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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Septuagesimae, 05.02.2012

Predigt zu Jeremia 9:22-23, verfasst von Stefan Knobloch

 

Schlüssel zum Leben

Eine knappe Lesung eines alttestamentlichen Propheten aus der Wende des 7. zum 6. Jahrhunderts v. Chr. Jeremia sein Name. Sie hat für uns wahrscheinlich den Effekt eines pick-up-service, eines Transfers zum Hotel nach der Landung in einem fremden Land. Man ist müde, ohne wirkliche Aufnahmefähigkeit der verwirrenden Eindrücke einer fremden Metropole. Man ist ohne Orientierung und fände den Weg zurück zum Flughafen niemals aus eigener Kraft. Man hat aus dem fahrenden Taxi Eindrücke aufgeschnappt, aber einordnen kann man sie nicht.

Das mag ein gewagtes, vielleicht sogar ein verunglücktes Bild für unsere Situation angesichts der Lesung aus dem Propheten Jeremia sein. Sie bildete keine lange Wegstrecke, eher nur eine kurze, aus gerade einmal drei Sätzen. Aber was blieb haften? Nur fahrige Eindrücke wie beim Blick aus dem Taxi?

Dabei setzt unsere Lesung gewichtig ein: „So spricht der Herr." Das mögen wir für eine Formel halten, deren Wahrheitsgehalt wir nicht unbedingt auf die Goldwaage legen wollen. In der Kirche, könnten wir sagen, spreche man halt so. Das gehöre zu ihrem Sprachstil. Und der sei um Lichtjahre entfernt von unserer Alltagssprache. Um Lichtjahre entfernt damit auch von den konkreten Erfahrungen unseres Lebens, die sich in unserer Alltagssprache ausdrücken. Aber: „So spricht der Herr"?

Machen wir es uns mit dieser Einschätzung nicht etwas zu leicht? Wenn wir, angestoßen von dem „So spricht der Herr", meinen, unsere Alltagssprache strotze nur so von Leben und Lebenserfahrungen? An der Formel „So spricht der Herr" aber hafte auch nicht der Hauch einer Erfahrung? Tun wir da Recht, einen solchen Gegensatz auszuheben? Vielleicht berühren sich beide Sprachspiele, die Alltagssprache und die Sprache des Glaubens/der Kirche, mehr als wir denken. Fangen wir einmal so an: Es gibt Ereignisse im Leben und damit Erfahrungen im Leben, die uns überfordern, die uns stumm und ratlos zurücklassen, die wir nicht einordnen, nicht verarbeiten können. Wir lassen sie offen, und doch drängen sie nach einer Antwort, nach einer Deutung. Und zwar nach einer Deutung, bei der wir oft nicht umhin können, über unsere Alltagsdeutungssysteme hinaus zu greifen. Greifen wir da ins Leere? In eine Leere, die wir uns nur in unserer Phantasie als reale Welt ausmalen? Die aber nichts anderes ist als unsere Wunschprojektion? Und die sich dann schließlich in religiöser Sprache äußert?

Es gibt in der Tat manche, die die religiöse Sprache für eine leere Äußerung von Wunschprojektionen halten. Das ist die eine Möglichkeit. Und es gibt die andere Möglichkeit, dass die religiöse Sprache auf Erfahrungen basiert und in Erfahrungen gründet, die Menschen, wie wir dann sagen, mit Gott machen. Natürlich nicht in der Art eines Telefongesprächs: Hallo, ich bin's! Gott spricht hier! Nein, die Erfahrungen, die Menschen mit Gott machen, wenn sie sie denn machen, sind immer vermittelte, durch die Ereignisse des Lebens vermittelte und über Generationen hin tradierte Erfahrungen. Ja, sie sind der Menschheit von Anfang an in die Wiege gelegt als eine Tradition, derer sich die großen Weltreligionen annehmen. Eine Tradition, die auch im jüdisch-christlichen Kulturraum weitergegeben wurde und wird und die darin gipfelt, dass Gott von Anfang an mit seiner Welt und mit den Menschen ist, präsent unter uns, egal, was wir glauben und ob wir glauben, welcher Religion wir angehören oder ob wir keiner Religion angehören. Die christlichen Kirchen stehen dabei in der Tradition des Alten Testaments, aus der heraus sie auch die Person des Jesus von Nazaret deuten und in der sie gut mitgehen können, wenn sie bei Jeremia den Satz lesen: „So spricht der Herr."

Kann es nicht sein, um die Frage auf uns zu lenken, dass wir, mit einem halben oder einem ganzen Herzen, manchmal mehr zweifelnd, manchmal mehr hoffend, aber immerhin der Tradition des Glaubens nicht ganz entwöhnt, in manchen Zusammenhängen und an manchen Schnittstellen unseres Lebens oder des Lebens unserer Kinder gemeint haben, etwas vom schonenden Atem Gottes zu spüren? So ähnlich wie der Prophet Elija, an dem der Herr vorüberzog in einem leise säuselnden Wind?

„So spricht der Herr" - das muss also keine gequält erfundene, lebensferne und irreale Behauptung sein. Dieser Satz kann eine real erfahrene Wirklichkeit widerspiegeln. Und was ist das, das sie bei Jeremia wiedergibt? Jeremia spricht von einer falschen Weise, sich seiner Weisheit zu rühmen, seiner Stärke, seines Reichtums. Das klingt trotz der großen zeitlichen Distanz von ca. 2500/2600 Jahren nach bleibender Aktualität. Rufen Weisheit, Stärke und Reichtum, von unseren ganz persönlichen Gefährdungen durch sie einmal ganz abgesehen, nicht die Bilder heutiger Investmentbanker, hektischer Börsengeschäfte, der Macht der Rating-Agenturen wach? Und sofort wird deutlich, über welch dünnes Eis das heutige gesellschaftliche Leben tanzt.

Dem bietet Jeremia eine tiefere Einsicht ins Leben an, die alles andere ist, als ein bloßer moralischer Appell, doch bitte anders und vernünftiger zu leben. Jeremia bietet eine Einsicht an, die ein Schlüssel zum Leben sein kann. Die Einsicht, nicht alles von sich selbst zu erwarten, sich nicht erst wert zu schätzen aufgrund von Erfolg, Karriere und Reichtum. Um dann womöglich auf andere herabzuschauen. Nein, der Schlüssel zum Leben, so will Jeremia sagen, liegt darin, von der Selbstsorge und Selbstbefangenheit etwas zurückzutreten, Abstand zu gewinnen. Denn unser Leben ist von Gott in einen Freiraum gestellt, der - nach Jeremia - ein Raum der Gnade, der Rechts und der Gerechtigkeit ist. Ein Raum, den Gott uns von Anbeginn an eröffnet hat. An diese uns tragende Wirklichkeit Gottes zu glauben, auf sie zu setzen, über all unsere selbstgebastelten Absicherungen hinaus, dazu sind wir eingeladen. Diese Wirklichkeit im Rücken, sollen wir aus ihrer Dynamik und Schubkraft unser Leben gestalten, das private wie berufliche, alle unsere vielfältigen sozialen Kontakte. Wir sollen uns einsetzen für Recht und Gerechtigkeit in unserer Umgebung, in unserer Welt. Wir sollen durch uns aufleuchten lassen die Wirklichkeit der Präsenz Gottes, seine Nähe zu und seine Sorge um Arme, Verzagte und im Leben zu Kurzgekommene.

An solchen Menschen hat Gott Gefallen, lesen wir bei Jeremia. Ja, wir dürfen den Satz erweitern: Nicht nur an solchen, an allen Menschen hat Gefallen. Aus diesem „Gefallen" sollen wir zu leben lernen, besonders in den kommenden Wochen, die uns auf Ostern hinführen.



Dr. Stefan Knobloch
Passau
E-Mail: Dr.Stefan.Knobloch@t-online.de

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