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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Osternacht, 08.04.2012

Predigt zu Psalter :118 (in Auszügen), verfasst von Barbara Manterfeld-Wormit

 

Der Friede des Auferstandenen sei mit Euch allen. Amen.

Es ist der Gipfel des Horrors in der berühmten Stieg Larsson „Millenium"-Trilogie: Die Heldin der Geschichte, Lisbeth Salander, wird bei lebendigem Leibe begraben - von ihrem eigenen Vater. Schwarze Erde fällt auf ihren Körper. Sie wehrt sich, schreit in Todesangst. Erbarmungslos schaufelt der Mann weiter Erde in auf das Grab einer Lebenden. Er bedeckt ihre Beine, Hände, das Gesicht. Am Ende ist die junge Frau verschwunden. Ihre Schreie schluckt schwarze Erde.

Es ist ein Albtraum, den wir manchmal träumen: lebendig begraben zu sein in einem Sarg unter der Erde, wo einen keiner sieht und niemand mehr hört. Wir wachen dann schweiß gebadet auf und ringen nach Luft, bis wir erleichtert feststellen, dass alles nur ein Traum war und wir frei und am Leben.

Es ist eine Urangst, die in uns steckt: die Angst vor dem eigenen Tod. Angst vor dem Abgeschnittensein von denen, die wir lieben. Angst vor dem Gefangensein in der Finsternis, wo niemand uns hört und keiner mehr nach uns sucht.

Angst ist, wenn einem eng ums Herz wird und um den ganzen Körper. Wenn wir nicht mehr frei atmen können und uns bewegen, wenn unsere Lebensraum eingeschränkt ist und wir nicht einmal mehr schreien können vor lauter Angst, weil Angst die Kehle zuschnürt. Angst ist, wenn wir nur noch Schwarz sehen und in Dunkelheit leben. Angst ist, wenn keiner da ist, der uns hilft und unsere Schreie hört, auch wenn sie stumm und lautlos sind.

Und dann kommt plötzlich Rettung: Da wachen wir auf aus einem bösen Traum und spüren, dass wir noch leben und in unserem Bett liegen, nicht im Grab. Da kann sich die Heldin doch noch befreien aus der Erde und ihren Peiniger stellen und fliehen. Und einem ganzen Volk, das gefangen und gedemütigt wurde, gelingt die Flucht und der Durchzug durchs Schilfmeer und die Verfolger werden vernichtet. Da ist der schwere Stein am Ostermorgen plötzlich weggewälzt, und Licht fällt in das dunkle Grab, und es ist leer. Das ist ein Wunder vor unseren Augen!

Wunder sind kaum zu glauben. Und damit wir all diese Geschichten von Befreiung und Errettung glauben und unsere Angst abschütteln und aus der Enge in die Weite unseres Lebens treten können, singen uns Glaubenszeugen dieses Lied in mehreren Strophen - Die letzten Strophen fehlen noch und wollen von uns und denen nach uns gesungen werden:

(1) Dankt Adonaj: Gott ist gut. Gottes Freundlichkeit ist ewig.

(2) Israel soll sagen: Gottes Freundlichkeit ist ewig.

(3) Das Haus Aaron soll sagen: Gottes Freundlichkeit ist ewig.

(4)Die Adonaj Ergebenen sollen sagen: Gottes Freundlichkeit ist ewig.

(5) Aus der Enge rief ich Jah. Mit weitem Raum hat Jah mir geantwortet.

(6) Adonaj ist für mich. Ich fürchte mich nicht. Was können Menschen mir tun?!

(7) Adonaj ist für mich, bei denen, die mir helfen. So kann ich ansehen, die mich hassen.

(10) Alle Völker umkreisten mich. Mit dem Namen Adonaj - so kann ich sie abwehren.

(13) Brutal wurde ich gestoßen, aber Adonaj half mir.

(14) Meine Stärke und mein Lied ist Jah. Gott wurde mir zur Befreiung.

(17) Ich sterbe nicht! Ich lebe! Und ich erzähle die Taten Jahs.

(18) Hart hat Jah mich angefasst, doch dem Tode hat Jah mich nicht übergeben.

(19) Öffnet mir die Tore der Gerechtigkeit. Ich will hineingehen, will Jah danken.

(20) Dies ist das Tor zu Adonaj. Gerechte gehen hinein zu Gott.

(21) Ich danke dir: Du hast mir geantwortet, du wurdest mir zur Befreiung.

(22) Ein Stein, den die Bauleute für untauglich hielten, wurde zu einem tragenden Eckstein.

(23) Von Adonaj her geschah dies. Es ist wunderbar in unseren Augen.

(24) Dies ist der Tag, da Adonaj es getan hat. Wir wollen ausgelassen sein, uns daran freuen. (Übersetzung: Bibel in gerechter Sprache)

Der Stein ist weggewälzt. Die Erde hat sich aufgetan. Die Enge des Grabes hat sich gewandelt in Weite. Nach dem Albtraum des Todes jubelt das Leben: Gottes Freundlichkeit ist ewig. Mit weitem Raum hat er mir geantwortet.

Gott hört das Schreien, selbst dann, wenn der Mensch mundtot gemacht wird. Er hört das Schreien seines Sohnes am Kreuz und er hört den stummen Ruf nach Leben aus dem geschlossenen Grab. Diese wunderbare und unglaubliche Geschichte reiht sich ein in viele wunderbare Geschichten unserer Glaubensmütter und -väter. Luther nannte den 118. Psalm „das schöne Confitemini" - in seinem persönlichen Grab auf Zeit in der Reichsacht auf der Feste Coburg. Mit seiner Übersetzung dieses Psalms hat er einen Osterpsalm daraus gemacht: „Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, ist zum Eckstein geworden!" (Vers 22) - der Eckstein ist Christus (Epheser 2, 20). Das ist ein Wunder vor unseren Augen. Ebenso wie die vielen Wunder, die die Heilsgeschichte Gottes mit seinem Volk vor unserer Zeit zu erzählen hat. Sie klingen in diesem Psalm an: Da klingt das Lied von der Errettung aus dem Schilfmeer an, das Mose und seine Schwester Mirjam anstimmten (Exodus 15, 2.6) Da ist die Rede vom Hause Aaron (Vers 3) und von Israel (Vers 2). Der 118. Psalm hat Eingang gefunden in die Festliturgien zu Ostern, Pesach, zum Laubhüttenfest und Chanukka - er begegnet in der Abendmahlsliturgie und beim christlichen Tischgebet. Erinnerung an das Wunder des Lebens und der Befreiung inmitten der Bedrängnis unseres Lebens.

Das ist ein Wunder. Ein Wunder vor unseren Augen, das immer wieder neu erzählt und neu erlebt wird. Von Juden und von Christen, denn zum Eckstein wurde nicht Christus allein, sondern andere Glaubenszeugen vor und mit ihm.

Eins, zwei, drei, vier Eckstein, alles muss versteckt sein.

Hinter mir und vorder mir gilt es nicht

Und an beiden Seiten nicht! Eins, zwei, drei - ich komme!

Jenseits aller biblischen Deutungen hat der „Eckstein" Eingang in diesen uralten Kinderreim gefunden. Es ist der Auftakt zur großen Suche nach dem Verborgenen. Einer geht los und sucht. Er klappert auch den letzten Winkel, die finsterste Ecke, das kleinste Versteck ab und ruht nicht eher als bis er gefunden hat.

Nach drei Tagen holt Gott seinen Sohn aus dem Grab. Das ist ein Wunder. Nicht geschehen vor unseren Augen. Aber Menschen erzählen sich bis heute von diesem Wunder der unermüdlichen Suche Gottes nach dem Menschensohn. Sie reicht bis in die dunkelsten und entlegenen Winkel unseres Lebens. Er sucht, bis er findet. Er hört selbst da, wo nur noch ein ersticktes Schreien ist. Er ruft aus der Enge unseres Daseins und antwortet mit weitem Raum.

Lasst uns diese wunderbaren Geschichten vom Leben und von der Rettung aus tiefster Not und Bedrängnis weitererzählen. Die alten biblischen und unsere eigenen. Lasst uns diesen Tag feiern und fröhlich an ihm sein. Damit der fröhliche Zug, der sich damals mit den Worten des 118. Psalms auf den Lippen jubelnd auf den Weg zum Tempel machte, nicht abreißt bis dass er kommt und ein neues, großes Wunder vor unseren Augen geschieht.

Der HERR ist auferstanden. Er ist wahrhaftig auferstanden. In diesem Glauben segne uns Gott. Amen.

 



Pfarrerin Barbara Manterfeld-Wormit
Berlin
E-Mail: pfarrerin@bonhoeffergemeinde.de

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