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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

1. Sonntag im Advent, 27.11.2011

Predigt zu Jesaja 9:5-6, verfasst von Erika Reischle-Schedler

Betrachtung des Liedes "Das Volk, das im Finstern wandelt..." (Evangelischen Gesangbuch Nr. 20)

Strophe 1,2

Liebe Gemeinde!

Vor langer Zeit lebte in fernem Land ein König, Der hatte zwei Söhne. Bevor es mit ihm zum Sterben kam, wollte er seinen Nachfolger bestimmen. So rief er seine Söhne herbei, gab einem jeden fünf Silbergroschen und sagte: "Verwendet dieses Geld, um bis zum Abend die große Halle meines Schlosses mit irgendetwas füllen zu können. Womit, das ist eure Sache!" Der Ältere der beiden machte sich auf den Weg und kam an Feldarbeitern vorbei, die eben mit der Zuckerrohr-Ernte beschäftigt waren. Was vom Auspressen des Zuckerrohrs übrigblieb, lag nutzlos auf dem Feld herum. Schnell wurde der Königssohn mit den Arbeitern einig, zahlte seine fünf Groschen und erhielt dafür so viel von dem nutzlosen Zeug, dass er bequem die Halle seines Vaters damit füllen konnte. - Auch der jüngere Sohn machte sich auf den Weg. Als er zurückkam, bat er, die Halle leer räumen zu dürfen - und dann stellte er in ihre Mitte eine große Kerze und zündete sie an. Bis in den letzten Winkel hinein leuchtete ihr Schein. Der junge mann hatte die Halle mit dem Licht einer Kerze gefüllt - und erfüllt. "du sollst der Erbe meines Reiches werden", sprach der Vater da zu ihm, "denn du hast meine Halle mit dem gefüllt, was die Menschen am Dringendsten brauchen: Mit Licht!"

Wenn die Tage dunkler und dunkler werden, brauchen wir sie nötig wie das tägliche Brot - die Botschaft vom Licht, das das Dunkel durchdringt. Wir freuen uns auf die Zeit des Advent, wo die Kerzen an unseren Adventskränzen zu brennen anfangen, wo wir es uns gegenseitig zusagen und zusingen: Es gibt etwas, das stärker ist als Trauer und Angst, als Ratlosigkeit und Tränen. Schon Jesaja vor ungefähr 2700 Jahren hat um diese Zusammenhänge gewußt; hat darum gewußt, dass Menschen zum Leben brauchen wie das tägliche Brot diese zwei Dinge: Licht und Hoffnung. So schreibt er im 8. und 9. Kapitel: "Wenn sie aber zu euch sagen: ihr müsst die Totengeister und Beschwörer befragen, die da flüstern und murmeln, so sprecht: Soll nicht ein Volk seinen Gott befragen? Oder soll man für Lebendige die Toten befragen? Hin zur Weisung und hin zur Offenbarung! Werden sie das nicht sagen, so wird ihnen kein Morgenrot scheinen, sondern sie werden im Lande umhergehen, hart geschlagen und hungrig. Und wenn sie Hunger leiden, werden sie zürnen und fluchen ihrem König und ihrem Gott, und sie werden über sich blicken und unter sich die Erde ansehen und nichts finden als Trübsal und Finsternis; denn sie sind im Dunkel der Angst und gehen irre im Finstern. Aber es wird nicht dunkel bleiben über denen, die in Angst sind. Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht, und über denen, die da wohnen im finstern Lande, scheint es hell." So groß kann die Verzweiflung werden, dass man sich an die Horoskope und die Astrologen und unseriöse Sekten hängt, die aus der Not von Menschen ihren doppelten und dreifachen Profit zu schlagen wissen. So groß kann die Verzweiflung werden, so tief das Dunkel. Aber eben: Es soll nicht dunkel bleiben, heißt die Botschaft des Advent. Die Angst darf sich nicht steigern ins Unermessliche. Wer von der Angst regiert wird, kommt zu Tode und bringt andere zu Tode. Schau, dort, dort leuchtet dir ein so großes, so wunderbares Licht entgegen, das kannst du gar nicht übersehen. Das muss auch dich ergreifen und auch dein Leben hell machen. Schau nur.

Das ist Jesaja. Aber unser Lied setzt nun einen eigentümlichen Akzent, den man möglicherweise erst beim zweiten Betrachten bemerkt. "Das Volk, das noch im Finstern wandelt - es sieht ein Licht, ein großes Licht - heb in den Himmel dein Gesicht und schaue, schaue, weil Gott handelt!" Aber das steht da ja gar nicht. Der gesunde Menschenverstand sagt: Wenn mir irgendwo jemand köstlichen Wein anbietet, dann muss ich mein Glas hinhalten und ihn trinken, anders komme ich an die Kostbarkeit und seine erwünschte Wirkung nicht heran. Wenn jemand ein großartiges Feuerwerk entzündet, dann muss ich hinschauen, mit aller Aufmerksamkeit, deren ich fähig bin, dass ich etwas davon mitbekomme - aber hier, in unserem Lied, wird die Logik durchbrochen: "Heb in den Himmel dein Gesicht und steh - und lausche, weil Gott handelt". Ein Licht, das mit dem Ohr zu begreifen ist ... Gott, der sich seinen Weg bahnt zu uns Menschen nicht auf einem gewöhnlichen, sondern einem ganz und gar ungewöhnlichen Weg: Indem er selbst die Gestalt eines Menschen annimmt und sich hineinbegibt in die ganze Armseligkeit und Angst und oft genug Trostlosigkeit eines Menschenlebens. "Hosianna" rufen sie heute und huldigen ihrem König, den sie da kommen sehen auf einem Esel reitend, der kein armseliges Tier ist, sondern das Tier der Würde des Messiaskönigs - eben noch erkennen sie ihn - aber schon morgen werden sie ihn kreuzigen. Und er leidet es. Und gerade das ist das Licht. Gottes unauslotbar tiefe Solidarität. Darum kann das Lied in seiner eindringlich werbenden, ermutigenden Sprache fortfahren: "Die ihr noch wohnt im Tal der Tränen, wo Tod den schwarzen Schatten wirft: schon hört ihr Gottes Schritt, ihr dürft euch jetzt nicht mehr verlassen wähnen." "Durch die herzliche Barmherzigkeit unseres Gottes hat uns besucht das aufgehende Licht aus der Höhe, auf dass er erscheine denen, die da sitzen in Finsternis und Schatten des Todes". Unüberhörbar klingt für den bibelkundigen Dichter hier der Lobgesang des Zacharias in seinem entscheidenden Kernvers mit. Aber wieder das Paradox: Wo Tod den schwarzen Schatten wirft, da schaut nun Gottes Licht, ihr dürft euch jetzt nicht mehr verlassen wähnen. So wäre es logisch. Aber wieder wird das Licht durch die Ohren begreifbar: Da, wo ihr seinen Schritt vernehmt, da begreift ihr sein Licht. Wo ihr seine Solidarität wahrnehmt und es im Glauben erfassen könnt: Gott thront nicht oben im Himmel, fernab aller menschlichen Bedrängnisse, sondern er hat sich in Jesus Christus auf die Erde begeben zu euch: Wo ihr das begriffen habt, da wird es hell in euch und um euch. Die Stimme der guten Worte und guten Nachrichten, die muss euch jemand zu Gehör bringen, sagen muss es jemand, glaubhaft, nicht nur dem Verstand begreiflich, sondern zu Herzen gehend und das Innerste anrührend - Genau das will das Lied. Sehr konkret. Das singen wir in Strophe 3,4.

Strophe 3,4

Wir haben täglich Bilder von Gewalt und Bedrohung vor Augen, uns kommen, wenn wir älter sind, die eigenen Kriegserlebnisse wieder ins Gedächtnis, und wir fragen uns: Wieviele Aber-Millionen Kinder schreien in der Nacht vor Angst und Hunger - und die Menschheit lernt nichts, aber auch gar nichts dazu. Was soll also die vom Liederdichter angestimmte Vision vom Ende aller Kriege, vom Ende aller Furcht und Klage, vom Ende des Todes? Antwort: Wenn es solche Visionen nicht gäbe, dann allerdings wäre die Welt wirklich hoffnungslos. Jedes Kind weiß das, wenn es versucht, der Mutter beim vorweihnachtlichen Kekse-Backen zu helfen. "So schön wie die Mutter kriege ich das nie hin, deswegen brauche ich eigentlich gar nicht erst anzufangen damit" - das wäre die eine Möglichkeit. Die andere: "Heute kriege ich das noch nicht so schön hin. Aber je öfter ich das mache und immer wieder versuche, umso besser wird es gehen, und eines Tages möchte ich es genausoschön können wie die Mutter auch. Und solange gebe ich einfach keine Ruhe. Ich bleibe dran!" Merken sie an einem solchen einfachen Beispiel, wie eine Vision ein Kraftpotential in sich enthält?! Der Seher des alten Testamentes - und wir werden ihn gleich selbst zu Wort kommen lassen - er sieht das Ende aller Schrecken schon in Wirklichkeit vor sich - und wir können unsere Kraft einsetzen, dass immer mehr und immer mehr davon in unsere Wirklichkeit umgesetzt wird. So heißt es im 2. Kapitel des Buches Jesaja, dem zentralen alttestamentlichen Text, der auch für das fernere Lied von unmittelbarer Bedeutung ist: "Es wird zur letzten Zeit der Berg, da des HERRN Haus ist, fest stehen, höher als alle Berge und über alle Hügel erhaben, und alle Völker werden herzulaufen, und viele Völker werden hingehen und sagen: Kommt, lasst uns auf den Berg des HERRN gehen, zum Hause des Gottes Jakobs, dass er uns lehre seine Wege und wir wandeln auf seinen Steigen! Denn von Zion wird Weisung ausgehen und des HERRN Wort von Jerusalem. Da werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen und ihre Spieße zu Sicheln machen. Denn es wird kein Volk wider das andere das Schwert erheben, und sie werden hinfort nicht mehr lernen, Krieg zu führen. Kommt nun, ihr vom Hause Jakob, lasst uns wandeln im Licht des HERRN!"

Eine ganz andere Sache ist der Satz am Anfang von Str. 4: "Die Liebe geht nie mehr verloren". Ich kann sie in diesem Augenblick nur auf diesen Satz hinweisen. Wieviel Liebe bleibt übrig in unseren Tagen, Liebe, die da ist - und niemand will sie haben. Liebe, die eingesetzt - und verkannt und mit Füßen getreten wird. Solches darf nicht mehr sein! Der Tod muss seine Schrecken verlieren, das Unrecht muss aufhören, wenn denn die Herrschaft dessen anbricht, den der Prophet ankündigt. "Uns ist ein Kind geboren!" Die Worte klingen uns im Ohr. Wir wollen die nächsten beiden Strophen erst singen, bevor wir uns mit dieser Ankündigung noch ein wenig weiter befassen.

Strophe 5,6

JESAJA 9,5-6: "Uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben, und die Herrschaft ruht auf seiner Schulter; und er heißt Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst; auf dass seine Herrschaft groß werde und des Friedens kein Ende auf dem Thron Davids und in seinem Königreich, dass er's stärke und stütze durch Recht und Gerechtigkeit von nun an bis in Ewigkeit. Solches wird tun der Eifer des HERRN Zebaoth." Wem hat der Vater in der eingangs erzählten Legende die Herrschaft übertragen: Dem, der die Halle seines Schlosses mit Licht zu füllen wusste. Wenn die Herrschaft eines Herrschers Bestand haben soll, dann kann sie sich nur stützen auf Gerechtigkeit, Frieden und Menschlichkeit, auf Ehrfurcht vor Gott und dem Leben. Alles andere hat auf Dauer keinen Bestand. Kein wunder, dass die Mächtigen aller Zeiten die Botschaft dieses Königs nicht hören wollen. Die Mächtigen, denen ihre eigene Macht, ihr eigener Egoismus das Wichtigste sind. Dieses Kind aber, welches der König ist, dessen Geburt der Prophet schaut, wird ein König sein, der wunderbar zu raten weiß, der mit Kraft dem Recht zum Sieg verhilft, der ein Vater seiner Menschen und ein Fürst des Friedens ist. Das Lied - eine kleine interessante Einzelheit - das Lied bringt all diese Namen des Propheten erst im zweiten Anlauf. Im ersten werden die Christusnamen genannt, die wir kennen, wenn wir im Neuen Testament lesen: Der gute Hirte, das Licht der Welt, Weg, Wahrheit, Leben, Sohn Gottes ... Kein Zweifel darf aufkommen: Auch noch der beste irdische Herrscher wird ganz eine solche Vision nicht erfüllen können. Es ist nur einer, der kann, und an den halten wir uns im Glauben.

Damit stehen wir vor dem Schluss des Liedes, der noch einmal einen Höhepunkt bringt: Während die Str. 7 im Wesentlichen eine Nachdichtung des Textes aus Jes. 9 von der Herrschaft des Königs ist, bringt Str. 8 noch einmal die Weissagung aus Jes. 2 ins Spiel: "Dann stehen Mensch und Mensch zusammen vor eines Herren Angesicht, und alle, alle schau'n ins Licht, und er kennt jedermann mit Namen." Die vielen, vielen, die da freiwillig kommen zum Berg des Tempels, dorthin, wo Gott verehrt wird. Die vielen, vielen, die freiwillig kommen, um Gott die Ehre zu geben. Der Jubel und die große Freude darüber, dass Gott gesiegt hat über alle Macht des Bösen und der Finsternis. Mensch und Mensch beisammen vor eines Herren Angesicht. Alle, alle, schauen sie zum Licht. Das Licht hat wahrlich die ganze Halle des königlichen Schlosses erfüllt: Kein Winkel dieser Erde mehr, der nicht Licht wäre. Keiner mehr, der in Trauer und Verzweiflung abseits stehen müsste. Warum: Weil er jedermann und jede Frau bei Namen kennt. Nicht das Staubkörnchen Mensch, jederzeit und überall ersetzbar, wenn es sich verbraucht hat, nicht der Mensch als Objekt, das gerade so viel wert ist, wie es nützlich zu sein imstande ist - Eben nicht: "Namen sind wie Schall und Rauch" - solches Denken ist Ausdruck der Entmenschung des Menschen. Bei Gott aber gelten andere Werte. Hinter jedem Namen steht ein Gesciht und eine unverwechselbare, einmalige Würde. "Bei Deinem Namen habe ich dich genannt. du gehörst zu mir", kann Gott durch den Propheten sagen. Und darum: "Fürchte dich nicht!". Amen.

Strophe 7,8



Erika Reischle-Schedler
Göttingen
E-Mail: e.reischle-schedler@t-online.de

Bemerkung:
Das Volk, das noch im Finstern wandelt –
Bald sieht es Licht, ein grosses Licht.
Heb in den Himmel dein Gesicht
Und steh und lausche, weil Gott handelt…..
Jürgen Henkys nach dem niederländischen Lied: „Het Volk dat wandelt in het duister….“ Von Jan Willem Schulte Nordholt



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