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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Judika, 25.03.2012

Predigt zu Numeri 21:4-9, verfasst von Christoph Maier

 

Biblischer Kontext - Erzählung

Sie lag schon etwas länger zurück, die Erfahrung, dass Gott in die Freiheit führt. Damals haben sie erlebt, wie sie Gott vertrauen können, wie er sie schützt und neuen Lebensraum öffnet. Nun sollten sie wieder umkehren. Das Ziel so kurz vor den Augen. Eigentlich mussten sie nur noch quer durch das Land der Edomiter ziehen. Niemand hatte vor, den Edomitern etwas tun. Sie wollten einfach nur durch, auf dem kürzesten Weg zum Ziel. Endlich in das verheißene Land. Aber die Edomiter drohten mit Krieg. Lassen Truppen aufmarschieren an der Grenze. Wieder einmal, wie schon so oft in den letzten Jahren, mussten die Israeliten erleben, wie die Verheißung Verheißung blieb, wie das Versprechen aufgeschoben wurde, statt es endlich zu erfüllen. Es blieb ihnen keine andere Wahl. Sie mussten das Land Edom umgehen. Das heißt umkehren, zurück in die Wüste. Dorthin zurück, woher sie gekommen sind. Sie hatten es satt! Wüste, das bedeutet Manna. Gott würde es ihnen jeden Tag geben. Wüste, das bedeutet von der Hand in den Mund, keine Sicherheit über den Tag hinaus. Tag täglich würden sie wieder angewiesen sein auf das, was Gott ihnen gibt.

Sie hatten es satt. So kurz vor dem Ziel, dem verheißenen, gelobten Land. Sie waren mit ihrer Geduld am Ende. Das Vertrauen in Gottes gute Führung ist erschüttert. Und nun dann kommen auch noch die Schlangen. Schlangen in der Wüste. Ihr Biss ist gefährlich, vergiftet, tödlich.

Das Verhältnis zwischen dem Volk und Moses, zwischen Volk und Gott ist vergiftet. Ihr Murren und Nörgeln, ihre Ungeduld und das Misstrauen forderten in der Wüste viele Todesopfer. Oder ist es die enttäuschte Hoffnung, der Weg zurück in die Wüste, der Umweg, den viele nicht mehr schaffen werden? Sie haben aufgegeben. Ihnen fehlt das Vertrauen in Gottes gute Führung.

Ikonografie - Die Schlange

Sollte Gott etwa gesagt haben, ihr könnt nicht in das heilige Land einziehen? Sollte Gott etwa gesagt haben, ihr dürft nicht von dem Baum essen? - Schon einmal begegnet uns in der Bibel die Schlange. Sie steht als Zeichen dafür, dass das Vertrauen zwischen Gott und Menschen zerstört ist, dass das Verhältnis zwischen Gott und Menschen vergiftet wurde. Seit dem Paradies kennen wir die Schlange als, Verführerin, und vielfach wurde sie so zum Inbegriff des Bösen.

Aber hier, in dieser Erzählung, ist die Schlange auch das Zeichen der Rettung. Die Schlange in Bronze um einen Stab gewickelt, wird zum Symbol der Heilung. Später mach der Äskulap-Kult in Griechenland dieses Symbol populär und es ist bis heute als Symbol der Ärzte und Pharmazeuten bekannt und gebräuchlich. In der Tat ist die Bedeutung der Schlange schon im Alten Orient vielschichtiger, als wir das in der christlichen Deutung kennen. Als geflügelte Kobra ist sie das Machtsymbol der ägyptischen Pharaonen. Und auch der Thron Gottes wird, nach einer Beschreibung aus dem Jesajabuch, von schlangenähnlichen Gestalten bewacht. Die Tatsache, dass sich Schlangen immer wieder häuten und selbst verjüngen, machte sie zudem auch zum Symbol der Lebenserneuerung.

Gift oder Lebenserneuerung, Macht oder Ohnmacht, Tod oder Heilung. Eine Frage der Dosierung? Eine Frage des Vertrauens? Zu Risiken und Nebenwirkungen lesen Sie die Packungsbeilage und Fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker.

Die Verheißungen Gottes haben Risiken, die Liebe Gottes zeigt unerwünschte Nebenwirkungen. Wo die Verheißung ausbleibt, wo das Vertrauen schwindet, wo der Blick nur noch auf das gerichtete ist, was Angst macht, besonders in Wüstenzeiten, da kann das Heil bringende zum Gift werden, Vertrauen in Misstrauen verkehren. Hat Gott nicht gesagt, hat er nicht versprochen? Es ist ein schleichendes Gift, das kaum bemerkt die Zustände verändert.

In unserer Geschichte wird das schleichende Gift dadurch überwunden, dass die Angst angepackt wurde, aufs Holz gepackt wurde. In ein Ritual gegossen. Mit Bronze überzogen und aufgehängt. Damit der Blick wieder nach oben geht.

Erzählung - Adam

Adam hatte nie ganz verstanden, warum die Christen einen Gekreuzigten verehren, warum sie dieses Folterinstrument auch noch in ihren Kirchen aufhängen. Lange hat ihn das bronzene Kruzifix aus der Dreifaltigkeitskirche eher abgeschreckt, als dass es ihn zum Glauben geführt hätte. Trotzdem ging er oft die 20 Schritte von seinem Büro über die Straße. Hier in der Kirche fand er Ruhe. Es dauerte lange, bis Adam verstand, dass dieses Kreuz kein Zeichen der Verherrlichung, sondern ein Zeichen der Solidarität war.

Die Pfarrerin, die ihn vor 3 Jahren schließlich getauft hatte, meinte einmal an einem Abend im Glaubenskurs: Gott hat mit seinem Sohn, wohl eine Überdosis Liebe in die Welt und in die Menschen gesetzt, das macht verletzlich, selbst den ewigen Gott. Seither sieht er die Leiden Jesu am Kreuz mit anderen Augen. „Zu Risiken und Nebenwirkungen ..."

Eine Überdosis Liebe, das macht verletzlich. Warum er sich ausgerechnet heute an diesen Satz erinnert? Sein Blick geht nach oben zu der Bronzefigur. Das erste Mal, seit er heute hier sitzt, hebt er den Blick. Im Büro vermissen sie ihn bestimmt schon. Aber das war ihm egal. Wäre er nur manchmal misstrauischer gewesen, hätte er nur eher aufgemuckt. Jetzt hat sie sich von ihm getrennt, hat die Kinder mitgenommen. „Die Atmosphäre zwischen uns ist vergiftet", sagte sie und zog die Augen zusammen. Und in diesem Moment sah sie selbst aus wie eine Schlange mit funkelndem Blick. Etwas hatte sich in ihr Leben eingeschlichen und mit schleichendem Gift ihre Beziehung zerstört. Eigentlich hatte er gedacht, dass sein Leben mit seiner Taufe eine positive Wendung genommen hätte. Statt dessen spürte er, wie sein Herz nun voller Misstrauen, voller enttäuschter Hoffnung war. Es war eine wüste Zeit, unwirklich und karg, oft kam er sich vor als sei das nicht sein Leben, sondern eine Fata Morgana. Er litt, und fand es gleichzeitig erbärmlich, sich dabei zu zusehen. Bloß gut, dass ihn die Anderen hier nicht sehen konnten.

Gibt es ein Gegengift? Etwas das hilft, gegen die sich ausbreitende Enttäuschung, etwas, das die Hoffnungslosigkeit aufhalten konnte? Noch einmal ging sein Blick nach oben. Zu dem Mann, den sie aufs Holz gepackt haben, den sie aufs Kreuz gelegt hatten.

Er würde nicht aufgeben. Mit der Kraft für die nächsten 20 Schritte ging er zurück in seinen Alltag.

Amen



Pfarrer Christoph Maier
Leipzig
E-Mail: christoph.maier@evlks.de

Bemerkung:
Taufgedächtnisgottesdienst


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