wir zu diesen Sätzen ein uneingeschränktes christliches Ja sagen. Diese alttestamentlichen Sätze aus prophetischem Munde scheinen für uns in Erfüllung gegangen zu sein.
Aber lassen sie uns sehen, liebe Gemeinde, ob sie unserem eigenen Glauben entsprechen.
Ich denke nicht an den formulierten Glauben einer Kirche, sondern an den persönlichen Glauben eines einzelnen Menschen, an ihren persönlichen einmaligen Glauben.
Jeder Christ, der Martin Luther verstanden hat, soll Glauben in eigener Verantwortung entwickeln, in dem er Gottes Wort in eigener Verantwortung liest und hört und das eigene Leben als Fundort der Elemente eines eigenen Glaubens versteht. Dass wir mit dieser persönlichen Lebensaufgabe nicht allein sind, werden wir leicht feststellen, wenn wir erfahren, dass auch andere Christen Martin Luther verstanden haben und sich auf dem Weg der eigenen Glaubensentwicklung begeben haben.

Eine Lutherische Kirche sollte daher Begegnungsmöglichkeiten für Menschen anbieten, die sich mit anderen über den persönlichen Glauben im Erfahrungsfeld des eigenen Lebens austauschen wollen. Dabei ist sicher über die je eigene Lebenserfahrung zu reden im Verhältnis zum eigenen Glauben. Das kann man sicher auch als eine Form gegenseitiger Seelsorge-Arbeit verstehen.
Voraussetzung ist aber immer, dass Menschen bereit sind, sich in Eigenverantwortung und Achtsamkeit den Herausforderungen ihres Lebens zu stellen. Offene und achtsame Gespräche können sich spontan ergeben, auch als innere Gespräche aus dem Zuhören heraus.

Eigentlich ist auch diese Predigt ein Gespräch, allerdings unter besonderen Bedingungen. Es ist ein Gespräch zwischen zunächst drei Beteiligten: dem Predigttext, den Menschen, die der Predigt zuhören und dem/r Prediger/Predigerin. Dass dabei Gott zu Wort kommt, ist nicht der Kunst des Predigers oder der Predigerin zu verdanken, sondern es ist das Wirken des Heiligen Geistes, wenn wir es dogmatisch ausdrücken wollen.
Am gleichzeitig einsetzenden inneren Dialog der Hörenden wird Gott sich in dem Maße beteiligen können, wie es der Offenheit der Menschen zum inneren Gespräch entspricht.

Nach diesen Vorüberlegungen wenden wir uns also dem Text zu:

„Die Güte des Herrn ist‘s, dass wir nicht gar aus sind, seine Barmherzigkeit hat noch kein Ende, sondern sie ist alle Morgen neu, und deine Treue ist groß."
Das ist ein Bekenntnis eines Überlebenden, der der Katastrophe entronnen ist.

Aus manchen Gesprächen über Gott haben wir die Frage in Erinnerung, die so oder ähnlich lautet: Wie kann Gott das zulassen? Es geht dabei um Schicksale von Menschen, die von Leiden oder Tod getroffen sind. Diese Frage von Menschen hat in der Regel mit ihren eigenen Lebensängsten und ihrem Ringen um eine vertrauensvolle und tragfähige Beziehung zu Gott zu tun.

Über die Situation der Menschen in dieser Welt sagt Jesus in den Abschiedsreden an seine Jünger bei Joh. 16,33 „ In der Welt habt ihr Angst; aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden."

Der Trost unseres Predigtextes heißt „Der Herr ist mein Teil, spricht meine Seele; darum will ich auf ihn hoffen." Dieser Trost entstammt dem inneren Dialog des Autors. Es ist für ihn stärkend und tröstlich, der eigenen Seele zuzuhören und er wird aktiv und drückt seinen Willen aus.
Schon im Alten Testament wird das Herz als der Sitz der Seele angesehen. Wenn wir ausdrücken, dass wir unser Herz sprechen lassen, ist damit auch die Seele gemeint. Sich ein Herz fassen, heißt oft den eigenen Willen in die Tat umzusetzen. Es ist schon interessant zu hören, dass Hoffnung gewollt werden muss. Hoffnung ist also nicht irgendein Gefühl, das uns überkommt, sondern ein Akt des Willens.
Hoffnung hat immer auch einen Grund. In diesem Fall ist es die Verbindung mit Gott. Diesen Grund der Hoffnung beschreibt ‚Jeremia‘ als eine Glaubenserfahrung:
„Denn der Herr ist freundlich dem, der auf ihn harrt, und dem Menschen, der nach ihm fragt."
Zugleich ist dieser Satz eine Entfaltung der begründeten Hoffnung, dass Gott einem Menschen freundlich erscheint. So wie ein Gärtner das Wachsen einer Frucht beobachten kann, so können wir das Wachsen einer kostbaren Glaubensfrucht miterleben.
„ Es ist ein köstlich Ding, geduldig sein und auf die Hilfe des Herrn hoffen."
Dies sagt jemand, der die Frucht der Hoffnung in seinem Leben geschmeckt hat.
„Denn der Herr verstößt nicht ewig; sondern betrübt wohl und erbarmt sich wieder nach seiner großen Güte."

Ich wünsche Ihnen ein offenes Herz für diese grenzenlose Güte und Barmherzigkeit unseres Gottes.

Amen



Pfarrer i. R. Rainer Kopisch
Braunschweig
E-Mail: rainer.kopisch@gmx.de

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