Göttinger Predigten

deutsch English español
português dansk Schweiz

Startseite

Aktuelle Predigten

Archiv

Besondere Gelegenheiten

Suche

Links

Gästebuch

Konzeption

Unsere Autoren weltweit

Kontakt
ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Judika, 25.03.2012

Predigt zu Numeri 21:4-9, verfasst von Tom Kleffmann

 

Gnade sei mit euch und Friede, von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Heute habe ich davon zu reden, wie es ist, auf einem guten Weg zu sein - dann aber die Orientierung zu verlieren, innerlich abzuirren. Was es bedeutet, auf einem guten Weg zu sein, sich aber in Zweifel zu verstricken, den Glauben zu verlieren.

Ich habe also davon zu predigen, was es bedeutet, die Gewißheit Gottes zu verlieren - den Grund, den Sinn, das Ziel. Und ich habe zu predigen, wie Gott sich wieder finden läßt.

Der Predigttext steht im 4. Buch Mose, 21. Kapitel. Die Vorgeschichte ist bekannt: Durch den Menschen Moses führt Gott das Volk aus der ägyptischen Gefangenschaft. Es wandert auf einem langen Weg durch die Wüste. Ihm ist Land verheißen, Heimat. Aber diese Heimat scheint fern.

[Lesung 4. Mose 21,4-9]

Ich verstehe den Text nicht buchstäblich oder historisch. Wenn er von der Wüste und von der Wanderung redet, so übetrage ich das auf unser Leben - auch wenn der Text sicher nicht uns, die christliche Kirche gemeint hat. Die Schlangen aber verstehe ich als Sinnbild: Sinnbild für ein tödliches Gift, für ein auswegloses Leid. Wenn aber das Leid, das die Schlangen bedeuten, zum Zeichen Gottes wird - dann ist dieses Zeichen das Zeichen des Lebens.

Die Predigt macht vier Schritte. Zuerst die Wüste. Dann das Murren, die Sünde. Drittens die Schlangen. Und am Ende das Zeichen des Lebens.

- Zuerst also die Wüste. Wenn der Weg lang wird. Oder besser gesagt: wenn das Ziel fern scheint, die versprochene Heimat. Daß keine Angst mehr herrscht und kein Tod. Daß Gott gewiß ist. Daß sein Geist uns Menschen verbindet. Daß sein Frieden herrscht. Daß Gottes Geist den ewigen Sinn in die Bilder von Himmel und Erde malt. Daß das Land anfängt zu reden, auch Bäume und Gräser, und uns den Sinn Gottes sagen. Das ist die uns versprochene Heimat.

Wenn diese Heimat aber so fern ist; wenn das, was wir einmal verstanden haben von Weihnachten und Ostern und Pfingsten, wenn das so blaß geworden ist, so dünn - dann ist das die Wüste. Wenn dir der Tod vor Augen steht. Wenn der Blick des Verstandes sein Recht fordert, der in Galaxien und Atomen und Neuronen und Genen keinen Sinn sieht - aber 24 Kinder, die auf der Autobahn sterben, und zehntausend bei einer Flutwelle. Das ist die Wüste.

- Dann das Murren - der Kleinmut, der wider Gott redet und den Menschen, in dem Gott zu uns kommt. Warum hast du uns aus Ägypten geführt, daß wir sterben in der Wüste? Ägypten, das ist ist die Welt da draußen, außerhalb der Kirche. Die, die nicht auf diesem Weg sind. Die die versprochene Heimat nicht umtreibt. Die Jagd nach Geld, Schönheit, Sieg: natürlich ist das eine Lüge. Aber wenigstens eine schöne Lüge. Wenigstens eine Lüge, in der wir das Leben genießen, eine Zeit lang. Und hier: Wüstenkirche. Es ist kein Brot noch Wasser hier; und uns ekelt vor dieser mageren Speise. Labbriges Manna. Womit speist du mich ab, Pastor? Was hast du zu sagen? Das Versprechen der Heimat, das Wort Gottes - es wird gelesen, zitiert, interpretiert. Aber wenn es mich nicht erlöst, befreit und hinführt, wenn es mich im Ungewissen läßt - ist es dann Wort Gottes? Die wohlfeile, allsonntägliche Rede von der Gnade eines Gottes, dessen Gericht ich garnicht verstehe.

Aber es ist nicht der Pastor! Es ist nicht Mose! Du selbst bist verantwortlich für die Wahrheit deines Lebens. Du bist mit deiner Kirche aufgebrochen aus Ägypten. Dir ist das Wort gesagt. Du mußt es selbst verstehen. Du darfst dich nicht fallen lassen! Du mußt treu bleiben!

- Nun der dritte Schritt. Da sandte Gott der Herr feurige Schlangen, die bissen das Volk, daß viele starben. Was sind diese Schlangen, wenn ihr, das Volk Gottes, in der Wüste steht und murrt? Gott zeigt uns die Welt ohne Gott. Die Schlangen, das sind die Spitzen der Einsamkeit, in denen Gott sich wirklich entzogen hat. Die Schlange, das ist die Gottesferne, die uns tödlich wach macht. Die Einsamkeit, die letzte Gottverlassenheit im Angesicht des Todes. Wenn die Sinnlosigkeit endgültig wird. Die Unmöglichkeit einer Heimat. Die Verzweiflung, daß Gott verschwunden ist. Bis hin zum Glaubenstod. Austritt, Exitus. Weg zu Ende, mitten in der Wüste.

Daß aber Gott die Schlangen sendet, heißt auch, daß es sich wenden kann. -

- Also der letzte Schritt. Da kamen sie zu Mose und sprachen: Wir haben gesündigt, daß wir wider den Herrn und wider dich geredet haben. Bitte den Herrn, daß er die Schlangen von uns nehme. Mitten in der Wüste wird gebetet. Mitten im Zweifel. Mitten in der Gottlosigkeit wird gebetet. Es gibt die Kirche noch. Wir stehen nicht sprachlos vor Gott. Das Wort, durch das der Geist aufblitzt - vielleicht -, wird noch gepredigt.

Welches Wort? Eben das, was ich heute auszulegen habe!: daß Gott uns ein Zeichen gegeben hat. Daß er die Schlange als sein Zeichen hoch aufgerichtet hat - die Einsamkeit, die Gottverlassenheit, den abgrundtiefen Zweifel, den Tod: als sein Zeichen. Und wer gebissen ist und sieht es an, der soll leben.

Das Zeichen des Todes, mit dem Gott den rettet, der es ansieht: für uns ist es der Mensch am Kreuz. Wenn wir nicht hier, am Kreuz, unsere Einsamkeit, unsere Angst, unsere Verlassenheit sehen, geht es uns nichts an. Der verlassene Mensch, der am Kreuz erhöht wird in Gottes Gemeinschaft, die das Leben ist. Ich lese im Johannesevangelium, 3. Kapitel, Vers 14: Und wie Mose in der Wüste die Schlange erhöht hat, so muß der Menschensohn erhöht werden, damit alle, die an ihn glauben, das ewige Leben haben.

Der Mensch am Kreuz: das ist unser Mose, und das ist unser Zeichen. Das Zeichen der Kirche. Ihr Garant. Es ist das Zeichen unserer wahren Einsamkeit, unserer Verlassenheit, unserer Angst. Und das Zeichen, daß darin Gott selber bei uns ist. Hier ist das Zeichen. Und hier ist die Heimat: mitten in der Wüste. Der Weg geht weiter. Aber wir sind auch schon da. Das ist das Geheimnis.

Der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.



Prof. Dr. Tom Kleffmann
Kassel
E-Mail: kleffmann@uni-kassel.de

(zurück zum Seitenanfang)