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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Ostersonntag, 08.04.2012

Predigt zu 1. Samuel 2:1-8a, verfasst von Eberhard Busch

 

Wir feiern heute Ostern. An diesem Tag hören wir auf das biblische Zeugnis von der Auferstehung Jesu Christi von den Toten. Uns wird im Neuen Testament erzählt, wie unser Gott in diesem Einen uns eine große Hoffnung geschenkt hat. In dieser Hoffnung dürfen wir uns darauf verlassen, dass Gott Leben und Tod in seiner Hand hat. So schrecklich der Tod für uns auch ist, „seit dass Christ erstanden" ist, dürfen wir uns daran halten, dass die Gewalt des Todes begrenzt ist, begrenzt eben durch ihn, den Heiland der Menschen, durch seine Gewalt. Nicht der Tod regiert unser Leben. Gott tut es in der Gestalt des Heilands der Menschen. Begrenzt der Tod unser Leben, so begrenzt Gott seinerseits den Tod.

Allerdings, inwiefern vernehmen wir heute diese Osterbotschaft aus 1. Sam. 2? Der Text ist ja vor der Geburt Jesu Christi geschrieben, nicht im Neuen, sondern im Alten Testament. Kann das Zeugnis des ersten Teils der Bibel überhaupt diese Botschaft leuchten lassen? Aber verstehen wir es heute erst recht! Die beiden Testamente gehören zusammen. Sie unterscheiden sich wohl. Jedoch dürfen wir sie nicht trennen. Sie bezeugen denselben Gott, eben den, der sich an Ostern als Gott hervorgetan hat. Das Alte Testament sagt jedoch etwas Besonderes, ohne dass wir auch das Neue Testament nicht recht verstehen können. Und was dieses Besondere ist, das wird in dem wunderschönen Lied deutlich, das nach 1. Samuel 2 die Hanna anstimmt. Eigentlich hat sie ernstlich Grund, traurig zu sein, so betrübt, wie jene Frauen betrübt waren, die am Ostermorgen zum Grab Jesu gehen und ihn nicht sehen und nicht finden. Und doch fällt uns sofort auf: Hanna ist in all ihrer Traurigkeit nicht traurig. Ja, sie jubelt, all ihrem Kummer zum Trotz. Den Kräften, die ihren Kummer verursachen, ruft sie es tapfer ins Angesicht: „Lasst euer großes Rühmen!" Der Grund für ihren fröhlichen Gesang liegt nicht in ihr selbst, nicht in ihrem sonnigen Gemüt noch in ihrem unverdrossenen Charakter. Sie sagt es ja deutlich: „Mein Herz ist fröhlich in (Gott) dem HERRN, ... ich freue mich deines Heils". Und wenn es sonst keinen Anlass gäbe, munter zu sein, - Gott ist Grund genug dafür, der Gott, der Menschen zur Gemeinschaft mit sich erwählt.

Von ihm sagt Hanna in ihrem Gesang das vor allem Anderen Wichtige: „außer dir ist keiner". Genau das ist es, was besonders das Alte Testament hervorhebt. Es redet von der Einzigkeit Gottes. Das ist keine müßiges Zahlenspiel, als ob an sich die Zahl eins mehr wäre als die Zahl drei. Sondern das ist eine mutige Kampfansage an all die Gestalten, die sich neben Gott wichtig machen. Ja, sie richtet sich gegen all die Größen, die wir neben Gott verehren und vergotten. Wohl uns, wenn auch uns einmal die von Hanna besungene Wahrheit einleuchtet! In deren Licht werden wir zugeben müssen, dass auch wir in unserem Leben solche Größen verehren, lieben oder auch fürchten. Wir hängen an ihnen und wir können von ihnen nicht loskommen. Aber wir müssen und wir dürfen von ihnen befreit werden. Das verdanken wir dem, von dem Hanna singt: „außer dir ist keiner". Wenn jemand von jenen Größen neben dem einzig-einen Gott erlöst wird, dann hat es allemal Er selbst besorgt. Und damit sorgt Gott selbst für die Gültigkeit der Wahrheit: „außer dir ist keiner".

Hören auch wir in der christlichen Gemeinde das, was das Glaubensbekenntnis der Juden ist und was im fünften Buch Mose (6,24) geschrieben steht: „Höre, Israel, der HERR, dein Gott, ist ein einziger HERR!" Denken wir daran, wie nach dem Alten Testament der Prophet Elia allein der großen Zahl der Priester eines Götzen gegenübersteht! Da gibt der Eine gegenüber den Vielen an einem Zeichen zu erkennen, dass allein Gott der HERR ist und dass allein er von uns verehrt sein will. Es war in den Bekenntnisschriften der reformierten Kirche üblich, dass sie sich darin allemal zuerst zu dem bekennen, was sie von jenem jüdischen Glaubens-Bekenntnis gelernt haben: der HERR ist ein einziger Herr. Das war verstanden erneut als eine Kampfansage an die lebensgefährlichen Mächte, die Gewalt über die Taten der Menschen gewonnen haben. Als im Jahr 1939/40 die deutschen Soldaten unter dem Befehl Adolf Hitlers den 2. Weltkrieg begannen und als er sich mit all seinen Truppen und Heerscharen auf dem Höhepunkt der Macht und der Anerkennung befand, genau zu dieser Zeit ließ der Theologe Karl Barth die Botschaft drucken, wider allen Augenschein: Es gibt keinen revolutionäreren Satz als den, dass Gott der Einzige ist. „An der Wahrheit des Satzes, dass Gott Einer ist, wird das Dritte Reich Adolf Hitlers zuschanden werden". Und ist es nicht eben dies, worein wir nach unseren Liedern im Gesangbuch einstimmen sollen? „Allein Gott in der Höh sei Ehr / und Dank für seine Gnade, / darum dass nun und nimmermehr / uns rühren kann kein Schade"?

Wir hören aus dem Liedvers nun auch: Es ist dieser „Gott allein" jedenfalls kein einsamer Gott. Es ist der Gott, der uns Menschen erstaunlich nahe ist. In welchem Sinn das wahr ist, davon singt das Lied der Hanna des Näheren. Und es sagt dazu ein Zweifaches. Auf der einen Seite heißt es in verschiedenen Variationen: Gott beweist sein Gottsein damit, dass er die Hochstehenden erniedrigt und beseitigt (V. 7). Oder wie es drastisch heißt: „Der Bogen der Starken ist zerbrochen" (V. 4). Also, die sich Gewalt und Stärke angemaßt haben, die werden entwaffnet. Sie werden so behandelt, dass sie dadurch ihre Schwachheit an den Tag kommt. Die auf dem hohem Ross sitzen, sie müssen herunterfallen. Nämlich die, die sich in ihrem Hochmut über die Anderen erhoben haben und die dabei andere in Dreck und Erbärmlichkeit gestoßen haben, sie müssen stürzen. Die sich in ihrem Hochmut absolut gesetzt haben, sie werden abgesetzt. Sie müssen verschwinden, die sich wie eine Gottheit aufgespielt haben. Die Volksweisheit redet davon in dem Spruch „Hochmut kommt vor Fall" (Spr. 16,18).

Aber seien wir ehrlich, wer von uns ist denn etwa nicht infiziert von diesem selben Übel, offen oder heimlich? Findet sich nicht jeder besser und wichtiger als so viele Andere um ihn her? Es treibt uns ein krankhafter Hochmut, und wir bilden uns eine Menge auf uns selbst ein, verspotten Andere, um uns selber positiv von ihnen abzuheben. Wer sitzt denn nicht in irgendeiner Weise, und sei es nur in Gedanken, auf hohem Ross, von dem er nicht herunter steigen möchte? Und er tut es so, dass er auf diese und jene verächtlich herabblickt! Es liegt offensichtlich so vielen nahe, statt dessen selbstgefällig auf sich selbst zu blicken. Hochmut ist auch Sünde. Und vielleicht muss es nicht immer nach jenem Sprichwort gehen „Hochmut kommt vor dem Fall", also so, dass man erst hochmütig und selbstgefällig ist und dass man dann nachher einmal in einem Sturz hinfällt. Muss man nicht sagen, dass Hochmut schon als solcher ein Sturz ist - nämlich heraus aus seiner Menschlichkeit. Ein anderes Sprichwort hat das offenbar gespürt, wenn es sagt: „Wo Dünkel über den Augen liegt, da kann kein Licht hinein."

Da redet uns der Gesangbuchvers jetzt ernsthaft ins Gewissen: „Alles in allem, muss brechen und fallen" Gott demütigt die Hochmütigen, eben so, wie er nach dem Propheten Jesaja spricht (13,11): „Ich will dem Hochmut der Stolzen ein Ende machen.". Wir können darauf vertrauen, dass er das tut. Aber er tut das auf höchst verwunderliche Weise. Er tut es so, dass wir daraufhin sagen können (Ps. 119,71): „Es ist mir lieb, dass du mich gedemütigt hast." Der ist es, von dem der Apostel Paulus in einem Lied singt (Phil 2,6ff.): Er, der nicht in einer angemaßten und eingebildeten Weise, sondern wahrhaft ganz oben steht, der Gott gleich ist, der pochte nicht auf diesen Vorzug, er „erniedrigte sich selbst und wurde gehorsam bis zum Tode, ja zum Tod am Kreuz". Das ist die Botschaft, die wir am Karfreitag gehört haben und die am Ostertag doch nicht hinter uns liegt, weil sie ewig gültig ist: „Das hat er alles uns getan, sein große Lieb zu zeigen an", wie es Martin Luther gedichtet hat. Diese Wahrheit wird an Ostern nicht rückgängig gemacht. Sie wird da erst recht ans Licht gestellt: Der wahrhaft Hohe erweist seine Größe und Erhabenheit darin, dass er sich selbst erniedrigt - uns zugute!

Aber an Ostern hat es sich sogleich herausgestellt, dass der am Karfreitag für uns Dahingegebene in Wahrheit „über Tote und Lebendige der Herr" ist, wie es Paulus gesagt hat (Röm. 14,9). Welch ein sagenhaftes Wunder: der zutiefst Erniedrigte offenbart sich als der Herr über alles! Oder wie Paulus es in jenem Lied jubelnd weiter singt: „Gott hat ihn über die Maßen erhöht und hat ihm den Namen geschenkt, der über jeden Namen ist, damit in dem Namen Jesu sich beuge jedes Knie derer, die im Himmel und Erden und unter der Erde sind, und jede Zunge bekenne, dass Jesus Christus der Herr ist, zur Ehre Gottes, des Vaters" (Phil. 2,9-11). Und in diesen Jubel stimmen so viele Osterlieder mit ein - etwa der aus der Zeit des 30jährigen Kriegs stammende Gesang von Georg Weissel, der davon spricht, dass der Auferstandene das vom Tod geraubte Leben wieder hervorbringt: „Lebendig Christus kommt herfür, / die Feind nimmt er gefangen, / zerbricht der Hölle Schloss und Tür, / trägt weg den Raub mit Prangen. / Nichts ist, das in dem Siegeslauf / den starken Held kann halten auf, / alls liegt da überwunden."

In der Macht dessen, der an Ostern am Werke war, ist es schon denen gesagt, die in der Zeit des Alten Testaments lebten: „Gott hat derer nicht vergessen, die in Finsternis gesessen." Gerade sie, die unten sind, die Bedrängten, Erniedrigten und Beleidigten, die unterdrückt sind und am Boden liegen. Wie viele sind aus unserem Gedächtnis verdrängt! Ja, wie zahllos viele leben und sterben unbeachtet und ungeachtet! Aber nein, wenigstens Gott hat sie voll im Blick und achtet sie. In Christus, dem von den Toten Auferstandenen, ist die Hoffnung verbürgt, dass sie teilhaben dürfen an seiner Auferstehung. „ER richtet den Dürftigen auf aus dem Staube", heißt es verheißungsvoll im Lobgesang der Hanna. ER ist darum in den Staub gesunken, um den Elenden auf die Beine zu helfen. Und es gibt auch für die, die jetzt auf dem hohen Ross sitzen, keine andere Rettung als die, dass ihnen eines guten Tages aufgeht, dass es auch bei ihnen so ist: „Wir armen Menschenkinder / sind eitel arme Sünder ..." (Matthias Claudius). Ihnen hilft nichts als das grundlose Erbarmen dessen, der aus dem Staub aufrichtet.

Aufgrund der göttlichen Ermutigung gilt nun das, was uns das Bibelwort auf der anderen Seite sagt: „Wankende gürten sich mit Kraft." Schwache bekommen Rückgrat. Und so können sie nun unter ihren Nächsten auftreten, aufrechte Zeitgenossen, können tragen, was niemand ihnen zugetraut hat, können gegen Bosheit Widerspruch einlegen, wo sonst niemand seinen Mund zu öffnen wagt. Sie beherzigen, dass es Stunden gibt, wo Schweigen nicht am Platz ist. Es gibt auch die Sünde der falschen Demut. Es gibt auch einen echt christlichen Hochmut. In ihm können wir „unverzagt und ohne Grauen" einer doch vor Augen liegenden Verkehrtheit widersprechen und widerstehen. Wagen wir es, aufrecht zu sein! Es hat sich schon manches Mal gezeigt, dass Menschen, die sonst schwach und klein und unbeachtet waren, dann auf einmal mutig waren, während sonst Starke und Tonangebende umgeknickt sind. Der Liederdichter Paul Gerhardt hat im Aufblick zu dem Auferstandenen gesungen: „Das ist mir anzuschauen / ein rechtes Freudenspiel; / nun soll mir nicht mehr grauen / vor allem, was mir will / entnehmen meinen Mut ..." Wir dürfen ruhig ein bisschen tapfer sein.

 



Prof. Dr. Dr.h.c. Eberhard Busch
37133 Friedland
E-Mail: ebusch@gwdg.de

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