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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Ewigkeitssonntag / Letzter Sonntag im Kirchenjahr, 20.11.2011

Predigt zu Daniel 12:1b-3, verfasst von Thomas Bautz

Es wird eine Zeit so großer Bedrängnis sein, wie sie nie gewesen ist, seitdem es Völker gibt, bis zu jener Zeit. Aber zu jener Zeit wird dein Volk errettet werden, alle, die im Buch geschrieben stehen. 2 Und viele, die unter der Erde schlafen liegen, werden aufwachen,  die einen zum ewigen Leben, die andern zu ewiger Schmach und Schande. 3 Und  die Verständigen werden leuchten wie des Himmels Glanz, und  die viele zum rechten Tun geführt haben, wie die Sterne immer und ewiglich.4 Und du, Daniel, verbirg diese Worte und versiegle dies Buch bis auf die letzte Zeit. Viele werden es dann durchforschen und große Erkenntnis finden. (Daniel 12, 1b-4)1

Liebe Gemeinde!

Im Verlauf der Generationen übergreifenden Kämpfe um die Nachfolge Alexander des Großen und um die Erbschaft seines Riesenreiches erlangt schließlich Antiochus IV. (Epiphanes) die Herrschaft im 2. Jh. v.u.Z. Das Buch Daniel erzählt von der Bedrückung, die von diesem Regenten ausgeht und für einen großen Teil der Bevölkerung in Juda verheerende Folgen hat.

Es kommt aber auch zu Auseinandersetzungen „im eigenen Lager": Auf der einen Seite diejenigen, die sich gegenüber der hellenistischen Kultur geöffnet haben - weltoffene Juden. Auf der anderen Seite konservative, gesetzestreue Juden. Außerdem gibt es Machtkämpfe um das Amt des Hohepriesters am Jerusalemer Tempel.

Antiochus nutzt die Gunst der Stunde und verhängt schwerwiegende Repressionen gegen Jerusalem: 169 v.u.Z. plündert er den Tempelschatz und betritt das Allerheiligste - für fromme Juden ein schreckliches Sakrileg!

Da bricht ein Aufstand aus, den Antiochus ein Jahr später mit der Stürmung Jerusalems beantwortet. Die Tempelmauer wird geschleift, und eine Festung, die Akra, wird errichtet. Zur Steigerung des Frevels wird 167 v.u.Z. im Tempel dem Zeus Olympios ein Altar geweiht.

Doch nicht nur wird der Tempelkult geschändet, sondern die spezifisch jüdischen Bräuche und Riten werden bei Todesstrafe verboten. Damit ist nicht mehr und nicht weniger als der totale Verlust religiöser Identität des Judentums verbunden.

Gegen diese Ungeheuerlichkeiten erheben sich die Frommen (Chasidim) - die Priesterfamilie der Hasmonäer bzw. Makkabäer (nach dem Beinamen des Judas Makkabäus, der „Hammer") an der Spitze. Trotz des zunächst aussichtlos erscheinenden Kampfes können sich die Makkabäer - begünstigt durch die Wirren im Reich und die äußere Bedrohung durch die Römer und Parther - behaupten und die Besatzungsmacht allmählich in die Knie zwingen.

Im Jahre 164 v.u.Z. gelingt es Judas Makkabäus, Jerusalem zu erobern. Der Tempel wird gereinigt und neu geweiht. An diese feierliche Wiedereinweihung am 25. Kislew erinnert das Chanukkafest - nach unserem (Gregorianischen) Kalender beginnt das Fest 2011 am Vorabend des 21. Dez.

Münzen mit dem Abbild Antiochos IV. tragen auf der Rückseite die griechische Aufschrift ΑΝΤΙΟΧΟΥ ΘΕΟΥ ΕΠΙΦΑΝΟΥ ΝΙΚΗΦΟΡΟΥ - Antiochos, der erschienene Gott, der Siegreiche, - daher auch sein Beiname „Epiphanes" (der Erschienene).

Abgesehen davon, dass Herrscherabbildungen als Münzprägungen ohnehin erst nach der Zeit Alexanders des Großen bezeugt sind, verwundert diese griechische Aufschrift durch diesen exzeptionellen Beinamen. Wir kennen seit dem Altertum den Brauch, berühmte Persönlichkeiten zu vergöttlichen oder zu verherrlichen - Heraklis, Aeneas, Alexander der Große, Gaius Julius Caesar, Augustus - und man erhofft sich von dieser Vergöttlichung (Apotheose oder Divinisierung), dass sich eine lebende Gottheit stärker um das Wohlergehen eines Volkes oder einer Gemeinschaft kümmert als ein einfacher Herrscher. Das Attribut des Göttlichen auch noch auf Münzen verewigen zu lassen, ist vermutlich einzigartig - und doch:

Die erwähnte Aufschrift, die ein Zahlungsmittel mit einer pseudoreligiösen Bezeichnung verknüpft, erinnert mich an die Eindollarnote, die sich seit 1932 nicht mehr verändert hat, obwohl international viele Währungen ihr Gesicht gewechselt haben. Ohne mich an weit verbreiteten Spekulationen zu beteiligen, stimmt mich nicht nur die Symbolik auf der Eindollarnote nachdenklich (z.B. die Pyramide mit Gottesauge und Strahlenkranz an der Spitze), sondern vor allem das „Bekenntnis": In God We Trust.

Mir liegt die (rhetorische) Suggestivfrage auf der Zunge: Auf welchen Gott vertrauen wir? Ich kann das nicht als rein amerikanische Angelegenheit abtun: Ja, ja, die Amis mit ihren Dollars! Und ich - mit meinen Euro?! Ich bin zutiefst davon überzeugt: Das Thema „Geld", die Frage „Wie gehe ich verantwortlich mit dem Geld (nicht nur mit dem eigenen) um?" kann für sensible Menschen provokanter sein als die sog. Gottesfrage, besonders wenn „wir" Reiche vor eine empfindliche Alternative gestellt werden: Geld oder Gott.2

Sie verzeihen, aber sind wir in den Industrieländern nicht tatsächlich reich - im materiellen Sinne? Reicher als ein armer Reisbauer in Südostasien; reicher als eine Familie in Japan, die ihre Existenz nach einem Erdbeben verloren hat; reicher als eine Familie in Indonesien, deren Hab und Gut einem Tsunami zum Opfer fiel; reicher als Millionen Menschen in Afrika - darunter vor allem Kinder, die qualvoll an Hunger sterben.

Freilich, es ist alles relativ - mögen Sie einwenden. Bei uns gibt es auch Arme. Sie haben Recht! Seit den 1980er Jahren reden wir von einer „neuen Armut" in Deutschland. Menschen mit einer extrem schmalen Rente. Junge Leute ohne Ausbildungsplätze. Viele Arbeitswillige, die trotz Umschulungen noch keine Stelle gefunden haben. Arbeitslose. Erwerbslose. Alleinerziehende. Das Schlimme an dieser Armut ist weniger der Mangel an Geld. Gravierender ist die schleichende Sinnlosigkeit der eigenen Existenz. Der Zwang des Sich-Vergleichen-Müssens. Das Gefühl, permanent beobachtet und sozusagen begutachtet zu werden.

Darin scheint mir nämlich geradezu ein Fluch des Geldes zu liegen: Es (ver)führt dazu, Menschen zu taxieren; es besteht die Gefahr, dass man seines Geldes oder Wohlstands wegen geschätzt oder eben nicht (mehr) geschätzt wird. Wer heutzutage kein Auto hat, wird von seinen Nachbarn als Sonderling angesehen.

Der Besitz des Geldes kann für Reiche sogar noch verfänglicher sein, als dies für Arme jemals möglich wäre: Gerade weil auch der Reichtum relativ ist, kann er immer noch gesteigert werden - bis ins unermessliche. Mir sagte schon vor Jahrzehnten ein Geschäftsmann, er müsse expandieren. Daraufhin entgegnete ich, dass sein Geschäft doch gut liefe. Ja, aber allein schon wegen der Steuern ... Also ein gewisser Sachzwang. Er tat mir richtig leid. Aber so ist es offensichtlich; so geht es weiter, auch im großen Stil: Geld arbeitet und vermehrt sich. Die Staatsverschuldung wächst, die Schulden vieler Bürger auch ...

„Geld ist kein Thema" - oder doch? Ich finde die Sprüche, die aus aller Munde zu hören sind, überaus entlarvend: „Geld regiert die Welt." „Ohne Moos nix los!" „Zeit ist Geld."

Ich konfrontiere uns noch einmal mit dieser Alternative Geld oder Gott. Anlass war zunächst die Münze des Antiochus IV. (Epiphanes), dann die Eindollarnote (In God We Trust) und schließlich die Tatsache, dass alles - die Weltwirtschaft, aber auch unser relativ überschaubares sozial-wirtschaftliches Gefüge in Deutschland - vom Geld bestimmt wird.

Erschreckenderweise ist die Macht des Geldes bis zu einem gewissen, auch von Fachleuten kaum noch einzuschätzendem Grad schon zu einem Selbstläufer geworden und kann - siehe Bankenkrise - nur noch eingeschränkt kontrolliert werden. Aber eines sollte nicht vergessen werden: Hinter den Banken, hinter den Börsen, in Industrie, Wirtschaft und Politik und überall in der Gesellschaft - auch in den Kirchen - stehen reale Menschen, die Verantwortung tragen (sollten); Menschen mit einer Einstellung, einer Gesinnung, einer Ethik, einer Moral.

Wir brauchen ein Korrektiv und entsprechende Maßstäbe für unser Handeln. Mir fällt es schwer, über das zu sprechen, was mich in diesem Zusammenhang immer wieder umtreibt. Es ist eine enorme Last. Vielleicht wird sie etwas leichter, wenn ich sie mit Ihnen teile. Es ist die Last der mangelnden Glaubwürdigkeit. Es ist die Gewissheit, den Maßstäben des Jesus von Nazareth nicht genügen zu können.

Wie kein anderer hat der Arzt und Evangelist Lukas die Solidarität des Nazareners mit dem einfachen Volk des Landes - mit den Armen - schriftstellerisch dem Leser vor Augen gemalt. Mit schonungsloser Offenheit und Radikalität wird Lukas' Evangelium für die Armen im Umkehrschluss auch eine deutliche Botschaft an die Reichen. Dabei geht es keineswegs nur um Almosen (Spenden, sagen wir heute). Es muss auch nicht jeder alles verkaufen, was er hat, um es den Armen zu geben. Das hat Jesus vermutlich nur Einzelnen abverlangt. Aber viel wichtiger ist die innere Einstellung zum Geld: Man soll nicht für sich horten.

Man darf großzügig sein. Man soll auch nicht ständig um sein Leben besorgt sein. Man darf darauf vertrauen, dass alles Wesentliche und Wichtige im Leben und für das Leben im Grunde geschenkt wird. Wir dürfen empfangen und uns an den Gaben der Natur erfreuen. Deshalb können wir auch freigiebig und großzügig sein. Auf diese Weise sammeln wir „Schätze" in der unsichtbaren Dimension - in religiösem Sprachgebrauch: in den Himmeln.

„Wo euer Schatz, dort ist auch euer Herz" (Lk 12,34). - „Ihr könnt nicht „Gott" dienen und dem Mammon" (Mt 6,24). „Macht euch Freunde mit dem ungerechten Mammon" (Lk 16,9).

Es gibt für mich kein stärkeres, kräftigeres Wort für diesen Abgott, vor dem erschreckend viele Menschen ihre Knie beugen: der ungerechte Mammon, der auf unrechte, trügerische Weise erworbene Mammon - all diese Bedeutungsnuancen schwingen bei diesem aus dem Aramäischen und Hebräischen stammenden Wort mit.

Bei solchen Worten spüre ich die Sprengkraft des Evangeliums, das ja auch immer wieder Weckruf ist, das uns wachrüttelt und nicht einschlafen lässt. Ein Evangelium, das uns nicht darüber im Unklaren lässt, dass es auch einmal ein „böses Erwachen" geben kann. Wenn wir es z.B. an Großzügigkeit und Freigiebigkeit gegenüber den Bedürftigen haben mangeln lassen. Wenn wir sozusagen - verzeihen Sie bitte die etwas alltägliche Formulierung - bei „Gott" zu wenig Punkte gesammelt haben. Es geht nicht um ein frommes Leistungsdenken, wohl aber um Konsequenzen oder Früchte eines Lebens im Glauben, im Vertrauen.

Wir gedenken heute der „Entschlafenen"; ein Euphemismus für die Toten. Dennoch: Ich möchte an diesem altmodischen Wort festhalten. Darin klingt so etwas wie ein Übergang an, vom Leben zum Schlaf - und dann zu einem neuen, anderen Leben. Ich vermeide das Wort Weiterleben, weil es das ganz Andere des Lebens in einer unsichtbaren Dimension verwischt.

Niemand weiß, wie ein Leben für die Entschlafenen aussieht. Was wir uns vorstellen, sind Projektionen unserer Wünsche, manchmal auch unserer Ängste. In verschiedenen religiösen Schriften kommt oftmals ein unerhörtes Potential an grausigen, von Rache und dem Schrei nach Vergeltung getriebenen, düsteren Szenarien zum Ausdruck. Dies ist zeitgeschichtlich sehr verständlich. Unterdrückte und gequälte Völker haben ein Recht auf Kompensation.

Auch was uns Einzelne oder als Famile betrifft, finde ich es völlig akzeptabel, dass angesichts fortdauernden Unrechts oder von Gewaltausbrüchen oder Missbrauch ein betroffener Mensch Rachegelüste entwickelt - insbesondere dann, wenn der Schrei nach Bestrafung verhallt. Ich male mir manchmal gewisse Szenarien für all die extremen Gewalttätigen und Massenmörder aus, denke dann auch an Todesstrafe. Aber schließlich versuche ich mir klar zu machen, dass ich vielleicht nur aufgrund günstiger Umstände (und Gene?) keine „Fehlentwicklung" erleben musste. Das ist aber nur Theorie. - Was mich aber in letzter Zeit wirklich tröstet: Am Tod kommt niemand vorbei. Der Tod ist so gesehen die einzige Sicherheit im Leben.

Die einen werden aufwachen zum ewigen Leben ... Spätestens mit Jesus wird offenbar, dass das „ewige Leben" keine zeitliche, keine quantitative, sondern allemal eine qualitative Größe ist. Und das bedeutet für uns: Jetzt aufwachen - Wachet auf, ruft uns die Stimme ...!

Die Propheten, Johannes der Täufer, der Rabbi aus Nazareth - sie alle mahnen zur Umkehr und zur Heimkehr.

Jesus hat eindeutig für eine „Lebensqualität" geworben, die vollkommen andere, für uns gänzlich ungewöhnliche Maßstäbe setzt: Kinder werden in den Mittelpunkt gestellt und zum Vorbild erhoben. Sanftmut und Friedfertigkeit werden als erstrebenswerte Charakterzüge vor Augen gemalt. Man solle dürsten und hungern nach Gerechtigkeit. Man solle barmherzig sein. Man solle sich freuen, wenn man um Jesu willen verfolgt oder geschmäht wird. Aber auch:

Man solle sein Licht nicht unter den Scheffel stellen. Also kein Duckmäusertum. Keine falsche Demut. Keine Kompromisse, wo es um die Maßstäbe des Nazareners geht, der sich eins wusste mit seinem „Vater im Himmel". Wir ehren die Entschlafenen, indem wir wach bleiben - rückblickend aufmerksam - für das, was sie uns an Lebenserfahrung vermittelt haben, aber auch wach bleiben für das Gegenwärtige und für das auf uns Zukommende:

Aufmerksam bleiben für „das ewige Leben" - offen bleiben für die „Lebensqualität des Himmels". In der kirchlichen Verkündigung ist der „Himmel" meist fern, unserem Leben ganz entrückt. In der Alltagssprache und in der Werbung aber kann eine Frau „himmlisch" aussehen, ein Gericht „himmlisch" schmecken und ein Produkt einfach „himmlisch" sein.

Wie wäre es, wenn wir uns himmlisch - dem Reich der Himmel entsprechend - verhielten?

Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden (Ps 90,12).

Amen.

 



Pfarrer Thomas Bautz
53119 Bonn
E-Mail: thomas.bautz@ekir.de

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