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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Ostersonntag, 08.04.2012

Predigt zu 1. Samuel 2:1-2, 6-8a, verfasst von Siegfried Krückeberg

 

Liebe Gemeinde!

Das Radio aufdrehen. Laut mitsingen. Und sich tanzend um die eigene Achse drehen. Weil man einfach glücklich ist. Weil man nach langer Zeit wieder einen Job gefunden hat. Oder eine schwere Krankheit besiegt ist. Weil der Partner sich nach einem heftigen Streit wieder gemeldet und man sich ausgesöhnt hat. Den Jubel herausschreien ohne Rücksicht auf die Nachbarn! Denn die Freude ist einfach zu groß und muss raus. Das Elend ist endlich vorbei. Enttäuschungen und Schmerzen, Angst und Niedergeschlagenheit. Jetzt wird alles anders. Gott sei Dank!

So ähnlich muss es der Frau gegangen sein, die dieses Lied gesungen hat, das wir eben gehört haben: Hanna. Nur dass sie natürlich noch kein Radio hatte. Schließlich lebte sie vor mehreren tausend Jahren. In Israel, in der Nähe von Bethel. Ihr großes Problem war: sie bekam keine Kinder. Und das in einer Zeit, in der Kinder so viel bedeutet haben: Reichtum, Ansehen und Zukunft. Aber Hanna konnte wenig tun gegen ihre Kinderlosigkeit. Schließlich gab es noch keine künstliche Befruchtung. Für sie gab es nur zwei Möglichkeiten. Entweder sich mit allem abfinden oder Gott um Hilfe bitten. Und das hat Hanna getan. Immer wieder. Jedes Jahr ging sie mit ihrem Mann zum Heiligtum nach Silo, um Gott zu opfern. Eigentlich eine fröhliche Angelegenheit, so ein Opfermahl. Aber Hanna sitzt stumm und traurig dabei. Ihrem Mann fällt das natürlich auf, und er fragt: „Warum weinst du? Warum isst du nichts? Bin ich dir nicht mehr wert als zehn Söhne?"

Sie merken vielleicht: Hannas Mann will ihr sagen, dass er sie liebt und wie wichtig ihm ihre Beziehung ist. Aber Hanna lässt sich nicht trösten. Sie steht auf und geht in den Tempel. Dort weint sie, heftig und lange. Sie betet und schwört: „Gott, wenn du mir einen Sohn schenkst, dann will ich ihn dir zurückgeben, dann soll er ein Priester werden." Das alles beobachtet der alte Priester, der am Eingang sitzt. Er kann Hanna nicht hören, sieht nur, wie sie die Lippen bewegt und denkt: „Die ist doch betrunken!" Also geht er zu ihr und weist sie zurecht. Sie solle mal ihren lockeren Lebensstil überdenken und wieder nüchtern werden. „Auch das noch!", denkt Hanna. Aber sie lässt sich nicht vertreiben. In ihrer ganzen Wut und Verzweiflung erzählt sie dem Priester, was mit ihr los ist. Der ist natürlich ziemlich betroffen. Er legt ihr die Hände auf, segnet sie und sagt: „Geh ruhig nach Hause, Gott wird dir deine Bitte erfüllen!" Und tatsächlich. Kurz darauf wird Hanna schwanger. Mit Samuel. So nennt sie ihren Sohn später. Was so viel heißt wie: „Gott erhört." Als das Kind nicht mehr gestillt werden muss, bringt sie es zum Heiligtum. Sie übergibt es dem alten Priester und sagt: „Um diesen Jungen hab ich Gott gebeten. Er hat mir die Bitte erfüllt. Deshalb gebe ich ihn jetzt wieder an ihn zurück, sein Leben lang." Hanna ist am Ziel. Und dann fängt sie an zu jubeln:

Es freut sich mein Herz über Gott.

Erhoben ist mein Kopf in Gott.

Weit offen mein Mund - gegen meine Feinde.

 

Denn ich freue mich über das, was du an mir tust.

Niemand ist heilig wie Gott.

Niemand ist da außer dir.

Und es ist kein Fels wie unser Gott!

 

Er tötet - und macht lebendig,

er steigt in die Unterwelt - und wieder nach oben.

Gott macht arm, und er macht reich.

Er erniedrigt, aber erhöht auch.

 

Er zieht aus dem Staub den Schwankenden,

aus dem Dreck hebt er den Armen,

um ihn zurückzusetzen zu den Edlen

und ihm den Thron der Pracht zu vererben.

Hanna jubelt, weil sie einen Sohn bekommen hat. Ich glaube, das können viele von uns gut nachvollziehen. Vielleicht sogar die, die keine eigenen Kinder haben oder möchten. „Ein Kind verändert dein Leben total! Nichts ist mehr so wie früher! Es ist phantastisch!" So schwärmte einmal ein Kollege von mir nach der Geburt seines ersten Sohnes. Und so geht es vielen Menschen. Besonders denen, die alles versucht haben, um Nachwuchs zu bekommen. Wie oft fahren sie in die Klinik zur künstlichen Befruchtung, nehmen alle Strapazen auf sich. Und bei manchen Frauen läuft es dann so: nach vielen erfolglosen Versuchen, wenn sie den Wunsch nach einem Kind schon aufgegeben haben und keinen Druck mehr spüren, dann werden sie plötzlich doch noch schwanger.

So wie Hanna. Sie jubelt, und zwar nicht nur bei der Geburt, sondern auch noch viel später. Als das Kind schon größer ist. Sie blickt noch einmal zurück und lässt Alles an sich vorüber ziehen, gerade auch das Leid, das sie durchgemacht hat. Wie sie verspottet wurde, weil sie keine Kinder bekam. Wie sie verzweifelt war, weil ihre Lage einfach aussichtslos erschien. Sie blendet das alles nicht aus, sondern akzeptiert es im Nachhinein. Als von Gott gegeben. Damit sagt sie uns: Gott bringt uns nicht nur das Glück, er ist nicht nur der gute, freundliche. Sondern er hat auch etwas mit dem Schweren in unserem Leben zu tun. Wenn es immer nur noch abwärts geht. Wenn du dich im Beruf oder in der Familie ständig überfordert fühlst. Wenn sich dein Partner immer mehr von dir entfernt. Wenn es mit der Gesundheit einfach nicht besser wird. Wenn die Schuldgefühle immer größer werden. Oder wenn du einfach nicht heraus findest aus dem Gefühl von Resignation und Traurigkeit.

Aber, so denken Sie jetzt vielleicht auch, wenn Gott mit all dem etwas zu tun hat, dann muss es doch einen Sinn haben. Was will er uns dann damit sagen? Warum hat Gott mir diese Krankheit geschickt? Warum hat er mir den Menschen genommen, den ich so dringend brauche? Warum hat er mir keine Kinder geschenkt? Solche Fragen hat sich auch Hanna gestellt. Und keine Antwort gefunden, auch nicht im Nachhinein. Aber sie hat sich Gott trotzdem anvertraut und sich in seine Hand gegeben. Sie hat mit Gott gerungen, aber sie hat sich nicht von ihm abgewandt. Sie ist an ihm dran geblieben und hat gebetet. Denn so, liebe Gemeinde, können wir die Erfahrung machen, dass Gott bei uns bleibt und uns hilft. Dass er uns wieder herausführt aus der Dunkelheit, unsere Schwäche in Stärke verwandelt, unsere Verzweiflung in Mut. Dass er uns unsere Würde zurückgibt, wenn wir uns ausgestoßen und verachtet fühlen.

Das ist wie eine Auferstehung - mitten im Leben. Wenn sich im Beruf plötzlich eine neue Perspektive eröffnet, weil ein neuer Kollege kommt, der uns unterstützt. Wenn wir eine böse Krankheit überwinden können. Oder wenn es uns gelingt, nach einem langen Streit wieder aufeinander zuzugehen und uns auszusöhnen. Wenn du die Welt wieder mit anderen Augen sehen kannst, ihre Schönheit genießt, unendlich dankbar und voller Vertrauen in die Zukunft.

So war das auch für Hanna. An diesem Tag, als sie Samuel zum Tempel bringt. Dieser Tag war für sie, so würden wir vielleicht heute sagen, wie Ostern und Weihnachten zusammen. An Weihnachten denken? Heute am Ostersonntag? Ja, denn Hannas Jubel erinnert an das Gebet, das Maria gesungen hat, nachdem der Engel ihr die Geburt Jesu angekündigt hatte. In diesem Gebet heißt es: „Er stößt die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen. Die Hungrigen füllt er mit Gütern und lässt die Reichen leer ausgehen." Das bedeutet: unser Leben kann sich plötzlich ändern, zum Guten wenden. Das gilt nicht nur für unser ganz persönliches Schicksal, sondern auch für ein ganzes Volk, die ganze Menschheit. Samuel, Hannas Sohn, hat dafür gesorgt, dass Israel einen guten König bekommt. Einen, dem es nicht um die eigene Macht geht, sondern der Gott und den Menschen dient: David. Und mit Jesus wird schließlich ein König geboren, der in einer Krippe liegt. Der ohne Macht und Gewalt auskommt und allein mit Liebe herrscht. „Jesus von Nazareth, König der Juden" steht an seinem Kreuz. Dieser König leidet für sein Volk und überwindet damit den Tod. Und genau das drückt Hanna schon aus mit ihrem Lied: „Er steigt in die Unterwelt und wieder nach oben. Gott macht arm, und er macht reich. Er macht niedrig, aber auch hoch."

So singt Hanna von demselben Gott, dessen Auferstehung wir an Ostern feiern. Denn er ist nicht nur für das Volk gestorben, das er auserwählt hat, sondern für alle Menschen, für die ganze Welt. Für uns alle, für mich, für Sie, für dich.

Amen.



PD Pfr. Dr. Siegfried Krückeberg
Hanau
E-Mail: s.krueckeberg@medio.tv

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