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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Christvesper, 24.12.2011

Predigt zu Jesaja 9:1-6, verfasst von Karin Klement

Liebe Gemeinde am Heiligen Abend!

Als er den Weihnachtsgottesdienst verlässt, klingen die jauchzenden Töne von Händels Chormusik in seiner Seele weiter. Fast will er mitsingen: „Denn, es ist uns ein Kind geboren, uns zum Heil ein Sohn gegeben …“ Schnell eilen seine Schritte voran. Er will den jubelnden Klängen entfliehen. Sein Herz ist noch nicht bereit. Zuviel Schmerz, Erinnerungen, die ihn verletzten und ihm wehtun.

Draußen ist die Dämmerung hereingebrochen, so finster wie seine Seele. Nein, keine freudige Stimmung, kein Singen und Jubeln. Eher Vorwürfe und Zorn brodeln unter seiner Haut. Das Kind in der Krippe als Zeichen von Gottes Liebe?? Was weiß denn der Pfarrer schon von echter Armut in der Kindheit. Von harten Umständen bei der Geburt. Von Kälte und Rücksichtslosigkeit anderer Menschen, die es einer jungen, unverheirateten Mutter so schwer machen, ihr Kind wirklich anzunehmen. Familienidylle am Heiligen Abend ist ihm ein Graus; sie erinnert ihn immer wieder daran, dass er selbst im städtischen Kinderheim aufwuchs, wohin seine Mutter ihn abgeschoben hatte. Dreißig schreiende Jungs, die von zwei Betreuerinnen mehr oder weniger mühevoll gebändigt werden mussten. Stille zum Einschlafen – nur auf Druck. Ein liebevolles Streicheln über den Kopf im Vorübergehen – selten Zeit dafür. Zuwendung und eine „Tante“ nur für sich selbst haben – unmöglich.

Die Erinnerungen verlangsamen seinen Gang; auf einer Parkbank unter einer Laterne findet er einen ruhigen, einsamen Platz, um sich hinzusetzen. Er fühlt sich müde, erschöpft, unendlich traurig. Eine ungewollte Kindergeburt ist kein Anlass sich zu freuen – zumindest, wenn man selbst das Kind ist. Die dunkle Vergangenheit seiner Kindertage holt ihn immer wieder ein, obwohl er regelmäßig versucht, ihr zu entfliehen. Ob es anderen ähnlich ergeht wie ihm? Aber wie kommt man dann zur Weihnachtsfreude? Woher holt man sich den Mut dazu?

Mit der Hand wischt er sich über die Stirn. Bloß fort mit diesen finsteren Erinnerungen und schmerzenden Gedanken. Er kramt in seiner Tasche; jede Abwechslung ist willkommen. Na endlich, die Zeitung, die er vor seinem Gottesdienstbesuch am Kiosk kaufte. Im Schein der Laterne liest er die Titelseite. Rückblicke auf das Jahr 2011:

Ein Autor schreibt: „Der Arabische Frühling mit seinem explosionsartigen Streben nach Demokratie weckt gewaltige Hoffnungen weltweit. Jahrzehntelange Diktaturen zerbrechen unter dem mutigen Protest der Menschen. Den blühenden Aufbruch in neue demokratische Gesellschaften können auch die dröhnenden Stiefel militärischer Macht nicht zertreten.“

Was für eine unglaublich leuchtende Hoffnung, denkt der einsam Sitzende auf der Parkbank, hoffentlich wird sie nicht enttäuscht! Was dort in diesen arabischen Ländern zur Welt gekommen ist, braucht Schutz und Begleitung durch andere Nationen, aber keine Bevormundung. Es braucht leuchtende Vorbilder, glänzende Helden, ebenso jedoch Menschen, deren inneres Feuer für die Freiheit geduldig und ausdauernd brennt. So lautet seine Ansicht.

Denn jeder Stiefel, der mit Gedröhn dahergeht, und jeder Mantel, durch Blut geschleift, wird verbrannt und vom Feuer verzehrt.

„Die atomare Katastrophe in Fukushima scheint gebändigt.“ Heißt es im Artikel weiter. „Aber ihre Auswirkungen für die Zukunft bleiben unabsehbar. Dennoch zieht es viele Japaner zurück in ihre alten Häuser, in ihre Gärten und auf die kontaminierten Gemüsefelder. Sie graben den vergifteten Boden um und setzen neue Pflanzen. Sie bauen an ihrer Zukunft. Unerschrocken, zielstrebig, mit einem scheuen Lächeln im Gesicht.“

Vor dir wird man sich freuen, wie man sich freut in der ERNTE, wie man fröhlich ist, wenn man Beute austeilt. Denn du hast … die Jochstange auf ihrer Schulter und den Stecken ihres Treibers zerbrochen.

Was treibt sie an? Sind diese Menschen blind für die Gefahren oder übermütig vor Freude über ihre gelungene Heimkehr? Wissen sie wirklich, was sie da ernten werden, ob ihre Anstrengungen sich lohnen, fragt er sich beim Lesen erstaunt. Denn er mag kaum glauben, dass Menschen ihrem Schicksal so ergeben, aber hartnäckig zu trotzen vermögen. Aber er ahnt, was der Zeitungsredakteur sagen will: Menschen, wie sie, säen Widerstand aus, Keimlinge ihres deutlichen Protestes gegen eine Politik, die Leben gefährdet. Sie weigern sich, ihre Zukunft nur schwarz zu sehen. Ihre widerständigen Pflanzen werden wachsen, solange die Sonne scheint und Regen fällt. Sie vertrauen auf eine Macht, die außerhalb ihrer eigenen Kräfte wirkt.

Der Redakteur formuliert weiter: „Ein tiefschwarzer Schatten überfiel im Sommer das norwegische Volk, als ein kranker Mensch die grauenvollen Mordanschläge in Oslo und auf der sonnigen Ferieninsel Ytoya verübte. Die geschockten Menschen trauern noch immer. Doch sie finden Zeichen und Symbole, um die Erinnerung an ihre Toten in die Gegenwart zu holen. Sie wollen mit jenen, die ihnen unvergessen bleiben, gemeinsam in eine neue Zukunft gehen.“

Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht. Und über denen, die da wohnen im finsteren Lande scheint es hell.

Während er noch schwankt zwischen den prophetischen Worten aus uralter Zeit und den negativen Schlagzeilen des zurückliegenden Jahres, erwachen in ihm neue Gedanken. Die schmerzlichen Bilder von damals und heute ähneln sich sehr. Ja, auf dieser Erde ist vieles nicht gut. Ungerechtes Leid, Schuld und Tod erfassen nicht nur das individuelle Leben eines Menschen, sie umgreifen ganze Völker. Sie verdunkeln die Zukunft ganzer Generationen. Und dennoch – überraschenderweise geben Menschen ihre Hoffnungen nicht auf. Indem sie ihre Trauer ins Licht setzen und nicht verbergen, indem sie ihrem Leid einen sichtbaren Raum geben, widerstehen sie jeder Verzweiflung. Ja, mehr noch. Sie entzünden Hoffnungslichter auch für andere; sie setzen Zeichen für eine heilvolle Zukunft; sie entdecken ein wachsendes Licht am Horizont. Als ob inmitten jener grauenhaften Finsternis klare Einsichten ihre Gedanken durchströmen. Als ob eine sanfte Wärme ihre verwundeten Herzen berührt, sie tröstet und heilt.

Du weckst lauten Jubel, du machst groß die Freude.

Merkwürdig. Wie kommen Menschen mitten im Elend zu diesem hoffnungsvoll leuchtenden Mut? Was – oder wer – entzündet dieses Feuer der Hoffnung in ihnen, diese brennende Zuversicht gegen die Kälte der rauhen Wirklichkeit?

Mit dieser Frage blättert er weiter in seiner Zeitschrift und entdeckt die Weihnachtsseite. Bibeltext und Andacht liegen aufgeschlagen vor ihm. Die Worte kommen ihm vertraut vor. Ähnliches hörte er in der Predigt.

„Viele Jahrhunderte vor der Christgeburt“, liest er sich den Text laut vor, „schrieb der Prophet Jesaja ein jubelndes Danklied für sein geknechtetes Volk. Ein Gebet, das Gott preist für ein Kind, das geboren wird als beglückender Retter und machtvoller Befreier.“

Nachdenklich lehnt er sich zurück. Es war wohl schon immer so, dass Menschen sehr viel ungerechtes Leid durchstehen müssen. Und immer suchten sie nach festen Punkten, die ihnen einen Weg in die Zukunft weisen. Ihre tiefsten Träume, ihre größten Wünsche zielten auf einen mächtigen Beschützer, einen König, der zu Recht die Welt-Herrschaft auf seinen Schultern trägt. Sie hatten noch keine Namen für ihn, außer jenen, die ihnen ihre Sehnsucht beschrieb: Wunderbarer Ratgeber. Ein wahrer Held in Gottes und der Menschen Augen, der klug und umsichtig handelt. Ewiger Vater, der sich äußerst fürsorglich um seine Menschenkinder kümmert. Ein Machthaber, der mit Frieden regiert, mit Recht und Gerechtigkeit zum Wohlergehen für alle Welt.

Prächtige, glorreiche, glänzende Namen für ein solches Königs-Kind, von dem die Christen glauben, dass es unter bettelarmen Umständen geboren wird. Abgewiesen aus den Häusern; schräg angeschaut, weil es eben nicht so aufwächst und lebt wie die Königskinder unserer Vorstellungen. Plötzlich bekommt er Mitleid mit diesem kleinen, unschuldigen Krippenkind. Ganz nahe fühlt er sich dem Neugeborenen, das lange nach Jesajas Weissagung in Bethlehem zur Welt kommt.

Er lässt die Zeitung sinken; verabschiedet in Gedanken von der Weihnachtsandacht und dem Jahresrückblick. Als er in seinen Gedanken verträumt die Augen schließt, hört er plötzlich die jauchzenden Töne wieder, den jubelnden Klang aus mehrstimmigen Kehlen: „Denn, es ist uns ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben … und er heißt: Wunder-Rat, Herrlicher …“. Für uns alle ist dieses Kind geboren, weiß er nun. Für die ganze Welt, die sich nach Frieden sehnt. Und für jeden einzelnen Menschen, wie er selbst, der unter schwierigen Umständen sein Leben durchschreitet.

Dieser rettende Gott des Propheten Jesaja im alten jüdischen Volk ist derselbe, der noch heute Menschen aus ihrem Elend erlöst. Der sie aus ihren dunklen, selbstquälerischen Gedanken herausholt. Der Lichtzeichen setzt, unübersehbar. ER nimmt Wohnung unter den Obdachlosen. ER zerbricht die Gewalt der Antreiber. ER lässt sich von den Mächtigen der Erde aufs Kreuz legen und stellt damit ihre Macht infrage. ER wird als schwaches Kind geboren und glüht doch durch Raum und Zeit wie ein unzerstörbarer Lebensfunke, der vor Liebe brennt. Sein Leuchtfeuer durchdringt die Nacht des Todes und öffnet uns den Himmel.

Leise beginnt er zu summen, ja lauthals zu singen. Sein Herz hat Feuer gefangen. Mag außen noch alles dunkel erscheinen, inwendig leuchtet in ihm die Weihnachtsfreude. „Denn, es ist uns ein Kind geboren, uns zum Heil ein Sohn gegeben …“

AMEN



Pastorin Karin Klement
Visselhövede
E-Mail: karin.klement@evlka.de

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