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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

6. Sonntag nach Trinitatis, 15.07.2007

Predigt zu Jesaja 43:1-7, verfasst von Christian Stasch

Liebe Gemeinde !

Erlöst !
Ich habe dich erlöst.

Dieses Wort ist hinein gesprochen mitten in eine traurige, niedergedrückte Stimmung.
Damals, vor gut 2500 Jahren.
Die Israeliten hatten allen Grund zum Zweifeln und zum Traurigsein..
Fernab der Heimat, daraus waren sie vertrieben.
An den Wasserbächen Babylons saßen sie und weinten.
Das einstige Zwölfstämmevolk zersprengt.
Das Königtum Davids, die lange Dynastie, ein für alle mal beendet.
Der Name Israel nur eine Stecknadel auf der Landkarte,
Tempel und Königspalast von Gegnern in Brand gesteckt,
die Mitte, die Identität ist weg.

Sie sind im Exil,,
fühlen sich unerlöst.
Ja, „wenn Gott die Gefangenen Zions erlösen WIRD; dann werden wir sein wie die Träumenden." Denken sie.
WENN er erlösen WIRD - aber noch sitzen wir ja hier im fremden Babylon.
Und selbst wenn wir in zurück Israel wären, was sollen wir dort noch? Es ist doch sinnlos und leer.

Aber dann wird plötzlich diese Trauer-Atmsphäre heilsam aufgebrochen,
durch ein Wort Gottes hinein,
von einem Propheten der Jesaja-Schule überliefert.

„Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein! Wenn du durch Wasser gehst, will ich bei dir sein, daß dich die Ströme nicht ersäufen sollen; und wenn du ins Feuer gehst, sollst du nicht brennen, und die Flamme soll dich nicht versengen. Denn ich bin der HERR, dein Gott, der Heilige Israels, dein Heiland. Ich habe Ägypten für dich als Lösegeld gegeben, Kusch und Seba an deiner Statt, weil du in meinen Augen so wertgeachtet und auch herrlich bist und weil ich dich liebhabe. So fürchte dich nun nicht, denn ich bin bei dir."

Dieses Wort macht den Israeliten Mut, sich nicht in der Trauer einzuigeln,
sondern aufzubrechen,
Dieses Wort lässt einen Neuanfang im Land Israel wagen,
Dieses Wort schenkt neues Selbstwertgefühl.
Damals.

---

B.

Wir hören diese Worte 2500 Jahre später.
Sie wirken immer noch frisch und unverbraucht.
Und wir können sie auf uns anwenden.
Ich glaube, weil in diesen Worten tiefe Sehnsüchte von uns angesprochen sind.

Ich möchte das an vier Stichworten zeigen :

Sich nicht fürchten,
erlöst sein
beim Namen gerufen werden,
Wertschätzung erfahren.


„Fürchte dich nicht."

„Nicht fürchten?"
Na klar fürchten wir uns !
Fürchten, dass Terroristen U-Bahnen in die Luft jagen und dass der Klimawandel nicht entscheidend aufgehalten wird.
Fürchten, dass im eigenen Leben die Kraft der Gesundheit abhanden kommt, der Schwung in der Beziehung vielleicht nicht halten, sondern brüchig werden kann.
Fürchten dann und wann, dass wir am Leben irgendwie vorbei leben, trotz aller materiellen Absicherung den tiefsten Sinn verfehlen.

Furcht ist da. Und wir sind zu Recht allergisch gegen Beschwichtigungsformeln. „Das wird schon nicht so schlimm werden" „Nun mal nicht so schwarz malen" „Kein Grund zur Beunruhigung". Als 1986 das AKW Tschernobyl explodierte, waren wir kurz darauf mit einer kirchlichen Jugendgruppe in der DDR. Es waren gute Begegnungen, bloß in einem Punkt gingen unsere Meinungen stark auseinander: „Stellt euch mal nicht so an wegen der Strahlung, die Furcht davor ist doch unbegründet." sagten unsere Gastgeber.
„Nicht so schlimm" - aus Krümmel und Brunsbüttel war kürzlich Ähnliches zu hören, und wir sind misstrauisch.
Kein Zweifel: es gab und gibt Gründe genug zur Beunruhigung.
Wer mit offenen Augen durchs Leben geht, sieht das und weiß das.

Die berechtigte Sehnsucht ist aber da, dass in aller Besorgnis, auch in aller Furcht, jemand da ist. Mir zur Seite. Und mich stärkt. Damit mich die Furcht nicht lähmt.


Zweitens heißt es:
„Ich habe dich erlöst."

Erlöst?
Einer sprach mal von Erlösung, einer, der dem Christentum kritisch gegenüber stand, der Philosoph Friedrich Nietzsche.
„Erlöster müssten mir die Christen aussehen."
Er hat damit Recht und hat auch Unrecht.

Worin er Recht hat: Anscheinend leben wir das recht wenig, oder zeigen es recht wenig, wovon wir künden: dass wir durch Jesus Christus erlöste Menschen sind.
Wer, wenn nicht wenn wir Christen, soll denn zeigen, dass es sich lohnt zu leben und dass es eine Hoffnung für diese Welt gibt?
Ich muss mir das selber ab und zu sagen: „Hey, guck mal freudiger, guck mal erlöster."

Nietzsche hat zugleich auch Unrecht und ich muss seine Forderung nach Erlöst-Aussehen zurückweisen. Unerlöst gucken wir wohl oft, weil wir ja in der Tat vieles kennen, wo Erlösung eben noch nicht da ist. Wo wir auf Erlösung erst noch warten, sehnsuchtsvoll.
Die Wunden der Welt, leidende und enttäuschte Menschen, Menschen ohne jede Perspektive, ohne Chance, z.B. am Arbeitsmarkt, - wie könnte man da erlöst dreinblicken. Das wäre egoistisch, wenn einen all das andere kaltließe. Und ich habe Christenmenschen vor Augen, die ich für absolut weltfremd halte und die in meinen Augen viel zu sehr erlöst aussehen.

Am häufigsten spricht man von „Erlösung" beim Tod eines schwerkranken Menschen : „Sie hat so viel leiden müssen, am Ende ist es Erlösung gewesen."
Erlöst von den Schmerzen, den Qualen, dem Ans-Bett-gefesselt-sein.

Aber schon mitten im Leben - sind wir erlösungsbedürftig.
Im Hebräisch-Wörterbuch steht bei „Erlösen" auch „herauslösen", „auslösen", „zurückkaufen".
Da wo wir uns gefangen fühlen, eingezwängt in Erwartungen, Rollen und Ideale.
Da wo wir uns verraten und verkauft fühlen.
Da wo wir nicht mehr weiter wissen.
Da bitten und beten wir, wie wir es in jedem Vaterunser tun: „Erlöse uns."


Der dritte Aspekt:
„Ich habe dich bei deinem Namen gerufen."

Der Name gehört zu dir.
Macht dich unterscheidbar.

Es ist schön, wenn andere deinen Namen wissen.
Dich mit Namen ansprechen können.
Es ist persönlicher. Du bist gemeint.

Manchmal geht das noch nach Jahren.
Du hast jemanden lange nicht gesehen.
Ihr trefft euch zufällig wieder:
„Schön dich zu sehen." Und der weiß deinen Namen noch.
Nach so langer Zeit. Das tut gut.

Wir haben Sehnsucht danach, dass andere uns kennen,
und wir kenntlich werden
nicht untergehen in der Anonymität,
ein Gegenüber haben
und angesprochen werden.

Auch von Gott - angesprochen werden.
Persönlich.

Einen personalen Gott können und wollen sich manche Glaubende nicht mehr vorstellen.
Sie sagen allenfalls (wie ich es kürzlich auf dem Kölner Kirchentag hörte), dass Gott die Kraft allumfassender Liebe ist,
aber kein Gegenüber, dass einen Menschen beim Namen kennen und nennen könnte.
Ich muss sagen: Mir wäre das zu wenig.

Viertens steht da im Text:
„Du bist wertgeachtet in meinen Augen.
Ich habe dich lieb."

Wer sehnt sich danach nicht?
Wertschätzung und Liebe erfahren.
Gesagt bekommen:
Dein Leben ist wertvoll. Du bist wertvoll.
Nicht mehr und nicht weniger als andere.

Vor 70 Jahren wurde das in Deutschland massiv bestritten.
Damals war v.a. das Leben wertvoll, das hart wie Kruppstahl und flink wie Windhunde war.
Somit galt sowohl das Leben von Nicht-Ariern, als auch das Leben von Menschen mit Einschränkungen, mit Behinderungen - als „unwertes" Leben.

Leben nicht wertvoll an sich, sondern wertlos.
Leben nicht wertvoll an sich, sondern bloßer Kostenfaktor.
Ähnlich dachte wohl auch die kürzlich bekannt gewordene Krankenschwester in der Berliner Charite und beendete selbstherrlich das Leben von sechs ihrer Herz-Patienten.
Heute sitzt sie dafür im Gefängnis.

Wer entscheidet über den Wert einen Menschen und eines Menschenlebens?
Wer in deiner Familie , in deinem Freundeskreis ist wieviel Wert?
Genießt wieviel Wertschätzung?
Wer ist beliebt?
Und wovon hängt das ab?
Geld, Erfolg, Gesundheit, Ausstrahlung, ein großes Projekt hingekriegt, ...
Und wenn es nicht so gut läuft? Wenn man wenig vorzuweisen hat?
Die Sehnsucht ist da, dass ich unabhängig von meinem Tun und meinen Leistungen akzeptiert und wertgeachtet bin.
Und geliebt auch.

Du bist wertgeachtet in meinen Augen
Ich habe dich lieb.

--

C.

Es sind wunderbare Worte,
wohltuend, mutmachend.

Ich lese sie noch mal:
„Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein! Du bist in meinen Augen wertgeachtet, ich habe dich lieb."

Sie werden auch gern als Taufspruch gewählt, denn sie sagen viel aus über die Taufe.

Wir großgewordenen Getauften tun uns ja nicht so leicht mit unserer Taufe.
Die meisten von uns sind als Säuglinge getauft,
wie soll man sich da an etwas konkret erinnern können? Unmöglich.

Aber: Sich die Taufe - klarmachen, die Bedeutung der Taufe,
die Taufe „realisieren", das mag schon eher gehen.

Was heißt das für dich, für mich, getauft zu sein ? Als getaufter Christ zu leben?

Es heißt z.B.: Du gehörst zu Jesus Christus.
In seinem Namen bist du getauft worden. Sein Name und dein eigener Name wurden beide genannt bei deiner Taufe. Diese Verbindung gilt. Und du kannst davon Gebrauch machen.
Dich bergen in den wunderbaren Jesus-Geschichten, die von den Benachteiligten handeln, den Zu-Kurz-Gekommenen, den scheinbar Wertlosen. Jesus spricht diesen Menschen Wert zu, wertet sie auf. Holt sie ins Leben zurück.

Getauft sein heißt auch:
Du gehörst zur Gemeinschaft aller Christen.
Musst deinen Glauben nicht allein leben,
deine Lieder nicht allein singen,
deine Zweifel nicht für dich allein behalten,
deine Gebete nicht immer allein sprechen.
Menschen im Glauben stärken sich gegenseitig,
heute kann der eine stärker und fröhlicher glauben als der andere,
und morgen ist es umgekehrt.

Getauft sein heißt:
Mit Brief und Siegel wissen, auf wen man sein Vertrauen setzen kann.
Nämlich auf den, der zu dir sprach und spricht:
„Fürchte dich nicht,
lieber getaufter Mensch
denn ich habe dich erlöst,
ich habe dich in der Taufe bei deinem Namen gerufen und tue es noch;
Durch die Taufe gehörst du zu mir.
Du bist und bleibst in meinen Augen wertgeachtet, ich habe dich lieb."

AMEN.





Pastor Christian Stasch
Einbeck
E-Mail: christian.stasch@evlka.de

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