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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

2. Sonntag im Advent, 04.12.2011

Predigt zu Jesaja 61:15-64,3, verfasst von Sven Evers

15 So schau nun vom Himmel und sieh herab von deiner heiligen, herrlichen Wohnung! Wo ist nun dein Eifer und deine Macht? Deine große, herzliche Barmherzigkeit hält sich hart gegen mich.

16 Bist du doch unser Vater; denn Abraham weiß von uns nichts, und Israel kennt uns nicht. Du, HERR, bist unser Vater; »Unser Erlöser«, das ist von alters her dein Name. 17 Warum lässt du uns, HERR, abirren von deinen Wegen und unser Herz verstocken, dass wir dich nicht fürchten? Kehr zurück um deiner Knechte willen, um der Stämme willen, die dein Erbe sind! 18 Kurze Zeit haben sie dein heiliges Volk vertrieben, unsre Widersacher haben dein Heiligtum zertreten. 19 Wir sind geworden wie solche, über die du niemals herrschtest, wie Leute, über die dein Name nie genannt wurde.

Ach dass du den Himmel zerrissest und führest herab, dass die Berge vor dir zerflössen, 64 1 wie Feuer Reisig entzündet und wie Feuer Wasser sieden macht, dass dein Name kundwürde unter deinen Feinden und die Völker vor dir zittern müssten, 2 wenn du Furchtbares tust, das wir nicht erwarten – und führest herab, dass die Berge vor dir zerflössen! – 3 und das man von alters her nicht vernommen hat. Kein Ohr hat gehört, kein Auge hat gesehen einen Gott außer dir, der so wohltut denen, die auf ihn harren.

 

 

 

Sehet auf und erhebt Eure Häupter, weil sich Eure Erlösung naht! – Der Wochenspruch über der heute beginnenden Woche.

 

Wäre das nicht schön? Erlösung?

 

Zugegeben – vielleicht nicht das allererste, an das wir denken in der Zeit des Advent. Da bestimmen eher der sanfte Schein der Kerzen, die Düfte und das Klingen der Weihnachtsmärkte unser Herz.

 

Und doch: ist nicht Weihnachten das Fest der Liebe und des Friedens? Selbst dort, wo weder Gott noch das Jesuskind erwartet werden, höre ich doch diese Beschreibung recht oft.

 

 

Ok, Klischee manchmal vielleicht schon fast. Und ja gar nicht so einfach. Weihnachtlicher „Friede“ kann ja auch anstrengend werden angesichts zahlreicher Familienbesuche, ob gewollt oder weil es ja irgendwie schon immer so war und deshalb auch dieses Mal so sein muß.

 

Klischee manchmal vielleicht schon fast, wenn Streit und Unfrieden einfach zugekleistert werden mit dem Zuckerguß weihnachtlicher Besinnlichkeit, der spätestens am zweiten Weihnachtstag dann ohnehin aufbricht und Scherben zurück lässt dort, wo wir uns und anderen eingeredet haben, dass alles in Ordnung sei.

 

Und so vielleicht doch tief in uns oder manchmal sogar ganz dicht unter der Oberfläche: Sehnsucht nach Erlösung?

 

Die Alten zumindest hatten sie, diese tiefe, diese fast körperlich spürbare Sehnsucht nach Erlösung, nach Heilung und Heil. Dieses sehnende Suche, das keine Ruhe lässt oder gibt, bis es nicht befriedigt wird – nicht mit einem „bisschen“ oder einem „Stück weit“, wie wir manchmal sagen, sondern: ganz und gar.

Die Alten hatten sie, diese Sehnsucht, gegründet in tiefer, manchmal fast verschütteter Hoffnung auf den Gott, der war, der ist, und: der kommt.

Buch des Propheten Jesaja, Kapitel 63:

15 So schau nun vom Himmel und sieh herab von deiner heiligen, herrlichen Wohnung! Wo ist nun dein Eifer und deine Macht?

Wenn ich Deine Welt sehe, Gott, in der so viel Unrecht ist und Leid; in der kleine Kinder schreien nach Nahrung und Sterben vor Hunger, während andere sich den Bauch vollschlagen, bis es ihnen zu den Ohren wieder herauskommt: Gott, schau vom Himmel herab!! Tu was! Wo ist Dein Eifer und Deine Macht, die wir so sehr bräuchten, wenn Erlösung Wirklichkeit werden soll, wenn Gerechtigkeit sein soll auf Deiner Erde!

Wenn ich Deine Welt sehe, in der nur das Geld regiert und außen vor bleiben alle, die nichts haben, weil – ja, weil es ihnen genommen wird! Tag für Tag! Weil die einen sich bereichern auf Kosten der anderen – Gott, schau vom Himmel herab! Tu was!

Wenn ich sehe, wie sehr die Frau in der Nachbarschaft leidet unter der Gewalt ihres Mannes und sich doch nicht traut, etwas zu sagen; sich nicht traut, etwas zu tun, weil sie Angst hat, pure Angst; -

wenn ich sehe wie die Kinder von gegenüber, die in der Schule ausgegrenzt und gemobbt werden, weil sie anders aussehen als manche andere; die so vieles erreichen könnten und doch nie erreichen werden in einer Gesellschaft, die Fremdheit nicht als Bereicherung, sondern als Gefahr versteht

wenn ich sehe, wie Alte und Kranke abgeschoben werden, weil sie zu viel kosten und angeblich nichts zu schenken haben, als sei der Schatz der Erfahrung und des gelebten Lebens, den sie bringen, nichts;

wenn ich sehe, wie viel Lüge und Heuchelei und Streit und Schuld es in meinem eigenen Leben gibt; wie ich Menschen Leid zufüge mit so vielen Worten, die ich spreche, mit meinen unüberlegten Taten und meinem oftmals so verbohrten Blick nur für meinen eigenen Vorteil –

Gott, schau vom Himmel herab! Tu was!

 

Warum lässt du uns, HERR, abirren von deinen Wegen und unser Herz verstocken, dass wir dich nicht fürchten?

Man könnte ja auch anders fragen. „Wie kann da ein Gott sein, wenn die Welt so ist, wie sie ist?“ höre ich oft.

„Ich kann an keinen Gott glauben – die Welt müsste eine andere sein, als sie ist, wenn es ihn denn gäbe“ höre ich oft.

Und dann? Dann machen wir angesichts des Leids und des Unfriedens und der Ungerechtigkeit und allen Drecks auf der ganzen Welt einen Gott verantwortlich, von dem wir sonst nichts wissen wollen – weil wir eines vielleicht im Herzen doch wissen: das all das zu tragen und zu ertragen für einen Menschen und für die ganze Menschheit unmöglich wäre. Wir müssten zerbrechen unter der Last dessen, was wir selbst uns aufgeladen haben!

Die Frage, die Jesaja stellt, ist überraschend: Warum lässt Du, Gott, uns abirren? Nicht: warum lässt Du das zu – gewiß, auch das wüsste Jesaja wohl sehr gerne. Aber entscheidend doch: warum lässt Du uns abirren? Warum lässt Du uns in die Irre gehen? Warum lässt Du zu, dass wir das Vertrauen in Dich verlieren und nichts mehr von Dir erwarten?

Wir sind geworden wie solche, über die Du niemals herrschtest, wie Leute, über die Dein Name nie genannt wurde.

So weit ist es mit uns gekommen. Wir fragen nicht einmal mehr nach Gott. Wir leben, als gäbe es da überhaupt niemanden, der nach uns fragt, und er schaffen könnte, was wir nicht schaffen und niemals schaffen können, menschlich allzumenschlich, wie sie sind. Wir sind zu Menschen geworden, die gott-los und trotzdem, als wäre nichts gewesen, der Weihnacht entgegen gehen; zu Menschen, die die Ankunft Gottes feiern – ohne Gott.

Ach, dass Du den Himmel zerrissest und führest herab, dass die Berge vor Dir zerflössen!

Wieder: die tiefe Sehnsucht, die fasst zerreisst. Ach, Heiland, reiss die Himmel auf! Fahr herab, Gott, auf Deine Erde, denn es tut so sehr Not, dass da jemand eingreift in unsere Unerlöstheit, in unseren schalen Frieden und den verschleierten Blick, der die Welt nicht sehen mag, wie sie ist, sondern sie sich schön trinkt mit Glühwein und Weihnachtsduselei.

Fahr herab – hau einfach mal kräftig dazwischen, damit wir erlöst werden von Lüge und Hass, von Selbstsucht und Heuchelei, von der Gier nach Macht und Geld, vom ewigen Kreisen in der Tretmühle des mehr und mehr desselben - : von uns selbst.

Wenn doch Dein Name kund würde unter Deinen Feinden, und die Völker vor Dir zittern müssten, wenn du Furchtbares tust, das wir nicht erwarten – und führest herab, dass die Berge vor dir zerflössen! – 3 und das man von alters her nicht vernommen hat. Kein Ohr hat gehört, kein Auge hat gesehen einen Gott außer dir, der so wohltut denen, die auf ihn harren.

So gar nicht adventlich auf den ersten Blick. Zutiefst adventlich auf den zweiten Blick. Sehnsucht nach Erlösung. Nach einer Welt, die nicht die Welt des Menschen ist, sondern Gottes Welt. Nach einer Welt nicht der Lüge, sondern der Wahrheit; der Liebe und nicht des Hasses, des freien Blicks für den Nächsten und nicht der Selbstsucht. Eine wahrhaft adventliche Welt, in der Gott uns begegnet und wir ihm.

Wie wäre es, wenn wir mit einer solchen Sehnsucht der Weihnacht entgegen gingen? Wir müssen sie gar nicht erfinden – es reicht wohl doch ein Blick in die Welt und vielleicht schon in unser eigenes Leben, um zu erahnen, wie gut uns Erlösung täte; um zu erahnen, wie gut Gott uns täte.

Und dann hören dürfen: er wird kommen. Die Nacht ist vorgedrungen, der Tag ist nicht mehr fern und der Himmel schon aufgerissen. Anders, ganz anders kommt er, als Jesaja es erwartet, ersehnt, erhofft. Und doch genau so: nicht mit Macht und mit der Rute, die wir oftmals so bitter nötig hätten, dass man uns damit den Hintern versohlt, sondern leise und oftmals unerkannt. Nicht wild um sich schlagend, Reisig entzündend, Wasser siedend machend und Völker erzittern lassend – und doch: alles verwandelnd – das Kind in der Krippe. Und auch das vermag in seiner Schwachheit und Machtlosigkeit wohl den ein oder anderen zum erzittern bringen.

Aber davon ein ander Mal. Noch ist es nicht so weit. Noch ist Zeit der Sehnsucht und der Erwartung. Erwartung – nicht von diesem oder jenem oder einem bisschen, sondern: Gottes.

Einen gesegneten zweiten Advent.

Amen.



Landesjugendpfarrer Dr. Sven Evers
Oldenburg
E-Mail: sven.evers@ejo.de

Bemerkung:
Die Predigt beschränkt sich auf eine Auswahl des vorgeschlagenen Textes. Gleichwohl mag es sinnvoll sein, ihn zu Beginn einmal im ganzen zu lesen, um die HörerInnen zumindest ein wenig in die Gedankenwelt von Tritojesaja hineinzunehmen.
In der Predigt selber werden die biblischen Abschnitte von einem Lektor/einer Lektorin gelesen, um Text und Ausführung besser voneinander abgrenzen zu können.



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