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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Gründonnerstag, 05.04.2012

Predigt zu Psalter 94:18 - 19, verfasst von Christian Tegtmeier

 

Auf den Altar in unserer Kirche geschaut, sehen wir einen grauen Fleck, eine Leerstelle. Dort fehlt ein Bild; und um die Lücke nicht zu sehr ins Auge fallen zu lassen, verdecken wir die Leerstelle mit Blumen. Dann fällt es nicht auf. Was befand sich an eben jener mausgrauen Stelle, fragen Menschen, die unsere Kirche besichtigen? - Nun, sage ich, wie es in den evang.-luth. Kirchen und Altären üblich war: eine bildliche Darstellung des Hl. Abend-mahles. Wer immer auf den Altar schaute, wer als Gemeinde oder als Pastor vor Gottes Tisch in dieser Gemeinde stand, schaute Gottes Tisch bei den Menschen, die Tafel der Gnade, an der Jesus seine Jünger versammelte, bevor das Schicksal seinen Lauf nahm. Übrigens: auch der Verräter, Judas, saß an diesem Tisch. So sah jeder die Quelle des Heils für Leib und Seele, so sah jeder eine Keimzelle christlichen Glaubens. Denn das Hl. Abendmahl stiftet Gemeinschaft mit Christus und unter den Menschen, die sich hier einfinden; die bekennen, dass Jesus ihr Herr ist und dass sie ihn hier in Brot und Wein erleben. Das Mahl schenkt Versöhnung unter den Menschen, und insbesondere mit Gott, unserem Vater. - Ja, das Abendmahl vergibt uns unsere Sünden und unsere Schuld, gratis, weil Jesus sich für uns geopfert hat. Luther war das besonders wichtig. Unsere heutige Kirche hat diese Einsicht schon wieder verloren und prunkt mit frömmelnden Werken, die gut, aber nicht Gott gewollt sind. Das Bild und die Feier des Hl. Abendmahls lassen sichtbar, lassen spürbar werden, da kann man Gnade schmecken.

Es ist bedauerlich, dass uns diese Quelle zum Seelenheil nicht mehr bildlich vor Augen steht; bedauerlicher ist es, dass bisher niemand ernsthaft über-legt hat, was man denn tun könnte, um den mausgrauen Fleck zu ersetzen. Es gibt ja dies Problem nicht nur hier, sondern auch anderenorts.

Da komme ich in eine Gutskapelle, hinter Vienenburg, an der Oker, kurz hinter der ehemaligen Grenze. Auch dort fehlt das Bild, irgendwann einmal ging es verloren. Und irgendwann einmal schaffte man Ersatz. Um den geht es, liebe Gemeinde. Und um die christliche Botschaft des Glaubens. Das alles verbindet sich mit unserem kirchlichen Feiertag, dem Gründonnerstag, an dem wir uns mit dem Hl. Abendmahl Jesu beschäftigen. Also, dort steht in der Kirche von Wülperode; auf dem Altar folgendes Wort aus dem Psalm:

„Wenn ich sprach: mein Fuß ist gestrauchelt, so hielt mich,

Herr, deine Gnade. Ich hatte viel Kummer in meinem Herzen,

aber deine Tröstungen erquickten meine Seele."

Weil das Bild verloren gegangen ist, wurde hier Ersatz geschaffen, wie ich meine: überlegt und gelungen. Die Worte des Glaubens erinnern mich an das Heil, führen mich zur Quelle der Erlösung und eines neuen Lebens, ohne biographische Altlasten. Sie erinnern an Gottes Gnade für meine Seele. Das sieht der Pfarrer, der am Altar steht, das sehen und lesen die Menschen, die sich hier an Gottes Tisch bei den Menschen versammeln. Hier ist der Ort der Gnade.

Nun werden einige sagen: das ist ja schön und gut, doch woher sollen wir das wissen? Ich meine, wer glaubt, wer sich in Gedanken umsieht, bekommt diesen Zuspruch. Das tun wir, wo wir Gottes Wort hören oder lesen; das widerfährt uns, wo wir beten oder ins Gebet von anderen genommen werden: in der Fürbitte. Hätte ich von beidem nichts gehört oder erfahren, wäre mir das Bild mit dem Hl. Abendmahl ebenso fremd wie der Spruch aus dem Psalm. So möchte ich mich schon damit beschäftigen, erfahren, was Gott mir als Mensch, beladen, belastet, kraftlos geben möchte, dass meine Seele heiter und gelassen sein kann. Hier, an diesem Tisch schenkt er mir Heil und Gnade, baut er mich seelisch wieder auf. So ruft er mich, so lädt er mich, sein Gast zu werden und zu bleiben.

„Wenn ich sprach: mein Fuß ist gestrauchelt, so hielt mich,

Herr, deine Gnade. Ich hatte viel Kummer in meinem Herzen,

aber deine Tröstungen erquickten meine Seele."

Sein Gottvertrauen ist begründet, so hören wir aus den Worten des Beters. Sein Gottvertrauen kennt in der größten Schwäche und Anfechtung einen Halt, der ihn nicht zu Boden stürzen lässt. Selbst dann, wenn ihm der Boden unter den Füßen entzogen wird, wenn er ins Stolpern kommt und nicht mehr sein Gleichgewicht halten kann; selbst dann steht Gott ihm bei, wird der schwache - und wie wir im Zusammenhang erfahren - der geschwächte Mensch gehalten und wieder aufgerichtet. Das Gottvertrauen lebt aus der Gnade Gottes, aus der erwiderten Liebe und Barmherzigkeit, die nicht nach Leistung oder meinen Werken fragt, sondern vorbehaltlos sich meiner annimmt und mich wieder auf die Beine gestellt wissen will. Gottes Gnade richtet die schwankenden Herzen wieder auf.

 

Eine weitere Erfahrung kommt hinzu. Wir teilen sie, wo wir sagen, ein Stein ist uns vom Herzen gefallen. Dass der Stein der Last vom Herzen fällt, ist Gottes Tat, allein. Wenn ich mich mit Kummer oder Sorgen quäle, wenn mir Ängste oder Gewissensbisse die Luft zum Leben abschnüren, so möchte er mich trösten; wie es hier lautet:

„...deine Tröstungen mit Wort und Tat retten meine Seele."

Das meint den Zuspruch, das meint die Zwiesprache mit ihm im Gebet; das meint übertragen die Stärkung meiner Seele an diesem Tisch im Hl. Abend-mahl. Jede dieser Zuwendungen Gottes wollen mich retten, möchten mich bewahren, möchten meine Seele - und wir sprechen von ihr in unseren Tagen von Persönlichkeit und Identität - sie möchten mich im Kern vor dem Zerbrechen, vor der Zerstörung bewahren. Darauf darf ich trauen. Darin gründet das Bekenntnis des Beters, das ist der Grund seines Gottver-trauens.

Schaut man über diese Worte und ihren Ort am Altar in dieser Gutskapelle in Wülperode weiter, liest man den Zusammenhang, dann wird die Lebens-situation des Menschen noch eindrücklicher und konkreter. Der hier betet, hat in seinem Leben bisher wenig zu lachen gehabt. Im Gegenteil: Spott und Hohn, Bedrohungen an Leib und Seele, die Lästerung seines Glaubensgrun-des in Jesus Christus begleitet ihn alle Tage.

So bittet der Mensch um Genugtuung durch Gott für das ihm widerfahrene und erlittene Unrecht. Es hat ihn getroffen, wie andere ihn demütigen. Denn ihr Stolz kennt keine Grenze, sie freveln und missachten jede Kreatur, ob Tier, ob Menschen, ob Pflanzen, ob die Schöpfung. In frecher Rede und mit ruchloser Hand herrschen sie und zwingen alles unter ihre Macht und ihren Willen. Wer sich widersetzt, wird Gewalt erleiden oder scheitert an ihren Reden mit Lug und Trug. So leiden die Menschen; sie sind schwach, hilflos, wehr- und schutzlos, ohne Rechte wie Waisenkinder oder Witwen. Der Fremde und die „armen Schlucker" erfahren keine Gnade, man speist sie ab. Menschen leiden, weil sie bekannt haben oder bekennen: Jesus Christus ist mein Herr! So werden sie angefochten, sie werden herausgefordert; doch es braucht niemand zu verzweifeln, niemand braucht sich selbst aufzugeben oder zu scheitern. Er darf um Gottes Willen Mut schöpfen, seine Zuversicht soll wachsen.

M.a.W., liebe Gemeinde: oft lesen wir neben oder über der Darstellung des Hl. Abendmahles die Worte Jesu:

„Kommet her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid,

ich will euch erquicken."

Solche Einladung wird hier in anderen Worten an uns ausgesprochen; diese Einladung gilt uns, ob hier, oder zu Hause, immer dort, wo der Tisch des Herrn bereitet ist. Wir sind eingeladen, wir sollen und wir dürfen kommen. Tun wir es, denn es heißt:

„...deine Gnade, Herr stützt mich......

deine Tröstungen mit Wort und Tat retten

meine Seele."

 

Amen



Pfarrer Christian Tegtmeier
Seesen
E-Mail: christian.tegtmeier@lk-bs.de

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