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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Palmarum, 01.04.2012

Predigt zu Jesaja 50:4-9, verfasst von Johannes Schick

 

Liebe Gemeinde,

wir müssen zwei Mal hinsehen, damit wir erkennen, was nicht zu erwarten ist: der Leidende zeigt Gesicht. Bekannt ist: wenn ein Schmerz in uns pocht, sei es auch nur eine kurze Magenverstimmung, dann wird der Blick verkniffen. Und hat sich gar eine körperliche oder seelische Not über längere Zeit festgesetzt, so ist das ganze Leben in Mitleidenschaft gezogen, Menschen krümmen sich, werden gebeugt um ihre Not.

Ist nicht der Leidende in den Prophetenworten aber eine ganze Summe von Leid? Noch dazu, weil Menschen ihn leiden machen? Von überall her wird er bedrängt. Man fällt ihm in den Rücken mit Peitschen und peitschenden Worten, sie brüllen ihm seitwärts in die Ohren, den Spott, der „Opfer, Opfer" bedeutet. Schließlich bauen sich die Peiniger frontal vor ihm auf, das ist ihr eigentliches Ziel: Sie vergreifen sich an seinem Gesicht. Der Schlag ins Gesicht entwürdigt immer am meisten. Denn auf dem Gesicht schimmert unsere Persönlichkeit, liegt unser Ansehen. Sie legen es darauf an, ihm sein Gesicht zu nehmen. Man treibt sein Spiel mit ihm. Das soll so lange gehen, bis er sich selbst klein macht, wie es ja oft bei Menschen ist, die zu lange gedemütigt wurden. Amelie Fried spricht im Buch über ihre jüdische Familiengeschichte, Schuhhaus Pallas, vom Phänomen des jüdischen Selbsthasses, in dem die Juden unter den Schikanen der Nazidiktatur irgendwann selbst glaubten, dass sie minderwertig seien.

Wir müssen also zwei Mal hinsehen, wenn ein ganz und gar Mitgenommener Gesicht zeigt, ja, sein Gesicht sogar festigt im Leid. Er tritt mit einer geradezu feierlichen Selbstvorstellung vor: Ich habe mein Angesicht hart gemacht wie einen Kieselstein, denn ich weiß, dass ich nicht zuschanden werde. Was für ein stolzes, gefasstes, gewisses Gesicht, wo man es gar nicht mehr erwartet hätte. Wenn wir die Prophetenworte lesen, lesen wir unwillkürlich im Gesicht Jesu, des leidenden Gerechten. Die Worte zeichnen ihn. Nietzsche meinte, der Gott am Kreuz sei der Fluch auf das Leben. Er hätte Recht, wenn Jesus nichts anderes als der Schmerzensmann wäre, wenn er im Leiden untergegangen wäre. Aber nun fasst sich in der Leidensmiene sein Gesicht. Und wie!

Was ist die Kraft dieses Gesichts? Wenn es sich hart macht wie ein Kieselstein, so ist es nicht hart wie der Tod. O, es gibt eine tödlich kalte Härte, manchmal mitten im Leben, dann lodert kein Feuer mehr in einem Menschengesicht. Dann ist alles ohne Wärme, man schweigt sich aus und an, Gefühle sind wie versteinert. Das Bild des Kieselsteins will aber sagen: Da bietet einer dem Bösen die Stirn. Er ergibt sich nicht den Mächten, die spotten und mobben. Er lässt sich nicht beugen. Zu jedem schwachen Menschen hat er sich geneigt, aber er beugt sich nicht vor den Mächten der Zerstörung.

Wo im Leben sehen wir diese Kraft, Gesicht zu wahren und stand zu halten? Es gibt erstaunliche Biographien. Ich denke an Paul Gerhardt. Als er zwölf Jahre alt war, starb der Vater, zwei Jahre danach die Mutter, seine eigene Frau und vier seiner fünf Kinder musste er beerdigen. Und doch wurde er einer der größten Liederdichter, schrieb Lieder der Gewissheit und Zuversicht, ja der überschäumenden Freude: Geh aus mein Herz und suche Freud. Auch Viktor Frankl, der Psychologe, ist ein beredter Zeuge. Selbst KZ-Überlebender verlor er im Konzentrationslager seine erste Frau, seine Eltern und seinen Bruder, und sagte doch: Auch im größten Leiden gibt es eine Sinnmöglichkeit, nämlich: dass ein Mensch zu seinem unabwendbaren Schicksal eine bestimmte Einstellung gewinnt, dass er sich seinen Mut, seine Tapferkeit, seine Würde bewahrt. Er entwickelte seine Logotherapie, die Sinn-therapie, die unzähligen Menschen half, aufrecht zu bleiben in den Beugungen des Lebens. Frankl sagt: „Wir, die wir in den Konzentrationslagern gelebt haben, können uns an die Menschen erinnern, die zwischen den Hütten herumgingen und anderen Trost gaben und ihr letztes Stück Brot. Es mögen wenige gewesen sein, aber sie liefern einen ausreichenden Beweis dafür, dass einem Menschen alles genommen werden kann außer das eine: die letzte seiner Freiheiten - seine Haltung in allen nur möglichen Umständen zu wählen."

In der Psychologie nennt man die Fähigkeit, in widrigen Umständen Haltung und Gesicht zu wahren, „Resilienz", vom lateinischen Wort „resilire", das so viel wie „zurückspringen" meint. Das Phänomen zeigt sich bei Menschen, die in Trauer, Armut, Ausbeutung, Gewalt nicht einknicken sondern sich dem Druck entgegenhalten und ihr Leid sogar schöpferisch umwandeln in ein positives Werk. Es gibt Untersuchungen unter Kindern, die trotz traumatischer Erfahrungen eine enorme Lebenskraft zeigen, die an den Widerstanden wachsen, ein positives Selbstbild entwickeln und eine hohe Eigenaktivität zeigen. Wir werden bei einigem Nachdenken auch selbst solche Personen kennen, Menschen mit wahrer Überlebenskunst. Ich staune über die Augen, die sich auch nach so vielen Tränen noch ihr Leuchten bewahren. Ich bin beschämt von dem Blick, der auch nach der x-ten Chemotherapie noch nicht hingeschmissen hat. Ich werde selbst wieder lebensgewisser durch die Stimme, die sich nicht im Leid verliert, was sie könnte, sondern Argumente für die Dankbarkeit sammelt.

Bei allen diesen Menschen finden wir Züge des Gesichts Jesu, das sich nicht dem Leiden überlässt, sondern einen Gegendruck aufbaut; am Leidensdruck mobilisiert es seine ganze Kraft. Jesus kämpft gegen den Druck der Ungerechtigkeit, die das Leben frisst. Er steht auf gegen den Tod. Er knickt auch nicht ein vor dem Sterben.

Wir müssen aber noch etwas Weiteres sehen. Es bedarf noch eines dritten Blicks. Damit im Leiden ein Gesicht gefasst sein kann, braucht es den starken Rücken. Menschen ohne Rückgrat haben kein gefasstes, vielmehr ein verzetteltes Gesicht, sie lassen sich bald hierhin, bald dorthin treiben, kommen ins Schwirren. Unsere Zeit ist ja ein Schwirren, in dem es um Flexibilität, also um Beugefähigkeit geht, und oft merken wir, dass wir dabei jeden Halt verlieren. Für einen klaren, festen Blick brauchen wir Rückhalte, woraus wir schöpfen. Paul Gerhardt schöpfte in all seinen Verlusten aus seiner Begabung, seiner Musik, seiner Dichtkunst, seinen Gebeten; Viktor Frankl formulierte es so: was ihn und die Mithäftlinge im Lagerleben aufrecht erhielt, war die Zuversicht, „dass das Leben etwas von ihnen erwarte, dass etwas im Leben ... auf sie warte", eine Sache, eine Aufgabe, eine Person. Und bei den genannten resilienten Kindern ist interessant, dass sie als mindestens eine Person ihres Vertrauens hatten, die da war und aushielt und Zuflucht blieb.

Unsere Gesichter werden gewiss und sie werden schön, wenn sie sich nähren können. Wir sind uns nicht selbst genug. Der Mut, den wir alleine aufbringen, reicht nicht hin. Die Hoffnungen unseres eigenen Herzens sind zu banal und kurzfristig.

Wovon nährt sich das Gesicht Jesu, des leidenden Gerechten? Es ist schön, es ist so schön: sein Gesicht, das hart wird wie ein Kieselstein, verdankt sich einer großen Gelassenheit. Sein ganzer Widerstand lebt von der Ergebung, der Passivität an der richtigen Stelle. Er ergibt sich nicht der Schmach, dem Unrecht, er ergibt sich der Gottesstimme: Gott, der Herr, hat mit eine Zunge gegeben, zu reden zu den Müden zur rechten Zeit, jeden Morgen weckt er mir das Ohr. Er weiß, dass wirkliche, richtige Worte nur dann entstehen, wenn die Zunge zuvor inspiriert wurde, er lauscht, hält seine Ohrmuschel in die Stille, um sein Stichwort, seine Perle zu empfangen. Der Morgen ist die Zeit, in der die Welt wieder neu beginnt wie am ersten Schöpfungsmorgen: Er spricht wie an dem Tage, da er die Welt erschuf (EG 452,2). Kleppers Lied weiß etwas vom Zauber jedes Morgens. Ohr und Zunge werden geweckt von der unhörbaren Schöpferstimme, vom Licht, das die Nacht vertreibt.

Ich weiß nicht, wie es Euch geht mit diesem Morgenzauber. Sind wir noch empfänglich? Oft gelingt uns nicht mehr das Zögern am Morgen, das Innehalten, das Verweilen, wir decken die Stimme der Güte gleich mit unserer eigenen Stimme zu. Manchmal stolpern wir in den Tag. Die Anforderungen sind drängender als die Gebete, die uns schützen könnten. Aber wir merken ja: Sind wir von früh an im Aktivitätsmodus, so reiben wir uns auf Dauer auf. Und wir werden auch unsere Standhaftigkeit verlieren.

Wir bedürfen einer Kunst des Aufhörens. In doppeltem Sinn: Wir müssen aufhören, ein Ende machen mit dem ununterbrochenen Tätigsein, um dann auch aufzuhören im Sinn von Hören auf das, was wirklich wesentlich ist. Die Kunst des Aufhörens gibt ein gewisses Gesicht, nicht das unentwegte Kämpfen. Hören wir nur, was das Ohr hört, das aufhört wie eine Jüngerin, ein Jünger. Es lauscht dem Versprechen, der ewgen Treue, die Gott uns Menschen schwört (EG 452,2). Der Name Gottes, „Jahwe", lässt sich so übersetzen: „Der Treue", der an mir festhält, der auf mich zurückkommt, wenn ich mich verloren habe, der mich im Augenmerk behält, mir vergibt, mich gerecht spricht, mir mein Versagen nicht zurechnet. Ich kann ja nicht anders leben als so, dass ich von irgendwem und irgendwoher im Auge behalten werde. Und das Ohr, das auf-hört wie Jüngerinnen und Jünger, hört den Befehl. Nicht den Befehl, der zwingt zum Gehorsam. Gott gibt Befehle, indem er sich anbefiehlt, er befiehlt sich so an wie der Bauer seinen Samen der Erde anbefiehlt, ihn einsetzt in die Erde, in der Hoffnung auf fruchttragende Pflanzen. Gott befiehlt seinen Kindern das Tun des Gerechten an, die Liebe zum Leben, die keinen aufgibt: „Schema Israel", höre Israel, der Herr ist Gott ..., das ist das jüdische Glaubensbekenntnis, unzähligen Juden blieb es auf den Lippen in den Dunkelnächten.

Was aber hat Jesus gehört? Er hat gehört, dass die Stimme der Güte ihn wecken wird, nicht nur aus dem Schlaf der Nacht, vielmehr auch aus dem Schlaf der letzten Nacht. Er sieht schon weiter. Er ist schon „gekrönt ... von dem köstlichen Gefühl, nach all dem Erlittenen nichts mehr auf der Welt fürchten zu müssen - außer seinen Gott" (dies eine Formulierung Frankls über die Geretteten aus den Lagern, die in die Freiheit heimgefunden hatten).

Und nun ist es ja so: Das Hören der auf(er)weckenden Gottesstimme schenkt ein Wissen. Es ist das Wissen um das eigene Stichwort: ... dass ich wisse, mit den Müden zu rechter Zeit zu reden. Das Gesicht Jesu ist deshalb so fest, weil es seine Zeit und seinen Platz weiß. Er weiß um die Gelegenheiten, Leben, Vergebung, Gerechtigkeit aufzurichten. Was er gehört hat, übersetzt er in konkrete Augenblicke. Und so werden wir klar und fest, wenn wir am Anfang des Tages unsere Gelegenheiten zum Aufrichten entdecken. Wir können nicht alles tun. Jeder Tag hat vielleicht ein, zwei Stichworte, die uns sagen, wie wir hier und heute Leben wecken können. Gut ist, wenn wir nicht im Möglichen schweben, sondern das Wirkliche, das jetzt richtig ist, tapfer ergreifen. - Wenn ich morgens das Versprechen, das Anbefohlene dieses Tages, wenn ich mein Stichwort höre, bekomme ich ein klares Gesicht.

Liebe Gemeinde, dass der ganz und gar Mitgenommene Gesicht zeigt, ist alles andere als selbstverständlich. Es gibt Lebenslagen, in denen Menschen dem Druck nicht mehr standhalten. Manche werden so müde. Lebensmüde. Sie fragen uns nach dem richtigen Wort, nach der Geste, die wissend ist und gut tut. Jochen Klepper, der das wunderbare Lied nach dem Jesajatext gedichtet hat: Er weckt mich alle Morgen (EG 452), konnte irgendwann nicht mehr die Kraft aufbringen, die Nazischmähungen gegen ihn und seine jüdische Frau zu ertragen. Mit seiner Frau und seinen Stieftöchtern nahm er sich am 11. Dezember 1942 das Leben. Können wir das nachvollziehen? Die letzten Sätze seiner Tagebuchaufzeichnungen lauten: „Wir sterben nun - ach, auch das steht bei Gott - Wir gehen heute Nacht gemeinsam in den Tod. Über uns steht in den letzten Stunden das Bild des segnenden Christus, der um uns ringt. In diesem Anblick endet unser Leben." Was für bewegende Worte: In der größten Verzweiflung blieb doch das Gesicht Christi über ihnen: Sie sahen zu ihm auf - und sie waren angesehen.

Wir haben es längst nicht so schwer. Und doch vergessen wir oft das Christusgesicht in der normalen verrückten Aktivität unserer Tage. Aber es ist das Gesicht, das uns nicht vergisst. Jeden Morgen weckt es uns, damit wir neue Lebendigkeit und Gewissheit schöpfen und wieder wissen, wo unser Platz und unsere Zeit sind. Und wir wissen schon mehr als die Tatsachen der Welt. Das Gesicht Jesu spielt uns Auferweckungslicht zu, das auch die letzte Nacht vertreiben wird. Es will mich früh umhüllen / mit seinem Wort und Licht, / verheißen und erfüllen, / damit mir nichts gebricht; / will vollen Lohn mir zahlen, / fragt nicht, ob ich versag. / Sein Wort will helle strahlen, / wie dunkel auch der Tag (EG 452,5). Amen.

 



Pfarrer Dr. Johannes Schick
Lonsee
E-Mail: johannes.schick@t-online.de

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