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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Septuagesimae, 05.02.2012

Predigt zu Jeremia 9:22-23, verfasst von Winfried Klotz

 

Jeremia 9, 22-23

22 So spricht der HERR: Ein Weiser rühme sich nicht seiner Weisheit, ein Starker rühme sich nicht seiner Stärke, ein Reicher rühme sich nicht seines Reichtums.

23 Sondern wer sich rühmen will, der rühme sich dessen, dass er klug sei und mich kenne, dass ich der HERR bin, der Barmherzigkeit, Recht und Gerechtigkeit übt auf Erden; denn solches gefällt mir, spricht der HERR.

 

Liebe Gemeinde!

Wie sollen wir diese Ermahnung einordnen für uns? Christsein fordert Understatement? Oder: Christsein bedeutet Mäßigung. Christsein bedeutet, ich verzichte darauf, meine Begabung, meine Möglichkeiten zu zeigen? Oder noch stärker: ich sehe überhaupt ab von meiner Weisheit, meiner Stärke, meinem Reichtum, weil das alles doch sehr vergängliche irdische Dinge sind und lebe in Einfalt, Schwachheit und Armut?

Wir wissen ja, wie es dem sogenannten reichen Kornbauer ergangen ist, der so sicher und stolz sich seine gefüllten Scheunen vorgestellt hat und dann zu sich sagte:

„Liebe Seele, du hast einen großen Vorrat für viele Jahre; habe nun Ruhe, iss, trink und habe guten Mut!" (Lk. 12, 19)

Wir wissen, wie er bald darauf aus dieser Welt gerufen wurde und all seinen Reichtum nicht genießen konnte. Sein Reichtum hat sein Leben nicht bewahren können und zu allem heißt es noch: Er war nicht reich bei Gott! Ohne gut gefülltes himmlisches Konto keine Zukunft in der kommenden Welt Gottes!

Sagt unser Wort aus dem Propheten Jeremia wirklich: Weisheit, Stärke und Reichtum sind nichts? Was ist die Bezugsgröße, was ist der Horizont unseres Abschnittes? Was ist so wertvoll, so grundlegend wichtig für unser Leben, dass Weisheit, Stärke und Reichtum demgegenüber schwach und gering sind? Dass also aufs falsche Pferd setzt, wer in ihnen Fundament und Halt seines Lebens sucht?

Ich frage noch anders: Ist Weisheit, also Lebensklugheit, Philosophie, Erkenntnis über das gute Leben- Psychologie, ist Stärke, die Fähigkeit sich zu behaupten, Macht zu gebrauchen- zum Guten oder auch zum Bösen, ist Reichtum, die Möglichkeit eines Lebens im Luxus, aber auch eines Lebens mit sozialem Engagement, gefährlich und verwerflich? Muss es denn so sein wie beim reichen Kornbauern, muss es ausgehen wie bei Narziss, der verliebt in seine Schönheit scheitert?

„Eine alte Sage erzählt von Narziss, dem schönen Jüngling. Jeden Tag geht er zu einem Teich, um seine Schönheit im Spiegelbild des Wassers zu sehen und sich zu bewundern. Er ist von seiner Schönheit so fasziniert, dass er eines Tages beim Betrachten das Gleichgewicht verliert, in den Teich stürzt und ertrinkt. An jener Stelle im Teich wächst nun eine Blume, die den Namen Narzisse bekommt." (Kühner 1005)

Selbstverliebtheit als Gipfel des Eigenruhms. Aber jemand mit besonderen Begabungen, Fähigkeiten und Möglichkeiten ist deshalb doch noch kein Narziss!

In unserer überinformierten Zeit nehmen wir hautnah am Leben der Promis teil, die oft ein ordentliches Maß an Narzissmus besitzen und Wert auf öffentliche Aufmerksamkeit legen. Wir bewundern die Weisen und Klugen, wir schauen auf die Mächtigen, wir lassen uns von den Reichen faszinieren, wir träumen von den Schönen. In unserem Blick liegt Sehnsucht, wir möchten auch so sein. Aber auch Kritik, wenn jemand seinen Doktortitel erschlichen hat, seine Macht missbraucht, seine Reichtum durch unlautere Mittel gewonnen hat. Manchmal ist das auch ziemlich gleichgültig: Die Großen, die Mächtigen, die Klugen, die Schönen und Reichen finden Bewunderung, ja Verehrung, gleich wie sie leben und zu ihrem besonderen Status gekommen sind. Ihre dunklen Seiten schaden ihnen nicht, weil ihre Fans ja genau solche dunklen Seiten und Sehnsüchte in sich spüren.

Will jemand groß sein, muss er für sich Werbung machen; die Kamera ist überall dabei, auch im Bereich des Familiären, Persönlichen, Intimen. Will jemand groß sein, darf er sich nicht verstecken! Die eigenen Leistungen müssen kommuniziert werden. Das gilt in abgemilderter Form auch in der christlichen Gemeinde. Ein begabter Pfarrer schafft sich seine „Personalgemeinde", Leute, die ihn bewundern, aber oft nicht mehr präsent sind, wenn dieser Pfarrer die Stelle wechselt.

„Ein Weiser rühme sich nicht seiner Weisheit, ein Starker rühme sich nicht seiner Stärke, ein Reicher rühme sich nicht seines Reichtums." Warum? Ist Stolz auf die eigene Leistung, die eigenen Möglichkeiten Sünde? Müssen Christen mit gesenktem Kopf durchs Leben gehen? Dürfen sie kein Selbstbewusstsein haben?

Was meint der zweite Vers unseres Textes?

„Wer sich rühmen will, der rühme sich dessen, dass er klug sei und mich kenne, dass ich der HERR bin, der Barmherzigkeit, Recht und Gerechtigkeit übt auf Erden; denn solches gefällt mir, spricht der HERR."

Die Einheitsübersetzung sagt:

„Nein, wer sich rühmen will, rühme sich dessen, /dass er Einsicht hat und mich erkennt, dass er weiß: Ich, der Herr, bin es, /der auf der Erde Gnade, Recht und Gerechtigkeit schafft. Denn an solchen Menschen habe ich Gefallen - /Spruch des Herrn."

 

Liebe Gemeinde,

unser Bibelwort will uns nicht klein machen, es stellt nicht menschliche Fähigkeiten in Abrede, aber es stellt uns vor Gott. Damit aber bekommt unser Leben einen neuen, anderen Horizont. Gott ist es, der Barmherzigkeit, Recht und Gerechtigkeit auf dieser Erde schafft und will. Sie erwachsen eben nicht einfach aus dem Vertrauen auf unser menschliches Können. Die eigenen Fähigkeiten bringen das Heilsame, Gute, Verlässliche nicht selbstverständlich hervor. Die Richtung menschlichen Lebens ohne Gott ist im tiefsten Grund eine andere. Gott allein wirkt das Gute, und er wirkt es bei denen, die ihn kennen, er nimmt sie in Dienst dafür. So kommt alles darauf an, Ihn zu kennen, und kennen meint nicht ein höheres Wissen über Gott, sondern im Sinne von 1. Kor. 8, 3 Gott lieben. „Klug sein und Gott kennen" bedeutet dann, Gott ist die Quelle meines Lebens, Ihm verdanke ich mich allein, ich lebe aus seiner Gnade, deshalb ist mir Barmherzigkeit - Gnade, Recht und Gerechtigkeit - Treue auf dieser Erde und in meinem Leben so wichtig!

Klug sein und Gott kennen heißt vom Evangelium her, ich bin durch Gottes Gnade in Jesus Christus versöhnt mit Gott. Die Feindschaft gegen Gott ist überwunden, Feindschaft, die manchmal unter der Maske des Glaubens an Gott getarnt sich zeigte in der Verachtung seines guten Willens.

Liebe Gemeinde, wir haben im ersten Teil der Predigt danach gefragt, wie menschliches Rühmen und Vertrauen auf die eigenen Fähigkeiten und Möglichkeiten heute geschieht. Es geschieht ja auch in einer Überschätzung dessen, was Wissenschaft und Technik kann; es geschieht, wenn Ärzte den Heiland spielen sollen, dem keiner wegstirbt. Es geschieht, wenn die, die regieren und Macht haben, nicht die Begrenzung ihres Handelns in der Unterordnung unter Gott und das, was vor ihm gut ist, gelten lassen. Es geschieht auch, wenn es nicht mehr möglich ist, dass in der Politik ehrlich von eigenen Fehlern geredet werden kann. Eine Gesellschaft, die den abschießt, der ehrlich einen Fehler eingesteht, fordert Gottgleichheit von den Trägern gesellschaftlicher Verantwortung.

Wichtig aber ist: wir werden zur Umkehr aufgefordert. Und auf dem Weg der Umkehr sollen wir den groß machen, der uns kennt und liebt und den wir nun kennen und lieben lernen im Aufschauen auf Jesus. ER ist der HERR, der uns an seinem Handeln beteiligt: „Ich, der Herr, bin es, /der auf der Erde Gnade, Recht und Gerechtigkeit schafft." Tut das, in der Bindung an Jesus, lebt Gnade, Recht und Gerechtigkeit. Gott hat in Jesus so für die Menschheit gehandelt. Amen.

 



Pfarrer Winfried Klotz
Bad König, Odw.
E-Mail: winfried.klotz@web.de

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