Göttinger Predigten

deutsch English español
português dansk Schweiz

Startseite

Aktuelle Predigten

Archiv

Besondere Gelegenheiten

Suche

Links

Gästebuch

Konzeption

Unsere Autoren weltweit

Kontakt
ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Reminiszere, 04.03.2012

Predigt zu Jesaja 5:1-7, verfasst von Christian-Erdmann Schott

 

Liebe Gemeinde, der heutige Predigttext steht bei Jesaja, diesem wuchtigen Propheten, der zwischen 740 und 701 vor Christus in Juda, also im Südreich Israel lebte; ein Mann, der seinen Zeitgenossen immer wieder unerbittlich, ohne Wenn und Aber, die Wahrheit auf den Kopf zusagte, - so, dass es zu keiner Widerrede und zu keinem Sich-Herausreden kommen konnte. Was Jesaja in seinen Predigten sagte, das saß. Das spürt man noch heute, wenn man diese Texte liest.

Er hat aber nicht immer so, nicht immer so betont konfrontativ gesprochen. Er hat auch versucht, sich an die selbstkritische Einsicht seiner Zeitgenossen zu wenden und sie aufgefordert, mitzudenken und sich und seine Botschaft nüchtern und ehrlich im Angesicht Gottes zu prüfen. So ein Versuch ist heute Predigttext. Der Unterschied fällt schon rein äußerlich ins Auge: Jesaja tritt hier nicht als Prediger, sondern als Sänger auf; als Sänger, der Gott mit einem Winzer und Juda mit dem von ihm liebevoll eingerichteten Weinberg vergleicht. Dann folgt seine Frage: Ich lese:

Jesaja 5,1-7

1 Wohlan, ich will meinem lieben Freunde singen, ein Lied von meinem Freund und seinem Weinberg. Mein Freund hatte einen Weinberg auf einer fetten Höhe.

2 Und er grub ihn um und entsteinte ihn und pflanzte darin edle Reben. Er baute auch einen Turm darin und grub eine Kelter und wartete darauf, dass er gute Trauben brächte; aber er brachte schlechte.

3 Nun richtet, ihr Bürger zu Jerusalem und ihr Männer Judas, zwischen mir und meinem Weinberg!

4 Was sollte man noch mehr tun an meinem Weinberg, das ich nicht getan habe an ihm? Warum hat er denn schlechte Trauben gebracht, während ich darauf wartete, dass er gute brächte?

5 Wohlan, ich will euch zeigen, was ich mit meinem Weinberg tun will! Sein Zaun soll weggenommen werden, dass er verwüstet werde, und seine Mauer soll eingerissen werden, dass er zertreten werde.

6 Ich will ihn wüst liegen lassen, dass er nicht beschnitten noch gehackt werde, sondern Disteln und Dornen darauf wachsen, und will den Wolken gebieten, dass sie nicht darauf regnen.

7 Des HERRN Zebaoth Weinberg aber ist das Haus Israel und die Männer Judas seine Pflanzung, an der sein Herz hing. Er wartete auf Rechtsspruch, siehe, da war Rechtsbruch, auf Gerechtigkeit, siehe, da war Geschrei über Schlechtigkeit.

Die Aufforderung „Nun richtet, ihr Bürger zu Jerusalem und ihr Männer Judas, zwischen mir und meinem Weinberg" legt die Frage nahe: „Was müsste Gott nach unserer Meinung tun, um die Menschen oder: um mehr Menschen für sich zu gewinnen, so dass sie ihr Leben in der bewussten Ausrichtung auf ihn leben? Wenn wir ihn beraten müssten, was würden wir ihm sagen?" Als Jesaja diese Frage zu seiner Zeit stellte, kannte er bereits zwei Wege, die Gott in der vorangegangenen Geschichte eingeschlagen hatte, um zum Ziel zu kommen.

Da war einmal der Weg der Liebe. Nie hat Gott sein Volk Israel aufgegeben oder verlassen. Er hat es sich herausgerufen aus allen Völkern. Er hat sein Schreien in der Gefangenschaft in Ägypten nicht überhört, ihm vielmehr in Gestalt des Mose einen Retter geschickt, der es herausgeführt und ihm einen Neuanfang in Freiheit ermöglicht hat. Immer wieder hat er es vor Feinden beschützt und behütet. Und dieses Grundgesetz der Liebe hat er nicht nur Israel gegenüber angewandt. Die ganze Welt, seine Schöpfung, hat er bis zum heutigen Tage erhalten, hat es regnen und die Sonne scheinen lassen, hat verhindert, dass die Menschen diese Welt kaputt machen. Und was von der Schöpfung im Ganzen gilt, gilt von vielen Menschen, die seine Liebe und Güte in ihrem Leben als unverdientes Geschenk immer wieder ganz persönlich und in ganz unterschiedlichen Situationen erfahren, -

aber immer wieder auch vergessen haben. Denn das ist ja nun gerade das eigentlich Nicht-Verständliche und Nicht-Normale, dass wir diese Spuren der Liebe Gottes in der Welt und in unserem Leben entweder ganz unreflektiert hinnehmen und konsumieren. Als stünde es uns zu, als gäbe es ein selbstverständliches naturgegebenes Anrecht auf Gesundheit, Glück, Frieden, Erfolg oder langes Leben. Das heißt: Es gibt Menschen, die kommen gar nicht auf die Idee, Gott für das viele Gute, das er uns täglich gibt, zu loben und zu danken. Sodass sich die Vermutung nahe legt: Dieser Weg scheint nicht sehr erfolgreich. Mit der Güte ist Gott häufig nicht sehr weit gekommen. Viele nehmen ihm seine Güte und seine Güter gern ab, aber zu ihm hingezogen fühlen sie sich deswegen noch lange nicht.

Darum leuchtet ein, dass Gott es auch auf die gegenteilige Weise, mit Strenge und Strafe, versucht hat. Gerade im Alten Testament sind mehrere Geschichten überliefert, die in diese Richtung weisen: Etwa die Geschichte von Sodom und Gomorra, diese Städte, auf die Gott wegen ihres sündhaften, Gott vergessenden Lebens einen Schwefelregen fallen ließ, sodass die Bewohner bis auf ganz wenige Gerettete umkamen. Oder die Geschichte von der Sintflut, die zeigt, dass es Gott reute, die Menschheit überhaupt geschaffen zu haben. Auch der Untergang anderer Reiche in frühgeschichtlicher Zeit, zum Teil Großreiche, deren Namen wir heute kaum noch kennen, oder die verheerenden Auswirkungen von Naturkatastrophen und Hungersnöten gehören in diese Kategorie des Strafhandelns Gottes. Wobei die Strafe häufig gerade darin liegt, dass Gott die Völker und ihre Leiter einfach machen, ihre Ziele geradlinig verfolgen lässt und sich ihnen nicht in den Weg stellt. Die Katastrophen sind dann unvermeidbar. Gott braucht gar nicht gewaltsam und brutal dreinzuschlagen. Es genügt, dass er uns unseren Kopf, unseren Willen lässt, uns nicht hindert, sondern laufen lässt, so wie wir es wollen, und uns nicht vor uns selber schützt.

Aus der Geschichte wissen wir allerdings auch, dass Katastrophen nicht immer und nicht nur zum Beten führen. Katastrophen haben eine reinigende Wirkung, aber sie verlieren in der Regel viel zu schnell ihren mahnenden, aufrüttelnden Charakter, weil sie zum Leidwesen der Betroffenen schon nach wenigen Genrerationen vom Sand der Geschichte bedeckt, eingeebnet und schließlich vergessen sind. Von daher müssen wir wohl auch sehen, dass Gott auf dem Weg der Strenge und Strafe sein Ziel - die Gewinnung der Menschheit - zumindest bisher dauerhaft nicht erreicht hat.

Damit stehen wir vor der Frage, die schon Jesaja seinen Zeitgenossen gestellt hat: Was könnte, was sollte Gott noch tun? Wobei wir allerdings eine Voraussetzung immer mit sehen müssen, von der Gott nicht abgeht: Er will die Menschen nicht zu Marionetten seiner Allmacht degradieren. Er will sie vielmehr zu einer freien Zustimmung gewinnen. Aber wie könnte er das tun? Gibt es noch einen dritten Weg? Wenn wir an die beiden Wege, die wir eben beschrieben haben, zurückdenken, zeigt sich eine Gemeinsamkeit: Es sind hoheitliche Wege; Wege, die das Wirken und Walten Gottes im großen Rahmen von Schöpfung und Geschichte zeigen; Wege, in denen er uns mit seiner überlegenen Größe begegnet.

Das ist der Punkt, an dem wir weiter sind als Jesaja zu seiner Zeit. Wir nämlich wissen, dass Gott in Jesus Christus einen neuen, den dritten Weg eingeschlagen hat - nicht hoheitlich, sondern brüderlich. Der Gedanke war: Ich will meinen Sohn zu den Menschen senden, nun aber nicht als Staatsmann oder Heerführer, sondern als Bruder, der seinen Geschwistern von mir erzählt und sie einlädt, zu mir zurück zu kommen; der ihr Herz anrührt und in ihnen die Freude zur Heimkehr ins Vaterhaus weckt. So ist Jesus Christus unter die Menschen gegangen, im Auftrag Gottes, als der für Gott Werbende, Einladende, Bittende mit der Botschaft, die dann später der Apostel Paulus auf den Punkt gebracht und weitergegeben hat: „Lasset euch versöhnen mit Gott" (2. Kor. 5, 20).

Und was hat Gott mit diesem dritten Weg erreicht? Wir können ehrlicherweise nicht sagen, dass er gescheitert ist. Aber es scheint, dass er auch kein durchschlagender Erfolg war. Jedenfalls ist der Sohn nur von einigen angenommen, von vielen aber auch abgelehnt, verfolgt und schließlich ans Kreuz geschlagen worden. Viele weigern sich bis heute, die Botschaft Jesu Christi anzunehmen.

Nun sind wir gefragt: Was könnte Gott noch tun? Wir haben von den drei Versuchen, die er unternommen hat, gehört. Sie sind allesamt nur bei einigen, aber nicht bei allen, und damit nicht wirklich durchschlagend zum Ziel gekommen. Die Frage drängt sich auf: Was würden wir, wenn wir dazu aufgefordert würden, in dieser Gesamtlage Gott raten?

Aus unserer menschlichen Einsicht gibt es in dieser Situation für Gott zwei Möglichkeiten: Aufgeben oder Weitermachen. Bisher hat Gott - wie ich meine, zu unserem Glück und Heil - nie aufgegeben. Auch die Kreuzigung des Sohnes hat er hingenommen. Aber er hat eine unerwartete Antwort darauf gegeben, indem er den Sohn auferweckte. Damit hat er gezeigt: Wo ihr Menschen mit eurer Ablehnung auch zum letzten Mittel greift, wo ihr meinen Gesandten tötet, da fange ich ganz neu wieder an. Ich, der Schöpfer, euer Herr und Vater, gebe nicht auf. Christus bleibt mein Angebot. Seine Worte sollen gehört werden und zur Besiegelung und Unterstreichung dafür, dass ich hinter diesem Sohn unverändert stehe, habe ich ihn auferweckt und neben mich auf den Herrscherthron gesetzt. Ich bleibe dabei - weil ich Gott bin und weil es zu euerm Heil ist.

Damit sind die beiden früheren Wege nicht aufgehoben. Sie bleiben gültig. Darum ist es sinnvoll und richtig, auch heute über eine solche Stelle aus dem Propheten Jesaja zu predigen. Gott arbeitet auf allen diesen Wegen an unseren Herzen - hoheitlich und demütig, gewaltig und ganz leise. Wenn wir aber zu einer Stellungnahme aufgefordert werden und sagen sollen, wie es weitergehen könnte, dann meine ich: Aus dem Weg durch die Geschichte, den Gott mit den Menschen gegangen ist, und aus seinem Wesen, so wie wir es kennen gelernt haben, folgt in diesem Punkte nur eins: Wir werden unsere Hoffnung darauf setzen, dass Gott so wie bisher nie aufgeben wird, nie vor den Menschen kapitulieren wird, sondern seinen Weg weitergehen wird - bis zu dem Tag, an dem ihm alle Menschen Recht geben, ihn anbeten und er auf der ganzen Linie gesiegt haben wird. Amen.

 



Pfarrer em., Dr. Christian-Erdmann Schott
Mainz-Gonsenheim
E-Mail: ce.schott@arcor.de

(zurück zum Seitenanfang)