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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Palmarum, 01.04.2012

Predigt zu Jesaja 50:4-9, verfasst von Hans Theodor Goebel

 

  1. Gott der Herr hat mir eine Zunge gegeben, wie sie Jünger haben. Dass ich wisse, mit dem Müden das rechte Wort zu reden. Er weckt - Morgen für Morgen weckt er mir das Ohr, dass ich höre, wie Jünger hören.

  2. Gott der Herr hat mir das Ohr geöffnet. Und ich bin nicht widerspenstig gewesen und nicht zurückgewichen.

  3. Ich bot meinen Rücken dar denen, die mich schlugen, und meine Wangen denen, die mich rauften. Mein Angesicht verbarg ich nicht vor Schmach und Speichel.

  4. Aber Gott der Herr hilft mir. Darum bin ich nicht zuschanden geworden. Darum habe ich mein Angesicht hart gemacht wie einen Kieselstein. Und ich weiß, dass ich nicht zuschanden werde.

  5. Er ist nahe, der mir Recht schafft. Wer will mit mir rechten? Lasst uns zusammen vortreten. Wer will sich zum Herrn über mein Recht aufwerfen? Der komme her zu mir!

  6. Siehe, Gott der Herr hilft mir. Wer ist's, der mich verdammt? Siehe, alle zerfallen sie wie ein Kleid. Motten zerfressen sie.

Am Palmsonntag wird in den christlichen Kirchen des Einzugs Jesu in Jerusalem gedacht. Wir haben es eben in der Lesung des Evangeliums (Joh 12, 12-19) gehört: Wie Jesus auf einem Esel in die Königsstadt Davids einreitet. Das Volk aber läuft ihm mit Palmzweigen entgegen und sie schreien: Gelobt sei, der da kommt in dem Namen des Herrn, der König von Israel. Das Volk weiß hier anscheinend, wer er ist. Nur wenig später steht es auch am Kreuz des Hingerichteten zu lesen, angeschrieben von dem römischen Statthalter: Jesus von Nazareth, der König der Juden. Ein König auf seine Weise, ein König, der - wie er selbst sagt - für die Wahrheit Zeugnis ablegen soll und dessen Reich nicht von dieser Welt ist (Joh 18, 36f). Das Evangelium erzählt, wer er ist.

Wer aber ist der, der 600 Jahre früher in den prophetischen Worten spricht, die ich als Predigttext verlesen habe? Wir wissen es nicht. Was könnte er uns heute zu sagen haben? Versuchen wir, seinen Worten auf die Spur zu kommen!

1.

Der hier redet, spricht von seiner Zunge und von seinem Ohr: Gott der Herr hat mir die Zunge gegeben. Aber was für eine Zunge! Eine Zunge wie Jünger sie haben. Eine Zunge von Menschen, die bei Gott in der Schule sind und lernen. Wozu ist so eine Zunge gut? Was lernt der Redende in dieser Schule?

Dem Müden das Wort zu sagen.

Das Wort, das der braucht.

Mit dem Müden das rechte Wort zu reden.

Und das zur rechten Zeit.

Ohne die zu verpassen.

Wir ahnen vielleicht, wie gut das tun kann. Wenn - mit oder ohne fachärztliche und seelsorgerliche Ausbildung - einer da ist, der es versteht, den Müden, den Ausgebrannten, den innerlich leer Geworden, den an Körper und Seele und Geist Erschöpften, denen, die von sich selbst, von ihren Mitmenschen, aber auch von Gott nichts erwarten, das rechte Wort zur rechten Zeit zu sagen. Das, was sie gerade jetzt nötig haben. Was sie aufrichtet, tröstet, herausholt aus ihrem „Ich-kann-nicht-mehr". Wie oft haben wir erfahren, dass wir über dieses Wort nicht verfügen konnten. Dass unsre gut gemeinten Worte den Müden gar nicht erreichten. An ihm vorbeigingen, ihn allein ließen. Und wir waren hilflos.

Während doch „ein Wort, geredet zu rechter Zeit, ist wie goldene Äpfel auf silbernen Schalen" (Sprüche 25,11 vgl. 15,23).

Ich denke an die Judäer, die im 6. Jahrhundert v. Chr. nach Babylon verschleppt und im Exil müde geworden waren. Menschen, die klagten: „Mein Weg ist dem Herrn verborgen und mein Recht geht vor meinem Gott vorüber" (Jes 40, 27). Menschen, die sich von ihrem Gott aufgegeben fühlten. Gerade zu ihnen sendet nun Gott seinen Propheten (den sog. Zweiten Jesaja) mit dem Auftrag: „Tröstet, tröstet mein Volk!" Der Mensch, der in unsrem Predigttext von sich redet, steht diesem Propheten ganz nahe.

Wer in so trost- und mutloser Lage trösten soll, wer hier sagen soll: Siehe da ist euer Gott. Er wird nicht müde noch matt, er kommt auf euch zu, er hat euch vergeben, die Wende eures Elends ist da - wer das zusagen soll, der braucht eine Zunge, die von Gott gelehrt ist. Eine Zunge, wie sie Jünger haben.

Die Zunge kann hier nicht allein bleiben. Sie braucht das Ohr. Das hörende Ohr. Wie kann der Mensch von Gott hören, was er sich selbst nicht sagen kann?

Der hier redet, sagt: Gott der Herr weckt mir das Ohr, dass ich höre, wie Jünger hören. Gott der Herr hat mir das Ohr geöffnet. So dass mein Ohr nicht mehr verschlossen ist für das, was er sagt und seine Boten ausrichten lässt: Tröstet, tröstet mein Volk!

Es geht aber nicht so zu, dass der Bote das Wort Gottes einmal für allemal gehört hat und dann hat er es fest in seinem Besitz. Gott der Herr weckt - immer neu, sonst verschläft der Bote die Botschaft. Morgen für Morgen weckt Gott mir das Ohr, dass ich höre wie Jünger hören. Was Gott zu sagen hat und was er seine Boten sagen lässt, ist alle Morgen neu und alle Morgen neu zu hören. Wie das Manna, das Himmelsbrot in der Wüste für Israel: Es musste für jeden Tag neu vom Himmel regnen und gesammelt werden.

Die von Gott gelehrte Zunge des Boten gibt weiter, was sein Ohr von Gott zu hören bekommen hat.

Später sagt der Apostel Paulus: Gott tröstet uns in aller unsrer Trübsal, damit wir auch all die Trübseligen trösten können mit dem Trost, mit dem wir selbst getröstet werden von Gott (2. Kor. 1,3f).

2

Nachdem er so von Zunge und Ohr geredet hat, spricht dieser Bote jetzt von seinem Rücken, von seiner Wange, von seinem Gesicht.

Ich bin nicht widerspenstig gewesen und bin nicht zurückgewichen. Der Jünger hat sich dem Auftrag Gottes gestellt. Er hat gehört und geredet, was er gehört hat von Gott.

Damit ist er aber auf Widerstand gestoßen bei denen, zu denen er gesandt war. Immer wieder hören wir das in der Bibel von Boten, die Gott mit einem Auftrag zu Menschen gesandt hat: Sie werden abgelehnt, beschimpft, bespuckt, geschlagen, verhöhnt.

Hier scheinen es gerade die Müden zu sein, die Ausgebrannten, die Hoffnungslosen, die der Botschaft des Boten nicht trauen. Sie sagen: Wer uns jetzt mit Trost kommt, lügt. Diese Müden wollen aus ihrer Trostlosigkeit gar nicht raus. So tief ist sie.

Wie reagiert der Bote?

Ich habe meinen Rücken denen hingehalten, die mich schlugen - sagt er. Meine Wangen, denen, die mich rauften. Mein Gesicht verbarg ich nicht vor Schmach und Speichel.

Dieser Bote hat nicht rebelliert - nicht gegen die, die ihn schmähten. Aber auch nicht gegen Gott, der ihn beauftragt hat. Wissen wir, ob er nicht an den Punkt gekommen ist, wo ihm nichts blieb, als zu schreien: Mein Gott, mein Gott, warum hat du mich verlassen?

3

Und dann lesen wir da Worte seines ungeheuren Vertrauens. Ein Vertrauen, in dem er die Kraft findet, sein Gesicht hart zu machen wie einen Kieselstein. Gegen alle Angriffe. Vielleicht auch gegen sich selbst und seine eigene Verzagtheit. Wo kommt ihm die Kraft her? Worauf gründet sein Vertrauen in der Tiefe? Siehe, der Herr hilft mir. Das sagt er zweimal - schaut zurück und schaut nach vorne; ich bin nicht zuschanden geworden und ich werde nicht zuschanden. Der Herr hilft mir. Darin macht er sich fest. Daraus schöpft er die Kraft, die er jeden Tag braucht.

Aber es geht hier ja noch um die Frage: Wer hat Recht? Hat der Bote Recht, wenn er sich auf Gott beruft. Oder haben Recht, die ihn abweisen? Den Propheten hat man immer wieder vorgeworfen: Ihr redet gar nicht im Auftrag Gottes. Ihr lästert Gott, weil ihr falsche Propheten seid.

Das eine Mal wollen die Leute nicht hören, dass es schlecht mit ihnen steht und Gott ihre Ungerechtigkeit, die zum Himmel schreit, nicht hinnehmen will. Sie aber wollen nicht umkehren.

Und hier nun, wo sie im Elend stecken, wollen sie nicht hören, dass es gut für sie steht. Dass Gott für sie ist. Und nicht gegen sie. Nein! - sagen da die Leute zu dem Trostboten: Gott steht auf der anderen Seite. Er hat uns vergessen. Er ist gegen uns. Wenn er überhaupt da ist. Wenn er überhaupt etwas kann. Ein Prophet ist solchen Vorwürfen gegenüber hilflos. Er kann nichts beweisen. Seine Wahrheit erweisen kann hier nur der lebendige Gott selbst. Bei ihm macht der Bote sein Vertrauen fest: Gott der Herr hilft mir.

Wer will sich dann zum Herrn über mein Recht aufwerfen! Wer ist dann, der mich verdammt?

Wieder kommen hier Worte aus dem Neuen Testament ganz nahe:

Ist Gott für uns, wer kann gegen uns sein? - Wer will verdammen? Christus Jesus ist hier, der gestorben ist, ja vielmehr, der auch auferweckt ist, welcher ist zur Rechten Gottes und vertritt uns (Röm 8, 31ff)

4



Prof. Dr., Pfarrer i.R. Hans Theodor Goebel
Köln
E-Mail: HTheo_Goebel@web.de

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