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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

6. Sonntag nach Trinitatis, 15.07.2007

Predigt zu Jesaja 43:1-7, verfasst von Peter Taeger

...Ich will vom Osten deine Kinder bringen und dich vom Westen her sammeln...Bring her meine Söhne von Ferne und meine Töchter vom Ende der Erde, alle, die mit meinem Namen genannt sind, die ich zu meiner Ehre geschaffen und zubereitet und gemacht habe.

Wir beklagen das Exil unserer Kinder. Sie sind ins Schlaraffenland verschleppt worden. Überreichliches Essen und Leckerbissen fliegen ihnen in den Mund. Durch Berge von Süßigkeiten müssen sie sich hindurcharbeiten. Schöne Kleider und Unmengen von Spielzeug türmen sich über ihnen und da sie die neusten Entwicklungen nicht verpassen dürfen, muss der Computer laufen und wie eine große Dusche riesige Mengen von Informationen ungefiltert über ihnen ausschütten. Außerdem flötet die Werbung ihnen ein, was sie  haben und tragen müssen, um cool und in zu sein.

Und das Leben im Schlaraffenland geht nicht spurlos an ihnen vorüber.
Die vielen Süßigkeiten hinterlassen genauso ihre Spuren, wie die Brutalität der Killerspiele. Die permanent gestreuten Untergangsszenarien und die durch die Medien aufgeblähten Schlagworte verübeln die Normalität und vergällen ihnen die Welt.

Zu viele unserer Kinder verlieren sich im Schlaraffenland.
Sie versinken in den verschiedensten Formen der Abhängigkeit.
Ladendiebstahl scheint nichts Verwerfliches mehr, wenn es gilt, sich das zu besorgen, was man zu benötigen scheint, um mitzuhalten.
Verschuldung, Gewalttaten, Schulversagen oder Leistungsverweigerung sind weitere Indizien, die hellhörig machen.

Uns beschleicht ein ungutes Gefühl. Irgendetwas stimmt nicht mehr.
Irgendwie haben wir die Orientierung verloren.
Wir wollen unsern Kindern doch mehr vererben als Haus und Hof.
Es tut uns im Herzen weh. Wir wünschen, dass unsere entführten Kinder, dass wir selber wieder heim gebracht werden.

Haben wir über Haus und Hof hinaus eigentlich etwas zu vererben?
Etwas Immaterielles, wie es schon immer von Generation zu Generation weitergegeben wurde?
Wozu?
Um auch unsere Kinder und Enkel und die nachfolgenden Generationen in ihrer Welt zu verankern.
Wodurch geschieht das?
Durch das Erzählen von Geschichten, und Begebenheiten, die uns etwas über unsere Stellung und unseren Wert, über Möglichkeiten und Gefahren und etwas über unsere Perspektive sagen.
Jesaja spricht so etwas für sein im Exil lebendes Volk aus. Ein Heilswort, das Kraft und Mut verleiht zur Heimkehr.
Es beginnt mit dem Wort, das jeder Generation immer wieder neu zugesprochen werden muss. Denn jede Generation steht je vor ihren eigenen Schwierigkeiten und Versuchungen. „Fürchte dich nicht" ist eines von den wichtigen Stichworten in der Bibel. Es vermittelt ein Lebensgefühl der Sicherheit über das Gelingen oder Misslingen einzelner Vorhaben hinaus. „Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst, ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein."
Diese Furchtlosigkeit ist nicht darin begründet, dass wir besonders gut gerüstet sind, genügend finanziellen Rückhalt haben oder die bessere Versicherung. Das können alles nützliche Instrumente sein. Sie machen uns aber nicht wirklich sicher.
Wirkliche Sicherheit entsteht aus einem Lebensgefühl, das uns in unserer Gottesbeziehung erkennt.
Dass Gott meinen Namen kennt und dass ich bei meinem Namen gerufen bin, daran erinnert besonders dieser Taufsonntag. Hier wird  meine letzte  Geborgenheit und Sicherheit in aller Drangsal und Gefährdung deutlich.
Die stärksten Bilder von Feuer und Wasser bietet Jesaja auf, um deutlich zu machen, wie weit diese Sicherheit reicht.

Dass meine Sicherheit, mein Gelingen, mein Wachsen oft einen Preis haben, rufen uns die folgenden Sätze, in denen von Ägypten und anderen Landschaften als Lösegeld die Rede ist, ins Gedächtnis. In Bezug auf das NT mahnen uns solche Worte auch an unsere Verantwortung.
Mein Wohlergehen hat einen Preis für andere, an die ich wiederum gewiesen bin.
Aber was ist nun mit unseren Töchtern und Söhnen? Wollen wir sie im Exil lassen?
Ich denke, sie sind nicht mehr oder weniger im Exil, als wir es auch schon waren.
Das von Jesaja angesprochene Volk ist verletzt aber auch bereichert und gestärkt aus dem Exil heimgekehrt. Wenn auch nicht alle.
Ohne das Exil ist die weitere Entwicklung, wie wir sie kennen, nicht vorstellbar.
Aber das Exil bedarf, wenn es nicht in die Verlorenheit führen soll,  der Auflösung durch die Heimkehr.
Es bedarf der Heimkehr von der Wanderschaft, der Heimkehr aus der Fremde und der Weitergabe des unermesslichen Schatzes, den wir empfangen haben, wie schon Generationen vor uns.

„Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein!"

Wir dürfen und müssen unsere Kinder und uns selbst in diesem Lebensgefühl beheimaten.



Peter Taeger

E-Mail: Peter_Taeger@gmx.de

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