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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

3. Sonntag nach Epiphanias, 22.01.2012

Predigt zu 2. Könige 5:1-19a, verfasst von Rainer Stahl

Liebe Leserin und lieber Leser, liebe Schwestern und Brüder,

1529 hat Martin Luther im Rahmen seiner Erläuterung des 1. Gebotes im Großen Katechismus eine zeitlose und faszinierende Aussage gemacht: Gott ist das, ist die Macht, ist die Sache, ist die Idee, an die ich mich in meinen Nöten wende, von der ich das für mich Gute erwarte. Einen Gott haben, so fährt er fort, ist nichts anderes, als dieser »Größe« zu trauen und zu glauben: „Wie ich oft gesagt habe: Allein das Trauen und Glauben des Herzens macht beide - Gott und Abgott."

Im Herbst 1917 hat eine kleine Gruppe von Terroristen die noch junge und schwache, aber schon sehr lebendige Demokratie Russlands mit einem Putsch zerstört und dann in einem langen und schrecklichen Bürgerkrieg die Macht im Land an sich gerissen. Schon die Bezeichnung „Große Sozialistische Oktoberrevolution" für diesen Putsch war eine lügenhafte und übrigens religiöse Deutung des Geschehens von damals. Die neuen Machthaber sind unter anderem daran gegangen, alle traditionelle Religiosität im Land zu bekämpfen. Ein Ziel ihrer Agitation war der Volksglaube, dass Heilige nicht verwesen. Deshalb wurden grabfrevlerisch Sarkophage von als Heiligen Verehrte aufgebrochen und den Menschen gezeigt, dass die Toten nicht erhalten sondern verwest waren. Übrigens wurde diese Kampagne recht bald abgebrochen, weil sich die Verleumdung als Schwindel nicht immer bestätigte - es also doch manche gut erhaltenen sterblichen Überreste von als Heiligen Verehrte gab!

Als dann der Führer dieser Machtclique im Januar 1924 starb - Wladimir Iljitsch Uljanow, genannt: Lenin -, hat derjenige, der sich die Nachfolge zu sichern verstand - Josef Wissarjonowitsch Dschugaschwili, genannt: Stalin -, die Idee verfolgt und durchgesetzt, die Leiche Lenins einzubalsamieren. Damit wurde der letzte Wille des Toten missachtet - übrigens bis heute. Er hatte bestimmt, im Grab seiner Mutter in St. Petersburg beigesetzt zu werden. Seither funktioniert das Leninmausoleum auf dem Roten Platz in Moskau.

Als ich 1973 das erste Mal in der Sowjetunion war, bin ich auch in das Mausoleum gegangen und sehe die wächserne Maske noch heute vor mir. Nun vermute ich, dass zu Sowjetzeiten, wenn die Lage der Kirche einigermaßen »normal« war - wirklich normal war sie unter kommunistischer Diktatur nie - und die Repräsentanten der Kirche nicht unter Hausarrest, in Konzentrationslagern oder ermordet waren, diese gelegentlich ins Leninmausoleum gehen und die sterblichen Überreste ihres Erzfeindes ehren mussten. Wie war das möglich?

Ich kann mir denken, dass unser biblischer Text eine Hilfe gegeben hat. Und zwar dessen wirkliche theologische Spitze. Dort haben die jüdischen Theologen, denen wir die Endfassung des Textes über die Sage zu Elischa und Nacaman verdanken, die Frage schon aufgenommen, die Luther so viel später stellen würde: Ja, es entstehen durch unser Vertrauen Gott und Abgott, die wahre Religiosität sowie der Aberglaube und der Irrglaube.

Für alle, die sich der wahren Religiosität zuwenden entsteht dann die Frage: Wie damit leben, dass so viele andere neben einem dem Irrglauben folgen? Gibt es jenseits der Aporie, jenseits des Gegensatzes noch etwas anderes? Wie ist Konvivenz, wie ist Zusammenleben möglich?

„Denn nicht mehr will dein Diener [Nacaman]

Brandopfer und Schlachtopfer anderen Göttern darbringen

außer Jahwe / dem Herrn allein.

In der folgenden Sache möge Jahwe / der Herr deinem Diener verzeihen:

‚Wenn mein Adon / Herr [also sein König] ins Haus Rimmons kommt

[in den Tempel des Gottes Haddad von Damaskus geht], um dort anbetend niederzufallen,

und sich dabei auf meine Hand stützt und ich anbetend im Haus Rimmons niederfalle,

wenn er anbetend im Haus Rimmons niederfällt, möge doch Jahwe / der Herr deinem Diener verzeihen in dieser Sache!'

Und er [Elischa] sprach zu ihm: ‚Geh im Schalom / im Frieden!'"

Wir müssen uns nicht verweigern. Wir müssen und wir können in unserer Welt mit leben. Aber, wir sollen zu unserer Umwelt eine tiefe innere Distanz bewahren. Die jüdischen Autoren dieses kleinen Dialogs bringen diese Distanz dadurch zum Ausdruck, dass sie das Bewusstsein wach halten, dass unsere Entscheidungen und unser Verhalten auf das Verzeihen Gottes angewiesen sind. Also so: Unsere russischen orthodoxen Amtsbrüder waren ins Leninmausoleum gegangen und hatten den neuen Gott scheinbar angebetet, konnten aber nun den wahren Gott um Verzeihung bitten und die tröstende Antwort des Elischa auf sich beziehen:

„Geh im Schalom!"

Eine der beiden Textfassungen zum zweiten Königebuch, die es in der Septuaginta gibt, hat die dritte Aussage über das anbetende Niederfallen im Tempel des Gottes Haddad ergänzt mit dem Zusatz:

„werde ich zugleich mit ihm anbetend niederfallen vor dem Herrn, meinem Gott."

Also: Wer sich verneigte im Leninmausoleum vor dieser Leiche dort oder auf dem Roten Platz in Richtung auf das Mausoleum, kann dieses äußere Zeichen eines Kotau leisten - und doch den wahren Gott verehren, still für sich zum Beispiel ein „Otsche nasch", ein Vaterunser beten.

Liebe Schwestern und Brüder, solch »Ungeheuerlichkeit« empfehlen uns die jüdischen Theologen, die diesen Bibeltext verfasst und ins Griechische übersetzt und uns in seiner hebräischen Textgestalt und in seinen griechischen Textgestalten übergeben haben! Nicht ständige und vollständige Verweigerung, sondern durchaus Einfügen in die Gegebenheiten der Zeit und der Gesellschaft. Aber doch den wahren Gott im Bewusstsein behalten, im eigenen Herzen nur ihn verehren und ganz große Distanz wahren zu den religiösen Formen der eigenen Zeit.

Wir können dankbar sein: Die bei uns politisch Verantwortlichen bauen keine Abgötterei auf und verlangen keine religiöse Verehrung. Aber in unserer Gesellschaft, in unserem Alltag begegnen uns viele Kräfte, die wollen, dass wir von ihnen alles Gute erwarten und wir uns an sie in unseren Nöten wenden.

Das Ideal von Schönheit und Jugend, von Kraft und Gesundheit will angebetet werden, will, dass wir vor ihm anbetend niederfallen. Aber an diesem Ideal ist doch viel Richtiges! Für die Gesundheit und das gute Aussehen etwas zu tun, das ist doch sinnvoll! Unser Glaube verlangt von uns nicht einfach Verweigerung. Das wäre töricht. Auch wir Christen dürfen joggen, dürfen Wintersport treiben, dürfen uns für sportliche Ereignisse interessieren, vor kurzem beim Vierschanzenturnier mit dem schließlichen Sieger Gregor Schlierenzauer mitfiebern. Aber, wir werden uns nicht ganz drangeben. Wir behalten eine innere Distanz. Wir trainieren im Fitness-Studio, aber würden Medikamente zum Muskelaufbau nicht nehmen. Denn wir verehren nicht den Gott von Schönheit und Sportlichkeit, sondern „den Herrn, unseren Gott".

Alles dreht sich ums Geld und seine Anlagemöglichkeiten. Viele sehen ihren Lebenssinn darin, einen Job zu gewinnen, bei dem sie »viel Kohle« nach Hause tragen können. Manche sind dauernd mit Anlageentscheidungen beschäftigt und versuchen, so viel Profit wie möglich für sich zu gewinnen. Aber auch wir Christen und unsere Kirchen agieren auf demselben Finanzmarkt. Eine wirkliche Alternative gibt es nicht. Indem wir Geld anfassen, sind wir eingebunden in die Wirkzusammenhänge, die die Finanzwirtschaft mit sich bringt. Um hier Christus zu zitieren: „Geben wir dem Kaiser, was des Kaisers ist" (Matthäus 22,21). Aber, wir können dies mit innerer Distanz tun, mit innerer Freiheit gegenüber den Zwängen und Abhängigkeiten, die die Finanzwelt mit sich bringt. Denn wir verehren nicht den Gott von Geld und Geiz, sondern „den Herrn, unseren Gott".

Ob dieses wichtige Bibelwort auch bei Ihnen, liebe Schwestern und Brüder, den Realismus und die Distanz stärken können? Ich wünsche es Ihnen von Herzen!

Amen.

„Und der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft, bewahre Eure Herzen und Sinne bei Jesus Christus, unserem Herrn."



Generalsekretär, Pfarrer Dr. Rainer Stahl
Erlangen
E-Mail: gensek@martin-luther-bund.de

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