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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Septuagesimae, 05.02.2012

Predigt zu Jeremia 9:22-23, verfasst von Hans-Otto Gade

 

Liebe Gemeinde,

seinen Realschulabschluss hatte er nur mit viel Mühe und Not geschafft. Und die Zensuren in seinem Abschlusszeugnis ließen für die Zukunft Böses ahnen.

Der junge Mann fand trotz seines schlechten Zeugnisses einen Ausbildungsplatz und schaffte zu seiner eigenen Überraschung die Prüfungen fast alle auf Anhieb.

Heute ist er Schifffahrtskaufmann und verantwortlich für mehrere große Schiffe, die weltweit die Ozeane befahren. Sein im Berufsleben erworbener guter Ruf macht ihn immer wieder zum Ziel von headhunters, die gute Kräfte für andere Firmen im Visier haben.

Kommt dieser junge Mann auf seinen Beruf zu sprechen und das was er im Laufe der Jahre erreicht hat, dann leuchten seine Augen und er ist stolz auf das was er geschafft hat.

 

Von einer Frau will ich auch noch erzählen:

In ihrer Jugend hatte sie nur einen geschafft. Nicht gerade eine gute Plattform um im Leben etwas zu erreichen - so werdet ihr Konfirmandinnen und Konfirmanden jetzt denken: „Vom Hauptschulabschluss aufs Abstellgleis - oder gleich in Hartz IV", so hat mir ein leidgeprüfter Vater mal gesagt.

Diese Frau jedoch fand einen Ausbildungsplatz in der Verwaltung und sie wollte mehr erreichen: In Kursen an der Volkshochschule machte sie schließlich ihr Abitur und sie steig mit den Jahren in der Verwaltungshierarchie auf:

Schließlich wurde sie Stadtdirektorin in einer norddeutschen Stadt. (Buxtehude)

 

Flüchtling war er. Einer von vielen Millionen, die am Ende des II. Weltkriegs aus dem Osten des Deutschen Reichs in den Westen geflohen waren. Einer von über 10.000, die in den Jahren 1944 bis 1946 in unserer Stadt eine neue Heimat gefunden haben.

Er hatte in Schlesien den Beruf eines Schlachters gelernt. In unserer Stadt baute er ein kleines Geschäft auf und mit großen Einsatz und viel beruflichen Können wurde aus der kleinen Schlachterei ein weit über Buxtehude hinaus bekannter, qualitativ sehr geschätzter Betrieb.

Inzwischen gehört eine ganze Häuserzeile in der Altstadt zu seinem Besitz.

 

Der Schifffahrtskaufmann, die Stadtdirektorin, der Schlachter:

Alle drei haben aus kleinen Anfängen etwas erreicht. Sie sind etwas geworden und haben nicht nur in ihrem jeweiligen beruflichen Umfeld eine hohe Anerkennung gefunden.

Warum sollen sein nicht stolz sein auf das was sie erreicht haben? Warum sollen sie nicht selbstbewusst von ihrem Lebensweg und dem mühsam Erreichten erzählen?

Die drei haben doch allen Grund zu sagen: „Wir haben es geschafft!"

Ich habe die Befürchtung, dass dieses Selbstbewusstsein, dieses Selbstwertgefühl in unserem Kirche zu oft schief angesehen wird: Christliche Demut wird gefordert und die Nennung des persönlich Erreichten ist verpönt. Wer von dem erzählt was er (geworden) ist und was er hat, der wird auch in unserem täglichen Umfeld oft als Angeber verschrien. Sie kennen das kurze Schlagwort: „Eigenlob stinkt!" - Ich frage mich: Wieso eigentlich?

Unser Predigttext aus dem Buch des Propheten Jeremia scheint diese Forderung nach Zurückhaltung und nach Demut noch zu unterstreichen. Ich lese diese zwei Verse jetzt mal vor:

So spricht der Herr: Ein Weiser rühme sich nicht seiner Weisheit; ein Starker rühme sich nicht seiner Stärke, ein Reicher rühme sich nicht seines Reichtums. Sondern wer sich rühmen will, der rühme sich dessen, dass er klug sei und mich kenne, dass ich der Herr bin, der Barmherzigkeit, Recht und Gerechtigkeit übt auf Erden; denn solches gefällt mir, spricht der Herr". (Jeremia 9, 22-23)

Um zu verstehen was Jeremia will, muss der Hintergrund klar sein. Das Ziel seiner Rede, die Adressaten - kurz gesagt: In wessen Richtung sagt Jeremia seine Worte?

Der Prophet Jeremia hat die Menschen gewarnt, die zu seiner Zeit das Sagen hatten:

Das waren die klugen politischen Ratgeber am Königshof,

Das waren die starken militärischen Führer,

Das war die reiche Oberschicht.

Klugheit, Stärke, Reichtum - an sich kein Makel, aber diese Klugen, Starken und Reichen waren klug und stark und reich auf Kosten des Volkes.

 

Und genau da lag und liegt das Problem:

Wer heutzutage erfolgreich, klug, stark, reich ist und das auf Kosten anderer; wer mit seiner persönlichen Erfolgsgeschichte anderen zeigen will wie blöd die sind, der muss sich sagen lassen: Dein Erfolg hat dich in eine persönliche Sackgasse geführt! Wer auf Kosten anderer von seiner hervor gehobenen Lebenssituation prahlt, der ist ein Adressat des Jeremia, der muss sich die Mahnung des Jeremia anziehen.

Dürfen also meine drei Beispiels-Menschen nichts erzählen von ihrer persönlichen Erfolgsgeschichte? Der Schifffahrtskaufmann, die Stadtdirektorin und der Schlachter? Doch ja - sie dürfen und sie sollen davon erzählen:

Als Beispiel für andere, besonders für junge Menschen, um ihnen zu zeigen: Du kannst etwas erreichen in deinem Leben. Du hast eine Chance - nutze sie! Gott hat dir viele Startmöglichkeiten in die Wiege gelegt - dreh den Zündschlüssel um und fang an, mit Ausdauer aus deinem Leben was zu machen! Du siehst doch: Wir sind ein Beispiel für dich!

Und etwas anderes ist diesen Dreien gleich: Sie alle wissen, dass sie in ihrem Leben von Gott geführt und geleitet worden sind. Sie wissen, dass Gott mit ihnen barmherzig war und ist, sie wissen und sagen das auch, dass sie mit Gottes Hilfe dahin gekommen sind wo sie heute stehen:

„Ich bin etwas, ich habe etwas erreicht, ich bin wohlhabend und ich bedeute etwas in unserer Stadt - weil der Allmächtige und Barmherzige Gott mich getragen und begleitet hat - in der ganzen Zeit meines Lebens." - so hat einer von den Dreien mir das mal gesagt.

Ein wirklich weiser Mensch weiß also, wem er zu danken hat für das, was er in seinem Leben erreicht hat. Und aus dieser wohl verstandenen Demut heraus wird er immer wieder neue Kraft finden für seinen Lebensweg.

(theoretisch könnte die Predigt hier enden)

Im Neuen Testament steht der Gedanke des Jeremia auch: Der Apostel Paulus hat diese alttestamentliche Forderung des Jeremia aufgegriffen und verkürzt zitiert: „Wer sich rühmt, der rühme sich des Herrn" (2. Kor. 10, 17)

Paulus weist mit diesem Satz auf Jesus Christus hin. Heute, Septuagesimae, also „70 Tage" vor Ostern, beginnt in unserer Kirche das Gedenken an den Leidensweg, die Passion Jesu Christi.

Wir alle hören und lesen in den Passionsgeschichten immer wieder davon, dass Jesus stets von sich Weg auf den Allmächtigen Gott gewiesen hat. Er ist seinen Weg gegangen nach dem Willen Gottes und zur Ehre Gottes. Immer wieder hat er von sich selbst weggewiesen auf den, dessen Wille sein Leitstern war.

In dieser Vollkommenheit Jesu werden wir über unseren Lebensweg nicht reden können. Aber wir werden immer wieder erkennen und begreifen: Was wir sind, was wir haben, was wir darstellen und was wir bedeuteten: Das alles ist sicherlich abhängig von unserer eigenen Kraft, von unserem lernen, arbeiten, abmühen und von unserem eigenen Willen.

Aber Gott hat uns auf diesem Weg begleitet. Er hat uns diese Kraft geschenkt die wir brauchen um unsere Ziel erreichen zu können.

Denn der Allmächtige und Barmherzige Gott allein lenkt und führt unsere Schritte. Er allein gibt uns die Kraft, aus unseren Gaben etwas zu machen. Er allein trägt und begleitet uns in all unserer Zeit und Ewigkeit.

Amen



Pastor i. R. Hans-Otto Gade
21614 Buxtehude
E-Mail: hans-otto.gade@ewetel.net

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