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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Septuagesimae, 05.02.2012

Predigt zu Jeremia 9:22-23, verfasst von Christine Hubka

 

 

So spricht der HERR: Ein Weiser rühme sich nicht seiner Weisheit, ein Starker rühme sich nicht seiner Stärke, ein Reicher rühme sich nicht seines Reichtums.

Sondern wer sich rühmen will, der rühme sich dessen, dass er klug sei und mich kenne, dass ich der HERR bin, der Barmherzigkeit, Recht und Gerechtigkeit übt auf Erden; denn solches gefällt mir, spricht der HERR.

 

Hallal! So klingt das Wort rühmen im hebräischen Text.

Hallal!

Wir kennen es als Halleluja

In jüdischen Gottesdiensten auf der ganzen Welt,

ist dieses Wort zu hören.

Halleluja!

In christlichen Gottesdiensten aller Konfessionen und Sprachen wird es gesungen und gesprochen.

Halleluja!

Ein konfessionsübergreifendes,

ein religionsübergreifendes Wort. Ein Fremdwort.

 

Darum kommt es wohl auch zu dieser Geschichte:

Die kleine Julia kommt aus dem Gottesdienst nach Hause.

„Was hat der Pfarrer gesagt?", fragt die Mutter.

„Er hat immer wieder gesagt: Hallo Julia!"

 

Aber Halleluja heißt: Lobet den Herrn! Rühmet den Herrn!

Eigentlich: Lobet Jahwe.

Aber auch Menschen können gelobt, gerühmt werden.

Und: Man kann sich auch selber rühmen.

 

Eigenlob stinkt, hat man mir als Kind gesagt.

Damit wurde jede realistische Selbsteinschätzung unmöglich.

Falsche Bescheidenheit war angesagt:

Wenn jemand dich lobte, weil du etwas gut gemacht hast,

musste du dich schnell in Selbstkritik üben.

Das hat dann so geklungen:

„Dein Aufsatz ist wirklich gut geworden", sagt die Lehrerin.

„Ja, aber ich habe ein paar Rechtschreibfehler gemacht", war die erwartete und angemessene Antwort.

 

Oder die Lehrerin, der Lehrer haben selber

das Relativieren der Leistung übernommen:

„Du hast ein Sehr gut auf deine Arbeit bekommen,

aber wenn du dich anstrengst,

kannst du noch besser werden."

 

Wie viele Menschen,

die unter uns selbstsicher und selbstbewusst auftreten, können ihre eigenen Stärken nicht benennen.

Die Selbstsicherheit ist nur Fassade.

Ich habe schon manchen in Verlegenheit gebracht,

weil ich ihn gefragt habe: Was kannst du besonders gut?

 

Ich frage dich: Fallen dir jetzt gleich, ganz schnell

drei Dinge ein, die du gut kannst?

Was immer es auch sei.

Oder ist da eine Hemmung,

weil man sich selbst keine guten Fähigkeiten zuschreibt?

Findest du viel schneller und viel mehr Dinge,

die du nicht so gut kannst.

Wo du schwach bist. Ja vielleicht sogar versagst?

 

Beim ersten Hinhören scheint es,

als würde der kleine Abschnitt aus dem Propheten Jeremia

diese Haltung unterstützen:

Ich bin niemand und ich kann nichts,

 

Liebe Menschen, es ist gefährlich und irreführend,

die Bibel nur in Bruchstücken zu lesen.

Es führt zu ganz schiefen Ergebnissen,

wenn wir puzzlesteinartig einzelne Sätze

aus dem biblischen Zusammenhang heraus brechen.

Wenn wir nur den ersten Satz

unseres kurzen Abschnittes hören, klingt das so:

 

So spricht der HERR: Ein Weiser rühme sich nicht seiner Weisheit, ein Starker rühme sich nicht seiner Stärke, ein Reicher rühme sich nicht seines Reichtums.

 

Wenn wir hier einen Punkt oder ein Rufzeichen setzen,

dann scheint Gott hier tatsächlich

jedes Selbstbewusstsein, jeden Selbstwert,

jede positive Selbsteinschätzung zu verbieten.

Das klingt so, als wären vor Gott

stark sein, sachverständig und klug sein, und vermögend sein

keine Werte.

Das klingt fast so, als müsste man sich schämen,

wenn eines oder auch mehrere

davon im eigenen Leben eine Rolle spielen.

Warum spricht man in Österreich nicht übers Geld.

Wieso gilt es fast als unanständig,

zu sagen, was man verdient?

Weil man so leicht in den Geruch kommt,

anzugeben, sich selbst zu rühmen.

 

Aber dieses Schweigen über die eigenen Stärken,

ich meine die echten, nicht die vorgetäuschten!,

ist der Boden für alle Ungerechtigkeiten,

und Ungereimtheiten in unserem Lohn- und Einkommenssystem.

 

Gottes Rede, die er dem Propheten in den Mund legt,

geht aber noch weiter:

 

Wer sich rühmen will, der rühme sich dessen, dass er klug sei und mich kenne, dass ich der HERR bin, der Barmherzigkeit, Recht und Gerechtigkeit übt auf Erden; denn solches gefällt mir, spricht der HERR.

 

Merkst du den Unterschied?

Wer sich rühmt, wer seine Stärken und Gaben kennt,

und auch gegenüber anderen klar ausdrückt,

der bleibt nun nicht mehr dabei stehen:

„Ich bin stark."

„Ich bin sachverständig."

„Ich bin begütert."

Er sagt auch nicht:

Ich bin der Größte!

Denn da ist das Wissen,

immer ist einer da, der Größer ist als ich,

dem ich das alles verdanke:

 

Gott hat mir Kraft gegeben.

Gott hat mir so viel Verstand geschenkt,

dass ich nun hoch qualifiziert bin.

Gott hat mir ein Leben in Wohlstand ermöglicht.

 

Bei einem solchen Rühmen

kommt dann wie von selbst noch ein weiterer Aspekt dazu:

 

Ich bin stark:

meine Eltern haben mir eine gute sportliche Ausbildung ermöglicht und mich gelehrt, auf meinen Körper zu schauen.

 

Ich bin hochqualifiziert:

Ich durfte frei wählen, welche Ausbildung ich machen möchte. Ich bekam die Chance, mich meiner Begabung entsprechend zu entwickeln. Diese Begabung habe ich als einen großen Vorschuss mitbekommen ins Leben. Sie ist ein Geschenk, für das ich ganz und gar nichts kann.

Und ich hatte hervorragende LehrerInnen...

 

Ich bin wohlhabend:

Weil meine Vorfahren so fleißig waren, geht es mir heute wirtschaftlich so gut.

Oder:

Ich bin wohlhabend.

Ich hatte das Glück die richtigen Geschäfts-PartnerInnen zu finden.

Ich habe das Glück, dass meine MitarbeiterInnen zuverlässig und ehrlich sind. Nicht einen musste ich wegen Betrügereien entlassen ... Alle ziehen an einem Strang in unserer Firma.

 

Dieses Rühmen,

diese Art Selbstbewusstsein und Selbstwert sind weit davon entfernt, in Angeberei auszuarten.

Sie führen viel mehr dorthin, wo der Prophet uns hinführen will: Zum Lob Gottes und zum Anerkennen,

dass ich Vieles von meinem Glück und Wohlergehen

anderen verdanke.

 

Halleluja heißt:

Lobet den Herren!

Auch Lob ist eine Art Kritik.

Eine positiv gefärbte.

Wer lobt, stellt sich über den Gelobten.

Aber wir Menschen können ja nicht - bildlich gesprochen -

Gott auf die Schulter klopfen und sagen:

„Das hast du gut gemacht!"

 

Wer Gott lobt,

klopft auf keine Schulter.

Wer Gott lobt, macht öffentlich,

was jeder Mensch in seinem Innersten immer schon weiß:

Ich lebe nicht aus mir selber.

Alles, was ich an Fähigkeiten und Begabungen habe,

ist ein Geschenk, das ich ins Leben mitbekommen habe.

Lange bevor ich das Wort Leistung aussprechen konnte.

 

Alle Unterstützung, die ich im Leben gefunden habe,

kam von außen:

Von Menschen,

die mir Impulse und Anregungen gegeben haben.

Das macht mich nicht kleiner.

Das wertet meine Leistungen und Fähigkeiten nicht ab.

Es holt mich nur heraus aus der Einsamkeit,

die sich einstellt,

wenn ich ausschließlich auf meine eigenen Fähigkeiten schaue und meine, dass ich die Größte bin.

Es stellt mich hinein in die Gemeinschaft

mit Gott und den Menschen.

 

Weil das Gotteslob mich beständig daran erinnert,

dass ich vieles einfach nicht selber bestimmen,

vieles nicht einfach selber in der Hand haben kann,

darum macht es auch den Erfolg zu dem was er ist:

Eine Mischung aus eigener Leistung,

aus ein wenig Glück und viel Gnade.

 

Gott rühmen für das, was er uns als Möglichkeiten gibt,

ist dann nicht nur Sache der ganz Großen.

Der ganz Berühmten.

Der ganz Reichen.

Jede und jeder hat ja irgend etwas mitbekommen an Möglichkeiten und Fähigkeiten.

Denkt an das Gleichnis von den Talenten:

Drei verschiedene Leute bekommen da ihre Talente in drei verschiedenen Dosierungen: (Mt 25,14ff)

Aber jeder von ihnen kann etwas daraus machen -

Wenn er es denn tut.

 

Lobet Gott für das, was euch gut gelingt!

Das lässt mir Raum dafür, auch einmal schwach zu sein,

Mich zu irren. Mangel zu leiden.

Das nimmt den Druck weg,

ständig auf einer „Erfolgswelle zu surfen".

Denn auch in solchen Situationen,

von denen wir wenig erzählen,

die wir still und stumm erleiden und vor den anderen verbergen, gilt, was Gott durch den Propheten sagt:

 

Wer sich rühmen will, der rühme sich dessen, dass er klug sei und mich kenne, dass ich der HERR bin, der Barmherzigkeit, Recht und Gerechtigkeit übt auf Erden;

 

Das ist auch möglich,

wenn die Kraft nachlässt.

Wenn die Klugheit und Kompetenz an Grenzen stößt.

Wenn das Geld knapp wird.

Und dafür sei Gott Lob und Preis in Ewigkeit. Halleluja!

 



Dr. Christine Hubka
1160 Wien
E-Mail: christine.hubka@gmx.at

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