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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Ostersonntag, 08.04.2012

Predigt zu 1. Samuel 2:1-2.6-8a, verfasst von Uland Spahlinger

 

 

Lobgesang der Hanna

1 Und Hanna betete und sprach: Mein Herz ist fröhlich in dem HERRN, mein Haupt ist erhöht in dem HERRN. Mein Mund hat sich weit aufgetan wider meine Fein­de, denn ich freue mich deines Heils.

2 Es ist niemand heilig wie der HERR, außer dir ist keiner, und ist kein Fels, wie unser Gott ist.

6 Der HERR tötet und macht lebendig, führt hinab zu den Toten und wieder herauf.

7 Der HERR macht arm und macht reich; er erniedrigt und erhöht.

8 Er hebt auf den Dürftigen aus dem Staub und erhöht den Armen aus der Asche, dass er ihn setze unter die Fürsten und den Thron der Ehre erben lasse.

 

Liebe Gemeinde,

wahrscheinlich haben Sie heute noch nicht „gegoo­gelt". Aber wenn Ihnen nachher danach ist, geben Sie doch in einer der Suchmaschinen eine Bild­suche unter dem Stichwort „Höllenfahrt Chris­ti" ein. Sie werden staunen über die Menge und die Vielfalt der alten Bilder und Ikonen, auf de­nen „die Höllenfahrt Christi" dargestellt ist. Chris­tus, schon erkennbar als der Auferstandene, tritt dem Höllenschlund entgegen. Dieser ist oft als Dra­chenmaul gemalt. Und aus dem Maul drängt eine unübersehbare Zahl von Menschen, angeführt von Adam als dem Sinnbild der alten Schöpfung.

Seltsam sind diese Bilder für uns Menschen des frühen 21. Jahrhunderts. Stellen sie doch et­was dar, das wir schlechterdings nicht dar­stellen kön­nen. Die biblischen Bücher sind weise genug, kein Wort darüber zu verlieren, was zwischen der Grab­legung Jesu und dem Ostermorgen geschah. Die Zeu­gen muten uns zu, dass wir es aushalten, nicht zu wissen. Keine Repor­ter, keine Kameras. Die Dunkelheit wird nicht ausgeleuchtet. Wir werden erst mit dem anbrechenden Licht des Ostermorgens in die Szene eingela­den.

Und trotzdem: es war und ist ungemein anregend für die Phantasie, sich vorzustellen, was es damit auf sich hat. Im Gottesdienst kommt der Gedan­ke fast jeden Sonntag vor: „hinabgestiegen in das Reich des Todes" - wir sprechen das im Glaubensbekennt­nis. Zugegeben, ein sperriger Satz. Was soll mit diesem Abstieg gemeint sein? Wohin soll er führen? Die drei­stöcki­ge Anordnung der Welt als Scheibe mit der „Ober­welt" Gottes, der Welt der Lebenden und der „Unterwelt", dem Toten­reich oder Hades ist nicht mehr unsere.

Diese Vorstellung ist für uns nicht mehr existen­tiell bedeutsam. Und doch: wenn wir das Glaubens­bekenntnis nicht nur aus Gewohn­heit mitsprechen, dann sagen wir Nachdenkenswertes über Jesus, den Christus aus: Zwischen seinem Tod und seiner Auf­erweckung „am dritten Tag" muss doch irgend etwas gewesen sein. Und das muss mit uns zu tun haben.

Die Theologen der alten Kirche konnten sich nur vorstellen, dass diese Zeit dazwischen einen gott­gewollten Sinn haben musste: Sie konnte im Heils­plan Gottes nicht zufäl­lig sein. Wenn Ostern das Manifest des göttlichen Sie­ges über den Tod ist, dann muss das auch - symbolisch oder tatsächlich - Auswirkungen auf die haben, „die sitzen in Fins­ternis und Schatten des Todes" (Lk 1,79), wie Za­charias am Beginn des Lukasevangeliums jubelt. Und eben auch für die, die tatsächlich schon im Tod sind.

Der katholische Theologe Hans Küng sagt dazu: „Der Gang in die Unter­welt kann deshalb auch heute verstan­den werden als Sym­bol für die Heils­möglichkeit auch der vorchrist­lichen und damit nichtchrist­li­chen Mensch­heit: für die Heilsmöglichkeit der alt­testa­ment­lichen From­men, der von der christlichen Ver­kün­digung nicht Erreichten, ja aller Verstor­benen"1.

Genauso unsere alten Osterlieder, zum Beispiel dieses: „Er hat zerstört der Höllen Pfort, die sei­nen all heraus­geführt und uns erlöst vom ew'gen Tod"2. Auf den Bildern von der Höl­lenfahrt Christi tritt Adam Christus als erster aus der nicht erlösten Schöpfung entgegen.

Und Hanna, die Mutter des Propheten Samuel, singt uns heute ihr Loblied auf Gott, der alles kann. Hanna konnte keine Kinder bekommen, erzählt das Samuelbuch - eine schwer erträgliche Situation, zumal die andere Frau ihres Mannes Elkana viele Kinder hatte und sie über ihre Unfruchtbarkeit auch noch verspottete.

Hanna macht ihre Not zum Thema im Gespräch mit Gott. Sie legt ein Ge­lübde ab - und wird erhört. Ein Wunder des menschenfreundlichen, Leben schaf­fenden Gottes erkennt sie darin, dass sie schließ­lich schwanger wird. Und sie singt ihr Lied:

Mein Herz ist fröhlich in dem HERRN, mein Haupt ist erhöht in dem HERRN. Mein Mund hat sich weit aufgetan wider meine Feinde, denn ich freue mich deines Heils" (1 Sam 2,1)

Das ist Glück, unerwartetes, unverhofftes, unver­dientes Glück. Das Glück neuen Lebens. Das Glück einer Zukunft, die über das eigene Leben hinaus­weist. Hanna erkennt: Hier ereignet sich ganz Gro­ßes. Sie bleibt nicht bei sich in ihrem Glück, sondern bettet es ein in das Vertrauen ihres Vol­kes und ihres Glaubens:

Es ist niemand heilig wie der HERR, außer dir ist keiner, und ist kein Fels, wie unser Gott ist. Der HERR tötet und macht lebendig, führt hinab zu den Toten und wieder herauf. Der HERR macht arm und macht reich; er erniedrigt und erhöht.

Er hebt auf den Dürftigen aus dem Staub und erhöht den Armen aus der Asche, dass er ihn setze unter die Fürsten und den Thron der Ehre erben lasse. (1 Sam 2,2.6-8)

Da singt eine in ihrem unfassbaren Glück ein Loblied auf „Gott, den All­mächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erde", auf den „Gott, der alle Wunder tut"3 und dessen Allmacht niemand etwas ent­gegensetzen kann. Ja, sogar übermütig kann sie werden, sie die so viel Spott erdulden musste:

Lasst euer großes Rühmen und Trotzen, freches Reden gehe nicht aus eurem Munde; denn der HERR ist ein Gott, der es merkt, und von ihm werden Taten gewogen. Die da satt waren, müssen um Brot dienen, und die Hunger litten, hungert nicht mehr. Die Unfruchtbare hat sieben geboren, und die viele Kinder hatte, welkt dahin. (1 Sam 2, 5.7)

Hey Leute, würde sie heute vielleicht übermütig rufen, habt ihr mitbe­kom­men, dass Gott alles - ALLES - auf den Kopf stellen kann? Habt ihr das kapiert, ihr Besserwisser mit der großen Klappe?

Loblieder auf den Gott des Lebens in Finsternis und Schatten des Todes. Hier Hanna, dort Zacharias oder Maria im Magnificat:

... seine Barmherzigkeit währt von Geschlecht zu Ge­schlecht  bei denen, die ihn fürchten.Er stößt die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen. Die Hungrigen füllt er mit Gütern und lässt die Reichen leer ausgehen. (Lk 1, 50.52-53)

Das ist dieselbe Tonlage. Vielleicht ist es die Tonlage der Frauen, die er­kannt haben, dass Gott eben doch nicht zu vereinnahmen ist von macht­hungrigen Männern, die ihn gern als Verbündeten oder Gewährsmann für ihre Machtgelüste hätten - auf dass alles beim Alten bleibe.... Vielleicht ist es ja auch deshalb, dass ausgerechnet in den Osterge­schichten wieder Frau­en auftauchen und erkennen:

Der HERR tötet und macht lebendig, führt hinab zu den Toten und wieder herauf, (1 Sam2,6)

wie Hanna es gesungen hatte.

Nein, ein Osterlied ist es eigentlich nicht, das Hanna singt. Vielmehr ein Lobpsalm, ein Freudenlied über den Schöp­fer, der alles vermag - der ohne Voraus­set­zung oder Bedingung Neues auf den Weg bringen kann, beenden und beginnen kann, wie es seiner Phan­tasie, seiner Kreativität, seinem Wohlgefallen entspricht.

Und Ostern ist so ein Moment der heil­stiftenden Kreativität: der achte Schöpfungstag, der Beginn der neuen Schöpfung - unerahnt, noch nie er­lebt, noch nie gesehen. Und sogar denen zugute gehalten - so vermutet die Legende -, die schlechterdings nichts davon wissen konnten: „hinab­gestie­gen in das Reich des Todes" - „(der Herr) führt hinab zu den Toten und wieder herauf" (1 Sam 2,6b). Der erste Weg des Auferstandenen gilt denen in der größten Hoffnungslosigkeit, wenn die alten Bilder nur irgend­etwas von der heilstiftenden Kreativität Gottes eingefangen haben.

In der ökumenischen Gemeinschaft in Taizé in Burgund feiern sie jede Wo­che Kar­frei­tag - dann ist es ganz still auf dem Hügel; und jeden Sams­tag­abend die Oster­nacht: Auferstehung.

Jeder Sonntag ein kleines Ostern: Wir dür­fen das ruhig ein bisschen mehr sichtbar werden las­sen in unseren Gottesdiensten, im Leben un­se­rer Ge­mein­den und in unserem Alltag. Wenn schon Höllen­fahrt mit Chri­stus, dann auch Auferstehung mit Christus, liebe Freunde. Paulus hat da nämlich ganz recht, wenn er sagt: „wisst ihr nicht, dass alle, die wir auf Christus Jesus getauft sind, die sind in seinen Tod getauft? So sind wir ja mit ihm begraben durch die Taufe in den Tod, damit, wie Christus aufer­weckt ist von den Toten durch die Herrlichkeit des Vaters, auch wir in einem neuen Leben wandeln" (Röm 6, 3-4). Das darf sichtbar werden - auch in unserem Leben vor dem Tod.

Und dann dürfen wir uns vielleicht auch mitnehmen lassen von Hanna und Maria, von Zacharias und Paulus, von den Dichtern der Osterlieder, von den Brüdern und Schwestern aus Taizé oder von dem unbekannten jungen Mann oder der jungen Frau aus Afrika, deren Gebet so herzerfrischend alltäglich mit Gott ins Gespräch kommt, wie geschaffen für einen Ostermorgen:

Herr, ich werfe meine Freude wie Vögel an den Himmel. Die Nacht ist verflattert, und ich freue mich am Licht. Deine Sonne hat den Tau weggebrannt vom Gras und von unseren Herzen. Was da aus uns kommt, was da um uns ist an diesem Morgen, das ist Dank.

Herr, ich bin fröhlich heute am Morgen. Die Vögel und Engel singen, und ich jubiliere auch. Das All und unsere Herzen sind offen für deine Gnade. Ich fühle meinen Körper und danke.

Die Sonne brennt meine Haut, ich danke. Das Meer rollt gegen den Strand, ich danke.

Die Gischt klatscht gegen unser Haus, ich danke.

Herr, ich freue mich an der Schöpfung und dass du dahinter bist und daneben und davor und darüber und in uns.

Ich freue mich, Herr, ich freue mich und freue mich.

Die Psalmen singen von deiner Liebe, die Propheten verkündigen sie.

Und wir erfahren sie: Weihnachten, Ostern, Pfingsten und Himmelfahrt ist jeder Tag in deiner Gnade.

Herr, ich werfe meine Freude wie Vögel an den Himmel. Ein neuer Tag, der glitzert und knistert, knallt und jubiliert von deiner Liebe. Jeden Tag machst du. Halleluja, Herr!4

Amen.

 

Hans Küng, Credo, Serie Piper 2024, München 19955, S. 1351

2EG 100, Str. 3. Evang. Gesangbuch, Ausgabe Bayern, epv Bayern, Mün­chen o.J.

3Vgl. EG 326, Str. 3

4Aus: Jörg Zink, Wie wir beten können, Stuttgart 19755, S. 114



Bischof der DELKU Uland Spahlinger
65023 Odessa /Ukraine
E-Mail: spahlinger.uland@gmx.de

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