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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Reminiszere, 04.03.2012

Predigt zu Jesaja 5:1-7, verfasst von Reiner Kalmbach

 

Die Gnade Gottes unseres Vaters, die Liebe Jesu unseres Herrn und die lebensspendende Kraft des Heiligen Geistes seien mit uns allen. Amen.

Liebe Gemeinde:

von dem verstorbenen brasilianischen Altbischof Helder Camera erzählt man sich eine interessante Geschichte. Eigentlich hat er sie selber erzählt in einem seiner Bücher. Es ist die Geschichte seiner Bekehrung. Helder Camera gehörte ursprünglich zur konservativen Fraktion der brasilianischen Bischofskonferenz. Es war in jenen Jahren als sich in Südamerika, vor allem in Brasilien, tausende von „Basisgemeinden" bildeten, die ihren eigenen Weg des Glaubens gingen und sich wenig um kirchliche Machtstrukturen kümmerten. Es war in jenen Jahren als man viel von der „Theologie der Befreiung" sprach. Was das in Wirklichkeit bedeutet kann man im Grunde nur verstehen, wenn man die Situation der vielen Millionen, die in den Favelas und Villas Miserias der südamerikanischen Megastädte einen traurigen Überlebenskampf führen, hautnah erlebt. Helder Camera war Bischof im extrem armen Nordosten Brasiliens. Trotzdem hatte seine Residenz alle Vorzüge und Bequemlichkeiten und konnte sich mit den Amtssitzen der Kollegen in Sao Paulo oder Río durchaus messen. Er hatte eine Schwäche für ausgedehnte Früstücke. Dazu lud er des öfteren wichtige Leute aus dem „öffentlichen Leben" ein: Politiker, Banker, Firmenchefs, usw.

An einem solchen Vormittag, nachdem die Gäste bereits gegangen waren, schaute er aus dem Fenster seines Amtszimmers. Das hatte er schon lange nicht mehr getan. Zum ersten Mal sahen seine Augen was schon immer dagewesen war: eine grosse Favela, ein Elendsviertel deren Hütten sich bereits an die Aussenmauer des bischöflichen Palastes anlehnten. Das war der Anfang seiner Bekehrung, die ihn durch eine tiefe Depression führte. Der Anblick von so viel Elend und Hoffnungslosigkeit liess ihn nächtelang nicht schlafen. Er fühlte sich schuldig...Aber am Ende hatte er eine Entscheidung getroffen, nein: „...endlich war ich in der Lage die Stimme Jesu zu hören..."

Einige Monate darauf tagte in seiner Stadt die brasilianische Bischofskonferenz. Wie es sich gehört, lud er an einem Morgen einige seiner Kollegen zum Frühstück ein. Es war ein heisser Tag. Aber er schaltete die Klimaanlage nicht ein. Das Frühstück war diesmal auch ziemlich dürftig, es gab nur Te und etwas gesalzenes Gebäck. Als sich ein Kardinal über die Hitze im Raum beklagte, erhob sich Helder Camera und öffnete das Fenster. Ein unglaublicher Gestank drang von draussen herein. Höflich forderte er seine Kollegen auf sich zu ihm zu gesellen. Das war der Anfang der Spaltung unter den Bischöfen, die sich noch während der Tagung bemerkbar machen sollte. Camera schreibt: „...bei einigen fand eine wirkliche Bekehrung statt, andere aber verhärteten ihre harten Herzen noch mehr..."

Nun wollen wir von Brasilien aus direkt ins Alte Testament reisen, viele hundert Jahre vor Christi Geburt, in die Zeit des Profeten Jesaja. Als ich das Wort für den heutigen Sonntag zum ersten Mal las, musste ich spontan an die Geschichte von Helder Camera denken. Es ist die selbe Situation, es geht um das selbe Thema: die grausame Ungerechtigkeit in der Welt und wie wir, ja, ganz besonders wir Christen!, wir Kirchenleute, Laien, Pfarrer, Kirchenräte, Bischöfe und was es sonst noch alles an Ämtern und Titeln gibt, damit umgehen, wie wir jene „Mission" verstehen die uns von Gott anvertraut wurde.

Aber hören wir nun dieses Wort von dem grossen Profeten Jesaja, es steht im 5. Kapitel, die Verse 1 bis 7

Textlesung

Wer wissen möchte, was Gott über all das denkt was wir Menschen auf dieser (seiner) Erde anrichten, der sollte diese ersten Kapitel des Profeten lesen. Da gibt es kein „..ja, aber...", da wird die Ungerechtikeit beim Namen genannt, und zwar öffentlich!, und von keinem Geringeren als vom grossen Profeten selbst.

Und nun stelle ich mir Jesajas „Auftritt" vor: er erhält eine Einladung zu einem Empfang bei Hofe. Das gehört sich. Ein so wichtiger Mann darf hier nicht fehlen. Hier bei uns in Argentinien findet kein öffentlicher Akt ohne den Segen des Priesters oder des Bischofs statt. Und es gibt viele dieser Akte...., die Kirche muss ihren Segen dazu geben, dann kann uns nichts mehr passieren. Auch die Militärs haben einst mit dem Segen der Kirche „regiert", entführt, gefoltert, gemordet, gestohlen...

Aber nun zurück zu Jesaja: alles stimmt, die Verantwortlichen des Landes sind da, vielleicht auch ein paar ausländische Diplomaten. Auf jeden Fall aber sieht man Banker, Richter, Grossgrundbesitzer, Presseleute, Politiker, Vertreter des Klerus..., es werden Reden gehalten, es wird applaudiert. Dann kommt die Reihe an Jesaja, an ihm kommt keiner vorbei, er ist wichtig, seine Stimme hat Gewicht. Und am Anfang scheint er sich ja an die Etikette zu halten. Er spricht von seinem „lieben Freund", manche schalten bereits wieder ab, man hat schon viele Reden anhören müssen und diese wird nicht die letzte sein...Doch spätestens nach dem ersten Drittel seines Liedes verstummen die Gespräche..., was macht er da?, der tanzt aus der Reihe!, und was schliesslich alle Anwesenden nur zu gut verstehen: „der meint ja uns!"

Jesaja denunziert nicht nur, er prangert nicht einfach nur an, Jesaja spricht das Urteil über all jene die sich auf Kosten des Volkes bereichern, die die Gerechtigkeit mit Füssen treten, die die Korruption zum System gemacht haben. Ja, es ist noch viel schlimmer: Jesaja sagt der herrschenden Klique den Kampf an.

Dazu gehört Mut, „Zivilchourage", Jesaja schwimmt gegen den Strom. Jesaja ist kein Fanatiker der sich in den Dienst irgendeiner Ideolgie stellt, es ist auch nicht geklärt, ob er als Mensch und Mitglied dieser Gesellschaft hinter seiner Botschaft steht, ob er sie also mit seinem Namen unterschreiben kann. Sondern er ist in dieser Situation das Sprachrohr des Allmächtigen!, ob es dem Profeten passt, oder nicht: es ist diese Botschaft und keine andere.

Ist es nicht so?, wir sehen die Ungerechtigkeit, manchmal geschieht sie direkt vor unseren Augen, wir sind Zeugen, oder wir sind indirekt darin verstrickt (indem wir z.B. Produkte kaufen, von denen wir wissen, dass sie von Kindern, oder unter unmenschlichen Arbeitsbedingungen hergestellt wurden). Wir wissen es, wir wissen, dass wir, durch unser Handeln und Schweigen, zu Komplizen des Unrechtssystems geworden sind. Aber wir ändern nichts daran, wir machen weiter als ob nichts geschehen wäre, wir suchen und finden „Argumente", um unser Tun oder Nichttun zu rechtfertigen.

Und dann ist da noch etwas, etwas das uns aufrütteln sollte: Gott ist niemals neutral! Deshalb kann ich eigentlich nicht verstehen, warum wir, selbst und gerade in der Kirche, über die Armut und Ungerechtigkeit in der Welt lieber reden (anders gesagt: wir zerreden sie...!), anstatt konkret zu handeln. Ja, wir wollen helfen, und wir tun das auch, wir kaufen im „Eine-Welt-Laden" ein, wir spenden für Projekte, wir wollen, dass sich die Dinge ändern (aber bitteschön: ohne unseren Wohl-und Besitzstand anzutasten...).

Hier in Argentinien findet im Moment eine grosse Diskussion statt über das Pro und Kontra von Megaminenprojekten. Der ständig steigende Goldpreis lockt die Multis ins Land die in den Anden ganze Bergregionen umwühlen und abtragen, Bäche und Flüsse vergiften und total zerstörte Landschaften hinterlassen, ganz zu schweigen von den sozialen Auswirkungen auf die betroffenen Bevölkerungen. Gleichzeitig dehnt sich die „grüne Wüste" immer mehr aus: Argentinien ist der drittgrösste Sojaproduzent, natürlich 100% genmanipuliert. Dahinter stehen mächtige Kapitalgesellschaften die mit dem Geld europäischer Rentenzahler und kleiner Geldanleger das Land buchstäblich in eine Wüste verwandeln. Die eigentliche Zeche bezahlen die zukünftigen Generationen...

Wo bleibt da der Aufschrei der Kirchen?!, wo deren profetischer Auftrag?! (oder haben die etwa auch ihre Gelder in solchen Fonds angelegt...?)

Gott ist nicht neutral!, sagt uns die Bibel. Und wir wissen es!, wir Christen.

Dabei sollte es doch gerade für uns „leicht" sein gegen den Strom zu schwimmen. Weil wir es wissen, weil wir die Stimme unseres Herrn hören, weil wir, wie niemand sonst, wissen, dass all das was wir besitzen, was wir erstreben, was wir sehen und mit unseren Händen tasten, ja selbst die Systeme, Ideologien und Religionen, dass all das endlich ist, eben von dieser Welt.

Nun noch ein Wort zu Jesus: wir nennen uns Christen..., haben Sie sich schon einmal gefragt, ob zurecht? Jesus ging den anderen Weg, er wählte jene Strassenseite auf der die von der Ungerechtigkeit der Welt gebeutelten Menschen wandeln, Jesus wurde für sie zum Bruder, zur Schwester. Und er ging diesen Weg bis zum Schluss, bis zur letzten Konsequenz. Und diese Konsequenz ist sichtbar für die ganze Welt. Das Kreuz zeigt die letzte Konsequenz der Ungerechtigkeit, ohne „ja..., aber". Und: das Kreuz weißt auch auf eine andere Dimension von Gottes Eingreifen in dieser Welt: die Frucht seines Leidens und Sterbens ist das neue, wahre Leben. Jesu Auferstehung, der wahre Grund unseres Glaubens, Ursache unserer Hoffnung, sollte Grund genug sein, unseren Platz in dieser Welt, und die Rolle die wir in ihr übernehmen, neu zu überdenken. Wenn wir Christen und Christinnen nicht die Speerspitze im Kampfe gegen die Ungerechtigkeit bilden, wer sollte es sonst tun?

Gott selbst hat uns zu dieser Aufgabe, zu dieser „Mission" berufen, es ist kein „muss", es ist ein Privileg, wir schwimmen gegen den Strom, eben weil wir Christen sind, wir können gar nicht anders! Im Grunde ist der Einsatz für die Gerechtigkeit, für Menschenwürde und die Bewahrung der Schöpfung nichts anderes als die Antwort auf das was wir von unserem Schöpfer täglich neu geschenkt bekommen: unser Leben.

Amen.



Pfarrer Reiner Kalmbach
Allen – Patagonien/Argentinien
E-Mail: reiner.kalmbach@gmail.com

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