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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Christnacht, 24.12.2011

Predigt zu Jesaja 7:10-14, verfasst von Sven Evers

Gnade sei mit Euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus.

 

Was er von Weihnachten erwartet? Was soll er schon erwarten? Es wird ein Weihnachten sein wie viele andere auch. Allein wird er sein. In den Spiegel schauen und sich wünschen, dass die „festlichen Tage“ schnell vorüber gehen mögen.

Er mag diesen Kitsch nicht. Weihnachten. Wer glaubt denn heute noch so etwas. Weihnachten wird unterm Baum entschieden. Im Meer des Kommerzes und der vielen sinnlosen Geschenke, mit denen sich Menschen, die sich eigentlich gar nicht mögen, gegenseitig zuschütten und dazu auch noch nette Gesichter machen müssen.

Ohne Weihnachten wären wir besser dran. Ohne Kirche übrigens auch. Die Botschaft hört er wohl – oh ja, schon seit Jahren. Und fragt sich, wie intelligente Menschen es denn ertragen können von Engeln zu hören und von Jungfrauengeburten und im süßen Schein unzähliger Kerzen von entsprungenen Röslein zu singen.

Weihnachten – nein, darüber ist er hinaus. Das macht er nicht mit. Das braucht er nicht. Nur ganz leise – manchmal – eine klitzekleine Sehnsucht zurück nach der Zeit, in der ihm Weihnachten noch etwas bedeutet hat. Wie gesagt, ganz klein nur und auch nur vorübergehend. Nein, er braucht Weihnachten nicht.

 

 

Fast ängstlich kommt sie nach Hause. Gerne hätte sie sich davor gedrückt. Aber irgendwann muß es ja sein. Er erwartet sie bestimmt schon. Betrunken wahrscheinlich wieder. Ob die Kinder schon etwas zu essen bekommen haben? Bestenfalls sitzt er vor dem Fernseher und nimmt sie gar nicht wahr. Schlimmstenfalls dieses Schreien, das ihr schon Angst macht, wenn sie es sich nur vorstellt. Weinende Kinder, tobender Mann. Wenn sie doch nur ausbrechen könnte aus diesem Gefängnis. Aber wohin? Freunde hat sie kaum noch. Und die, die sie noch so nennt, mögen ihre Geschichten von Zuhause kaum noch hören. Und haben sie nicht irgendwie sogar Recht? Aber sie leidet doch noch immer. Es hat sich doch nichts geändert. Es ist doch nicht besser geworden. Und das Schlimmste diese bohrende Frage, ob sie nicht vielleicht sogar selber Schuld ist, dass es so gekommen ist? Sie mag sich selber kaum noch unter die Augen treten. Weihnachten? Wenn überhaupt, dann macht es ihr noch mehr Angst als sie ohnehin schon hat...

 

Heiliger Abend. Drinnen jedenfalls. Da schimmert es warm und gemütlich. Draußen ist es kalt. Niemand da, mit ihm den Heiligen Abend zu feiern. Nichts zu erwarten in dieser Zeit, in der alle angeblich so besinnlich sind und dabei so hektisch, gestresst, unfreundlich, abweisend. In der Bahnhofsmission gibt’s Suppe. Aber mehr auch nicht. Draußen spricht niemand mit ihm. Abwertend und fast mit Abscheu schauen sie ihm nach, wenn er abends über den Weihnachtsmarkt schleicht. Ein bisschen einatmen von dem Duft und der Stimmung. Ein bisschen sich wärmen am Klang der kitschigen Glöckchen, der ihm so verhassten adventlichen Beschaulichkeit, nach der er sich so sehr sehnt. Doch aus allen Blicken kommt ihm nur Kälte entgegen. Kälter als der Wind schneidet sie ihm bis tief ins Herz hinein. Ein bisschen Wärme nur, ein kleines Wort nur, ein Nicken, das ihm sagen würde: Du darfst hier sein. Du darfst sein. Aber: nichts. Nur Kälte, nur lautes, dröhnendes Schweigen.

 

Eine ausweglose Situation. Keine Hoffnung. Juda und Jerusalem bedroht von der assyrischen Großmacht. Bekannt und gefürchtet für ihre Härte. Gut, das Angebot aus Damaskus und Samaria zu einer großen Koalition gegen die Übermacht hatte es gegeben. Aber Ahas, der König von Juda, hatte sich dagegen entschieden. Das hat die Lage nicht besser gemacht. Im Gegenteil. Samaria und Damaskus nun gegen Juda. Ahas absetzen und jemand anders an seine Stelle, der williger ist, der sich einlässt auf den Kampf gegen die Assyrer.

Verfahren die Lage. Hoffnungslos. Entweder die Assyrer oder Damaskus und Samaria. So oder so – die Niederlage besiegelt.

Und Gott redete zu Ahas und sprach: Fordere Dir ein Zeichen vom Herrn, Deinem Gott, es sei drunten in der Tiefe oder droben in der Höhe.

Was sollte das für ein Zeichen sein, fragt sich Ahas. Was könnte in dieser verfahrenen, in dieser ausweglosen Situation ein Zeichen sein, das nach vorne weist? Das diese Sackgasse aufbricht und neue Wege weist.

Und außerdem: haben nicht die Alten gesagt, man solle Gott nicht versuchen? Denke ich nicht zu menschlich von Gott, wenn ich ein Zeichen von ihm fordere? Ja, wäre es nicht geradezu unanständig, sichtbares zu erwarten von unsrem unsichtbaren Gott, der Himmel und Erde geschaffen hat. Hat er das? Eigentlich müsste ich ihn doch dann irgendwie wahrnehmen können? Was erwarte ich von ihm? Erwarte ich etwas von ihm?

Da sprach Jesaja: Wohlan, so hört, ihr vom Hause David: Ist’s Euch zu wenig, dass ihr Menschen müde macht? Müßt ihr auch meinen Gott müde machen? Darum wird Euch der Herr selbst ein Zeichen geben.

 

Das ist der Punkt, lieber Ahas, sagt der Prophet: Du erwartest offensichtlich in der Tat nichts von Deinem Gott! Rede Dich doch nicht heraus mit pseudotheologischen Argumenten. Gott nicht versuchen, pah! Er selbst hat Dich aufgefordert, ein Zeichen zu fordern.

Er will sich zu erkennen geben, allein die Bereitschaft, ihn zu sehen, die musst Du schon mitbringen.

Er will, dass Du etwas von ihm erwartest.

Er will, dass Du ihn erwartest. Frage nicht, wo er ist, wenn Du nicht bereit bist, ihm zu begegnen.

Erwarte nicht, dass er hilft, wenn Du seine Hilfe nicht einmal annehmen willst.

Erwarte nicht, dass er da ist, wenn Du nicht da bist.

Erwarte nicht, dass er Dir Gott ist, wenn Du nicht ihm Mensch sein willst.

Werde nicht müde, ihn zu erwarten.

Resigniere nicht.

Erwarte nicht nichts, erwarte alles!

 

Der Herr selbst wird Euch ein Zeichen geben: Siehe, eine Jungfrau ist schwanger und wird einen Sohn gebären, den wird sie nennen Immanuel.

Eine schwangere Frau. Ein kleines Kind. Unscheinbar. Zerbrechlich. Hilflos. Und doch: Zeichen der Hoffnung.

Solange Kinder geboren werden, regiert das Leben.

Solange Kinder geboren werden, ist keine Lage so verfahren, dass es nicht irgendwo einen Ausweg gäbe.

Solange Kinder geboren werden, vertrauen Menschen darauf, dass es weiter geht.

Das Schreien eines Kindes – unbändiger Hunger nach Leben.

Sein Lachen – Leuchten inmitten dunkler Nacht.

Zeichen gegen Hoffnungslosigkeit und Tod.

Eine schwangere Frau – ein kleines Kind: Immanuel: Gott mit uns.

Gott, mit Dir, Ahas. Mit Dir, der Du nichts mehr erwarten magst von Deinem Gott;

der Du voller Angst und verzagt Deinen Tagen entgegengehst;

der Du keinen Ausweg siehst und kaum weißt, wie Du den nächsten Tag, geschweige denn die nächsten Wochen überstehen sollst;

der Du Dich nicht traust, Deinen Gott anzurufen und ihn um ein Zeichen zu bitten –

 

Hier ist es: eine schwangere Frau. Das Zeichen ist schon unterwegs. Grund der Hoffnung ist schon gelegt. Unscheinbar und schwach. Aber genauso kommt Gott in unsere Welt, kommt er Dir entgegen. Vertraue, Glaube, fasse Hoffnung.

Eine schwangere Frau, ein kleines Kind. Aufbruch aus der Hoffnungslosigkeit und selbst verschuldeter Blindheit.

Matthäus wird sie zitieren, diese alten Worte des Propheten Jesaja. Jesus von Nazareth: Gott mit uns.

Lukas wird erzählen von einem kleinen Kind in einer Krippe. Der Heiland, der, der heil macht. Geboren in Bethlehem.

Ob sie es verstehen werden, die vielen Fragenden und Suchenden und Verzweifelten? Und die vielen, die nicht mehr fragen und nicht mehr suchen, weil sie in nicht eingestandener Verzweiflung oder in tiefer Resignation oder einfach aus Gewohnheit es längst aufgegeben haben, etwas zu erwarten? Von sich selber, von anderen – von Gott?

 

Heiliger Abend. Drinnen jedenfalls. Hier nur Kälte. Besinnlicher Lärm. Beißender Duft scheußlichster Weihnachtsköstlichkeiten. Abweisende Blicke. Dabei bräuchte es gar nicht viel, damit Heiliger Abend würde auch in ihm. Eine kleine Geste nur. Ein Blick, der anders ist als die, die ihm begegnen. Er würde sie sich so gerne erzählen lassen, diese Geschichte von dem Kind in der Krippe. Wenn doch jemand da wäre, der ihm einfach nur sagt: Komm herein. Gott auch mit Dir. Schau, die Krippe. Das Kind. Es gibt Hoffnung.

Wenn ich doch nur mit jemandem reden könnte, denkt sie. Wenn mir nicht alle schon die Tür vor der Nase zuschlügen, bevor ich überhaupt geklopft habe, weil sie es einfach nicht mehr hören mögen. Ich kann es doch selber nicht mehr hören – und doch leide ich. Wie sehr sie sich danach sehnt, dass einmal jemand sagt: ja, komm herein. Ich höre Dir zu. Ein Zeichen – ja, das wäre schön. Eines, das ihr sagt: es ist nicht alles verloren. Es ist nicht alles verfahren. Es ist nicht alles zu Ende. Es kann Weihnachten werden.

Er ist doch in die Kirche gegangen. Nein, nicht zum Gottesdienst. Das hätte er nicht ertragen. Diese Lieder, diese vielen Gesichter. Nach dem Einkauf. Als Weihnachten eigentlich schon entschieden sein sollte. Still war es in der Kirche. Sanfter Kerzenschein. Wenige Menschen nur, die – ja, was eigentlich suchten. Lange hat er an der Krippe gestanden. Eine Mutter mit ihrem Kleinen stand auf einmal neben ihm. Sie lächelte ihm zu. Er lächelte zurück. Das Kind betrachtete mit großen Augen die Krippe. „Schau mal, das Jesuskind“, sagte es, „wie klein das ist.“ Ja, dachte er. Wie klein das ist. Er ging. „Frohe Weihnachten“, sagte die Frau. „Ihnen auch“, sagte er.

Amen.



Landesjugendpfarrer Dr. Sven Evers
Oldenburg
E-Mail: svenevers@me.com

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