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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

6. Sonntag nach Trinitatis, 15.07.2007

Predigt zu Jesaja 43:1-7, verfasst von Christian-Erdmann Schott

1. Und nun spricht der Herr, der dich geschaffen hat, Jakob, und dich gemacht hat, Israel: Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein!
2. Denn so du durch Wasser gehst, will ich bei dir sein, dass dich die Ströme nicht sollen ersäufen; und so du ins Feuer gehst, sollst du nicht brennen, und die Flamme soll dich nicht versengen.
3. Denn ich bin der Herr, dein Gott, der Heilige Israel, dein Heiland. Ich habe Ägypten für dich als Lösegeld gegeben, Kusch und Seba an deine Statt.
4. Weil du so wert bist vor meinen Augen geachtet, musst du auch herrlich sein, und ich habe dich lieb; darum gebe ich Menschen an deine Statt und Völker für deine Seele.
5. So fürchte dich nun nicht; denn ich bin bei dir. Ich will vom Morgenland deinen Samen bringen und will dich vom Abend sammeln
6. und will sagen gegen Mitternacht: Gib her! Und gegen Mittag: Wehre nicht! Bringe meine Söhne von ferneher und meine Töchter von der Welt Ende,
7. alle, die mit meinem Namen genannt sind, die ich geschaffen habe zu meiner Herrlichkeit und zubereitet und gemacht.

Liebe Gemeinde, es gibt Geschichten, die man nie vergisst. Für mich gehört dazu die Schilderung einer Begegnung ganz am Anfang des Alten Testaments. Dort wird erzählt, dass die ersten Menschen, Adam und Eva, sich vor Gott versteckten. Sie hatten von der verbotenen Frucht am Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen gegessen. Sie wussten, dass sie das Gebot Gottes übertreten hatten und fürchteten sich nun vor ihm - beide. Nun heißt es weiter: Gott ging gegen Abend im Garten Eden, im Paradies, umher, suchte die Menschen und fand sie nicht. Schließlich rief er „Adam, wo bist du?".

Dieser Ruf ist es, der Adam und seine Frau dazu bringt, dass sie aus dem Versteck unter den Bäumen hervorkommen und sich ihrem Herrn und Schöpfer stellen. Es kommt zu jenem folgenschweren Gespräch, an dessen Ende der Ausschluss der Menschen, der Menschheit, aus dem Paradies steht. Begonnen hat dieses Gespräch mit dem Ruf Gottes nach dem Menschen - „Adam, wo bist du?"

Diese Geschichte ist weit mehr als eine Sage oder ein Märchen aus der Frühzeit der Menschheit. Es ist die Beschreibung einer gestörten Beziehung zwischen den Menschen und Gott. Weil diese Beziehung gestört ist - nach Auffassung der biblischen Schriftsteller durch die Schuld des Menschen - neigen wir dazu, Gott aus dem Wege zu gehen, uns vor ihm zu verstecken, vielleicht nicht gerade im Wald, aber in der Unauffälligkeit der Menge; hinter dem, was „man" tut, denkt, sagt; hinter so genannten Sachzwängen; hinter Mauern, die wir selbst bewusst oder unbewusst aufrichten; hinter Ideen, Ideologien, Vorurteilen, Ängsten, Plänen, Pflichten, Arbeit, Sorge, Not. Es gibt tausend Möglichkeiten, uns für nicht zuständig zu erklären, unterzutauchen, nicht ansprechbar zu sein.

Aber da ist auf der anderen Seite seit Beginn der Welt der Ruf Gottes „Adam, wo bist du?". Dieser Ruf ist so alt wie die Menschheit und ergeht doch immer wieder ganz neu an jeden Menschen, der auf die Welt kommt. „Adam, wo bist du?". Das Schicksal der Menschheit und unser persönliches Schicksal entscheiden sich an der Antwort, die wir Gott auf seinen Ruf geben. Haben wir den Mut, hervorzutreten und zu sagen „Du hast mich gerufen, Herr, hier bin ich!" - oder haben wir diesen Mut nicht und bleiben ängstlich, kraftlos, feige im Versteck vor dem, der mich geschaffen hat und in ein Leben in der Gemeinschaft mit ihm ruft.

Die Angst vor dem Leben; vor dem eigenen, persönlich verantworteten, wirklichen Leben ist weit verbreitet und groß. Adam und Eva demonstrieren das auf ihre Weise. Aber diese Angst ist auch überwindbar. Und darauf kommt es an!

Darum ging es schon dem Propheten, den wir den „Zweiten Jesaja" nennen, Deuterojesaja, von dem unser heutiger Predigttext stammt. Er wendet sich an seine Volksgenossen im babylonischen Exil und versucht, sie aus ihrer Depression herauszuholen. Warum die Israeliten so mutlos sind, wird hier nicht gesagt. Es ist aber aus den Umständen abzuleiten: Sie haben das Gefühl, dass ihr Volk zum Untergang verurteilt ist. Fern der Heimat, umgeben von fremden Menschen und Religionen glauben sie, dass das Ende Israels gekommen ist und neigen dazu, sich in Resignation und Selbstmitleid einzurichten - nach dem Motto: „Uns kann keiner mehr helfen".

Hier setzt der Prophet an, indem er an den großen Gott erinnert, den Schöpfer, den Herrn, den Heiligen Israel, den Heiland und an die großen Taten, die dieser einzigartige Gott für sein Volk in der bisherigen Geschichte vom Auszug aus Ägypten an getan hat; wie er seinem Volk beigestanden ist und wie er es aus allen Himmelsrichtungen wieder sammeln und aus der Zerstreuung und Heimatlosigkeit wieder zusammenbringen wird.

Und damit die noch Verschleppten ihre Angst und ihr Selbstmitleid aufgeben können, spricht der Prophet im Namen Gottes ganz liebevoll mit seinem Volk: „Fürchte dich nicht; denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein!". „....ich will bei dir sein, ....ich habe dich lieb....So fürchte dich nun nicht".

Diese Rede ist von grundsätzlicher Bedeutung. Sie gilt „allen, die mit meinem Namen genannt sind, die ich geschaffen habe zu meiner Herrlichkeit und zubereitet und gemacht" und zeigt über den unmittelbaren Anlass hinaus, dass der Prophet einen Wesenszug Gottes erkannt hat, der für alle Generationen wichtig ist: Gott ruft uns heraus aus unseren Verstecken und Ängsten und Fluchtwegen, weil er nicht will, dass wir unser Leben in selbstverschuldeter Unfreiheit, Ängstlichkeit und Farblosigkeit verbringen. Es ist Liebe, die ihn veranlasst, nach uns zu rufen und uns darüber hinaus gut zuzureden, damit wir die Chancen des Lebens ergreifen und dadurch freie, frohe, dankbare Menschen werden, die als Kinder Gottes ihren Weg gehen. Wenn das geschieht, erreicht Schöpfung ihren Sinn. Und damit es geschieht, wird der Ruf Gottes weitergegeben in Religion und Kirche von einer Generation an die andere.

Ich gehe davon aus, dass Deuterojesaja bereits einen Teil der Überlieferung gekannt hat, die wir heute in der Bibel zusammengefasst finden; darunter auch die Geschichten, die vom Ruf Gottes und von der Antwort des Menschen handeln - etwa der Ruf an Noah „Geh und mache dir Balken und bau eine Arche, damit du und deine Familie überlebt", oder an Abraham „Geh aus deinem Vaterland und aus deines Vaters Hause ...." oder an Mose, „Steh auf und führe mein Volk aus Ägyptenland in die Heimat zurück" oder an Josua, den Nachfolger des Mose, oder an Samuel, den Priesterschüler, der in der Nacht die Stimme Gottes hörte und antwortete „Rede, Herr, dein Knecht hört" oder schließlich an Israel selbst, das seine Überlieferungen kennt, und doch immer wieder vergisst oder vergessen will; vergessen will, weil die Annahme des Rufes auch eine Zu-Mutung ist und ihre Umsetzung Überwindung kostet. Auf der anderen Seite aber weiß auch Deuterojesaja, dass die Annahme des Rufes der einzige Weg ist, auf dem wir Menschen zur Seligkeit kommen können, das heißt zur Übereinstimmung mit uns und mit Gott.

Ich kann auch sagen: Es ist der einzige Weg zur wahren, tiefen Freude am Leben. Gerade das wird im Neuen Testament vielfältig unterstrichen. Dort gibt es eine große Menge an sehr farbigen Geschichten, die vom Ruf Gottes und von der Antwort einzelner, Männer und Frauen, handeln und immer auch von der damit verbundenen oder dadurch ausgelösten Freude berichten. Ob es die Weisen aus dem Morgenland sind, ob es der römische Hauptmann, die Geschwister Maria, Martha und Lazarus, der Zöllner Zachäus oder Saulus ist, der sich gegen den Ruf Gottes lange gesperrt hatte und sich dann doch mit Dankbarkeit und Freude Paulus genannt hat.

Auch die Geschichte der christlichen Kirche ist voll von Beispielen, die zeigen: „Ruf und Antwort" ist ein grundlegendes, immer aktuelles Thema zwischen Gott und der Menschheit; ein Thema, das auch in unserem Leben fest verortet ist. Denn in der Taufe ist an einen jeden von uns der Ruf ergangen „Fürchte dicht nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein". Dieser Ruf einschließlich der darin ausgedrückten Zusage steht unerschütterlich fest. Gott hat ihn nie zurückgenommen. Er gilt und steht vor und über dem Leben eines jeden von uns.

Das bedeutet: Nicht nur unser Urvater Adam stand vor seiner Schicksalsfrage „Wo bist du?" Sie ist uns genauso gestellt. Sie ist uns immer gestellt, selbst wenn wir älter oder gar alt sind und schon weite Strecken des Lebens zurückgelegt haben. Sie bleibt bestehen als Ruf in die Freiheit und in die Freude der Kinder Gottes. Amen.



Dr. Christian-Erdmann Schott
Mainz
E-Mail: ce.schott@arcor.de

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