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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Altjahresabend, 31.12.2011

Predigt zu Exodus (2. Buch Mose) 13:20, verfasst von Anna Henze

Exodus 13,20 So zogen sie aus von Sukkot und lagerten sich in Etam am Rande der Wüste.21 Und der HERR zog vor ihnen her, am Tage in einer Wolkensäule, um sie den rechten Weg zu führen, und bei Nacht in einer Feuersäule, um ihnen zu leuchten, damit sie Tag und Nacht wandern konnten. 22 Niemals wich die Wolkensäule von dem Volk bei Tage noch die Feuersäule bei Nacht. 

Strandspaziergang Januar

Der halb gefrorene Sand knirscht unter meinen Füßen. Die Temperatur muss um den Gefrierpunkt liegen. Das Brausen der Wellen ist regelmäßig und mächtig. Ich sehe keine anderen Menschen und auch keine Fußspuren im Sand. An diesem Januarmorgen sind noch nicht viele Menschen hier gewesen am Nordseestrand. Es ist auch wirklich nicht besonders gemütlich. Es ist kalt, die Luft ist feucht, der Wind weht jetzt von vorne und vor allem ist es neblig.  Ich kann, wenn ich in Richtung Land blicke, gerade so die ersten Dünen erkennen. Auch die Wasseroberfläche liegt im Nebel und der Horizont ist irgendwo weit draußen im Dunst verborgen. Aber ich bin warm angezogen und möchte gerade jetzt nirgendwo anders sein als hier.

Strandspaziergang durch das Jahr

Liebe Silvestergemeinde,

mögen Sie mich begleiten auf einem Strandspaziergang durch das Jahr? Gehen Sie in Gedanken mit mir durch das vergangene Jahr hier am Nordseestrand. Wo es neblige Tage gab. Und stürmische. Und völlig verregnete, an denen sich kaum ein Mensch hierher wagt. Aber auch sonnige und milde Tage. Leichte, fröhliche. Gehen Sie an diesem Strand durch IHR vergangenes Jahr, das Jahr, das sich dem Ende zuneigt. Und sicherlich begegnet uns auf diesem Spaziergang auch schon der eine oder andere Gedanke an das kommende Jahr, das heute Nacht beginnen wird.

Neblige Zeiten

Ich wandere noch ein wenig weiter durch den Nebel... Inzwischen sind mir drei andere Wanderer begegnet - und zwei Hunde. Aber der Nebel hat sich nicht gelichtet. Vielleicht bleibt es heute den ganzen Tag so diesig.

Gab es neblige Zeiten im vergangenen Jahr? Tage oder Wochen, bei denen Sie im Rückblick gar nicht wissen: Was ist da eigentlich passiert in meinem Leben? Was hatte dieses Ereignis zu bedeuten? Vielleicht lichtet sich der Nebel noch, klärt sich manches, wenn erst ein wenig Zeit vergangen ist. Oder gab es Wochen, die so neblig, so dunkel waren, dass Sie am liebsten gar nicht daran zurückdenken möchten?

Zurückblicken und an das Kommende denken. Das Alte ist noch nicht vergangen, das Neue hat noch nicht begonnen. Der Silvestertag, der Tag zwischen den Jahren, ist es für Sie ein nebliger, trauriger und wehmütiger Tag? Oder ein Tag voller Dankbarkeit für all das Gute des vergangenen Jahres? Oder von beidem ein bisschen?

Strandspaziergang März

Ein neuer Tag am Strand. Es ist März, aber von Frühling ist noch nichts zu spüren. Ich trage die gleiche warme Winterjacke, Mütze, Kapuze, Handschuhe und Stiefel wie im Januar. Es ist kalt, und vor allem ist es: stürmisch! Ich kämpfe gegen den kalten Wind an. Versuche herauszufinden, ob er vom Land oder vom Wasser weht. Ich weiß es nicht - es fühlt sich so an, als ob die Windböen von allen Seiten gleichzeitig kommen. Sand weht mir ins Gesicht, meine Augen tränen. Ich höre kaum das laute Brausen des Meeres, weil der Wind, der unter die Ränder meiner Kapuze weht, alles übertönt. Eine Plastiktüte weht mir vor die Füße. Ich komme nur langsam voran in diesem Sturm. Aber ich komme voran.

Stürmische Zeiten

Stürmische Zeiten - "alles stürmt auf mich ein", "ich weiß nicht mehr, wo mir der Kopf steht", "Ich muss mich durchkämpfen" wie durch einen Sturm. Gab es solche Zeiten für Sie im letzten Jahr? Zeiten, in denen plötzlich alles auf einmal kam, in denen Sie sich hin- und hergerissen fühlten zwischen den vielen Aufgaben und Herausforderungen? Hat der Sturm Sie umgepustet? Oder haben Sie es geschafft, sich durch ihn durchzukämpfen, ihm standzuhalten?

Strandspaziergang Mai

Zum Glück geht auch der schlimmste Sturm einmal vorbei. Es ist Mai, und ich bin wieder am Strand. Endlich ist der Frühling so richtig zu spüren. Die Luft ist milde und der leichte Wind ist deshalb überhaupt nicht unangenehm.  In den Dünen grünen viele verschiedene Gräser, manche haben sogar schon Blüten. Gelbe habe ich gesehen, und ein paar lilafarbene. Das Rauschen der See klingt sanft und beruhigend. Die Sonne schaut von Zeit zu Zeit hinter den Wolken hervor. Sie wärmt mein Gesicht.

Warme Zeiten - Gefühle an Silvester

Warme, ruhige Tage, an denen das Leben seinen Gang geht. An denen alles gut  ist, an denen gar nichts Besonderes passiert. An denen alles gut ist, weil gar nichts Besonderes passiert. Gab es solche Tage im Jahr 2011? Es ist gar nicht so leicht, sich an diese Tage zu erinnern, glaube ich. Weil sie so leise sind. Sie fügen sich unauffällig zwischen die vielen anderen Tage. Aber sie sind da.

Strandspaziergang Juli

Und es gibt ja auch sehr viel lautere Tage. Zum Beispiel so ein Julisonntag am Nordseestrand. Ungefähr 29 Grad. Die Wellen plätschern leicht vor sich hin. Der Sand ist heiß und die Füße sind nackt. Einen Spaziergang kann ich heute kaum machen, denn überall liegen Badelaken und Decken. Dazwischen sind Klappstühle und Strandmuscheln aufgebaut. Und Kühltaschen, Körbe, Bälle, Eimer und Spaten, Schwimmtiere, Badelatschen. Und natürlich viele, viele Menschen. Alle haben frei, alle freuen sich, dass endlich Strandwetter ist. Babys schreien, kleine Kinder johlen, große Kinder toben. Männer bauen Sandburgen, Frauen holen ein Eis vom Kiosk.

Leichte Zeiten

Leicht - so fühlt sich so ein Sommertag am Strand an. Das Leben ist einfach, denn heute habe ich nichts anderes zu tun, als den Tag am Strand zu verbringen und abends ins Ferienhaus zurückzukehren. Ich brauche nicht zu überlegen, wann was erledigt werden muss. Alles geht von allein, die Stunden verfliegen nur so. Solche leichten Tage gibt es nicht oft. Übers Jahr verteilt kann man wohl froh sein, wenn es fünf oder zehn  sind. Aber sie spenden Freude, Kraft und Energie für all die Tage dazwischen.

Strandspaziergang September

Wenn es Herbst wird in jedem Jahr. Am Strand ist es viel ruhiger geworden. Ich sehe nur ein paar vereinzelte Spaziergänger und ein paar kleine Jungen, die Fußball spielen. Ruhig ist es, aber nicht leise. Denn die Geräusche der Natur sind wieder lauter geworden. Das Meer, der Wind. Der Himmel ist voller Wolken. Es sieht aus, als seien es mehrere Schichten. Noch ist es hell, aber ich spüre, dass die Dunkelheit bald zurückkommt. Die Dunkelheit des Abends und die Dunkelheit des Winters.

Dunkle Zeiten

Dunkle Zeiten kommen und gehen. Wie war das bei Ihnen im letzten Jahr? Gab es Tage, an denen die Sonne nicht aufgegangen ist für Sie? An denen Sie sich so einsam gefühlt haben, dass kein Licht zu Ihnen vordringen konnte? 

Suche nach Zeichen - Nähe zu Gott

Solche dunklen Tage sind es, an denen die Sehnsucht nach Gott besonders groß ist. An dem leichten Juli-Sommer-Strandtag suche ich nicht nach Gott. Ich denke vielleicht zwischendurch mal kurz an ihn, sende ihm einen dankbaren Gedanken zu. Und lasse mich dann weitertragen von der Leichtigkeit des Tages, weitertragen durch den Tag, von Gott. An dunklen Tagen ist auch Gott manchmal im Dunkel verborgen. Dann suche ich nach einem Zeichen von ihm. Ein Zeichen, mit dem Gott mir sagt: Ich bin da. Du siehst mich nicht, du spürst mich nicht, du hörst mich nicht. Weil um dich herum alles dunkel ist. Aber ich bin da.

Situation Israeliten

Ein Zeichen Gottes. Ein Zeichen Gottes wünsche ich mir, wie es die Israeliten in der Wüste bekommen. Im Predigttext heißt es: Und der HERR zog vor ihnen her, am Tage in einer Wolkensäule, um sie den rechten Weg zu führen, und bei Nacht in einer Feuersäule, um ihnen zu leuchten, damit sie Tag und Nacht wandern konnten. 22 Niemals wich die Wolkensäule von dem Volk bei Tage noch die Feuersäule bei Nacht.

Die Israeliten sind gerade am Anfang ihrer anstrengenden, jahrelangen Wüstenwanderung. Es liegen noch viele Herausforderungen vor ihnen. Aber Gott verspricht ihnen: Ich bin immer bei euch auf eurem Weg. Und das ist noch nicht alles: Gott will sichtbar bei ihnen sein, ihnen ganz konkret und eindeutig den Weg weisen durch eine Wolkensäule und eine Feuersäule, die vor ihnen herziehen.

Weitergehen mit Gott

So einfach werde ich es nicht haben auf meinem Strandspaziergang, meiner Wüstenwanderung, auf meinem Weg durch das Jahr 2012. Ich glaube daran, dass Gott auch mir verspricht: Ich bin immer bei dir auf deinem Weg. Und ich glaube, dass er dieses Versprechen hält. So deutliche Wegweiser wie das israelitische Volk bekomme ich leider nicht von Gott. Aber ich kann, ich darf nach Zeichen suchen. Zeichen finden und für mich als Wegweiser Gottes deuten. Für mich ist der Strand ein Ort, an dem ich mich Gott besonders nah fühle. Deshalb habe ich Sie heute mit auf den Spaziergang an der See genommen. An der Grenze zwischen Wasser und Land - dort öffnet sich manchmal auch ein Fenster zum Himmel.

Ich wünsche uns allen für das neue Jahr, dass wir solche Fenster zum Himmel entdecken. Dass wir Zeichen und Wegweiser Gottes entdecken, wenn wir sie am nötigsten brauchen. Dass wir uns von Gott geleitet und getragen fühlen auf dem Weg durch die Tage, die Monate, durch das Jahr.

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.

Amen



Pastorin Anna Henze
Hamburg-Niendorf
E-Mail: anna_ellie@yahoo.de

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