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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Palmarum, 01.04.2012

Predigt zu Jesaja 50:4-9(11), verfasst von Jochen Riepe

 

I

‚ Härten Sie sich psychisch und physisch ab' , sagt der Ratgeber für Menschen , die schnell gekränkt und verletzt sind. Der Lehrer erzählte uns die Sage vom Schmied von Ruhla in Thüringen* , der die ganze Nacht das Eisen schlug und zu jedem Schlag rief : ‚ Landgraf , werde hart!' . Aber sagen wir nicht auch ** : Vorsicht , was allzu hart ist , - bricht ?!

II

Wenn man , liebe Gemeinde, im Sommer einen Kiesel , der in der Sonne liegt , in die Hand nimmt, dann kann man etwas Erstaunliches er-spüren : ‚Hart wie Stein' , sagen wir, und doch wenn man über seine ‚Rundungen' streicht , dann ist das angenehm , anschmiegsam , so als sei die Härte weich, getragen und umfangen. Das Kind legt seinen Kopf auf den Stein , als sei der ein Kissen.

III

Ich habe mein Angesicht hart gemacht wie einen Kieselstein' , schreibt der Prophet Jesaja im dritten seiner sog. Gottesknechtslieder. Härte ist Widerstand , Schutz gegen das Eindringen eines anderen ... und als Leser fragt man sich : Was hat es mit dieser ‚harten Stirn' auf sich ? Der Prophet blickt zurück. Die Ohren hat Gott ihm geöffnet , jeden Morgen. Er hat Gottes Wort gehört. Er hat es den ‚Müden' ausgerichtet und er hat mit seinem Auftrag eine einschneidende , verletzende und beschämende Erfahrung gemacht : Man wollte ihn nicht . Man schlug , bespuckte, verspottete ihn , schließlich wurde er getötet. Wir Christen sehen im Schicksal dieses Gottesknechts ein Hinweis auf den Leidensweg Jesu . ‚Siehe , dein König kommt zu dir', ruft das Evangelium am Palmsonntag. Aber was für ein König !?

IV

Ich habe mein Angesicht hart gemacht wie einen Kieselstein ...' Vielleicht ist Ihnen , liebe Gemeinde , das auch aufgefallen . Der Prophet sagt nicht : Ich wurde hart gemacht - durch die Umstände, durch die anderen , durch das Leid , durch das Leben ... In diesem in der Regel ja: blinden, unterschwelligen Prozeß der Verhärtung eines Menschen steht hier plötzlich ein Ich , etwas Bewusstes und Gezieltes. ‚Ich habe meine Stirn hart gemacht um Gottes Willen' - ich habe sie gewissermaßen zur Festigkeit erzogen. Mit Härte kommen wir ja nicht auf die Welt, im Gegenteil : Unsere Haut ist ein dünner Schutz , der selber Schutz braucht. Der säkulare Ratgeber für Empfindsame und Sensible rät darum zur bewussten Abhärtung und ähnlich scheint auch der Prophet die Festigkeit seiner Stirn gleichsam als ‚Selbsterziehungsaufgabe' erkannt zu haben. Jemandem die Stirn bieten, eine Konfrontation nicht scheuen , keine Angst vor einem Streit haben, Nachteilen, Schmerzen nicht ausweichen, sondern gewissermaßen damit rechnen und sie einplanen ...

V

‚Die ganze Nacht schlug der Schmied das Eisen und jeder Schlag hämmerte : Landgraf, werde hart!' - um des Rechtes Willen , um der Armen Willen. Die thüringische Sage hält fest : Ein weicher , nachgiebiger Herrscher , ein Fürst ohne Konsequenz im Recht , schadet den Armen und seine Beamten machen , was sie wollen. ‚Landgraf, werde hart', das leuchtet ein , nicht wahr , aber sagen (und singen !) wir nicht auch : ‚Die allzu hart sind , brechen /.../ und brechen ab sogleich...' ? und meinen damit : Härte , Festigkeit ohne Liebe , ohne Empfindsamkeit und Weichheit ist selbst etwas sehr Schwaches. Ein Mensch mag ‚tough' oder ‚straight' oder eben durchsetzungsfähig sein und bleibt doch darunter ein hungriges , ungeliebtes , komplex beladenes Kind. Glas ist hart und schnell zerbrochen. Auch im Hinblick auf die kieselharte Stirn des Propheten kann man sich dieser Frage nicht erwehren : Ist der Widerstand, den er seinen Feinden gegenüber zeigt , seine Konsequenz im Auftrag , seine Fähigkeit, Leid anzunehmen , seine Treue zu Gott und ,ja : sein Haß gegen die Feinde von jener Härte , der doch der Grund, das Bindemittel der Liebe und der Gnade fehlt ? Seelenhärte und Herzenshärte , auch : Glaubenshärte - sie bedürfen der Einbindung und des Getragenseins in etwas Größerem .

VI

Wenn man im Sommer einen Kiesel in die Hand nimmt , der in der Sonne gelegen hat , dann kann man etwas Erstaunliches spüren. Das Harte und Feste wird anschmiegsam , rund , weich , und wenn der Stein größer ist, kann das Kind seinen Kopf darauf legen wie auf ein Kissen ... ‚Eine Stirn hart wie ein Kiesel' - was jener Gottesknecht im Buch des zweiten Jesaja , von sich sagt , haben wir Christen auf den leidenden Menschensohn Jesus Christus bezogen. Er , der königlich mit Palmwedeln zu seinen Füßen , in Jerusalem einzog ; er, der sein ganzes Sein, Herz, Seele, Leib und Stirn in der Liebe Gottes gegründet sah , auch er wurde geschlagen , bespottet , getötet. Wenn man seinen Weg , den Weg der Passion bedenkt, dann sieht man einen Gehorsam, ein Sich- Ergeben in Gottes Willen , die man in der Tat hart und konsequent nennen kann. ‚Laß es zu. Es muß sein.' *** Zugleich aber ist dieses harte Muß buchstäblich eingebettet in ein Gesicht , eine Stirn , die selbst den Widersachern vergebend und barmherzig zugewandt ist. ‚Siehe, dein König kommt zu dir!' In die kieselharte Stirn des Gekreuzigten ist gleichsam Gottes Liebe eingearbeitet, eingezeichnet , und seitdem , liebe Gemeinde, schließen das Harte und das Weiche nicht einander aus. Sie brauchen und bedingen und korrigieren einander.

VII

‚Härten Sie sich psychisch und physisch ab', mahnt der psychologische Ratgeber - und tatsächlich : Wir leben in einer Zeit - und machen ja fest in ihr mit - , die so in etwa den Regeln folgt :' Wer austeilt , muß auch einstecken können. Wer einstecken kann , darf auch austeilen'. Wir brauchen deshalb einen Selbstschutz , an dem Kränkungen , Enttäuschungen und Schläge , wenn nicht abprallen , so doch abgefedert oder aufgefangen werden können . Aber das andere Wissen gehört auch zur Selbstabhärtung : Was allzu hart ist , bricht ... Darum , liebe Gemeinde , mag all unsere Festigkeit und Konsequenz , alle Stärke im Glauben von SEINER Liebe durchtränkt und in ihr gebunden sein . Und ER mag unser Stein , unser Kiesel , unser Fels sei , auf dem unser ängstliches Haupt - weich ruhen kann.



Pfarrer Jochen Riepe
Dortmund
E-Mail: Jochen.Riepe@gmx.net

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