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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Exaudi, 20.05.2012

Predigt zu Jeremia 31:31-34, verfasst von Rainer Stahl

 

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit Euch allen.

Liebe Leserin und lieber Leser, liebe Schwestern und Brüder,

immer wieder werden wir aneinander schuldig. Das kann aus Versehen oder bedingt durch Missverständnisse geschehen. Das kann beabsichtigt sein, weil wir uns so verletzt fühlten, dass wir nur einen Ausgleich finden konnten, indem wir dem andern einen bewussten Schaden zugefügt haben.

Dann aber kann es sein, dass wir als Angehörige einer Gemeinschaft - völlig unbeteiligt - doch betroffen sind von Verbrechen, die frühere Angehörige dieser Gemeinschaft begangen haben. Wir Deutschen sind in dieser Falle - und nehmen diese Situation auch bewusst an. Die Türken gehören in eine solche Falle - meinen jedenfalls viele, die die Verbrechen an den Armeniern vor so langer Zeit nicht vergessen können. Auch Russen und andere Völker der früheren Sowjetunion könnten begreifen, dass sie von dieser Tragik betroffen sind - denn unzählige Täterinnen und Täter haben dort das System des Gulag und der Arbeitsarmee am Laufen gehalten.

Wie kann mit solcher Schuldverflochtenheit umgegangen werden? Deckt da die Zeit einfach zu? Sind die Dinge nach langen Jahren oder wenigen Generationen nicht mehr so schlimm? Kann man sich mit Verweis auf Befehlsnotstand oder die allgemeinen Bedingungen entschuldigen?

 

Es gibt einen bösen jüdischen Witz: „Was ist Wiedergutmachung?

Wieder Judmachung!"

Also geht Versöhnung vielleicht gar nicht?

Sicher, die Opfer von Verbrechen können nicht mehr lebendig gemacht werden. Da bleibt eine Hypothek, die wir Menschen nicht abzahlen können. Aber gibt es doch die Möglichkeit, in die Zukunft zu schauen, mehr noch: gemeinsam in die Zukunft zu gehen.

Aus derselben jüdischen Tradition wie der schreckliche Witz, nur viel älter und viel grundlegender und viel maßgeblicher ist der Hinweis, der an unserem Sonntag Predigttext ist - diese große Vision des neuen Bundes, des erwarteten Vertragsverhältnisses zwischen Gott und Volk.

Bei dieser Vision geht es ja nicht nur um Schuld zwischen Menschen und Gott. Sondern es geht auch um Schuld zwischen Menschen. Aber - und das ist der erste wichtige Aspekt und Durchblick -, aber es wird deutlich gemacht, dass die Schuld zwischen Menschen im Tiefsten auch Schuld gegenüber Gott ist.

Wer also an einem Mitmenschen schuldig geworden ist, hat nicht nur diesen Nachbarn übervorteilt. Sondern der hat Gott verletzt. Wir sind an ihm und seinem Willen und Wollen über uns Menschen schuldig geworden. Die Schuldenlast gegenüber meinen Mitmenschen ist zugleich eine Schuldenlast gegenüber Gott!

Ist damit alles schlimmer geworden? Ist zur Schuld gegenüber meinem Bruder nun also noch die Schuld gegenüber Gott hinzugekommen?

Ich meine, liebe Schwestern und Brüder: Nein!

Es wird vielmehr etwas Überraschendes deutlich:

Die Einsicht in die Folgen für die Beziehung zu Gott enthält den Kern der Lösung in sich!

Denn Gott unterscheidet sich von uns Menschen. Wir Menschen können oft nur einfach Schluss machen, mit den Enttäuschungen und dem Leid nur leben, indem wir die Verbindung zu den Tätern abbrechen. Und darin liegt schon viel Hilfe!

Gott aber fängt immer wieder mit uns neu an. Gott schlägt die Brücke zu uns Menschen. Auch und gerade zu denen unter uns, die schuldig geworden sind!

Oder: Wir können nur Verurteilung und Bestrafung fordern, die Täter aufspüren und sie zur Rechenschaft ziehen. Und darin liegt noch viel mehr Hilfe!

Gott aber hat über die Forderung nach Rechenschaft und Urteil und Bestrafung immer auch die neue Chance für den schuldig Gewordenen im Blick. Christus, der Jude Jesus, hat gesagt, dass im Himmel mehr Freude über einen ist, der schuldig geworden ist und sich verändert, also neu anfängt, als über 99, die die Erneuerung nicht brauchen (Lukas 15,7).

Am Beispiel der jüdischen Vision begreifen wir: Gott will ein neues Vertragsverhältnis begründen und abschließen! Auch wir als Christen, die wir Juden nicht sind, können hoffen, dass Gott mit einem neuen Verhältnis den Anfang macht - nämlich in all dem den Anfang gemacht hat, was dieser Jesus, was Christus für uns bedeutet!

Das ist die erste Zusage unseres Bibelwortes.

Wie sieht das nun im Einzelnen aus?

Gott richtet uns zuerst neu aus. Bleiben können wir nicht, wie derjenige, der ich war, als ich schuldig geworden bin. Ich muss ganz neue Maßstäbe internalisieren. Im alten Text heißt es: Die Thora Gottes, die Weisung Gottes in meinem Inneren zu haben, auf mein Herz geschrieben zu haben. Das ist mehr, als auswendig zu wissen. Das heißt, das Grundprinzip dieser Weisung zum eigenen Prinzip gemacht zu haben und danach wirklich zu leben.

Zum Beispiel folgende Einsicht und Haltung: Wenn ich glaube, dass Gott das Leben geschaffen hat, dann hat er nicht nur mein Leben geschaffen sondern jedes. Dann muss ich mein Leben so zu führen versuchen, dass ich möglichst wenig Leben anderer „verbrauche". Dann ließe sich diese Weisung vielleicht mit den Worten von Albert Schweitzer beschreiben, nämlich dem Grundsatz der „Ehrfurcht vor dem Leben":

„Ehrfurcht vor dem Leben bedeutet: Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will."

Dieses hohe Ideal der Achtung des anderen Lebens, das leben will, lässt sich nicht immer wörtlich einhalten. Aber es wird helfen, uns vor großer Schuld zu bewahren, es wird helfen, unser Leben neu gestalten zu lassen.

Das ist der zweite Aspekt - die Erwartung, die an uns gerichtet wird.

Aber bei dieser Erwartung bleibt es nicht. Gott bekennt sich zu uns, wenn wir uns auf diesen neuen Weg machen. Er will uns zu Gott werden, damit wir zu denen werden können, die in Beziehung zu ihm leben. Unser alter Text spricht ein Kollektivum an und verwendet deshalb auch hier einen Kollektivbegriff, den wir mit „Volk" übersetzen. Aber zugleich sind jede Einzelne und jeder Einzelne gemeint.

Die entscheidende Kennzeichnung ist nun, dass wir in Beziehung zu Gott leben. Und von dieser Beziehung her definiert sich unsere Identität, unsere Gemeinschaft. Eine solche Beziehung zu Gott ist ja auch nötig, damit die Weisung immer wieder belebt wird, nicht eintrocknet, nicht in Vergessenheit gerät, sondern ihre Kraft zur Prägung unseres Lebens jeden Tag entfalten kann.

Und: Erst wenn das alles gestaltet ist, wenn das Wirklichkeit ist - wenigstens in Ansätzen -, dann wird unsere Schuld gelöscht, sind wir frei und ledig im positivsten Sinn dieses Wortes. Dann wird Gott unsere Verbrechen verzeihen und unserer Verfehlungen nicht mehr gedenken.

Wenn ich das weiß, dann kann ich vielleicht auf frühere Opfer meiner Fehler und Missgriffe zugehen und sie bitten, mir eine neue Chance zu geben und in Zukunft vielleicht wieder Wege mit mir zu gehen.

Wenn ich das weiß, dann kann ich vielleicht auf eine Täterin zugehen, die etwas in meinem Leben zerstört hat, und ihr Vergebung anbieten, damit ich selber frei werde von der Gebundenheit an jene Schuld.

Wenn unser Predigttext solche Schritte anstößt, zu ihnen ermutigt, sie voranbringt, dann handelt Gott selbst segnend und erneuernd.

Ich ende mit einer wahren Geschichte über einen Anfang von Vergebung und Umkehr:

„Silvester 1997 gab ein Freund eine Party. Er hatte sturmfrei. Wir nahmen Drogen und tranken. Streitereien brachen aus. Da kam ein Fremder die Treppe hoch und sagte, wir sollten alle gehen. Mein Freund schlug ihn, er stürzte, und ich trat viermal auf seinen Kopf ein. Dann zog ich zur nächsten Party...

Die Untersuchungen liefen, und das Geheimnis meines Verbrechens begann mich zu zerstören. Vielleicht hätte ich mich umgebracht, wenn ich mein Schweigen nicht gebrochen hätte."

„Etwa eine Stunde nachdem Bob ermordet worden war, stand ich in der Notaufnahme neben seinem toten Körper. Dann ging ich nach Hause, um meinen vierjährigen Zwillingen Emma und Sam zu sagen, dass ihr Vater tot ist.

Im Ort galt ein Gesetz des Schweigens. Niemand rief die Polizei. Keiner erzählte die Wahrheit. Der Mord war entsetzlich. Aber noch schlimmer war dieses Schweigen. Ich musste fortziehen. Vier Jahre später wurde Ryan endlich verhaftet. Die Polizisten zeigten ihm ein Video, auf dem ich ihn beschwor zu gestehen. Er sagte: ‚Ich habe es getan', und all die Jahre der Trauer und der Angst fielen von mir ab. Mit diesem Satz begann mein Heilungsprozess.

Ryan verblüffte die Polizei mit der Bitte, mich zu treffen. Einen Tag nach seiner Verhaftung stand ich dem Mann gegenüber, der meinen Gatten ermordet hatte.

Zu vergeben ist schwer. Es wäre einfacher, Psychopharmaka zu schlucken. Aber ... ob Opfer oder Täter - ein Mensch zu sein, bedeutet auch zu versuchen, Schäden wieder gut zu machen."

Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle menschliche Vernunft, bewahre Eure Herzen und Sinne in Christus, Jesus, unserem Herrn.



Pfarrer Dr., Generalsekretär des Martin-Luther-Bundes, Rainer Stahl
91054 Erlangen
E-Mail: rs@martin-luther-bund.de

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