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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

2. Sonntag im Advent, 04.12.2011

Predigt zu Jesaja 63:15-64,3, verfasst von Dörte Gebhard

Gott - uns entgegen"

Gnade sei mit Euch, von dem, der da ist, der da war und der da kommt. Amen.

Liebe Gemeinde,

schon wieder: Advent. Schon wieder: ‚Alle Jahre wieder‘.

Sogar schon wieder: zweiter Advent.

Schon wieder einmal die Gewissheit, dass unser Leben schnell dahinfährt, so, als flögen wir davon (Ps 90,10c).

So beteten sie jedenfalls damals, vor mehr als 2000 Jahren, als sie bemerkten, dass man die Zeiten nicht aufhalten kann. Sie glaubten, unser Menschenleben geht nicht, sondern es fährt dahin. Wir haben wirklich viele Vorbeter und Vorgänger zu unserem beunruhigten „Schon wieder?!" im Advent.

Aber diese alten Leute aus sehr alter Zeit hätten sicher Wert darauf gelegt, von uns Vorfahren genannt zu werden. Und sie hatten wirklich Fantasie, sie hatten offenbar eine Ahnung vom Davonfliegen ...

Unsere Vorgänger und Vorfahren und auch die Vorflieger und wir werden heute Morgen aufgehalten, denn es ist Advent und diese besondere Zeit hat noch einen anderen ‚Wortschatz‘ als das ewig-eilige „schon wieder". Der Wortschatz des Advent sind die - genauso rastlosen, ungeduldigen - Fragen und Klagen an Gott: Wann denn? Wann endlich?

Auch: Wie lange noch soll alles so weitergehen wie bisher?

Wie lange noch werden die Möchtegerne grinsend Kapital aus ihrem kapitalen Versagen schlagen?

Wie lange noch wird es dauern bis zum Frieden und dann noch einmal wie lange, bis die Menschen nicht mehr still vor sich hin wüten, sondern einander verstehen, fast überall auf der Welt?

Wie lange noch wird es gehen, bis Wahlen geheim und frei und verständlich sind und ihre Ergebnisse akzeptiert werden im Kongo, in Kairo, in Russland und - natürlich nur ein ganz kleines bißchen - auch in Stuttgart?

Beim Propheten Jesaja ist dieser kostbare und kleine Wortschatz aufgehoben. Ich lese aus dem 63. und 64. Kapitel des Jesajabuches. Dort wird Gott angefleht:

So schau nun vom Himmel und sieh herab von deiner heiligen, herrlichen Wohnung! Wo ist nun dein Eifer und deine Macht? Deine große, herzliche Barmherzigkeit hält sich hart gegen mich.

Bist du doch unser Vater; denn Abraham weiß von uns nichts, und Israel kennt man nicht. Du, Herr, bist unser Vater; „unser Erlöser", das ist von alters her dein Name.

Warum lässt du uns, Herr, abirren von deinen Wegen und unser Herz verstocken, dass wir dich nicht fürchten? Kehr zurück um deiner Knechte willen, um der Stämme willen, die dein Erbe sind!

Kurze Zeit haben sie dein heiliges Volk vertrieben, unsere Widersacher haben dein Heiligtum zertreten.

Wir sind geworden wie solche, über die du niemals herrschtest, wie Leute, über die dein Name nie genannt wurde.

Ach dass du den Himmel zerrissest und führest herab, dass die Berge vor dir zerflössen,

wie Feuer Reisig entzündet und wie Feuer Wasser sieden macht, dass dein Name kund würde unter deinen Feinden und die Völker vor dir zittern müssten,

wenn du Furchtbares tust, das wir nicht erwarten - und führest herab, dass die Berge vor dir zerflössen! - und das man von alters her nicht vernommen hat. Kein Ohr hat gehört, kein Auge hat gesehen einen Gott außer dir, der so wohl tut denen, die auf ihn harren. Jes 63, 15-16(17-19), Jes 64 , 1-3

Liebe Gemeinde,

niemand sage: Schon wieder dasselbe! Das ist ferne.

Nein, Unerhörtes, nie Dagewesenes soll geschehen ... gleich!

Schlimmer noch: Hau dazwischen, Gott, jetzt!

Eine Zumutung.

Wann schaust du, Gott, vom Himmel herab? Wann einmal zeigst Du Deine Macht? Und die Wunschliste der Menschen ist ziemlich lang und - trotz allem Verständnis - sehr dumm. Sind so die Wünsche der Menschen, die scheinbar noch nichts erlebt haben?

Werden die Hoffnungen so krank und brutal, die Hoffnungen der Gepeinigten und Geplagten, die nichts anderes mehr denken können als noch mehr Gewalt und Furcht und Schrecken?

Von Gott wird Eifersucht und Leidenschaft erwartet. Er soll sich endlich zeigen und dann, die Bedingungen sind haarsträubend deutlich, als einer, der mit Eifer sucht, was Leiden schafft ... Gott soll am besten rasend werden und Schreckliches tun und zwar ausdrücklich mehr, als Menschen sich überhaupt ausdenken können. Wenn du Furchtbares tust, das wir nicht erwarten - und führest herab, dass die Berge vor dir zerflössen! - und das man von alters her nicht vernommen hat. Grauenvoller als man denken kann, „bitte".

Kann man wünschen, dass die Berge zerfliessen? Kann man größere Katastrophen als Erdbeben, Schlammlawinen, Vulkanausbrüche und Lavaströme ernstlich erhoffen? Man konnte sie sich eigentlich nicht vorstellen, aber für die anderen heranwünschen, das ging, leicht und laut von den Lippen. Und die Naturgesetze bleiben für Feuer und Flut in Kraft, es braucht keine Wunder, sondern nur wie eben Feuer Reisig entzündet und Wasser kochen läßt ...

Und wir? -

Offenbar können Menschen unvorstellbares Leid erhoffen, aber immer für die anderen - die Menschen, die man für Feinde hält, sollen zittern! Endlich einmal!

Das wäre dann ein anderer Advent und kein Mensch dächte auch nur von ferne „schon wieder".

Aber das wird ein anderer Advent, denn Gott kommt sehr bald schon allen weit entgegen.

Heute ist deshalb nicht nur ein zweiter, sondern vor allem in diesen Tagen ein zweifacher Advent.

Gott kommt den Menschen entgegen, zugleich auf zweierlei Weisen, die beide - gut verwahrt -in ein und demselben Wörtlein ‚entgegen‘ miteinander wohnen.

Das Wichtige zuerst, danach das Beste, zuletzt eine kleine ‚Geduldsprobe‘.

Das Wichtige zuerst: Gottes Verheißungen stehen den wüsten Wünschen genau entgegen. Schon ein kurzes Bibelkapitel später notiert derselbe Jesaja die fröhliche Entgegnung Gottes: Denn siehe, ich will einen neuen Himmel und eine neue Erde schaffen, dass man der vorigen nicht mehr gedenken und sie nicht mehr zu Herzen nehmen wird (Jes 65,17). Gott zerstört nicht das Alte, sondern schafft Neues. Wie ein guter Vater denkt er daran, dass auch die schlimmsten Übelwünscher doch ein Herz haben und ein neues Herz nötig haben. Wie ein guter Vater bleibt er noch heiter und gelassen und lässt den gewünschten Himmels- und Berguntergang ausfallen.

Gott entgegnet dem Racheschrei einen Gedanken, den er den Schreihälsen durch den noch offenen Schlund direkt ins aufgerissene Herz pflanzt, so dass ihre eigentlich verstockten Herzen doch noch die besonnene Frage schaffen: Warum lässt du uns, Herr, abirren von deinen Wegen und unser Herz verstocken, dass wir dich nicht fürchten? Wir sind geworden wie solche, über die du niemals herrschtest, wie Leute, über die dein Name nie genannt wurde.

Ob es ganz still war in diesem Moment, als ihnen klar wurde, dass sie selbst genau so sind wie die, die sie ihre Feinde nennen? Ob sie schwiegen, als sie es realisierten: Wenn der Himmel reisst, reisst der Himmel auch für uns? Wenn die Berge zerfliessen, dann zerfliessen auch die Berge, auf denen wir wohnten und bauten bisher? Ob sie leise beteten: Du bist doch unser Vater; denn Abraham weiss von uns nichts, und Israel kennt uns nicht?! Plötzlich müssen sie an ihre Vorfahren, an Abraham und Jakob, denken, aber sie sind ihnen auf und davongeflogen. Es waren Menschen und ihre Jahre flogen schnell dahin und sind längst fort.

Auch unsere Vorfahren sind längst fort, Jesaja und die Seinen, für die er schrieb und wir machen immer noch die gleiche Erfahrung: dass Gott uns wirklich entgegenkommt - mit aller Freundlichkeit und seiner ewigen Geduld.

Kein Ohr hat gehört, kein Auge hat gesehen einen Gott außer dir, der so wohl tut denen, die auf ihn harren.

Das ist - zweitens - das Beste:

Gott kommt uns gut entgegen und wir sollen nicht auf sein finsteres Dreinschlagen lauern, sondern - auch entgegen allen bisherigen Erfahrungen - auf das Gute hoffen, auf Gottes Wohltaten warten und seine leisen und unauffälligen Wohltaten wahrnehmen.

Gott kommt uns sehr weit entgegen.

Schon wieder Advent?

Nein, immer noch!

Dank der göttlichen Geduld mit uns.

Liebe Gemeinde,

dank der göttlichen Geduld können wir uns immer noch in Geduld üben und darin, Gott unsererseits entgegenzugehen.

Natürlich, ich stehe Gott meistens mehr im Wege auf seinem Weg zu mir, aber wie meine Vorfahren habe ich doch eine Ahnung vom Fliegen im Herzen ...

Am letzten Sonntag, am ersten Advent, wanderte ich mit meiner Familie im Schwarzwald und sammelte mit den Kindern Moos und Zapfen, Flechten, Pilze und Wurzeln. Da haben mich die Bäume eine Geschichte über die Geduld gelehrt. Sie ist noch lange nicht zu Ende und ich erzähle Ihnen am Ende dieser Predigt nur den Anfang der Geschichte. Sie heißt:

Viel-leicht"

Denn vielleicht gleicht ein Menschenleben mehr dem Leben eines Baumes als man so denkt. Sehr hoch oben in den Wipfeln der Tannen und Fichten, sehr nahe am Himmel, wachsen die Samen in den Zapfen wie die Menschenkinder heran. Es sind viele und sie sind sehr leicht. Die kleinen Samen haben Flügel, aber sie sind keine Engel, so wie unsere Kinder keine Engel sind, aber sie erinnern doch unweigerlich an sie, denn jeder Samen hat genau einen Flügel und der taugt dazu, gut und wohlbehalten auf die Welt zu kommen, nicht im Sturzflug, sondern mit den Winden auf den Boden der Tatsachen gelangen, im Wald also auf Moos oder Stein. Keiner sucht sich das vorher aus.

Martin Heidegger, der Philosoph über „Sein und Zeit", der lange im Schwarzwald gelebt und nachgedacht hat, schrieb, wir Menschen finden uns vor, geworfen ins Dasein. Ob er den Fichtensamen einmal bei ihrem Gewirbel und ihrem Niedertrudeln zugeschaut hat?

Die Kanzel hier in Schöftland ist zum Glück für diese Geschichte hoch genug, um Ihnen für einen sehr kurzen Moment dieses einflügelige Zurweltkommen zu zeigen. Ob in jedem großen Baum die Ahnung an diesen ersten Flug vom Himmel auf die Erde schlummert?

Natürlich habe ich auch ‚Beseli und Schüfeli‘ dabei und werde nachher putzen, aber Sie können auch gern vor dem Heimgehen mit dem Finger einen Samen aufpicken und in ihr Taschentuch wickeln und wenn Sie genug Geduld haben, daheim einer zuerst kleinen Fichte beim Wachsen zusehen. Fichten sind übrigens Lichtkeimer und brauchen das Licht von Anfang an und dann immer, genau wie wir. Wenn Sie alles richtig machen, sollten Sie ungefähr zu Weihnachten einen ansehnlichen Keimling haben, nach einem Jahrzehnt dann schon ein richtiges, anständiges Weihnachtsbäumchen.

Damit aber Baum- und Menschenkinder wachsen können, brauchen sie Wurzeln und einen guten Grund genauso notwendig wie die Ahnung vom Fliegen im Herzen, damit sie die Gefahren der ersten Jahre und Jahrzehnte gut überstehen: Sturm kann flachwurzelnde Fichten leicht umreißen, zu viel Schnee die Äste brechen, Hitze und Dürre die Bäume am Wachsen hindern.

Ein ungefähr 50jähriger Baum ist dann - endlich - erwachsen genug, um zu blühen und eigene Zapfen zu bilden. Aber Sie sollten schon im nächsten Frühjahr beim Hinauspflanzen einen Augenblick innehalten und den rechten Standort überlegen, denn Fichten werden in unseren Breitengraden potentiell die höchsten Nadelbäume und sie können ca. 500 bis 600 Jahre alt werden.

Wenn alles gut geht, also der Himmel über ihnen nicht reißt und die Berge nicht zerfließen. Sie sollten also etwas mehr Weitsicht walten lassen als gewöhnlich und für das nächste halbe Jahrtausend überlegen, an welchem Pflanzplatz voraussichtlich wenig dazwischenkommt. Dabei lernt man fast nebenbei in etwas größeren Zeiträumen zu denken und das Viele, das bis Weihnachten eigentlich erledigt sein müsste, relativiert sich etwas. Es ist noch lange nicht die Ewigkeit, aber alle großen und kleinen Zeiten dieser Welt sind schon ein Teil von Gottes Ewigkeit. Sonst wäre ja die Ewigkeit nicht ewig.


Einige hundert Jahre wird Ihre Fichte dann gen Himmel wachsen, dort hinauf, wo sie einst mit vielen anderen leicht auf die Erde hinab geflogen kam. Aber es wird langsam geschehen und mit bloßen Augen nicht sehr leicht zu erkennen sein. Dennoch: Jahresring wird sich an Jahresring reihen und dort ist alles verzeichnet, was dem Baum in seinem Leben widerfuhr: dürre Jahre, starker Frost und große Hitze, Narben wird der Baum haben, manche Harzträne weinen, der Stamm wird Ihren Nachfahren zeigen, woher das Wetter kommt, wenn sie vorüberfliegen ...

Gott schenke uns genug Geduld für alles, was langsam groß und gut wird.

Und der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, Amen.

 



Pfarrerin und PD Dr. Dörte Gebhard
CH-5742 Kölliken
E-Mail: doerte.gebhard@web.de

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