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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Christvesper, 24.12.2011

Predigt zu Jesaja 9:1-6, verfasst von Florian Wilk


 

Liebe Gemeinde,

die Erwartungen sind riesig. Weihnachten soll es werden. Genauer gesagt: Die Weihnacht soll uns anrühren. Wir möchten erleben, ja: spüren, dass diese Nacht geweiht ist, ausgezeichnet vor anderen Nächten.

Im Einzelnen hat wohl jede und jeder ganz eigene Träume: Die eine hofft auf ein harmonisches Beisammensein der Familie, der andere auf Ruhe und Zeit zum Abschalten; der eine fiebert danach, seine Geschenke auspacken zu können, die andere freut sich auf das Fest­essen. Manche wünschen sich all das zusammen - und viele noch ganz anderes. So oder so: Die Sehnsucht nach einer glücklichen Weihnacht brennt in unseren Herzen.

Doch zugleich weckt wohl kaum eine andere Nacht im Jahr derart große Befürchtungen. Hier droht es stressig zu werden; dort steht wieder mal Streit ins Haus. Hier fürchtet eine die Einsamkeit, dort jemand den unausweichlichen Trubel. „Fröhliche Weihnachten" - dieser freundliche Gruß klingt in manchen Ohren wie der reine Hohn.

Hoffnung und Beklemmung, freudige Erwartung und bange Sorge - sie liegen dicht beieinander, wenn es Weihnachten wird.

Es ist gut möglich, dass dieser Gegensatz von Gefühlen und Ahnun­gen durch hiesige Weihnachtsbräuche verstärkt wird. Die Ausrich­tung des Weihnachtsfestes auf die Familie weckt je nach Lebenslage ganz unterschiedliche Empfindungen. Der hohe Stellenwert, der weit­hin dem Schenken beigemessen wird, führt wohl unausweichlich auch zu Situationen von Scham oder Enttäuschung.

Ich vermute jedoch, dass das Beieinander von Sehnsucht und Furcht letztlich auf die Weihnachtsbotschaft selbst zurückgeht. „Uns ist ein Kind geboren", heißt es im Predigttext aus dem Jesajabuch. Und diese Nachricht setzt eine Vielfalt von Gedanken und Gefühlen frei...

Musik

Im Jesajabuch ist auf den ersten Blick freilich nur von großem Glück die Rede: „Du weckst lauten Jubel, du machst groß die Freude. Vor dir wird man sich freuen, wie man sich freut in der Ernte, wie man fröhlich ist, wenn man Beute austeilt", heißt es da. Diese Freude ent­steht aus der wunderbaren Befreiung Israels vom „drückenden Joch" der Besatzer; doch ihr eigentlicher Ursprung liegt in dem Wunder, dass Gottes Volk endlich den ersehnten „Herrscher" bekommt, der nach außen für „Frieden" sorgt - und nach innen für „Gerechtigkeit".

Die Bibelwissenschaft ist sich nicht einig, welche Besatzung hier ursprünglich im Blick war. Offenbar passt der Text zu verschiedenen Stationen der Geschichte Israels. Eben deshalb wurde er dann durch viele Jahrhunderte hindurch weitergereicht - und dabei wohl auch ergänzt und verändert. Bisweilen kam es zu markanten Variationen. So scheint die griechische Übersetzung nicht von einem König, son­dern von einem gelehrten Priester zu sprechen, der Israel Heil bringt.

Den grundlegenden Tenor des Textes allerdings hielt die Überliefe­rung durchweg fest. Und demnach liegt in Jesaja 9 nicht einfach ein Danklied vor. Die Verse bringen einen Umbruch zur Sprache: „Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht ..." Hier geht es um einen Lichtglanz, der in das Dunkel eindringt, es aber keines­wegs schon überstrahlt. Es geht um ein Licht, das Hoffnung weckt, Hoffnung auf die Vertreibung der Finsternis.

Wo genau dieses Licht aufleuchtet, bleibt im Jesajabuch offen. Man kann es bei der Entmachtung der Unterdrücker entdecken oder bei der Inthronisation des neuen Herrschers. Das Licht lässt sich jedoch auch mit der Geburt des Thronfolgers verknüpfen: Schon das Kind eröffnet dann die Aussicht auf eine glorreiche Zukunft. Folgerichtig wurde der Text im antiken Judentum unterschiedlich ausgelegt. Und als die frühen Christen ihn als Weissagung auf Jesus lasen, entwickelten sie ihrerseits verschiedene Lesarten. Manche sahen das Licht von Jesu Himmelfahrt ausgehen (Lukas); manche fanden es bereits in seinem Erdenwirken (Matthäus). Mit der Zeit wurde die Deutung beliebt, die bis heute unsere Gottesdienste prägt: Was über dem „finstern Lande" aufscheint, ist die ‚Klarheit des Herrn‘ aus der Weihnachtsgeschichte.

Musik

„Uns ist ein Kind geboren": in der Tat eine vielschichtige Nachricht! Da ist Jubel zu hören, Jubel über das Geschenk neuen Lebens und den immensen Reichtum, der uns damit zuteil wird. Da klingt Vor­freude: auf die Lebensgeschichte, die hier beginnt und die das eigene Dasein hell und weit zu machen verspricht. Da mischt sich freilich Sorge hinein, Sorge um das künftige Geschick des Kindes. Da spürt man auch Beklemmung angesichts der Herausforderungen, die das Kind mit sich bringt. Und da schwingt im Hintergrund sogar Furcht mit, dass all die großen Hoffnungen zunichte werden könnten ...

Mit den Hoffnungen, die ein Kind in uns hervorruft, hat es ja eine eigene Bewandtnis. Seine Geburt ist „ein ganz und gar offener An­fang" (K.-P. Hertzsch). Es ist noch verborgen, wie es sich entwickeln und wie es unser Leben verändern wird. Daher können sich unsere Hoffnungen nicht auf etwas richten, das wir „schon einmal erlebt haben". Die Kinds-Hoffnung ist sozusagen „radikal"; sie erwartet „das noch ganz Unbekannte". Eben deshalb aber verbindet sie sich dann mit Sorge und Furcht.

Ich meine, mit der Hoffnung, die uns die Weihnacht ans Herz legt, verhält es sich ähnlich. „Uns ist ein Kind geboren", sagt der Prophet. Diese Geburt ruft immense Erwartungen hervor. Sie sind freilich ziemlich unbestimmt. Das zeigen gerade die Namen, die dem Thron­erben zugedacht werden: „Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst". Vier Mal wird die Heilsfülle angedeutet, die vom künftigen Herrscher ausgehen soll; eine Fülle, der seinerseits keine Grenzen gesetzt sind: weder durch Ratlosigkeit noch durch Schwä­che, durch Vergänglichkeit nicht und durch Zwietracht auch nicht. Aber wie er sein Werk hinausführen und wie dieses Werk beschaffen sein wird, bleibt in der Schwebe.

Von Beklemmung ist im Jesajabuch allerdings keine Rede. Und doch ist die Zuversicht, die der Prophet in Worte fasst, nicht ungetrübt. Noch wohnen er und die, die ihn hören, „im finstern Lande". Und am Ende bleibt augenscheinlich nichts anderes übrig, als dass sie ihre radikale, ganz und gar maßlose Kinds-Hoffnung auf Gott richten: „Solches wird tun der Eifer des Herrn Zebaoth."

Musik

Lange Zeit lässt der Prophet ungeklärt, worauf sich seine Zuversicht eigentlich gründet. Zwar spricht er ein „Du" auf seine Befreiungstat hin an; doch damit kann ebenso gut der erwartete Herrscher gemeint sein. Erst zum Schluss macht er den Grund seiner Hoffnungen nam­haft: den Eifer Gottes.

Nun spricht die Bibel von Gottes Eifer vor allem dann, wenn die Zukunft auf dem Spiel steht - die Zukunft der Ehre Gottes etwa oder auch die Zukunft seines Volkes. Oft genug hängt beides zusammen. An Gottes Eifer appellieren, das heißt also: sich darauf einstimmen, dass die Zukunft in Gottes Hand steht.

Eben darum geht es im Predigttext. Ein Kind wird geboren, ein offe­ner Anfang gesetzt. Noch ist nicht zu erkennen, welchen Weg es gehen wird, ob es die Finsternis zu überwinden vermag. Hoffnung und Sorge liegen ineinander. Aber weil Gott in diesem Anfang tätig war, kann es am Ende „nicht dunkel bleiben über denen, die in Angst sind".

Um solche Hoffnung geht es auch in der Weihnacht. Ja, die Radikali­tät des Hoffens ist gegenüber dem Jesajabuch noch gesteigert. Denn mit dem Kind in der Krippe hat Gott sich ein für alle Mal verbunden. In diesem Kind gibt Gott sich selbst zu erkennen: als Versprechen neuen Lebens. Dies Versprechen kennt keine Grenzen; es gilt allen, die es hören. Und welche es sich zu Herzen nehmen, die werden Teil einer ganz neuen Familie: „Uns ist ein Kind geboren", sagen sie.

Wie dieses Kind mein Leben verändert, steht dahin. Ob ich ihm dabei gerecht werde, steht dahin. Ob die Hoffnung, die es in mir weckt, auf Dauer ankommen wird gegen Furcht und Sorge, steht noch dahin. Doch was auch immer geschieht: Seit dieses Kind uns geboren ist, bin ich nicht mehr allein in der Welt. Gott selbst begleitet mich durch das Leben; und viele, die sich von ihm anrühren lassen, gehen mit.

Amen.



Prof. Dr. Florian Wilk
Göttingen
E-Mail: Florian.Wilk@theologie.uni-goettingen.de

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