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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

3. Sonntag nach Epiphanias, 22.01.2012

Predigt zu 2. Könige 5:1 – 19, verfasst von Ulrich Kappes

 Liebe Gemeinde,

handelt das Evangelium dieses Sonntages von der Heilung eines Knechtes des Hauptmanns von Kapernaum, so schildert uns diese Erzählung die Heilung eines Hauptmannes namens Naaman aus Syrien. In beiden Fällen macht sich ein Mensch auf den Weg. Menschen überwinden sich und gehen. Gott ist es, der ihnen gibt, wonach sie streben.

Was ist mit denen unter uns, die krank sind, viele Ärzte aufgesucht, viele Gebete gesprochen haben und nicht geheilt wurden? Verbittert sie ein solcher Text wie dieser oder vermögen wir, auch wenn wir nicht die gleiche Erfahrung machen konnten, dennoch aufgeschlossen zu hören?

Es wird berichtet, dass ein hoher Militär, ein General, des aramäischen Königs an Aussatz erkrankt sei. Nach übereinstimmender Überzeugung der Ausleger handelte es sich hierbei nicht um Lepra, sondern um die Schuppenflechte.1 Sie machte sein Leben zur Qual.

Naaman war es, der nach einem jüdischen Kommentar als Bogenschütze König Ahab tötete und so Aram, das heute Syrien heißt, zum Sieg verhalf.2 Sein Name „Naaman" freilich sagte anderes. Er bedeutete der „Großzügige", der „Angenehme", der „Faire".3Von großer Gestalt war er.

Gab der Name sein Wesen wieder? „Angenehm" waren seine Umgangsformen jedenfalls mit den israelischen Nachbarn nicht. Wir hörten, dass vermutlich nach einem Raubüberfall ein israelisches Mädchen als Sklavin für seine Frau erbeutet wurde.4 Wer war dieser Naaman?

So knapp die Angaben über ihn auch sind, so steht nach diesen wenigen Strichen die Gestalt eines harten und erfolgreichen aramäischen Generals vor Augen, der sich bei seinem Nachbarvolk holt, was er braucht.

Mit einem Sendschreiben seines Königs und einer unermesslichen Zahl von Geschenken machte er sich auf die Reise nach Israel, um von seiner Schuppenflechte geheilt zu werden. Entgegen dem Hinweis seiner jüdischen Sklavin sucht er nicht den „Propheten in Samaria", sondern den israelischen König Joram selbst auf.

Warum? Es war seine - eben aramäische - Anschauung, dass alles Prophetentum dem König untergeordnet sei und der Prophet dann auf Wink des Königs zu handeln habe.5

Welten treffen aufeinander. Joram, der jüdische König, meint, er sei es, der gebeten werde, diesen Kranken zu heilen und er zerreißt seine Kleider.

Am Anfang der Erzählung herrscht an ziemliches Durcheinander. Eine von aramäischen Banden geraubtes jüdisches Mädchen hat die Größe, Naaman den entscheidenden Hinweis zu seiner Rettung zu geben. Naaman zieht in ehemaliges Feindesland und macht dort alles falsch.

Fragen wir nach der Botschaft dieses ersten Teiles der Erzählung, so könnte sie nach einem alten Satz der Kirchenväter heißen: „Im Durcheinander menschlicher Geschichte wirkt die Vorsehung und Fürsorge Gottes." Was in der Gegenwart aus unserer Sicht konfus und sinnlos ist, kann sich am Ende als Gottes gütiger Plan herausstellen. Gott führt, wo wir nur Chaos sehen, unverständlich den Lauf der Dinge in unserem Leben in unserem Leben, möchte uns diese Erzählung vermitteln.

Naaman begibt sich vor die Tür des Hauses des - wie es heißt - „Mannes Gottes". Er erwartet, dass Elisa heraustritt, ihm die Hände auflegt, Segensworte spricht und ihn heilt. So stellt er sich das vor, so malte er es sich in Gedanken aus.

Elisa lässt ihm sagen, er soll zum Jordan gehen und siebenmal untertauchen.

Als Naaman diese Worte, vorgetragen durch einen Boten, hört, geht ihm die Galle über. Er fühlt sich nicht nur gedemütigt von diesem Propheten, der es nicht nötig hat, vor die Tür zu treten, sondern noch mehr von der Methode, wie er geheilt werden soll. - Hat er nicht Flüsse genug in und um Damaskus?

Wenn wir zu Gott beten, er möge uns helfen oder heilen, dann ist es naheliegend, sich vorzustellen und auszumalen, wie Gott heilt: durch einen guten Arzt, eine gelungene Operation, Krankenschwestern, die das Ihrige tun oder die Kraft einer starken Natur.

Wir haben unsere konkreten, klaren Vorstellungen - wie sollte es anders gehen?

Wir haben unsere Vorstellungen von Gott, wie er uns helfen und wie es gehen müsste mit einer Besserung.

Wir haben in gleicher Weise unsere Vorstellungen von unserem Leben, unserer Ehe, unseren Kinder und Enkelkindern, unserer Freunden und unserer Gemeinde. So ist es, wenn wir mit Herzblut unser Leben führen.

Ein Problem wird das alles erst, wenn man glaubt, so und nicht anders müsse es mit unseren Wünschen, Vorstellungen und Träumen kommen und dann verläuft alles in nicht vorher gedachten Bahnen.

Naaman hatte „Diener", Weggefährten, die ihn auf dem Weg in das fremde Land begleiteten. Diese „Diener" waren sehr klug und schafften es, seinen Starrsinn zu überwinden: ‚Ja, du hast ein großes Heilungsritual erwartet. Umsonst hast du ja nicht sechstausend Goldstücke mitgenommen. Du hättest in diesem großen Ritual alles getan, was der Prophet dir sagte. Nun sei so freundlich und mache das Kleine, was er verlangt und reinige dich im Jordan.'

Menschen wie diese Diener sind so etwas wie Engel, einzigartige Engel. Sie bewahren uns davor, dass wir uns fest fahren und verrennen, die große Chance im Leben vertun, weil wir meinten, es müsse so und nicht anders gehen.

Naaman wird geheilt, indem er in die Fluten des Jordan siebenmal hinabtaucht. Das Wort, das für „Hinabtauchen" steht, kommt sehr selten im Alten Testament vor. Es ist in der griechischen Übersetzung das gleiche Wort wie das neutestamentliche „taufen". Nach seinem siebenmaligen Untertauchen flossen, so heißt es‚ das alte Fleisch Naamans und alle seine Verkrustungen und Verwundungen davon. Seine Haut wurde wie die Haut eines Knaben, gesund und frisch und schön.'6 Wird hier auf der Ebene „des Fleisches" gesagt, was sich am inneren Menschen in der Taufe ereignet? „Es werden kommen von Osten und Westen, von Norden und von Süden die zu Tische sitzen werden im Reich Gottes", ist nach dem Wochespruch das Leitbild dieses Sonntages. Bei einem, der aus dem Süden zu uns kommt, bei Naaman wird uns in anschaulichen Bildern gesagt, was Taufe bedeutet.

Naamans spricht nach seiner Heilung gegenüber Elisa das Bekenntnis zu dem einen und einzigen Gott, dem Gott Israels, aus, dem er nun angehören will.

Um ihm in seiner Heimat Aram einen Altar zu bauen und ihn würdig anzubeten, erbittet er zwei oder drei Säcke israelischer Erde. Nachdem ihm das gewährt wurde, benennt er das große Problem seines künftigen Lebens:

Wie wird er es vereinbaren können, dem Gott Israels mit ganzer Seele zu dienen und gleichzeitig die Staatsräson zu wahren, zu der er als General und rechte Hand des Königs verpflichtet ist? Wie wird er den neuen Glauben mit seiner politischen und militärischen Stellung zusammenbringen?

Was hier als Naamans Schwierigkeit geschildert wird, ist die Schwierigkeit jedes gläubigen Menschen, sei er Jude oder sei er Christ.

Wir bekennen uns zu Gott und wir binden uns an Gott, kommen aber in Lebenssituationen, wo es uns unsagbar schwer fällt, all das zu halten, was Gott von uns will.

Der Gott Israels, der Gott Elisas forderte, dass es keine Götter neben ihm gab.

Naaman, wollte er nicht aus dem Leben scheiden, konnte das nicht durchhalten. Er musste wenigstens im Tempel daneben stehen, wenn der König zu einem anderen Gott anbetete.

Gott fordert von uns, die Wahrheit zu sagen - es gibt aber Zeiten, da können wir nicht die Wahrheit sagen.

Gott fordert von uns Nächstenliebe. Im beruflichen Wettstreit, in dem harten Konkurrenzkampf der Betriebe und Institutionen, müssen wir uns durchsetzen, wollen wir unsere Stellung behalten oder erringen und sind zu Zeiten Menschen ohne Nächstenliebe.

„Wer dich auf die rechte Wange schlägt ... - es mag Situationen geben, wo man das aushalten kann, es kann aber eben auch eine Notwehrsituation eintreten, wo wir uns nicht schlagen lassen können.

Elisa sagt: „Gehe hin in Frieden!" Er sagt nicht: „Ich vergebe dir das." Er fordert Naaman nur auf, trotz des Zwiespaltes, der zu einem Leben im Glauben gehört, in Frieden zu gehen.

Mit den Worten „Gehe hin in Frieden!", schloss der Rechtstreit im alten Israel, wenn sich zwei Parteien geeinigt hatten, wohl wissend, dass Spuren von Unrecht unausräumbar waren.7

„Gehe hin in Frieden", sagt uns Elisa. Wir werden manchmal an Gott, manchmal an uns selber, manchmal an unserer Familie schuldig, weil es nicht anders geht. Lebe mit diesem Zwiespalt in Frieden, sagt uns „Elisa, der Mann Gottes". Amen

 



Pfr. em. Dr. Ulrich Kappes
14943 Luckenwalde
E-Mail: ulrich.kappes@gmx.de

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