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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

2. Sonntag im Advent, 04.12.2011

Predigt zu Jesaja 63:15-64, 3, verfasst von Kira Busch-Wagner

 

Dezember ist es geworden, der zweite Sonntag in der Adventszeit heraufgezogen. Wer von Ihnen wollte nicht sich und den Seinen es schön machen, eine heimelige, herzliche Athmosphäre in diesen Tagen herbeiführen. Eine Adventszeit voll guten Willens, sich nicht in den Strudel von Terminen oder Einkäufen ziehen zu lassen.

Wer städtisch-adventliche Stimmung liebt, die Lichter, den Schmuck in den Straße, freut sich über Christkindlsmärkte und Chöre auf öffentlichen Bühnen. Schülerinnen und Schüler aber erleben in diesen Wochen eine ganze Welle von Tests und Arbeiten, gewissen Druck, sicher nicht selten auch Streß in den Familien-, da hilft der schönste Adventskranz auf dem Lehrerpult nicht. Es gibt natürlich auch diejenigen, deren Aufmerksamkeit eher von Parties beansprucht ist in den entsprechend angesagten locations, es gibt die, die mal wieder grade dabei sind, die Koffer zu packen für monatelange Teneriffaaufenthalte oder für richtig schönen Wintersport. Und es leben unter uns auch diejenigen, denen diese Wochen einfach ein Graus sind, weil sie viel zu wenig Geld haben, um sich einzuklinken in all die wunderbaren Angebote: 15,55 Euro für Gesundheitspflege im Monat, so sieht der Hartz IV Satz es vor, 30.40 Euro für Bekleidung und Schuhe, 1, 39 Euro für Bildung - da muss man schon kräftig sparen über die Monate, um es zu einem neuen Taschenbuch zu bringen. (Quelle: Für manche das Beste, für andere nur Reste. Materialien für Geootesdienst und Gemeinde. Sozialpolitischer Buß- und Bettag, Kirchlicher Dienst in der Arbeitswelt, Hannover. EKD.)

Menschen, die zu predigen haben, die Gottesdienste gestalten, tun gut daran, sich die Erfahrungen ihrer Gemeinden vor Augen zu führen, die unterschiedlichen Lebensgestaltungen um sie herum immer wieder sich zu Herzen zu nehmen. Schließlich sollen doch die Leute aus dem Gottesdienst etwas mitnehmen können in ihre jeweilige Welt, in ihr Leben, sollen sich verstanden fühlen und wahrgenommen. Entsprechend sind biblische Worte, für Menschen in ihren jeweiligen Lebenssituationen oft ganz gezielt ausgewählt. Freudige Verse stehen auf der auf der einen oder anderen Weihnachtsgrußkarte, Trostworte auf den Wandbildern im christlichen Krankenhaus, Worte des Vertrauens und der Zuversicht im Altersheim. Die biblischen Verse sollen doch passen und verständlich hineinsprechen in die geweilige Gegebenheit.

Immer wieder begegnen uns Bibelworte aber doch auch wie eine Fremdsprache: Unverständlich, seltsam, fremdartig, umständlich, gestelzt. Sätze, hinter denen sich eine unbekannte Welt auftut, die so anders ist als die eigene, so dass die Lust, sich damit auseinander zu setzen, manchmal auch gewaltig sinkt.

Als fremd und schwierig mögen Sie möglicherweise auch den Abschnitt empfinden, den die Predigtordnung der evangelischen Kirchen im deutschen Sprachraum, heute uns mit auf den Weg gegeben hat, Die Verse aus dem dritten Teil des Jesajabuches haben überhaupt nichts zu tun mit Stimmung und Heimeligkeit, haben nichts zu tun mit gutem Willen und Vorfreude, nichts mit Kerzen, Tannengrün, Engelsgestalten, Deko-Artikeln. Sie gehören vielmehr zu einer eine fremden, harten Welt. Und doch will ich sie euch, will ich sie Ihnen zumuten. Vielleicht können die Prophetenworte in ihrer Fremdheit uns sogar sprach- und hörfähiger machen, unseren Horizont, unser Herz und unsere Sinne erweitern.

Lesung des Predigtabschnittes Jes 63,15-64,3.

Was nehmen wir wahr in den Versen? Der Tempel, Gottes Heiligtum ist zerstört. Das Land ist verwüstet, das Volk vertrieben. Zur Tradition hat man kein Verhältnis mehr, kommt sich vor wie abgeschnitten von den Wurzeln: es ist, wie wenn die Stammväter mit ihrem Glauben, mit ihrer Gotteserfahrung sich verabschiedet hätten, wie wenn Abraham und Jakob - genannt Israel - ferne, fremde Gestalten sind.

Die Leute, die hier sprechen, hatten einmal ein Verhältnis gehabt zu ihrem Gott, zum Gott der Bibel; so klagen sie; sie hatten zum Gott der Befreiung, der Gebote, zum Gott der Propheten dazugehört. Waren sein Volk, seine Kinder. Jetzt sagen sie: Wir sind geworden wie solche, die diesen Gott niemals gekannt haben. Gott ist weg, verborgen, verdunkelt, unerreichbar geworden, fern. Wir - so sagt Israel in unserem Abschnitt - wir sind gottverlassen, vater- und mutterseelenallein. Und du Gott, hast dich daran sogar beteiligt. Du hast uns in solche Lage hineingeführt. Wer sonst hätte solche Macht, wer sonst könnte das tun.

Und dann lässt sich die Gemeinschaft der Klagenden, lassen sich die Beter unseres Abschnitts auf einen gefährlichen Weg ein. Sieh doch herab vom Himmel, rufen sie Gott zu. Kehr zurück. Zerreiße den Himmel, steige herab! Sie wagen es, auf eine Theophanie zu hoffen, auf eine Gotteserscheinung, eine Gotttesbegegnung. Sie wünschen sich das herbei, drängen darauf, bitten drum. Selbst noch die Schattenseite der Beziehung, selbst die Verborgenheit Gottes, seine Abgewandtheit, selbst die halten sie für so tragend, dass sie daran anknüpfen und Gott um seine Gegenwart anrufen. Ein gefährliches Unterfangen: Wenn der Himmel zerreißt - kommen dann nicht die Sturmfluten, Chaos, Gewalt. Wenn Gott herabfährt: erbeben dann nicht die Berge, fließen sie nicht wie Magma auseinander. War am Berg Sinai nicht zu Recht verboten gewesen, dem Ort der göttlichen Gegenwart nahe zu kommen - so groß war die Gefahr, hingerafft zu werden? Hatte nicht Mose eigens des Schutzes durch Gott bedurft, um ihm auch nur hinterher zusehen? War es nicht gefährlich gewesen, sich unberechtigt der Bundeslade zu nähern, dem alten Heiligtum? Gottes Gegenwart - Schrecken ist das, Zittern und Zagen, Selbsterkenntnis und Gottesfurcht, menschliche Bestürzung über die himmlische Gewalt.

Und doch: lieber lassen sie sich auf all dies ein, lieber nehmen sie all das in Kauf, als ohne Gott zu bleiben. Als den Bund, den Gott ihnen doch gewährt hatte, hinfahren zu lassen, von ihm nicht mehr zu sprechen, ihn nicht mehr in Anspruch zu nehmen, den Bund aufzugeben, seiner nicht mehr zu gedenken, ihn zu vergessen.

Nein, lieber die Gefahr eingehen, die mit Gottes Gegenwart verbunden sein kann, als auf sie zu verzichten. Denn: kein Ohr hat gehört, kein Auge hat gesehen einen Gott, der an denen, die auf ihn hoffen, am Ende so hilfreich und wohltuend handelt.

Kein Ohr hat je gehört .... Was sagen die Jesajaverse unseren Ohren? Sind sie uns zu laut? Zu gewaltig? Zu fremd mit ihrem Wunsch, lieber Gefahr, Furcht und Schrecken auf sich zu nehmen, aber Gott zu begegnen? Oder sind sie uns doch vertraut in ihrer Sehnsucht, ihrer Beharrlichkeit, ihrem Wunsch nach Nähe und Treue?

Am vergangenen Sonntag wurden in den Kirchen die großen Spendenaktionen eröffnet, Brot für die Welt auf evangelischer Seite und Adveniat mit seinem Schwerpunkt in Lateinamerika und der Karibik in der katholischen Kirche. Ausgegrenzte und Beraubte hoffen auf Recht und Gerechtigkeit. Menschen am Rand der jeweiligen Gesellschaft auf die Möglichkeit, teilzuhaben am Leben, am Wirtschaften, am politischen Leben ihres Landes. Kindern und Jugendlichen soll eine bessere Zukunft ermöglicht werden durch Schulen und Ausbildungsstätten. Arme und von Krankheiten bedrohte warten auf bessere Versorgung und Hilfe zur Selbsthilfe. Ob all den genannten das Drängen, die Risikobereitschaft, die Beharrlichkeit unseres Jesajaabschnittes etwas weniger fremd wäre als uns?

Unser erster Übersetzer aber für die fremden Worte der Bibel ist uns Jesus geworden. Er, der mit seinem Volk eben die Worte vor Gott getragen hat, mit seinem Volk klagte und an Gott festhielt, auf seinem Bund beharrte. Der Finsternis und Gottverlassenheit durchlebte, Verzweiflung und Fragen, und unter all dem Gott, den Vater, drängte und verkündete; der Himmel und Erde, Leib und Leben riskierte, um uns Gottesbegegnung zu schenken. Damit wir sagen können: Du, Gott, bist unser Vater. Dein Reich komme.

So ist es Jesus, der uns einlädt, mit ihm in die gewaltige und fremde biblische Sprache hineinzuhören, sie uns anzueignen, in ihr und mit ihr genauer hin hören zu können auf Gott und die Menschen, besser zu sehen was geschieht auf unserer Erde, neu dazu zu lernen und Gottes Nähe zu erfahren.

Mit ihm sind wir schon hineingenommen unter die Klagenden und unter die Vertrauenden, unter die Sehnsüchtigen und Harrenden unseres Abschnittes, unter die Kinder des Vaters.

Um mit ihnen rufen zu können: Reiß doch die Himmel auf. Komm zu uns mit deiner Gegenwart. In unsere weihnachtlichen Städte, in ihre Schönheiten, ihre Nöten. Komm zu uns in unsere weiten Landstriche, noch in die kleinsten Dörfer mit ihrer Idylle, der echten, der vermeintlichen. Komm zu uns in die Familien, in die glücklichen, vor allem aber in die entzweiten, in die traurigen, zu all den vereinzelten und einsamen.Zu den Kranken und Sterbenden. Komm zu uns in unseren Reichtum und in unsere Armut. Komm zu uns in unsere vielen Möglichkeiten und in unsere Ahnungslosigkeit. Komm zu uns in unsere Not und in unsere Freude.

Ach reiß den Himmel auf. Amen. So sei es. Darauf vertrauen wir. Dran halten wir fest. Amen.



Pfarrerin Kira Busch-Wagner
76275 Ettlingen
E-Mail: Paulusgemeinde.Ettlingen@kbz.ekiba.de

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