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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Reminiszere, 04.03.2012

Predigt zu Jesaja 5:1-7, verfasst von Dörte Gebhard

 

Ein Leidlied für Überlebende

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater und unserm Herrn, Jesus Christus. Amen.

Liebe Gemeinde,

der Predigttext für den Sonntag Reminiszere steht beim Propheten Jesaja im 5. Kapitel:

Wohlan, ich will meinem lieben Freunde singen, ein Lied von meinem Freund und seinem Weinberg.

Mein Freund hatte einen Weinberg auf einer fetten Höhe.

Und er grub ihn um und entsteinte ihn und pflanzte darin edle Reben. Er baute auch einen Turm darin und grub eine Kelter und wartete darauf, dass er gute Trauben brächte; aber er brachte schlechte.

Nun richtet, ihr Bürger zu Jerusalem und ihr Männer Judas, zwischen mir und meinem Weinberg!

Was sollte man noch mehr tun an meinem Weinberg, das ich nicht getan habe an ihm? Warum hat er denn schlechte Trauben gebracht, während ich darauf wartete, dass er gute brächte?

Wohlan, ich will euch zeigen, was ich mit meinem Weinberg tun will! Sein Zaun soll weggenommen werden, dass er verwüstet werde, und seine Mauer soll eingerissen werden, dass er zertreten werde.

Ich will ihn wüst liegen lassen, dass er nicht beschnitten noch gehackt werde, sondern Disteln und Dornen darauf wachsen, und will den Wolken gebieten, dass sie nicht darauf regnen.

Des Herrn Zebaoth Weinberg aber ist das Haus Israel und die Männer Judas seine Pflanzung, an der sein Herz hing. Er wartete auf Rechtsspruch, siehe da war Rechtsbruch, auf Gerechtigkeit, siehe, da war Geschrei über Schlechtigkeit.

Liebe Gemeinde,

ist alles zu spät? Kann man gar nichts mehr machen? Ist alles zwecklos, weil Gott den Untergang beschlossen hat?

Nein, es ist nicht alles zu spät - alles, was Jesaja prophezeite, ist schon längst vorüber.

Alles Unheil, das einst von Jesaja angesagt war, ist schon vorbei. Siehe, wir leben! Also müssen wir heute anders fragen, anderes ansagen:

Liebe Überlebende, überlebende Nachfahren dieser Katastrophe, Überlebende der Katastrophen der Weltgeschichte seither, so könnten wir uns nennen, wenn wir bedenken, was die Generationen vor uns überlebt und überstanden haben, was wir einzelne schon hinter uns haben. Man bekommt als Überlebende eine andere, eine eigene Weltsicht. Das erzählen diejenigen, die unvorstellbare Katastrophen durchlitten haben. In der kommenden Woche jährt sich zum ersten Mal der Tsunami in Japan, der die Atomreaktoren in Fukushima zerstörte und wir sehen die mediale Bilderflut der Überlebenden genau vor uns, wie sie in riesigen Turnhallen, durch ein paar Pappkartons voneinander getrennt und vom Kaiser kurz besucht darauf warten, das Unglück in seiner Tragweite zu fassen, darauf warten, dass ein neues, zweites Leben beginnt. Heute sind sie immer noch die Überlebenden, aber wir wissen hier in Europa fast nichts mehr von ihnen, dabei kann es jetzt viel schwerer sein, mit der endgültigen Gewissheit beladen zu sein, dass es in diesem Leben keine Rückkehr in die verstrahlten Gebiete geben wird und mit der unendlichen Ungewissheit belastet zu sein, wie gefährlich es eigentlich ist, wenn man es doch tut.

Überlebende erleiden ein besonderes Schicksal in den Medien. Sie erleben eine im ersten Moment unerträgliche Aufmerksamkeit und nachher noch schlimmeres Vergessen, obwohl sie ihr Leben lang Überlebende bleiben. So geht es nach allen Naturkatastrophen, nach allen persönlichen Weltuntergängen in der Familie. Solange man lebt, ist man ein Überlebender.

So geht es nach allen Kriegen, die die Menschheit über sich bringt. Wer kennt schon die genaue Zahl der Kriege seit den Tagen des Jesaja? Wer weiss auch nur, wie viele Kriege im vergangenen Jahr weltweit geführt wurden? Die Konfliktforscher sind sich einig, dass 2011 das kriegerischste Jahr seit 1945 war, weil weltweit insgesamt zwanzig größere und kleinere Kriege andauern. Wer weiss, wo überall Kindersoldaten morden müssen und die Überlebenden dieses Grauens gezeichnet sind für ihr restliches Leben? Wer überblickt das Leid, das Menschen einander zufügen aus, schon nur aus Dummheit, Gleichgültigkeit und Bequemlichkeit. Wer zählt die zerstörten Weinberge seit Jesajas Unheilsprophetie?

Die Menschheit kann man anschauen als Gemeinschaft von Überlebenden. Sie tun heute noch genau dasselbe, was der alte Prophet von Gott verkündete:

Sie erleben Rechtsbruch und warten wie Gott auf Gerechtigkeit, zwischen Nord und Süd, Ost und West, zwischen den Religionen, den Kulturen, den Völkern, zwischen allen Feinden, die es auf Erden gibt.

Es ist immer noch dasselbe Geschrei über Schlechtigkeit, es ist - Gott sei Dank - noch nicht verstummt. Obwohl sich die Prophezeiungen des Jesaja vor ungefähr 2600 Jahren vollkommen erfüllt hatten, der Staat Juda unterging und für lange Zeit eine einzige, trostlose, verlassene Wüstenei wurde. Wahrscheinlich musste man auch kein besonders begnadeter Prophet sein, um diesen Untergang vorherzusehen. Wer einigermaßen die politischen Verhältnisse kannte, wird mehr als deutlich geahnt haben, dass die Israeliten keine Chance hatten.

Jesaja zeigt seinen Zeitgenossen nur, was und wie und warum es geschieht: dass sich fruchtbare Länder in Wüsteneien verwandeln, dass alle Liebe und alle Mühe umsonst waren, dass alles und noch mehr zerstört wird, dass alles, was einst gut war, nicht bleibt. Der Prophet ist ein Mitleidender, er kann nichts hindern oder aufhalten, aber doch noch etwas machen:

Er fasst die Katastrophe in ein Bildwort von einem Weinberg. Darunter konnte sich jeder etwas vorstellen, jeder wusste, dass bei der damaligen Lebenserwartung ein Weinberg mehr war als eine Lebensaufgabe für einen einzelnen Bauern. Ein gedeihender Weinberg war wohl ein Generationenprojekt, wie wir es heute nennen würden. Jesaja fasst den Untergang in Worte und will, dass sie sich ins Langzeitgedächtnis einprägen. Er konnte die Hoffnung nicht aufgeben, dass es Überlebende geben würde ... Er spürt auch, wie trostbedürftig er selbst ist und dass Musik weiter hinein ins Herzengsedächtnis der Menschen reicht als das gesprochene Wort.

Es war alles schon zu spät, der Untergang ist nahe herbeigekommen, aber Jesaja singt noch ein Lied - voller Emotionen, von Liebe, Enttäuschungen und Schmerzen, ein Leidlied. Er wird hinausgegangen sein in die Weinberge, dorthin wo sie arbeiteten an jenen Tagen und alle, alle werden die Melodie gekannt haben, aber der Text über Gott, den enttäuschten Liebhaber der Menschen, war neu:

Wohlan, ich will euch zeigen, was ich mit meinem Weinberg tun will! Sein Zaun soll weggenommen werden, dass er verwüstet werde, und seine Mauer soll eingerissen werden, dass er zertreten werde.

Ich will ihn wüst liegen lassen, dass er nicht beschnitten noch gehackt werde, sondern Disteln und Dornen darauf wachsen, und will den Wolken gebieten, dass sie nicht darauf regnen.

Sie haben wohl aufgemerkt, gen Himmel geblickt und die Hände sinken lassen, mit denen sie eben noch Trauben prüften, ob sie auch nicht sauer sind, Unkraut jäteten, endlich auf Regen hofften und Wassergräben zogen und Steinmauern ausbesserten, auf denen sich die Eidechsen sonnten ... Der Himmel ist blau und frei.

Jesaja steht da und singt die alte, vertraute Melodie, die uns durch die Zeiten und die Katastrophen abhanden gekommen ist. Jesaja singt - unter freiem Himmel. Darauf kommt es an. Der lebendige Gott lässt seine Menschen unter freiem Himmel leben, bis heute. Gott hält den Himmel über der Menschheit frei, er lässt ihr ihren freien Willen, auch dann noch, wenn dieser Wille vernichtend und selbstzerstörerisch wird, auch dann noch, als Ungerechtigkeiten und Bluttatten schon lange zum Himmel schreien. Daran gibt es übrigens nichts zu deuteln und keine Missverständnisse aufzuklären: Die Menschheit lebt unter freiem Himmel, Gott hat bis heute seine Freiheit den jeweils Überlebenden niemals entzogen.

Diese gottgeschenkte, große Freiheit haben Menschen missbraucht und immer wieder Gott zum Vorwurf gemacht. Fjodor Dostojewski lässt seinen „Großinquisitor" vor dem nach 15 Jahrhunderten wiedergekehrten, nun eingekerkerten und schweigenden Jesus schreien, wie unerträglich viel zu groß diese Freiheit ist, dass man es als Mensch nicht aushalten, schier nicht überleben kann: „... es wird damit enden, dass sie uns ihre Freiheit zu Füßen legen und zu uns sagen: ‚Knechtet uns lieber, aber macht uns satt!‘ Sie werden schließlich selbst begreifen, dass Freiheit und reichliches irdisches Brot für einen jeden zusammen undenkbar sind; denn niemals, niemals werden sie verstehen, untereinander zu teilen! Sie werden auch zu der Überzeugung gelangen, dass sie niemals frei sein können, weil sei kraftlos, lasterhaft, nichtig und rebellisch sind." So klagt der greise Kirchenmann dem wiedergekommenen Jesus in der Kerkerzelle, so klagt er Gott, dem einzigen, dem einzig wahrhaft lebendig Überlebenden. Ist die Freiheit zu groß, die Gott den Menschen lässt? Auf jeden Fall ist diese Frage zu groß, als dass es unter Menschen eine Antwort darauf gäbe.

Steigen wir aus dem dunklen Kerker Dostojewskis wieder hinauf ans Licht, zu Jesaja und den Seinen. Sie haben das Leidlied ihres Propheten unter freiem Himmel vernommen und dann auch alsbald die Erfahrung gemacht, dass alle Arbeit, alle Mühe, einfach alles vergeblich war, alles verwüstet wird und das letzte Grün verdorrt. Jerusalems Mauern werden eingerissen, alles wird dem Erdboden gleichgemacht und was nicht vernichtet wird, vergeht, weil kaum jemand da ist, der es noch hegen und pflegen könnte. Es kommen Unwetter, Dürre, Heuschrecken, Entwurzelungen, also: Besatzer, Plünderer, Vergewaltiger, Mörder, Sklavenhalter, ...

Dennoch gibt es Überlebende und mit ihnen überlebt auch dieses Leidlied.

Die berühmte Frage brennt: Warum?

Ob das so ist, weil Gott zu jedem Untergang einen Propheten wie Jesaja schickt, der das Leidlied immer wieder neu singt?

Ob es Überlebende gibt, weil sie das Leidlied im Gedächtnis behielten?

Ob wir leben, weil wir alle zusammen nicht alles vergessen haben, weil wir uns an die Katastrophen erinnern können?

Ob wir noch leben, weil wir über Jahrtausenden blutiger, unfriedlicher Weltgeschichte nicht vergessen haben, dass alles einmal gut gedacht und gut gemacht war?

Ob wir noch da sind, weil wir uns daran erinnern, dass der Weinberg auf einer fetten, also fruchtbaren Höhe liegt, weil wir uns an die einstigen Wohltaten Gottes erinnern, auch wenn unser Weinberg heute die Spuren und Narben aller Katastrophen zeigt?

Ob wir überleben werden, weil manche unter uns nicht aufgehört haben, Gott an seine Wohltaten zu erinnern, ihm noch unsere Leidlieder zu singen, immer noch zu hoffen und zu beten?

Liebe überlebende Gemeinde,

jetzt stehen wir dort draussen unter freiem Himmel, wo Jesaja einst sang und wollen uns mutig den alten Weinberg ansehen, denn er ist ja immer noch da, mit den Spuren und Narben aller Katastrophen. Noch drei Augenblicke will ich im heutigen Weinberg verweilen, den Jesaja sicher immer noch wiedererkennen würde.

Der erste Augenblick gehört natürlich Gott, dem ursprünglichen und ersten Gärtner. Trotz größtmöglicher, menschlicher Zerstörungswut gegen Turm und Kelter und Mauern, trotz Weltkriegen und gigantischen Naturkatastrophen ist der Glaube an einen hart arbeitenden, liebevollen Gärtner lebendig geblieben. Von den unzähligen menschlichen Bildern, die in der Bibel von Gott gezeichnet werden, finde ich es eines der schönsten. Gott ist der, der Lebendiges wachsen lässt, fest verwurzelt in der Erde, aber Richtung Himmel hinauf. Gott wird von Jesaja als geduldiger Gärtner gedacht, der wartet und unter freiem Himmel gedeihen lässt, was gut angelegt ist.

Der zweite Augenblick ist den Opfern gewidmet, denen, die nicht überlebt haben, denen, deren Sterben keinen Sinn hatte und heute keinen Sinn hat. Der Weinberg, unsere Welt, ist mit ihren Wunden und Narben ein Denkmal, ein bleibendes Mahnmal für alle Überlebenden. Wenn wir unseren ganzen Mut zusammennehmen, dann erkennen wir, wie viel wir selbst kaputt gemacht haben, nachdem Gott uns den Weinberg überlassen hat. Der künftige, deutsche Bundespräsident Joachim Gauck wird es in Deutschland auch in Zukunft predigen: „Freiheit heißt Verantwortung." Wir haben Verantwortung für das, was uns anvertraut ist. Jesaja zeichnet das Bild von „Weltweinberg" sehr genau: Gott ist nicht der aktive Zerstörer, er lässt nur geschehen, was Menschen möglich ist im Bösen wie im Guten.

Der letzte Augenblick dieser Predigt gehört daher der Hoffnung. Es ist immer noch ein Weinberg, in dem etwas wächst und gedeiht, in dem wir immer noch wissen, was die guten Früchte sind, in dem wir - das ist die Hauptsache - auch immer noch die guten Trauben finden und unterscheiden können von den sauren. Wir leben in unserem Weinberg und unentwegt wird an Mauern, Fundamenten, Kelter und Turm renoviert, geflickt, repariert, wiederaufgebaut, ausgebessert, abgerissen und neu errichtet. Wir leben nicht mehr im Ursprünglichen, im Ersten, wir leben im immer schon Erneuerten, wieder Aufgebauten. Ob das einmal unsere Angst mildert vor dem dauernden Wandel, vor allem Neuen? Das wäre das beste Zeichen für den Weinberg. Freilich, die Passionszeit des Weinbergs ist lang, die Dornen und Disteln verstreuen ihre Samen immer wieder neu, ohne dass wir uns darum sorgen müssten, aber sie wird nicht ewig sein.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, stärke und bewahre bis dahin eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, Amen.



Pfarrerin PD Dr. Dörte Gebhard
CH-5742 Kölliken
E-Mail: doerte.gebhard@web.de

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