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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Neujahr/1. Sonntag nach dem Christfest, 01.01.2012

Predigt zu Josua 1:1-9, verfasst von Hans-Hermann Jantzen

Liebe Gemeinde,

Neujahr nennen wir diesen ersten Januar und übernehmen damit die römische Zeitrechnung, die sich seit dem Mittelalter in weiten Teilen der Welt durchgesetzt hat. In der ver­gangenen Nacht Punkt 24.00 Uhr haben wir die Grenze zwi­schen dem alten und dem neuen Jahr überschritten. Die meisten von uns haben in der Familie oder im Freundeskreis auf ein gesundes, gesegnetes neues Jahr angesto­ßen. Ein Ritual, das uns hilft, den Übergang von einem Jahr zum andern zu gestalten.

Andererseits wissen wir sehr wohl: So einfach ist das nicht, solch ein Übergang vom Alten zum Neuen. Ob ein Jahr neu wird, liegt nicht am Kalender und nicht an der Uhr. Ob ein Jahr neu wird, das liegt an uns, ob wir es neu machen; ob wir neu anfangen zu denken, zu reden, zu leben. Ob ein Jahr neu wird, das liegt daran, ob wir den Menschen neben uns neu sehen, die Frau oder den Mann, die Kinder oder die Eltern, den Nachbarn oder den Kollegen; ob wir neu aufeinander hören, nicht immer das Falsche heraushö­ren, sondern auch das Vertrauen, die Hoffnung, den guten Wil­len hinter den Worten hören. Ob ein Jahr wirklich neu wird, das muss sich erst herausstellen im Laufe des Jahres.

Der heutige Predigttext beschreibt auch so eine Schwellensi­tuation. Mose, der große Führer der Israeliten, ist gestorben. Nun steht sein Nachfolger Josua mit dem Volk am Jordan, an der Grenze zwischen der vertrauten Wüste und dem unbekann­ten verheißenen Land. Er steht vor der schwierigen Entschei­dung: Sollen wir weitergehen, sollen wir über den Jordan ge­hen? Sollen wir uns auf das, was Gott uns und unseren Vätern versprochen hat, verlassen und uns auf das, was wir nicht ken­nen, einlassen? Oder sollen wir lieber im vertrauten Gelände bleiben, da, wo wir uns auskennen? Gottes Weisung an Josua ist klar: "Zieh über den Jordan!" Aber er fügt dieser Wegweisung eine neue Verheißung, ein tragendes Versprechen hinzu. Ich lese aus dem 1. Kapitel des Buches Josua die Verse 1-9.

Ein paar Anmerkungen zum Text. Das Buch Josua ist etwa in der Mitte des 6. vorchristlichen Jahrhunderts entstanden, in der Zeit des Babylonischen Exils. Hier wird also nicht die geschicht­liche Situation des Übergangs von der Steppe ins Kulturland be­schrieben, als ein Nomadenvolk sich anschickte, sesshaft zu werden. Vielmehr werden hier in der Rückblende auf eine längst vergangene "Stunde Null" bittere Erfahrungen, die das Volk Israel im Laufe seiner Geschichte gemacht hatte, verarbei­tet. Das von Gott versprochene Land, das Land der Väter, In­begriff  der Verheißungen Gottes seit Abrahams Zeiten, war dem Volk Israel wieder genommen worden. Im Jahre 587 hatten die Babylonier Israel erobert, die Hauptstadt Jerusalem zerstört und die Oberschicht der Bevölkerung in die Ver­bannung verschleppt. Es war schmerzlich für das Volk Israel zu erkennen: Wir haben keinen Rechtsanspruch auf dieses Land, das Gott unseren Vätern ver­heißen hat. Aber dann hatten sie gelernt: auch wenn heidnische Mächte darin herrschen, es bleibt trotzdem Gottes Land! Und darum bleibt auch die Zukunft offen, was aus uns und aus dem Land werden wird. Wich­tig ist einzig und allein, dass Gott unseren Weg mit geht; dass er bei uns bleibt und seine schützende Hand über uns hält. Die­ses Vertrauen läßt unsere Angst kleiner werden, auch in der Fremde, und macht uns Mut, das nächste Wegstück unter die Füße zu nehmen.

Sie haben es sicherlich gemerkt: aus dieser Perspektive ist unser Predigttext plötzlich keine Reisebeschreibung aus vergan­genen Zeiten mehr, sondern ein gewaltiger Mutmach-Text für ein ver­zagtes Volk. Die gegenwärtige Situation des Volkes Die Verheißungen Gottes widersprechen der trostlosen Gegenwart. Und weil Gott zu seinen Verheißungen steht, weil er sich selbst und seinen Menschen treu ist, darum gibt es für das Volk Israel eine Zu­kunft, auch wenn der Augenschein dagegenspricht.

Diese Zukunft liegt "jenseits des Jordan", auf der anderen Seite des Flusses. Um zu ihr zu gelangen, um diese Zukunft er-leben zu können, müssen wir "über den Jordan gehen". Für uns geht es nicht mehr darum, einen geographischen Fluss zu überqueren, sondern jeweils die Schwelle zu überschreiten, die uns aus dem Altvertrauten hinüberführt in neue Lebens- und Erfahrungsräu­me. Immer wieder sind wir gefragt: Wollt ihr diesen Übergang wagen? Wollt ihr euch auf das Neue, Unbekannte einlassen? Ihr könnt diesen Schritt getrost tun. Denn Gott geht mit euch. Euer Gottvertrauen schützt euch nicht vor Irrtümern oder Schuld. Es ist kein Garantieschein gegen Unglück, gegen Krankheit oder Leid. Gottes Verheißung trägt den Namen "Treue". In seiner Treue zu uns Menschen sind wir getragen auf allen Wegen unseres Lebens. Gott lässt uns nicht fallen, auch wenn uns der Boden unter den Füßen weggezogen wird. Er bleibt bei uns. "Siehe, ich habe dir geboten, dass du getrost und un­verzagt seist. Laß dir nicht grauen und entsetze dich nicht; denn der Herr, dein Gott, ist mit dir in allem, was du tun wirst."

Liebe Gemeinde, können wir uns zum neuen Jahr etwas Schöne­res zusagen lassen als diese Treue Gottes? Manchem mag die Schwelle ins neue Jahr so vorkommen wie der Schritt über den Jordan. Was erwartet mich in diesem Jahr? Werde ich den viel­fältigen Aufgaben und Anforderungen gerecht werden können? Werden meine Kräfte ausreichen, auch die schweren Ereignisse zu tragen? Oder werden mir die Probleme über den Kopf wachsen?

Jeder mag sich seine ganz persönliche Situation vor Augen stellen: bei dem einen droht der Verlust des Arbeitsplatzes, die andere weiß nicht, wie sie als Alleinerziehende über die Runden kommen soll. Bei dem einen hat eine plötzliche Erkrankung das ganze Leben durcheinandergebracht. Der anderen fällt die Decke auf den Kopf, weil seit dem Tod des Ehepartners das Haus plötzlich so groß und leer ist. Und noch ein anderer weiß nicht, wo er die Zeit und die Kraft hernehmen soll, um die alte Mutter oder den alten Vater zu pflegen. Ich brauche mich nur hier umzuschauen, dann werden alle diese Beispiele lebendig, und ich kann es gut verstehen, wenn manchem angst und bange davor ist, über den Jordan zu gehen in das fremde Land; in das unbekannte neue Jahr.

Nicht nur auf unserm persönlichen Weg, auch in Gesellschaft und Politik brauchen wir viel Ermutigung. Wie soll die immer größer werdende Schere zwischen arm und reich in unserm Land wieder geschlossen werden? Wie können wir Verantwortung und gegenseitigen Respekt stärken gegen eine wachsende egoistische Gier? Was wollen wir den menschenverachtenden Parolen der Rechtsextremen und ihrer zunehmenden Gewaltbereitschaft entgegensetzen? Wie wollen wir den gewaltigen Herausfor­derungen im Umweltschutz begegnen, damit auch noch die nächsten Generationen unbeschwert auf dieser Erde leben kön­nen? Viele scheinen wie gelähmt vor Angst und möchten am liebsten zurück an die „Fleischtöpfe Ägyptens".

Wagen wir den Schritt über den Jordan? Oder verbarrikadieren wir uns lieber an diesem Ufer? Verteidi­gen wir unseren Besitzstand mit Zähnen und Klauen? Rufen wir nach dem starken Mann, laufen wir den Rattenfängern nach? Oder haben wir den Mut, den Ewig-Gestrigen eine klare Absage zu erteilen und die ver­nünftigen, sozialen und menschlichen Kräfte in unserer Gesellschaft zu stärken? 2012 ist keine Wagenburgmentalität gefragt, weder in Deutschland noch sonst irgendwo, sondern eine vorausschauen­de Offenheit, die Bereitschaft, Fremde zu integrieren, und der Mut, das gemeinsame Haus Europa miteinander zu gestalten.

Dieser Mut, über den Jordan zu gehen und das vor uns liegende Land, unsere Zukunft, zu gestalten, kommt nicht von allein. Er wächst weder aus Resignation noch aus markigen Sprüchen. Ein solcher Mut kann letzt­lich nur aus der Zusage unseres Gottes kommen: "Ich werde mit dir sein in allem, was du tust!"

Woher wissen wir, dass Gott unser Vertrauen verdient? Wir wissen es in besonderer Weise durch Jesus von Nazareth. Jesus hat sich ganz und gar auf eben diesen Gott verlassen. Im Namen Gottes hat er  Menschen getröstet und ermutigt und hat sie an Leib und Seele geheilt. Dabei ist er ständig "über den Jordan" gegangen, hat Grenzen überschritten und sich in neues Land vorgewagt: in das Neuland der Gewaltlosigkeit, des Vertrauens und der Liebe. Wir gewinnen viel für unser Leben, wenn wir uns an seinen Grenz­überschreitungen orientieren.

Die neue Jahreslosung gibt die ermutigende Richtung vor: "Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig". So fasst der Apostel Paulus die Botschaft Jesu zusammen. Weil wir Jesus sei­nen Gott glauben, darum können wir mit Josua - beide Namen haben denselben Ursprung und bedeuten "Gott hilft!" - getrost und unverzagt über den Jordan in das neue Jahr ge­hen. Getrost und unverzagt sein, das kann gerade in dieser ungewissen Zeit die angemessene Art sein, Gott zu loben und ihn Gott sein zu lassen, unsern  Gott, der sich uns in Jesus Christus versprochen hat. So wird auch das neue Jahr ein gutes und gesegnetes Jahr werden, ein Gnadenjahr des Herrn.

Amen.

Landessuperintendent i.R. Hans-Hermann Jantzen
Lüneburg
E-Mail: hans-hermann.jantzen@evlka.de

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