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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Septuagesimae, 05.02.2012

Predigt zu Jeremia 9:22-23, verfasst von Jochen Cornelius-Bundschuh

 

22 Das rechte Rühmen

So spricht der HERR: Ein Weiser rühme sich nicht seiner Weisheit, ein Starker rühme sich nicht seiner Stärke, ein Reicher rühme sich nicht seines Reichtums.

23 Sondern [a] wer sich rühmen will, der rühme sich dessen, dass er klug sei und mich kenne, dass ich der HERR bin, der Barmherzigkeit, Recht und Gerechtigkeit übt auf Erden; denn solches gefällt mir, spricht der HERR.

Liebe Gemeinde,

„Von des Lebens Gütern allen, ist der Ruhm das höchste doch, wenn der Leib in Staub zerfallen, lebt der große Name noch." Ein Gedicht von Friedrich Schiller. Der Ruhm als das, was von uns bleibt, als Bollwerk gegen Tod. Unsterblich wird der Mensch durch den Ruhm, den er sich erwirbt. Aber wessen kann ich mich rühmen?

                                                                                             I

Die Kirchen haben manchmal den Eindruck erweckt, als gelte es, jedes Rühmen zu verbieten. Wer etwas von sich hält, wer auf sich und seine Wichtigkeit verweist, der ist auf dem falschen Weg, das war die Botschaft: „Du bist klein; nimm dich nicht so wichtig! Alles, was du versuchst, führt doch letztlich zu nichts."

Zu Recht hat es dagegen Widerspruch gegeben: Wir lassen uns nicht klein machen, wir sind nicht nur schlecht, Sünder, böse. Wir sind Menschen, die handeln können, die um ihre Kraft und ihren Wert wissen.

Mit unseren Gaben und Kräften haben wir viel erreicht: Jedenfalls in unseren Breiten ist die Arbeit leichter geworden. Wir sind in der Lage schnell von einem Ort an den anderen zu kommen. Die Lebenserwartung hat sich kontinuierlich gesteigert; Menschen werden nicht nur siebzig Jahre wie der Psalm sagt, sondern achtzig oder neunzig und sind dabei häufig geistig und körperlich guter Dinge.

Es gibt viel, worauf wir stolz sein können. Auch an Mitmenschlichkeit und sozialen Errungenschaften, an Vorsorge, Hilfe und Beratung für diejenigen, die es schwer haben, die nicht mit ihrem Leben zu Recht kommen. Mir fällt die Arbeit in manchen Einrichtungen für Menschen mit Behinderungen ein. Mich beeindruckt, was dort alles möglich ist, wie Menschen, die starke Einschränkungen in ihren körperlichen und geistigen Möglichkeiten haben, dort leben und arbeiten können. Das ist doch etwas, dessen wir uns rühmen können?

II

Auch die Biologie, die Pädagogik und die Psychologie sagen uns: Es ist völlig normal sich zu rühmen. Das gehört zum Menschsein. Ich suche Anerkennung und ein möglichst hohes Ansehen; ich bin stolz, auf das, was ich kann. Die Kinder im Kindergarten zeigen ihre Holztürme und kämpfen um ihren Platz in der Gruppe. Manchmal auch mit Fäusten oder mit Worten, die den oder die andere herabsetzen. Jugendliche zeigen ihre Fähigkeiten, ihre Kleidung oder ihr Handy: „Schaut mal, was ich kann oder habe!" Die Erwachsenen achten auf ihr Ansehen am Arbeitsplatz und in der Nachbarschaft: „Was denken die anderen von mir? Wie kann ich mich möglichst gut darstellen? Welchen Besitz, welches Wissen muss ich vorweisen, damit ich etwas gelte? Wie bekomme und behalte ich Macht?"

Normale Fragen. Ja, so ist das! Ich messe mich an anderen und versuche, Ansehen zu erwerben: durch Weisheit, Wissen oder Macht, so wie schon Jeremia das schildert.

III

Aber es gibt auch eine andere Seite des Rühmens.

Dann, wenn das Rühmen zur Show, zur Angeberei und zur Vortäuschung falscher Tatsachen wird. Da muss das Haus groß und der Wagen neu sein: „Was werden die Nachbarn sonst sagen?" Da wird nicht erzählt, dass die Tochter Depressionen hat: „Dann schauen uns die Leute schief an und reden nicht mehr mit uns." Da darf am Arbeitsplatz nicht erzählt werden, dass einem die Arbeit zu viel wird und man kaum noch nachkommt: „Am Ende bekommt noch ein jüngerer meine Stelle oder die anderen drücken mich raus."

Es droht ein Zirkel aus Angst vor der Meinung anderer über mich und Selbstzweifeln, dass ich den Ansprüchen der anderen nicht genüge. Manche versuchen deshalb, die eigenen Schwächen zu verbergen und sich als besser, wissender und mächtiger darzustellen. Wer in diesen Zirkel hinein gerät, ist schnell gefangen. Immer größer wird der Abstand zwischen dem eigenen Anspruch und der Wirklichkeit, dem Selbstbild und dem Fremdbild. Immer größer wird die Angst, nicht mithalten zu können. Immer schwieriger werden die Versuche, Schwächen und Scheitern zu vertuschen. Ich mache mir und den anderen etwas vor. Damit gefährde ich aber mein Ansehen immer mehr, nicht nur vor den anderen, sondern vor allem vor mir selbst - ich verliere mein Vertrauen in mich!

IV

Die Situation, in die Jeremia spricht, ist ähnlich: Ein Krieg droht. Das Volk Israel hat seine bedeutende politische Stellung verloren, will das aber nicht wahrhaben. Und so fangen die Reichen mitten in der Krise an, ihren Reichtum zur Schau zu stellen: „Seht doch, was wir alles haben!" Die Soldaten rufen: „Schaut her, wie gut wir bewaffnet sind, wir gut wir kämpfen können, wie tapfer wir sind!" Die Mächtigen im Land klammern sich an ihre Macht und plustern sich auf. Sie wollen keine Veränderung; sie wollen das drohende Unheil nicht sehen: „Nein, wir haben alles fest im Griff."

Je drohender die Gefahr, desto lauter und schriller die Selbstdarstellung, desto größer die Statussymbole, desto wichtiger, etwas darzustellen. Alle spüren die Veränderung, alle ahnen, dass sich etwas ändern muss; aber niemand will hinsehen und wahrhaben, was geschieht.

V

Jeremia ist ein Prophet: schonungslos deckt er auf, was sich die Menschen vormachen und weist auf drei Folgen hin: Wer sich so rühmt, wer meint, sein Ansehen vor den anderen um jeden Preis bewahren zu müssen, der muss sich ständig abgrenzen. Er oder sie verbaut sich selber den Weg, gemeinsam mit anderen weiter zu gehen. Statt sich zusammen zu tun, werden eigene Stärken hervorgehoben und die Schwächen der anderen heraus gestellt. Statt sich bei anderen Hilfe zu holen gegen die eigenen Schwächen, tue ich so, als hätte ich keine Schwächen: Schaut doch, wie stark, wie reich und wie wissend ich bin!

VI

Was heißt in dieser Situation: „Ein Weiser rühme sich nicht seiner Weisheit, ein Starker rühme sich nicht seiner Stärke, ein Reicher rühme sich nicht seines Reichtums. Sondern wer sich rühmen will, der rühme sich dessen, dass er klug sei und mich kenne, dass ich der HERR bin, der Barmherzigkeit, Recht und Gerechtigkeit übt auf Erden"?

Rühmen ist normal. Ja, es ist gut, wenn ich meine Stärken und großen Möglichkeiten kenne. Es ist gut, wenn ich darauf achte, was die anderen von mir denken. Nur wer seine Möglichkeiten kennt, kann verantwortlich leben.

Aber der Ruhm gehört in einen Rahmen. Mein Wissen um meine Möglichkeiten gehört zusammen mit dem Bewusstsein meiner Grenzen. Und beides, Möglichkeiten wie Grenzen, verdanke ich Gott. Deshalb: „Wer sich rühmen will, der rühme sich dessen, dass er klug sei und mich kenne, dass ich der HERR bin", der Möglichkeiten schenkt und Grenzen setzt. Dieser lebendige Gott, von dem die Bibel erzählt, der sich für mich und meine Mitmenschen interessiert, ist der entscheidende Bezugspunkt: für meinen Erfolg und mein Scheitern, für meine Anstrengungen und meine Trägheit, für mein Leben.

VII

Wenn dieser Gott der Rahmen meines Rühmens ist, dann hat das Folgen für mein Handeln: Denn dieser Gott steht ein für „Barmherzigkeit, Recht und Gerechtigkeit". Das zeichnet den Gott der Bibel aus und gibt mir die Richtung für mein Rühmen vor. Es geht nicht darum, die anderen auszustechen und klein zu halten. Wer sich der Erkenntnis dieses Gottes rühmt, der handelt im Interesse derjenigen, die schlechtere Lebenschancen haben und stellt sich die Fragen: Wie nehme ich mit meinen Möglichkeiten, meinem Wissen und meiner Macht Verantwortung für andere wahr? Wie nehme ich sie so wahr, dass mein Handeln auch noch vor dem Urteil meiner Kinder und Enkelkinder Bestand hat? Wie verhelfe ich Menschen in Not zu mehr Barmherzigkeit und Gerechtigkeit?

VIII

Auch wer sich auf diesen Weg des Rühmens über die eigenen guten Taten einlässt, gerät unter Druck. Ich erreiche nicht, was ich mir vorgenommen hatte; ich werde nicht so, wie meine Eltern, mein Freund, meine Lehrerin mich gerne hätte.

Wer sich mit Jeremia rühmt, Gott zu kennen, der mir meine Möglichkeiten gibt und meine Grenzen setzt, der muss nicht aus sich und anderen das Letzte herausholen. Die diesjährige Aktion „Sieben Wochen ohne", die in zweieinhalb Wochen beginnt, nimmt diesen Gedanken auf und beschreibt das so: Die Skala ist nach oben immer offen. Ich könnte noch besser werden, noch schneller oder noch attraktiver. Sie ruft deshalb zu 7 Wochen ohne falschen Ehrgeiz auf. Sie ermutigt uns, in den sieben Wochen der Passionszeit genau danach zu schauen, wo wir uns überfordern und wann es reicht mit dem Streben nach mehr und besser - und dann öfter zu sagen: „Gut genug!"

IX

Allerdings: es geht oft gar nicht um falschen Ehrgeiz. Wir wollen ja wirklich manchmal nur das Beste, oft für uns oder unsere Familie, aber manchmal versuchen wir doch wirklich, auch die anderen im Blick zu haben. Paulus und Luther haben eindrücklich geschildert, wie sie sich immer wieder auf diesem guten Weg bemüht haben, in die richtige Richtung zu gehen, den hohen Ansprüchen gerecht zu werden und dann doch daran gescheitert sind.

Erst als beide entdeckt haben, dass Gottes Gerechtigkeit barmherzig ist, erst dann haben sie einen neuen Weg gefunden. Sie sind frei geworden, sich ihres Handelns zu rühmen, sich an dem zu freuen, was sie erreicht haben. Aber zugleich haben sie sich getragen gewusst in ihrem Scheitern und in ihren Fehlern.

Gottes Zusage in der Taufe heißt nicht: gut genug, sondern: „Fürchte dich nicht!" Fürchte dich nicht um dein Ansehen, fürchte dich nicht, wenn du schwach wirst, alt oder krank. Fürchte dich nicht, wenn deine Kinder nicht so werden, wie du es dir und anderen vorgemacht hast. Fürchte dich nicht, wenn du nicht so erfolgreich bist, wie du es gerne wärst. In meinem Geist bist du frei von den Ansprüchen, die andere an dich stellen und von den Ansprüchen, die du selbst an dich stellst. Also: Tu das, was du kannst, sorgfältig, mit Verstand und mit wachem Blick für die anderen, die dich brauchen. Und fürchte dich nicht! Denn ich bin bei dir, ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein!

X

„Von des Lebens Gütern allen, ist der Ruhm das höchste doch, wenn der Leib in Staub zerfallen, lebt der große Name noch." Hat Schiller Recht? Wenn mit dem großen Namen Gott gemeint ist, dann hat er Recht. Wahrer Ruhm ist sich seiner Möglichkeiten, aber auch seiner Grenzen bewusst; er weiß sich geborgen im Erfolg und im Scheitern, im Leben, im Sterben und im Tod geborgen im Namen des lebendigen Gottes. Wahrer Ruhm ist „klug und kennt Gott, den Herren, der Barmherzigkeit, Recht und Gerechtigkeit übt auf Erden!" Er rühmt sich, dass er an Gottes Gerechtigkeit mitwirken kann: „denn solches gefällt mir, spricht der HERR." Amen.

 

 



KR Prof. Dr. Jochen Cornelius-Bundschuh
76133 Karlsruhe
E-Mail: Jochen.Cornelius-Bundschuh@ekiba.de

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