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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Judika, 25.03.2012

Predigt zu Numeri 21:4-9, verfasst von Jürgen Jüngling

 

Da brachen sie auf von dem Berge Hor in Richtung auf das Schilfmeer, um das Land der Edomiter zu umgehen. Und das Volk wurde verdrossen auf dem Wege und redete wider Gott und wider Mose: Warum hast du uns aus Ägypten geführt, dass wir sterben in der Wüste? Denn es ist kein Brot noch Wasser hier, und uns ekelt vor dieser mageren Speise. Da sandte der HERR feurige Schlangen unter das Volk; die bissen das Volk, dass viele aus Israel starben. Da kamen sie zu Mose und sprachen Wir haben gesündigt, dass wir wider den HERRN und wider dich geredet haben. Bitte den HERRN, dass er die Schlangen von uns nehme. Und Mose bat für das Volk. Da sprach der HERR zu Mose: Mache dir eine eherne Schlange und richte sie an einer Stange hoch auf. Wer gebissen ist und sieht sie an, der soll leben. Da machte Mose eine eherne Schlange und richtete sie hoch auf. Und wenn jemanden eine Schlange biss, so sah er die eherne Schlange und blieb leben.

1. Das Volk Israel ist unterwegs auf dem endlos langen Weg von Ägypten zurück und hinauf ins „Gelobte Land". Aber das alles klappt längst nicht so, wie man es sich seinerzeit gewünscht und erträumt hatte. Deshalb wird uns ganz lapidar berichtet: „Das Volk wurde verdrossen auf dem Wege." (v.4) Wer könnte das nicht nachempfinden? Wie die Menschen damals langsam aber sicher auf ihrem schier endlosen Treck immer verdrießlicher wurden, bis sie schließlich ganz und gar verdrossen waren. Sie hatten einfach genug, ihnen reichte es längst, und der ursprüngliche Schwung war spätestens jetzt in Schuldvorwürfe und lähmende Depression umgeschlagen.

Wir können diese Situation voll und ganz nachvollziehen, weil das doch in vielerlei Hinsicht auch bei uns so ist. Ich erspare mir die entsprechenden Stichworte, denn es ist inden allerletzten Jahren, gar nach den letzten Monaten und Wochen doch förmlich mit Händen zu greifen: Verdrossenheit ist - wahrlich nicht grundlos - zu einer Zustands- und Bewusstseinsbeschreibung in vielen Lebensbereichen geworden, vor allem auf dem gesellschaftlich-politischem Feld. Egal ob globale, europäische oder nationale Ebene - Politikverdrossenheit allenthalben und allerorten! Selbst eine zunehmende Staatsverdrossenheit konstatieren aufmerksame Beobachter inzwischen. Und wen kann es auf diesem Hintergrund noch wundern, dass sich an der einen oder anderen Stelle gar Züge von Lebensverdrossenheit breit machen? Wahr und wahrhaftig: An stichhaltigen Gründen für ein solches Lebensgefühl mangelt es nicht. Und trotzdem zögere ich, weigere mich sogar ausdrücklich, in den großen Chor der Verdrossenen einzutreten oder gar in ihm aufzugehen.

2. Denn andererseits stelle ich oftmals auch einen etwas beckmesserischen und fast schwarzseherischen Umgang fest mit dem, was nun einmal ist. Das gilt für die vielerlei Gefährdungen ganz genauso wie für die Chancen, die wir doch wie eh und je vorfinden. Auch das ist selbstverständlich keineswegs neu, sondern war sicher schon zu allen Zeiten so. Darin befinden wir uns durchaus in vertrauter Gesellschaft mit den Israeliten von damals. Die waren auch eher pessimistisch, nörgelig und unzufrieden und sahen fast alles lieber grau in grau. Sie schimpften und lamentierten so gründlich, dass sie gar ihr gesamtes Unternehmen in Frage stellten: „Warum hast du uns (überhaupt) aus Ägypten geführt?" (v.5) An Brot und Wasser mangelte es ihnen, und vor dem unansehnlichen Manna ekelten sie sich geradezu. Kommt uns das nicht bekannt vor? Ich frage mal spitz: Versündigen wir uns am Ende nicht an dem, was wir haben, was wir sind, was wir können - nur weil wir das Glas so gerne halbleer sehen wollen? Ich meine damit, dass wir zu oft genau das schlechtreden oder schwarzsehen, was uns doch immerhin zur Verfügung steht. Und dass wir darüber dessen Chancen und Möglichkeiten übersehen oder verpassen. Und dass wir letzten Endes sogar nicht einmal mehr merken, wie viel und wie vielfältigen Grund wir doch immer noch und immer neu zu Dankbarkeit haben. Hierhin passt dann manchmal schon die inzwischen fast sprichwörtlich gewordene Äußerung von dem „Jammern auf hohem Niveau".

3. Aber - so geht es in der Geschichte weiter - aber das alles lässt Gott seinen Leuten nicht so einfach durchgehen. Er sorgt dafür, dass auf einmal die Schlange, dieses uralte Symbol des Bösen, unter die Menschen kommt. Von Gott selber geschickt, und doch Anlass für Leid und Tod von vielen. Verstehe, wer das kann!

Apropos verstehen: Wie steht es in diesem Zusammenhang eigentlich um den Begriff der Strafe Gottes? Das scheint mir einer jener Begriffe zu sein, die sich viele unter uns stillschweigend abgewöhnt und aus ihrem Lebensrahmen gestrichen zu haben. Strafe Gottes - gibt`s die überhaupt noch angesichts unserer oft so niedlich und inflationär gewordenen Rede vom „lieben Gott"? Doch stellen sollten wir uns dieser Frage schon. Ich bin davon überzeugt: Die alten Großerzählungen z.B. von der Sintflut oder vom Schicksal und der Fragestellung Hiobs, die haben schon ihren tiefen Sinn und ihren lebenswichtigen Ort. Nur wir Menschen kapieren das so zögerlich und oft genug auch gar nicht - Gott sei`s geklagt!

Eines geht mir an dieser alten Geschichte wieder auf: Die Strafe Gottes - wenn ich denn bei diesem Wort einmal bleiben will - ist nie eine Strafe rein um des Strafens willen, sondern die Strafe Gottes hat eine lebenswichtige Funktion: Sie führt weiter und will letzten Endes hilfreich, gar segensreich sein, will Menschen erst zum (Weiter)Leben verhelfen. Sie beendet nicht wie mit dem großen Hammer einen Irrweg, sondern - ganz im Gegenteil - eröffnet erst eine neue Zukunft. Das wird mir an dieser Erzählung überdeutlich - Gott sei`s gedankt!

4. Die Israeliten haben gemerkt, dass sie nicht etwa ein willkürlicher Gott gnadenlos drangsaliert. Ihnen waren vielmehr die Augen dafür aufgegangen, dass sie sich selber und höchstpersönlich auf ihre Weise schuldig gemacht hatten. „Wir haben gesündigt" (v.7), so bekennen sie es vor Mose. Und ich bin davon überzeugt: Ein solches Eingeständnis, das kann dann auch ein Befreiungsschlag sein - gäbe es so etwas nur ein wenig öfter! Das kann herausreißen aus der alten Tretmühle von Selbstgerechtigkeit und sturem Beharren, von Unzufriedenheit und Vorwurfshaltung: Ja, wir haben falsch gehandelt vor Gott und den Menschen; ja, wir haben gesündigt! Kein Wenn und kein Aber!

Und so ist es doch auch bei uns, die wir „Sünde" allenfalls vom Hörensagen kennen oder von uns augenzwinkernd als den „kleinen Sünderlein" singen. Wo Menschen leben, werden diese nun einmal schuldig, werden es im Vollzug ihres Lebens immer wieder neu, auch dann, wenn sie es im tiefsten Herzen gar nicht wollen. Der Apostel Paulus hat diesen Sachverhalt unnachahmlich auf den Punkt gebracht: „Das Gute, das ich will, das tue ich nicht; sondern das Böse, das ich nicht will, das tue ich." (Römer 7,19) - Grundmuster und Grundbewegung unseres Lebens!

5. An Mose ist es nun, Gott darum zu bitten, die Gefahr für seine Leute zu beenden - als Vermittler und Schlichter gleichermaßen. Und Gott lässt sich darauf ein, gibt der Mose-Bitte statt, wenn auch sehr geheimnisvoll und schwer zu verstehen: Eine Schlange aus Erz soll aufgestellt werden - Hinweis auf die Strafe Gottes, von niemandem zu übersehen. Doch dann das Andere, das Weiterführende: Wer diese Schlange ansieht - also: wer seine Lebenswirklichkeit offenen Auges und ehrlichen Herzens erkennt und vor allem anerkennt - „der soll leben." (v.8) Gott bleibt sich und den Seinen treu.

Ich finde diesen Vorgang - so rätselhaft auch immer er sein mag - ausgesprochen beeindruckend. Denn das Ebenbild, das Abbild der großen Gefahr und damit verbunden ihre Erkenntnis, erst das führt zum Schutz vor der Gefahr. Hier kommt etwas sehr präzise und tiefgründig zum Ausdruck: Der Anblick, der wortwörtliche (!) Augen-Blick der Gefahr bewirkt ihr Erkennen und ihr Ernstnehmen. Für mich eines der überzeugendsten Beispiele, gerade einmal ein Jahr her: Fukushima und die Folgen! Der unmittelbare Augen-Blick der Katastrophe bewirkt Erkennen, verhilft zu neuer Nachdenklichkeit und ermöglicht letztlich Umkehr.

Ich bin mir sicher: Solche ehernen Schlangen an hoch aufgerichteten und weithin sichtbaren Stangen, die brauchen wir heute so dringend, wie Menschen sie schon immer gebraucht haben. Solche Zeichen als Fingerzeige Gottes wahrzunehmen, um am Leben zu bleiben oder erst zum Leben zu kommen, das haben wir bitter, bitter nötig.

6. Mit dem heutigen Sonntag haben wir fast schon das Ende der Passionszeit vor Augen. Und so erahnen wir zumindest jenes andere hoch aufgerichtete Holz vor den Toren Jerusalems, das wohl bekannteste Zeichen Gottes an seine Menschen: nämlich das Kreuz als Ort von Leid und Tod und das Kreuz zugleich als Signal für Befreiung und neues Leben! Gebe uns Gott bei allen seinen Zeichen weit geöffnete Augen und für seine Botschaft ganz offene Ohren! Amen.



Oberlandeskirchenrat i.R. Jürgen Jüngling
Kassel
E-Mail: juengling@webgum.de

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