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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Reminiszere, 04.03.2012

Predigt zu Jesaja 5:1-7, verfasst von Sven Keppler

 

 

I. Mein Freund ist ein begeisterter Hobby-Gärtner. Sein letztes Vorhaben war, in seinem Garten Wein anzubauen. Er wollte beweisen, dass auch in Westfalen prächtige Trauben wachsen können. Vielleicht nicht, um sie zu keltern. Aber mindestens, um sie als Früchte zu genießen.
Mit Leidenschaft hatte er sein Projekt in Angriff genommen. Hatte Tipps gesammelt. Hatte die am besten geeignete Ecke in seinem Garten ausfindig gemacht: sonnig, geschützt vor Wind und Frost. An der Südwand seiner Garage hatte er Spanndrähte angebracht. Den Boden vor der Mauer umgegraben und mühsam von Bauschutt befreit.
Lange hat er sich mit seinem Gärtner beraten, welche Rebsorte am besten geeignet sei. Sie sollte widerstandsfähig gegen Mehltau und Pilzbefall sein. Schließlich hat er sich für die kostspieligste entschieden - er wollte eben unbedingt erfolgreich sein und allen sein Ergebnis vorweisen können.
Im April hatte er gepflanzt. Im nächsten Winter seine Lieblingspflanze fürsorglich vor dem Frost geschützt. Zu allem Überfluss hatte er sogar einen kleinen Zaun um den Weinstock gezogen. Und im letzten Herbst wollte er endlich zum ersten Mal ernten. In seiner Phantasie schmeckte er schon die süßen, kernlosen Beeren auf seiner Zunge. Und heimlich träumte er davon, dass vielleicht doch ein kleiner, bescheidener Wein daraus werden könnte.
Dann kam die Ernte - eine einzige Enttäuschung. Im Spätsommer hatte er schon so etwas geahnt. Als die Beeren einfach nicht über ihre winzige Größe hinauswuchsen. Aber da hatte er sich noch getröstet: Je kleiner sie sind, desto süßer und aromatischer werden sie sein! Sauer waren sie. Ungenießbar und schrumpelig. In seinem Zorn war er den Tränen nah. Ging erregt auf und ab. Dachte an die Peinlichkeit, mit der er sein Scheitern eingestehen musste. Vor all den Spöttern, die sein Projekt sowieso belächelt hatten.
Am nächsten Tag hatte sich sein Zorn immer noch nicht gelegt. Da ging er beherzt zur Tat. Er riss den Weinstock aus. Zerhackte ihn und warf ihn auf seine Totholzhecke. Den Zaun riss er ein und stampfte die Erde fest, weil an der Stelle so schnell nichts mehr wachsen sollte. Ich glaube, am liebsten hätte er wieder Bauschutt in der Erde vergraben. Und ich weiß nicht, wie oft er voller Grimm gemurmelt hat: Das hast Du jetzt davon. Du misslungene Kreatur.

II. Ich muss gestehen, dass mich dieser verbissene Zorn peinlich berührt. Ein bisschen mehr Gelassenheit hätte ich dem Freund schon zugetraut. Zumal man doch mit einem Misserfolg rechnen musste...
Aber das ist wahrscheinlich genau der Punkt: Den voraussehbaren Misserfolg hatte er ja immer bestritten. So enthusiastisch er zu Werke gegangen war, so frustriert war er nach seinem Scheitern. Die Energie, mit der er bei der Sache war, blieb die gleiche. Nur dass sie vom Positiven ins Negative umschlug. Vom Erbaulichen ins Zerstörerische.
Ich hatte auch das Gefühl, dass er zornig sein wollte. Dass er sich seinem Ärger so richtig hingeben wollte. Er wollte die arme Pflanze hassen. Wahrscheinlich hat er gespürt, dass er so am besten über seine Enttäuschung hinwegkommen würde. Er musste sich dann nicht eingestehen, dass er selbst geirrt hatte. Dass er ein aussichtsloses Projekt verfolgt hatte. Dass er sich in eine fixe Idee verrannt hatte, mit übertriebenem Ehrgeiz. Alle Schuld lag bei dieser dummen Pflanze.
Man sagt ja, dass enttäuschte Liebe in abgründigen Hass umschlagen kann. Aber ist es wirklich Liebe, die da umschlägt? Ist es nicht vor allem Selbstmitleid? Gekränkte Eigenliebe? Man hatte sich wunderbar gefallen in seiner Rolle als Liebender. Man war stolz auf die ansehnliche Freundin. Man hatte sich verletzlich gemacht und seine echten Gefühle ganz offen gezeigt.
Und dann die Enttäuschung. Wer darauf mit Hass reagiert, ist glaube ich ganz bei sich selbst. Ich armer Mensch. So unfair behandelt. Ich habe mich doch ganz hingegeben. Ich hab alles getan, mich geöffnet und eingebracht. Und dann geschieht mir dieses Unglück. Lassen Sie mich in aller Vorsicht vermuten: Es ist wahrscheinlich eher Selbstliebe, die in Hass umschlägt. Echte Liebe, der es um den anderen geht, führt wahrscheinlich eher zu Niedergeschlagenheit und Leere.

III. Solche Vermutungen hätten meinem Freund jedoch nicht viel geholfen. In seinem Unglück noch die Lauterkeit seiner Gefühle zu hinterfragen - das wäre unbarmherzig gewesen. Aber was hätte ich ihm stattdessen Gutes tun können? Hören wir einen Text aus dem Jesajabuch. Hier geht es um eine ganz ähnliche Situation. Nur dass der Freund mit einem ganzen Weinberg hadert. Achten Sie beim Zuhören bitte besonders auf den Anfang. [lesen: Jes 5,1-7]
Was für ein erstaunlicher Auftakt! Ich will für meinen Freunde singen, ein Lied von meinem Freund und seinem Weinberg. Ich singe für meinen zornigen Freund. Ich diskutiere nicht mit ihm. Ich weise ihn nicht zurecht. Ich prüfe nicht, ob sein Verhalten eigentlich angemessen ist. Frage ihn nicht, was aus seinem liebevollen Einsatz geworden ist.
Sondern ich singe für ihn. Ich stelle mich auf seine Seite. Ich mache seine Sache zu meiner eigenen. Leihe ihm sogar meine Stimme. Ich mag ihn weiterhin, auch wenn er zornig ist. Ich sage ihm nicht, dass ich ihn albern oder maßlos finde. Sondern ich erzähle ihm selbst seine eigene Geschichte.
Vielleicht kühlt das ja seinen Zorn. Vielleicht fühlt er sich verstanden, angenommen. Vielleicht nimmt ihm das ja auch die Angst, lächerlich dazustehen in seiner enttäuschten Liebe. Er hat seine Gefühle offen gelegt. Hat sich so gezeigt, wie er ist. Und ich als Freund singe ihm ein Lied, mit dem ich ihm zeige: Es ist in Ordnung, ich stehe zu dir. Und außerdem biete ich ihm an, sich mit anderen Augen zu sehen. Ein bisschen aus der Distanz. Vielleicht hilft ihm das auch, wieder zu sich zu kommen.

IV. Das Weinberglied des Jesaja hat also einen überraschenden Auftakt. Es bietet einen Weg an, mit dem Zorn umzugehen. Eine unerwartete Wendung. Ebenso überraschend finde ich das Ende. Aber auf den ersten Blick nicht so hilfreich und befreiend wie den Beginn. Sondern eher befremdlich.
Gott soll der Weinbergbesitzer sein. Der, bei dem Fürsorge, Eifer und Liebe so hart in Zorn und Hass umschlagen. Was ich beim Freund noch allzumenschlich fand und deshalb auch wieder verzeihlich - das soll Gott unterlaufen sein?
Zu meiner Vorstellung von Gott will das nicht passen. Zumindest nicht das Verhalten nach der Enttäuschung. Der Anfang schon: Gott hegt und pflegt seinen Weinberg, müht sich mit vollem Einsatz und unendlicher Energie um seine Schöpfung. Schützt sie und wartet geduldig auf Frucht. Wie wunderbar.
Und natürlich weiß ich auch, dass manche Traube in dieser Schöpfung ungenießbar ist. Schlecht gewachsen und missraten. Wer sollte das nicht besser wissen als Gott selbst! Dass Gott mit Zorn darauf reagiert - von diesem Gedanken ist die theologische Tradition voll. Das kann ich nicht so einfach zur Seite wischen. Aber sollte ich mir Gottes Zorn wirklich so vorstellen wie bei meinem Freund, wie beim Gärtner des Weinbergliedes? Wütend, hasserfüllt, in Jähzorn und Rachsucht? Und dann noch aus gekränktem Stolz, aus angefressener Selbstliebe heraus?
Aber es gab anscheinend Leute, die Gott das zugetraut haben. Der Prophet Jesaja. Die Schreiber seines Buches. Seine Leser und Hörer, die das Weinberglied weiter überliefert haben. Ich frage mich: Welche Erfahrungen müssen sie dazu gebracht haben, so von Gott zu denken?
Wenn mein Land zerstört würde. Wenn ich miterleben müsste, wie meine Nachbarn sterben oder vertrieben werden. Wenn die Kirchen brennen und die Wohnungen zu Schutt würden. Also: Wenn meine Heimat würde wie ein zerstörter Weinberg - würde ich dann vielleicht so von Gott denken lernen? Wenn ich trotz allem festhalten wollte an meinem Glauben, dass Gott der Herr meines Geschicks ist - müsste ich dann nicht darauf kommen, dass er mir zürnt? Dass er vielleicht sogar aus enttäuschter Liebe mit mir bricht?

V. So weit ist das ja vielleicht gar nicht von unserer Erfahrung entfernt. Wir müssen nicht einmal bis Syrien gucken. Gibt es nicht um uns herum Familien, für die alles zusammenbricht? Durch Krankheit. Durch Tod. Durch Verarmung. Was soll ich tun, wenn ich plötzlich das Gefühl bekomme: Gott ist zornig mit mir? Seine Liebe ist in Wut umgeschlagen. Seine Fürsorge in Feindschaft.
Es ist nicht leicht, darauf etwas zu sagen. Was gäbe es Schlimmeres, als das Vertrauen zu verlieren zu dem, von dem ich total abhängig bin? Vielleicht gibt in dieser Situation das Weinberglied ja doch eine Hilfe. Eine Unterstützung von Menschen, die Ähnliches erfahren haben.
Ich will für meinen Gott singen, ein Lied von meinem Gott und seinem Weinberg. Ich singe für meinen zornigen Gott. Ich diskutiere nicht mit ihm. Ich weise ihn nicht zurecht. Ich prüfe nicht, ob sein Verhalten eigentlich angemessen ist. Ob es zu meinem Bild von Gott passt. Frage ihn nicht vorwurfsvoll, was aus seinem liebevollen Einsatz geworden ist. Wer wäre ich, dass ich all das könnte?

Sondern ich singe für ihn. Das, was meinen Freund tröstet, ist vielleicht auch bei Gott das Richtige. Wenn Gott wirklich zürnen kann, dann wird er sich doch hoffentlich auch trösten lassen. Schließlich vertraue ich darauf, dass seine Liebe immer größer ist als sein Zorn. Dass er sich daran erinnern lässt, mein Freund zu sein. Das hat er uns durch Jesus versprochen. Amen.

 



Pfarrer Dr. Sven Keppler
33775 Versmold
E-Mail: sven.keppler@kk-ekvw.de

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