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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Himmelfahrt, 17.05.2012

Predigt zu Psalter 119:, verfasst von Joachim Ringleben

 

Das goldene ABC.

Liebe Gemeinde,

Wer diese Kirche betritt, dem kann man zunächst nur eins raten: Höre, was am Ort klingt. Viele Menschen spüren auch etwas von der besonderen Atmosphäre dieses Kirchenraums.

Aber zum Gottesdienst erklingt an diesem Orte noch etwas Anderes: Gottes Wort. Das erst ist das wahre Gotteshaus wie Luther weiß: „Wo Gott redet, da wohnt er. Wo das Wort klingt, da ist Gott, da ist sein Haus."

Das Wort Gottes, das ist der wahre Tempel, die wahre Wohnung für uns Menschen, ein Raum für unsere Seele: zum Hören und Aufatmen, um zu sich selber zu kommen und um Orientierung zu finden.

Alle diese Erfahrungen hat der Verfasser des 119. Psalms gemacht, und er lässt uns daran teilhaben. Dieser Psalm ist mit 176 Versen der längste in der Bibel überhaupt. Er ist, und das macht seine Einzigartigkeit aus, ausschließlich dem Worte Gottes gewidmet - dem Dank für dies Wort und seine Lebensbedeutung.

So ungefähr weiß jeder : die Bibel ist irgendwie das Wort Gottes für uns. Aber hier redet sie selber ausführlich davon, was das göttliche Wort ist und uns bedeutet. Wir sehen: mit dem Wort Gottes verbindet sich kein abstrakter, autoritärer Anspruch; sondern das Wort legt sich selber aus. Die Bibel ist nur Gottes Wort, wenn sie uns lebendig anredet. Der 119. Psalm lädt uns ein, Erfahrungen mit diesem Wort zu machen; ja, die Erfahrung zu machen, dass es überhaupt ein Wort Gottes gibt.

Seit Alters heißt der 119. Psalm „Das goldene ABC". Das kommt daher, dass jeweils 8 Zeilen mit dem gleichen hebräischen Buchstaben beginnen; wir haben hier also 22 Gedichte alphabetisch aneinandergereiht. Aber diese künstlerische Form ist ganz von persönlichen Glaubenserfahrungen durchdrungen. Es ist Kraft und Trost im Leben.

Das goldene ABC - dieser Name hat noch einen tieferen Sinn. Denn A und O, α und ω sind im NT der Inbegriff für Gott, der Anfang und Ende von allem ist (Apg. 22, 13 u.ä.). Wir wissen: Ohne Vokale wie das A und das O gibt es kein sinnvolles Sprechen, eine reine Konsonantenreihung ist unaussprechbar. Gott aber hat alles durch sein Wort geschaffen. Im Alpha und Omega, dem ersten und letzten Buchstaben des griechischen Alphabetes, vollendet sich der Kreis alles überhaupt Sagbaren, und so ist Gottes Wort im ersten und letzten Buchstaben der ganzen Schöpfung gegenwärtig. Er sagt Alpha, weil er auch Omega sagt: Er hat das erste Wort und will auch das letzte behalten.

Wir Menschen sind durch und durch Gottes Sprachgeschöpfe. Hören wir noch einmal Luther: „So sind Sonne und Mond, Himmel und Erde, Petrus und Paulus, ich und du - wir alle sind Vokabeln Gottes, ja eine Silbe oder ein Buchstabe im Vergleich mit der ganzen Schöpfung." Darum ist Gottes Wort unser Ein und Alles, und wir bleiben alle lebenslang Abc-Schützen im Verhältnis zu seinem Wort.

Mit dem Psalmisten wollen wir heute das lebendige Gotteswort durchbuchstabieren. Vielleicht erkennen wir so das Wort, das nirgendwo seinesgleichen findet, als unsere geistige Heimat. Der Beter des 119. Psalms jedenfalls wohnt in diesem Wort, er lebt und webt in ihm, ist darin geistlich zu Hause - mit seinem ganzen Denken, Fühlen und Wollen. Er vertieft sich hinein, ohne enden zu können, und begibt sich in das Wort wie in einen Tempel, wo Gott auf ihn wartet.

I

Im „goldenen ABC" wird das Wort Gottes mit seinen Wegen als der wahre Reichtum und Schatz des Beters angesehen (14;56): „Das Gesetz deines Mundes ist mir lieber als viel tausend Stück Gold und Silber" (72; cf. 127 und 36). Das gilt nicht nur äußerlich, weil die Bibel unerschöpflich reich ist, eine kleine Bibliothek - eben das „Buch der Bücher -, eine Sprache voll von Gott. Sondern es ist ein Schatz, den die Motten nicht fressen (Mt. 6, 19), der vielmehr nicht weniger, sondern immer noch größer wird. Das Wort Gottes heißt auch im Ganzen das goldene ABC-Buch,der codex aureus, weil der, der hierin lebt, sich ins goldene Buch der Stadt Gottes einschreibt.

Wer das Wort Gottes vernimmt, der begegnet seinem Schöpfer: „Deine Hand hat mich gemacht und bereitet, unterweise mich..." (73); er kann sagen: „Ich bin dein, hilf mir!" (94). Wenn wir begreifen: „Am Anfang war das Wort" (Joh 1,1) und weil Gott in seinem Wort alles geschaffen hat, ist das Gebet an der richtigen Adresse: „Erhalte mich durch dein Wort, dass ich lebe" (116). Der Beter ist dessen sicher: „Du tust Gutes Herr, deinem Knechte, nach deinem Wort" (65). Ja, mit den Augen des Glaubens sieht man: „Herr, die Erde ist voll deiner Güte" (64). Der Grund liegt allein beim Schöpfer: „Dein Wort bleibt ewiglich, soweit der Himmel ist" (89;cf. 96,152,160 u.Jes. 40,8). Freilich ist diesem Frommen in Israel nicht verborgen, dass es auch anders geht. Von solchen heißt es plastisch: „Ihr Herz ist dick wie Schmer"(70).

II

Das ewige Wort gilt unserem zeitlichen, vielfach beirrten Leben. Der Psalmist weiß: „Ich bin ein Gast auf Erden" (19), zugleich aber weiß er: „alle meine Wege sind vor dir" (168b).

Seine Wege und ihre Ereignisse, das ist wie bei unseren Wegen mit allem, was das Leben auch an bösen Überraschungen mit sich bringt. Da ist davon die Rede, dass die Seele „im Staube liegt" (25), dass den Beter Elend zugrunde zu richten (92) und er vor Gram zu verschmachten droht (28b), „Angst und Not" haben ihn getroffen (143), wie es in jedem von uns täglich passieren kann, und er bittet um Gottes Beistand: „Siehe mein Elend, und errette mich (153); „Ich rufe von ganzem Herzen, erhöre mich"(145). Zu solchen Stoßgebeten, wie wir sie auch kennen, kommt die bange Frage: „Wie lange (noch) soll dein Knecht warten?" (84). Er vergeht manchmal schier vor Verlangen (20), Verlangen und Sehnsucht nach Gottes heilvoller Nähe (81, 82, 174). Dann wird das laute Klagen (169) zur flehentlichen Bitte: „Lass mein Flehen vor dich kommen, errette mich nach deinem Wort" (170). Von diesem Wort erwartet er alles; so steigert sich sein Bitten zum leidenschaftlichen Schrei nach Gott: „Ich komme in der Frühe und schreie; auf dein Wort hoffe ich" (147). Wer unter uns würde solche verzweifelten Augenblicke nicht kennen!

Er glaubt fest: „Ich erzähle meine Wege und du erhörst mich" (26). Wir merken, hier erfährt einer Gottes Wort wie eine Tür: er klopft unermüdlich an, bis sie sich auf einmal von selber öffnet. Der Bibelleser ist kein Kafkascher Türhüter.

So kann der Psalmist bitten: „Lass meinen Gang gewiss sein in deinem Wort" (133). Diese Gewissheit stellt sich ein, wenn man „auf Gottes Wege schaut" (15b,cf.3). Gottes Weg erhellt den eigenen Weg (27, 33). Wer aber durch die offenen Tür des Gottes Wortes eintritt, der kann sagen: „Ich habe den Weg der Wahrheit erwählt" (30).

III

Durch das Wort der Wahrheit werden einem die Augen geöffnet (18) - vor allem über sich selbst. Die geöffnete Tür wird zum Spiegel der Selbsterkenntnis: In diesem Worte sehen wir uns wie in einem Spiegel (1. Kor. 13,12), ja mehr noch, dieser Spiegel selber schaut einen fragend oder richtend an (120, 161b). Gottes Wort ist wie der Blick seines Angesichts auf uns gerichtet, eine Physiognomie zeichnet sich ab. Man kann mit Rilke sagen: „da ist keine Stelle, / die dich nicht sieht. Du musst dein Leben ändern." In der Bibel lesen heißt,sich diesen Augen, die auf uns sehen, aussetzen. Dies „Wort der Wahrheit" ist für jeden ohne weiteres zugänglich; es ist gegenwärtig und „nahe" wie der lebendige Gott selber (151). Im Alten wie im Neuen Testament heißt es: „Das Wort ist dir nahe, in deinem Munde und in deinem Herzen" (Dtn 30, 14; Röm 10, 8).

Erschließt uns das Wort Gottes wahre Selbsterkenntnis (59), und werden wir uns in ihm selber durchsichtig,ja sogar „klug", so erklärt sich der berühmteste Vers des 119. Psalms wie von selber: „Dein Wort ist meines Fußes Leuchte und ein Licht auf meinem Wege" (105; cf 35, 111).

Das ist das 3. Denkbild dieses Psalms neben Tür und Spiegel: das Wort als Licht. Damit ist immer gemeint: es bringt Licht ins Dunkel unseres Lebens, unserer Wege und unserer Widerfahrnisse. „Ohne das göttliche Wort bleibt unser Leben dunkel und undurchschaubar" (Luther).

Das Wort als Licht: dahinter steht auch eine Erkenntnis Gottes: nicht nur schafft Gott als erstes durch sein Wort Licht (Gen 1,3), weil sein Wort selber Licht ist, und nicht nur heißt er der „Vater des Lichtes" (Jak 1,17), sondern er ist als Geist selber reines Licht ohne jegliche Finsternis (1 Joh 1, 5), und er durchdringt mit seinem Licht alles Dunkel (Ps 139, 12). In seinem Licht wird unser Fuß nicht straucheln (165; Ps 66,9). Der Psalmist bittet: „Lass dein Antlitz leuchten über deinem Knecht" (135, cf. 98). Und auch wir beschließen jeden Gottesdienst - wie auch den heutigen - mit dem Segenswort:" Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig" (Num 6, 25; cf. Ps 80,4).

IV

Die Bitte: „Suche deinen Knecht" (176b), sie erfährt der Beter von Gott aus erfüllt. Voller Dankbarkeit kann er bekennen: „Meine Seele hält deine Zeugnisse und liebt sie" (167). Das heißt doch nichts anderes als: Gottes Wort ist für ihn wie ein Liebesbrief, den er voller Freude liest (162). Kein Wort wird hier so oft wiederholt wie das Wort „Lust", nämlich frohe, tiefe Freude am Wort Gottes (16, 24, 35, 47, 70, 77, 143, 174). Voller Lust und Liebe auf Gott zu hören (47) - das ist alles andere als ein sklavischer Buchstabengehorsam.

Gottes Wort, ein Liebesbrief an uns: So will es verschlungen sein, rührt es doch an unser Innerstes, macht einen tief glücklich, so dass man es immer wieder lesen oder hören muss. Man kann es trinken wie einen wunderbaren (129) Wein, den man sich auf der Zunge zergehen lässt (Ps 75,9; Spr 9,2 u. 5; Joh 2,10).

Hier wird nun auch klar, woher der Psalmbeter eigentlich weiß, dass er es wirklich mit Gottes Wort zu tun hat. Er erfährt sich selber persönlich angeredet, er erkennt die eine unverwechselbare Stimme: „dass du hörist deinen Gott zu dir reden" (Luther). Im überlieferten Wort kann man seinen Schöpfer vernehmen, in der Sprache der heiligen Schrift den Ursprung des eigenen Dasein, unser Woher und Wohin. Das Wort Gottes ist für Herz und Seelean-sprechend" (2, 10, 11, 102, 109) - wie ein Liebesbrief.

Liebe Gemeinde, die Frömmigkeit stammt aus dem Hinhören (Röm 10,17), aus dem Lesen und Wiederlesen, dem Wiederkäuen des Wortes. Das Ohr, das Auge, der Mund - das sind die Sinnesorgane des Glaubens.

V

Das Wort Gottes gibt sich als Tür, als Spiegel, als Liebesbrief zu erfahren. Es kann so zum geistigen Lebensmittel werden: „Erhalte mich durch dein Wort, dass ich lebe" (116).

Das Wort Gottes wird dann zum täglichen Brot der Seele, des inneren Menschen. Für den, der damit umgeht, wird die Bibel zum Buch des Lebens: „unterweise mich, so lebe ich" (144b). „Bei Gott ist die Quelle des Lebens" (Ps 36, 10), darum strömt aus seinem Wort frisches Lebenswasser, wie aus einem ursprünglich sprudelnden Quell.

Das göttliche Wort sättigt wie nahrhaftes Brot und stillt den Durst nach Wahrheit und Sinn. Der Umgang damit soll uns elementar wichtig sein wie Essen und Trinken; immer heißt es: Nimm hin und lies - wie beim Sakrament.

Für diese lebendige Wirksamkeit des Wortes hat der Psalmist immer wieder das schöne Wort „erquicken" bereit: „Herr erquicke mich nach deinem Wort" (107b; cf. 93, 149, 156, 159). Die zutiefst menschliche Fürbitte wird laut: „Lass meine Seele leben, dass sie dich lobe" (175, cf. 171, 12).

Alles, was ein Mensch in diesem Leben braucht, um menschlich zu überleben - hier lässt es sich finden, wie im Psalm überall durchscheint: Beistand und Schutz (173), Schirm und Schild (114), Barmherzigkeit, Gnade und Hilfe (41, 58, 77, 124, 132, 156); denn Gott ist dem Beter gütig und freundlich (68). In seinem Wort findet er einzigartigen Trost (32. 50, 76, 122) und schließlich einen Frieden, der höher ist als alle Vernunft (165). Nicht weniger als Heil und Erlösung (154, 166, 170) erwartet er von Gott, der sein Gebet erhören kann (145, 149). Das alles mündet darin aus, dass die Seel nicht vergisst, „was er dir Gutes getan hat": „Ich danke dir von ganzen Herzen, dass du mich lehrst die Ordnungen deiner Gerechtigkeit" (7).

VI

Die goldene Kette, catena aurea, des 119. Psalms, sie macht uns offen und sensibel für das, was hier am Ort klingt. Und wie der Psalm sagt: „Deine Weisungen sind mein Lied im Hause meiner Wallfahrt" (54) und der Psalm selber ein solches Lied ist, so werden wir nachher auf Gottes Wort mit dem wunderschönen Paul-Gerhardt-Lied antworten, das an diesem Orte immer erklingt. Dennoch steht über allem: „Die herrlichsten Kirchenräume bleiben doch die Worte der Evangelien." Auch wenn dieser Satz von P. Handke stammt - dazu können wir getrost sagen: Amen.



Prof. a.D. Dr. Joachim Ringleben
Göttingen
E-Mail: jringleb@gwdg.de

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