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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Karfreitag, 06.04.2012

Predigt zu Psalter 22:, verfasst von Dietz Lange

 

Liebe Gemeinde!

"Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?" Eine leidenschaftliche Klage ist das, in dramatische Bilder gefasst. Vielleicht ist der Mann, der das ausruft, schwer krank - das ist nicht recht deutlich. Jedenfalls schmeckt er schon den Staub auf seinen Lippen - den Staub des Todes, ist gemeint, den Staub, der in der Unterwelt sich ausbreitet. Vor allem aber wird der Psalmist offensichtlich durch äußere Feinde bedroht. Drastisch schildert er sie als gefährliche große Tiere. Sie trachten ihm nach dem Leben. Ihres Erfolges sind sie so sicher, dass sie bereits seine Kleider verlosen. Siegesgewiss verspotten sie ihn: "Er wendet sich an Jahwe. Wollen wir doch mal sehen, ob der ihm wohl hilft." Der Beter ist physisch und psychisch am Ende. Er sieht keinen Ausweg mehr. Da bleibt nur noch der bittere Vorwurf an Gott: "Warum hast du mich verlassen?" Nicht gemurmelt oder geflüstert, sondern geradezu herausgebrüllt.

Trotzdem redet er diesen Gott noch als "mein" Gott an. Ja, er klammert sich geradezu an ihn. Er beruft sich auf die großen Heilstaten der Vergangenheit wie die Rettung aus Ägypten, an denen er als Angehöriger des Volkes Israel auch seinen Anteil hat. Das ist alles andere als bloßes Sich-Fügen in die religiöse Konvention. So etwas würde ihm jetzt nicht helfen. Vielmehr ist die religiöse Überlieferung noch lebendiger Bestandteil seines Lebens. Die Leere und Banalisierung des Religiösen, die heute so verbreitet ist, gab es noch nicht.

Umso überraschender ist dann die totale Kehre in der zweiten Hälfte des Psalms. Jetzt plötzlich dankt der Beter Gott für seine Rettung. Er tut das genauso leidenschaftlich, wie er eben noch geklagt hatte. Überschwänglich preisen und loben will er Gott. Und das nicht nur für die eigene Rettung. Nein, er sieht Gott überall am Werk, wo es Not und Elend gibt. Die Notleidenden bekommen zu essen. Sie erfahren Gerechtigkeit. Ganz Israel ist einbezogen, ja darüber hinaus alle Völker, selbst die schon Abgeschiedenen in der Unterwelt und sogar die künftigen Geschlechter. Denn Gott wird sein Reich in der Welt aufrichten. Eine ganz weite Perspektive der Hoffnung, wie sie sich in der Spätphase des Alten Testaments auftat.

Wie kommt diese verblüffende Kehre von der Verzweiflung zum Gotteslob zustande? Wir wissen es nicht. Vielleicht war es ein Gelübde: Wenn du mich rettest, Gott, dann will ich dich preisen. Oder umgekehrt: Vielleicht war der ganze Psalm ein Lied, das beim Dankopfer gesungen wurde, als also die Bedrohung schon glücklich überwunden war. Wichtiger als eine psychologische oder kultische Erklärung ist der Kontrast zwischen Verzweiflung in der Not und gelöster Freude über die Lösung selbst. Das ist eine Erfahrung, die viele von uns auch schon mit dem Gebet gemacht haben. Und dabei ist uns wohl dann und wann auch der Zusammenhang mit dem großen Satz unseres Glaubens: "Die Gottesherrschaft ist nahe", Gott selbst ist uns nahe mit seiner Barmherzigkeit, bewusst geworden. Insofern wissen auch wir etwas von der Wahrheit solch einer Kehre.

So haben es die Evangelisten auch verstanden. Sie haben eine ganz enge Beziehung unseres Psalms zur Kreuzigung Jesu gesehen. Jesus war da auch am Rande des Todes. Auch er war so verzweifelt, dass er nur noch rufen konnte: "Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?" Andererseits hatte Jesus ja die Nähe der Gottesherrschaft verkündet, die für den Psalm noch in ferner Zukunft lag. Alles Grund genug für die Evangelisten, eine ganze Reihe von Aussagen des Psalms in ihre Passionsgeschichte zu übertragen: die Worte des Hohns, den Spott, die Verlosung der Kleider. Der Psalm erschien in ihren Augen geradezu wie eine Vorausschau auf das, was da jetzt geschah. Manche modernen Ausleger haben dann gemeint, Jesus habe bei seinem Verzweiflungsschrei die Fortsetzung des Psalms, den Lobpreis für die Rettung, sozusagen im Voraus mit im Kopf gehabt.

Doch das ist höchst unwahrscheinlich. Zu deutlich ist dabei das Interesse der Kommentatoren, Jesus von der Verzweiflung, die ihm angeblich nicht anstand, rein zu waschen. Zwar war Jesus tatsächlich so eng mit Gott verbunden, dass er auch jetzt, angesichts des unausweichlich drohenden Todes, Gott noch als "mein Gott" ansprach. Aber er war ein wirklicher Mensch. Sein Gefühl des Verlassenseins war echt. In den Qualen, die ein langsames Sterben am Kreuz mit sich brachten, konnte es keinen heimlichen Vorbehalt geben. Die Lage Jesu war sogar noch schlimmer als die des Psalmbeters. Denn er war mit seiner Verkündigung der nahenden Gottesherrschaft offenbar gescheitert. Dabei hatte er doch im Auftrag Gottes dafür gewirkt. Diese abgrundtiefe Enttäuschung muss für ihn noch grausamer gewesen sein als die körperlichen Qualen. Hatte Gott etwa seine Verheißung zurückgezogen? Wollte er die Welt schutzlos ihrem selbst verschuldeten Unheil überlassen? Ist dieser Gott vielleicht für immer verschwunden? Ist dann nicht überhaupt jegliche Religion sinnlos geworden?

Solche Fragen müssen sich ihm aufgedrängt haben. Sie sind in dieser Formulierung modern, aber sie haben ihren Ursprung am Kreuz. Sie sind also religionsgeschichtlich in ihrer ganzen Schärfe erst im Horizont des Christentums aufgetreten. Man mag sich nun wundern, wie es möglich ist, dass manche modernen Atheisten sie so gleichmütig bejahen. Aber gelegentlich, besonders angesichts des Todes eines nahen Menschen, bricht die Trostlosigkeit der damit entstandenen Situation durch. Da steht dann auf einer Todesanzeige nicht "Mein Gott, warum hast du mich verlassen?", sondern nur noch lakonisch: "Warum?" Das ist ehrlich - aber auch grauenhaft, weil es auf diese Frage überhaupt keine Antwort mehr gibt.

Dennoch sind wir als Christen überzeugt, dass es zwar nicht auf das bloße, nackte "Warum?", aber doch auf Jesu Frage eine Antwort gibt: "Mein Gott, warum hast du mich verlassen?" Aber wie kann die aussehen? Die einzige Antwort, die es gibt, ist die, dass Gott selbst in diese äußerste Verlassenheit eingegangen ist, ja, dass er selbst aus Liebe zu uns Menschen das Leiden Jesu auf sich genommen hat. Gott selbst wollte durch seine Hingabe am Kreuz seine Liebe in der lieblosen Welt zur Herrschaft bringen, unsere Gottlosigkeit überwinden.

Der Kirchenliederdichter Johann Rist hat das in einer höchst gewagten Formulierung auf den Punkt gebracht. In dem Lied "O Traurigkeit, o Herzeleid", das wir vorhin gesungen haben, ließ er die zweite Strophe anfangen: "O große Not, Gott selbst liegt tot". Spätere Generationen fanden das unerträglich und haben es abgeschwächt zu "Gott's Sohn liegt tot." Aber der christliche Glaube bewegt sich nicht im Bereich der political correctness - oder meinetwegen auch der theological correctness. Wo wir es wirklich mit Gott zu tun bekommen, befinden wir uns immer an der äußersten Grenze dessen, was man denken und sagen kann.

Das bedeutet hier: Erst wenn wir auch noch die äußerste Härte des Leidens in den Glauben mit hineinnehmen und nicht unbedacht draußen lassen, bekommt der Trost des Glaubens seinen Sinn. Wer sagt: Gott will nicht das Leiden, will nicht den Tod und die Verzweiflung, muss dies alles einer Gegenmacht zuschreiben, die mächtiger ist als Gott. All diese lieben, freundlichen Verharmlosungen, die heute so beliebt sind, laufen letzten Endes auf den gar nicht freundlichen Glauben an eine Übermacht des Bösen hinaus.

In Wahrheit dürfen wir Gott unser Leid klagen, ihn auch dafür verantwortlich machen. Denn er hat es aus abgrundtiefer Liebe am Kreuz selbst auf sich genommen. Damit überwindet er auch die Vorwurfshaltung, die in unserer Klage steckt und die der eigentliche Stachel des Leidens ist. Das meinen wir mit unserem Glauben an die Auferstehung. Diesem Zuspruch trauen, das ist christlicher Glaube. Darum können wir nun auch die zweite Hälfte des Psalms mitsprechen. Gott macht durch seine Liebe am Kreuz seine Verheißung des Heils für die ganze Welt wahr, allem Augenschein zum Trotz. Das überschwängliche Lob, das ihm dafür ausgesprochen wird, bleibt in Geltung. Es kann nur jetzt nicht mehr so locker an die Klagen über das Verlassensein angehängt werden, wie das bei Gelegenheit eines Dankopfers einst möglich war. Es trägt, mehr noch als der Psalm, die ganze Tiefe der Gottesferne in sich. Eben damit hat unser Gotteslob ein Gewicht gewonnen, das ihm wohl in keiner anderen Religion zukommt.

Amen.



Prof. Dr. Dietz Lange
Göttingen
E-Mail: dietzlange@aol.com

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