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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Christnacht, 24.12.2011

Predigt zu Jesaja 7:10-14, verfasst von Uwe Graebe

Liebe weihnachtliche Gemeinde,

in unserem visuellen Zeitalter sollen Zeichen wie Piktogramme, Verkehrsschilder, die Bildschirmvorschau und Icons auf dem Computer schnell zu erfassen, eindeutig und möglichst selbsterklärend sein. "What you see is what you get" - das ist selbstverständlicher Standard jeglicher Benutzeroberfläche für unsere Kommunikationsgeräte.

Ein amüsantes Gegenbild zu solcher Effizienz findet sich in einer Ballade des Liedermachers Hannes Wader, die ich in meiner Jugend gerne gehört habe. Da ist der Protagonist nur schwer kompatibel mit allen möglichen gesellschaftlichen Konventionen, und dennoch - so lautet eine Liedzeile - "fand sich ein Warenhaus bereit, / ihn als Schildermaler einzustellen / mit 'ner Probezeit" – was am Ende gehörig schief geht.

Würde Gott heute als Schildermaler eingestellt werden, so würde er wohl gewiss weit vor dem Ende der Probezeit wieder entlassen werden. Denn unser Gott taugt nicht zum Schildermaler. Seine Zeichen sind uneindeutig, verwechselbar, oft konträr zu unseren Wünschen, und sie erschließen sich erst dem, der sich Zeit und Muße nimmt, darüber nachzusinnen. Insofern ist Gott für unser visuelles Zeitalter eigentlich völlig untauglich.

Denken wir nur an das Zeichen dieser Nacht: "Euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids. Und das habt zum Zeichen: Ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen." - Schon der jüdische Gelehrte Pinchas Lapide ("Eine Flüchtlingskind", 1981) hat vor Jahrzehnten darauf hingewiesen, dass dieses Zeichen als konkrete Ortsangabe völlig untauglich ist. Wahrscheinlich wären die Hirten von Beit Sahour aus schon bei der Bezeichnung "Stadt Davids" in die falsche Richtung gelaufen - denn darunter verstand man gemeinhin Jerusalem, und nicht Bethlehem.

Und wenn sie dann merkwürdigerweise doch in die richtige Richtung gelaufen wären, dann hätten sie dort nur feststellen können, dass die allermeisten Säuglinge in Windeln gewickelt sind, und dass in einer Situation allgemeiner Unruhe, in der viele Menschen fernab ihrer Wohnungen auf dem Weg sind, alle möglichen behelfsmäßigen Ablagemöglichkeiten als Ersatz für nicht vorhandene Babybettchen genutzt werden.

Nein, aufgrund eines solchen „Zeichens“ hätten die Hirten das Kind sicher nicht auf Anhieb gefunden. Und das andere Zeichen, welches uns heute Abend zur Predigt aufgetragen ist, ist auch nicht viel besser. Da heißt es im siebenten Kapitel des Jesajabuches:

Und der HERR redete abermals zu Ahas und sprach: Fordere dir ein Zeichen vom HERRN, deinem Gott, es sei drunten in der Tiefe oder droben in der Höhe! Aber Ahas sprach: Ich will's nicht fordern, damit ich den HERRN nicht versuche.

Da sprach Jesaja: Wohlan, so hört, ihr vom Hause David: Ist's euch zu wenig, dass ihr Menschen müde macht? Müsst ihr auch meinen Gott müde machen? Darum wird euch der HERR selbst ein Zeichen geben: Siehe, eine Jungfrau ist schwanger und wird einen Sohn gebären, den wird sie nennen Immanuel.

Dieser Bibelabschnitt nimmt uns mit in eine böse Zeit. Um militärische Taktiererei geht es da und um politischen Machterhalt. Nur von Gott erwartet kaum noch jemand etwas. Der König Ahas jedenfalls schon gar nicht. Und dass er nichts mehr von Gott erwartet, das verpackt er dann auch noch in theologischen Spitzfindigkeiten. Vielleicht ist er dabei manchen heutigen Gelehrten gar nicht so unähnlich, die hinter klugen Formeln verbergen, dass Gott ihnen fremd geworden ist: "Ich will's nicht fordern, damit ich den HERRN nicht versuche", sagt Ahas. - In einer Zeit, die eigentlich ein beherztes Eintreten von Seiten der Theologen wie der Regierenden fordern würde, kennt Gott auf solche klugen Sprüche, die er stattdessen zu hören bekommt, nur noch eine einzige, zutiefst menschliche, Reaktion: Es macht ihn unendlich müde. Es nervt.

Doch dann - was ist das für ein seltsames Zeichen, welches Gott dem Ahas nun geradezu aufdrängt? "Siehe, eine Jungfrau ist schwanger und wird einen Sohn gebären, den wird sie nennen Immanuel." Wir wissen heute, dass wir den Begriff hier eher als "junge Frau" übersetzten müssen denn als Jungfrau. Und ja, das soll von Zeit zu Zeit passieren, dass junge Frauen schwanger werden. Selbst wenn eine "Jungfrau" gemeint gewesen sein sollte, so wäre das in der Antike nichts Besonderes gewesen, wo Jungfrauengeburten durchaus zum Repertoire von Göttern und Königen gehörten. Und den Vers auf die Geburt Jesu im Stall zu Bethlehem zu deuten, wie Christen das traditionell tun, das passt von den Begriffen her kaum - denn Jesus ist "Jeschua", und nicht "Immanuel". Man könnte ganz nüchtern konstatieren, dass Jesaja dem Ahas womöglich lediglich angekündigt hat, dass der einen Sohn und Thronfolger haben wird.

Es mag einen gläubigen Menschen irr und wirr machen, dass Gott keine besseren, eindeutigeren Zeichen gibt. Denn gerade in der heutigen, unüberschaubaren Zeit, suchen wir nach Eindeutigkeit und sehnen uns nach Klarheit. Wo geht die Reise hin? Die Welt ist in Unordnung, in Aufruhr. Das, was als "arabischer Frühling" so hoffnungsvoll begonnen hat, kippt immer mehr in Richtung Gewalt und Fundamentalismus. Und versuch mal einer, unseren Kindern zu erklären, wieso jemand gestern noch als geachteter Staatsmann von den Politikern der Welt hofiert wurde - und heute plötzlich ein geächteter Diktator ist, der offenbar gar keine Freunde mehr hat... Ich mag nicht daran denken, welche Art Moral dies lehrt.

Verunsicherung - genauso wie angesichts der Wirtschafts- und Eurokrise, die die Regierungen trotz aller Rettungsaktionen nicht in den Griff zu bekommen scheinen. Die Ahnung, dass hier die Ressourcen unserer Kinder verbrannt werden. Verbrannt wie auch die Papiere des zunehmend scheiternden Kyoto-Protokolls. Der Eindruck, dass mancher, der eigentlich ein Vorbild sein sollte, sich einfach schamlos verhält. Bei alledem zusätzlich noch das schrille Gerede von Krieg bei uns im Nahen Osten. Gut - es hat hier noch nie einen Krieg gegeben, wenn vorher so ausgiebig darüber geredet wurde. Aber ist das eine Garantie; etwas, worauf man sich verlassen kann in dieser aus den Fugen geratenen Welt?

Und dann ist vielleicht auch deine persönliche Welt in Unordnung geraten - durch einen Schicksalsschlag in der Familie, oder durch gnadenloses Mobbing im Beruf. Alleine stehst du da, weißt nicht, was werden soll, kannst dankbar sein für jeden, der jetzt noch zu dir hält - denn du bist abgestempelt, und die anderen rümpfen über dich die Nase.

Das allgemeine Gefühl ist unübersehbar, dass etwas nicht (mehr) stimmt mit dieser Welt. Und tief im Innern mögen viele von uns beten: Gott, gib uns ein Zeichen. Ein besseres Zeichen als das Kind, in Windeln gewickelt; ein besseres Zeichen als die junge Frau, die schwanger wird. Gott, gib uns Klarheit und Orientierung in einer Welt, in der zunehmend das Unterste nach oben gekehrt wird.

Kann es sein, dass eine solche Bitte beantwortet wird? Vielleicht klingt aus der Ferne der Jahrtausende die leise Stimme an dein Ohr: Der Immanuel, der "Gott mit uns", soll dir genug sein. Sicher, auch er ist ganz furchtbar verwechselbar. Womöglich blitzen vor deinem inneren Auge die Koppelschlösser der Soldaten auf, in die es eingraviert war: "Gott mit uns". Vielleicht will das Gedröhn des Stechschritts dieser Soldaten die leise Stimme des Jesaja übertönen. Und doch setzt sie sich durch - in aller Stille, wie ein Cantus Firmus: Immanuel - der Gott in Solidarität. In Solidarität nicht mit den Frechen, Dreisten, Durchsetzungsstarken - sondern in Solidarität mit den Angefochtenen, Orientierungslosen.

Immanuel, Gott mit uns - nicht da, wo Militärstrategien und Vernichtungspläne geschmiedet werden, sondern in Solidarität mit den jungen Menschen auf dem Tahrir-Platz in Kairo, in den Straßen von Hama und Homs, oder vor der Shwedagon-Pagode in Rangoon - die den Traum von mehr Freiheit, Gleichberechtigung und Demokratie trotz aller Gewalt noch nicht aufgegeben haben.

Immanuel, Gott mit uns - nicht da, wo die Zocker und Gewinnmaximierer sitzen, sondern in Solidarität mit denen, die täglich neu um das Auskommen ihrer Familie ringen; in Solidarität mit denen, die unverdrossen eintreten für die Bewahrung unserer Schöpfung.

Immanuel, Gott mit uns - nicht da, wo einer es schafft, im Konkurrenzkampf immer oben zu schwimmen, sondern in Solidarität mit denen, denen selbst Solidarität noch etwas gilt.

Immanuel, Gott mit uns - der zerbrechliche, menschliche und immer wieder in Frage gestellte Gott: das ist Weihnachten. Und nur, weil die Hirten, die selbst zu den Angefochtenen gehörten, schon immer Ausschau nach einem solchen Immanuel gehalten haben - nur deswegen haben sie das Kind in der Krippe dann tatsächlich gefunden.

Damit wird das uneindeutige dann doch wieder zu einem ganz eindeutigen Zeichen: Da, wo du selbst diesen Immanuel von ganzem Herzen suchst, da wirst du ihn finden, da wird er sich von dir finden lassen - da wird er selbst dich finden. Da eilst du dann nicht auf falschen Fährten in die Jerusalemer Davidsstadt, wo die Könige residieren, sondern gehst hinein in die Zerbrochenheit Bethlehems. Es ist deine eigene Zerbrochenheit, in der Gott dir da begegnet. Eine Zerbrochenheit, die ihm seit dieser Nacht nicht mehr fremd ist. Und das erkennst du jetzt auch ohne einfache Piktogramme und Schilder. Denn das ist Weihnachten.

Amen.



Propst Dr. Uwe Graebe
Jerusalem
E-Mail: uwe.graebe@evangelisch-in-jerusalem.org

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