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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Exaudi, 20.05.2012

Predigt zu Jeremia 31:31-34, verfasst von Eberhard Busch

 

In diesem Bibeltext kommt das Wort „Bund" vor. Wir kennen das Wort wohl besonders im Zusammenhang mit der Verbindung zweier Menschen zu einem Ehe-Bund. Sie geloben sich darin gegenseitige Treue, ein Sich-Beistehen „in guten wie in bösen Tagen", wie es das bei Trauungen heißt. Es geht hier um einen Pakt, in dem die Partner sich zum Anteilgeben und zum Teilen und zum Beistand in der Not verpflichten. Und nun reden auch die Verse von dem alttestamentlichen Propheten Jeremia von einem Bund. Es ist ein Bund besonderer Art: ein Bund des ewigen Gottes mit sterblichen Menschen, eine Verbindung „mit dem Hause Israel", wie es wörtlich heißt. Wie phantastisch! Er schließt sich mit diesem Partner zusammen wie ein Menschenpaar zu einer Ehe. Er verknüpft sich mit diesem Gegenüber zu einem Bund. Er schließt mit ihm einen Beistandspakt. Das tönt wunderbar.

Die Sache wird noch verwunderlicher, wenn man sie sich näher ansieht. Und dazu laden uns jetzt die Worte des Propheten ein. Man darf sagen: Ob wir das anerkennen oder nicht, dieser von Gott eingegangene Bund ist die Grundvoraussetzung für die weiteren Bundesschlüsse unter den Menschen. Er ist der seidene Faden, an dem die übrigen Verbindungen hängen. Dabei ist gerade dieser Bund an entscheidender Stelle anders als in der Regel andere Verbindungen. Er ist ganz und gar einseitig von Gott her errichtet. Er teilt es selbst seinen Bundesgenossen allererst mit: „Hört, ich habe euch als meine Bundesgenossen ausgesucht!" Es ist sein Bund, von dem er sagt: „den ich mit dem Hause Israel (gemacht habe)" und ihn aufs Neue machen will. Ist es dann etwa so, dass dieser Bund eine dem Volk auferlegte Zwangs-Verfügung ist? eine Bürde, unter der es seufzen und leiden müsste? Es ist umgekehrt. Der sich mit ihm verbündende Gott gibt ja als Grund für diese seine Zuwendung nur dieses Eine an: „Ich will ihnen ihre Missetat vergeben und ihrer Sünde nimmermehr gedenken."

Man stelle sich das einmal vor! Nicht, weil sie für ihn so attraktiv sind, sondern weil sie solche Abstoßenden sind, darum will er sich mit ihnen verbinden und darum, um diesen ihren Schaden zu beseitigen. Sie können das nicht, was sie auch alles sonst vollbringen mögen. Auch die Frommen können ihre Sünde nicht beseitigen. Der Genfer Reformator Johannes Calvin schreibt dazu: „Wir sehen doch die Gläubigen häufig fallen, und nicht nur zehn Mal im Leben, sondern alle Tage." Aber Gott ist diesem heillosen Schaden gewachsen. Er setzt sich dafür ein und gibt sich dafür hin: der ewige Gott für seine vergänglichen Menschen, der heilige Gott für diejenigen, die seine Gebote missachten! Er liebt sie trotzdem. Er liebt sie, auch wenn sie ihn nicht lieben, sondern ihn übersehen, vergessen, verachten, missbrauchen. Seine Liebe zu ihnen wird dadurch nicht widerlegt. Sie gilt für immer und ewig.

Er liebt sie freilich so, dass es ihm nicht gleichgültig ist, wenn sie ihm auf seine Zuwendung nicht antworten mit einer entsprechenden Liebe zu ihm. Es tut ihm leid, wenn es auf ihrer Seite damit hapert. Er wartet darauf und wartet, dass es endlich doch geschehe, dass sie ihrerseits ihn lieben. Und weil Er es ist, der darauf wartet, darum wartet er letztendlich nicht umsonst darauf. Und bis es soweit ist, fängt er seinerseits schon einmal damit an und lässt sich nicht davon abbringen, seine Menschen festzuhalten und weiterzuführen: fort von ihrem Versagen hin zu ihrem Wohltäter. Noch einmal Calvin: Dieser Bund beruht „auf keinem anderen Grund als dem der reinen Güte Gottes. So oft uns also in der Heiligen Schrift das Wort Bund begegnet, müssen wir zugleich an das Wort Gnade denken."

Aber nun stutzt man unwillkürlich, wenn bei Jeremia an unserer Stelle auf einmal die Rede ist von einem „neuen Bund", den Gott mit seinem Volk schließen will. Wie sollen wir das verstehen? Ein Bund mit einem anderen Partner ist offenbar nicht gemeint. Das kann ja auch gar nicht sein, wenn denn jener Bund ein Gnadenbund ist. Er hört also auch dann nicht auf, wenn er von Seiten der menschlichen Partner empfindlich gestört wird. Menschliche Untreue kann die Treue Gottes nicht beseitigen. Der Prophet redet in diesem Zusammenhang ja eben von dem göttlichen Entschluss: „Ich will ihnen ihre Missetat vergeben und ihrer Sünde nimmermehr gedenken." Der Liederdichter Paul Gerhardt hat im Gedanken daran nachgerade jubelnd gesungen: „Ja, endlich nimmst du unsere Schuld und wirfst sie in das Meer." Das bedeutet keinen leichtfertigen Umgang Gottes mit der Verkehrtheit seiner Menschen - so, wie wir oft unsere Fehltritte auf die leichte Schulter nehmen und dann vergessen und nicht einmal mehr eingestehen. Gott trägt vielmehr schwer daran, dass seine von ihm erwählten Menschenkinder seine Liebe nicht erwidern. Und sie erkennen ihre Sünde erst recht, wenn sie sich das vor Augen halten.

Von hier aus öffnet sich der Sinn der Ankündigung eines „neuen Bundes", den Gott machen will. Es geht um die Beseitigung des Widerspruchs zwischen der göttlichen Liebe und des menschlichen Versagens. Es geht um die Herbeiführung einer rechten Antwort all jener Menschen, mit denen er aus „reiner Güte" einen Bund geschlossen hat. Die Antwort ist bislang ausgeblieben oder ist wieder und wieder unterbrochen worden durch Abschweifungen in die Ferne von Gott und seinem Bundeswillen, erstickt in einem Mangel an Dankbarkeit. Und das ist das fabelhaft Neue: Gott schließt seinen Bund in einer neuen Weise. Wörtlich heißt es bei dem Propheten: „Das soll der Bund sein, den ich mit dem Hause Israel machen will ..., spricht der Herr: Ich will mein Gesetz in ihr Herz und in ihren Sinn schreiben." Es soll ihnen also nicht mehr von außen her vorschreiben: „Das und das sollt ihr im Gehorsam gegen Gott tun, und nun seht zu, ob ihr das könnt und wollt oder auch nicht." Sondern es soll ihnen so nahegelegt werden, dass sie frei werden, es so und nicht anders zu tun, nämlich frei allein dazu, es recht zu machen, frei dazu, von Herzen gern jene bislang ausgebliebene Antwort selbst zu geben. All ihre bisherige Untreue schließt nicht aus, dass sie diese Verheißung und Zusage Gottes haben.

Wenn denn dieser Bund Gottes nicht hinfällt, wenn er nicht außer Kraft gesetzt wird, wie sich der menschliche Partner auch aufführt, dann heißt das, wohlgemerkt: Diesen Bund hat Gott nur mit dem Volk Israel geschlossen - mit dem jüdischen Volk. Die Zusage der Treue Gottes ist zu anderen gesagt als zu uns. Sie gilt denselben, die Gott einst an der Hand nahm, dass er sie aus Ägypten führte. Gilt sein Bund für immer, so hat Gott sich nicht zur Abwechslung einen anderen Partner für seinen Bund gesucht. Oder hat er es etwa darum, weil ein anderer Partner größere Vorzüge gegenüber dem ersten Partner hat? Oder darum, weil er etwa Gottes Absichten besser unterstützt? Aber denken wir: Gott selbst wäre ganz unzuverlässig, wenn er seine einmal beschworene ewige Verbundenheit mit dem jüdischen Volk aufkünden würde. Er hat doch eben noch bekundet, dass er auch seinem ihm untreuen Partner die Treue halten wird. Laut Jesaja 55 hat er verbindlich erklärt: „Es sollen wohl Berge weichen und Hügel hinfallen; aber meine Gnade soll nicht von dir weichen, und der Bund meines Friedens soll nicht hinfallen, spricht der Herr, dein Erbarmer."

Wie unendlich oft haben gerade Christen, das nicht begriffen, und haben gemeint: Anstelle der nun verworfenen Juden seien jetzt sie, die Christen, die von Gott Erwählten und Bevorzugten. Damit haben sie den Juden unrecht getan. Und damit haben sie den Gott Israels des Wortbruchs bezichtigt. Umgekehrt müssen wir Christen uns der beunruhigenden Frage stellen: Sind dann nicht vielmehr wir, die wir nicht Juden sind, draußen, außerhalb des Bundes Gottes mit jenem Volk: „Draußen vor der Tür", wie das erschütternde Schauspiel von Wolfgang Borchert aus den Jahren 1946/47 betitelt ist.

Auf diese beunruhigende Frage dürfen wir im Neuen Testament eine erfreuliche Antwort hören. Im Hebräerbrief Kapitel 8 (8-12) werden die Verse unseres Predigttextes in Jeremia 31 wörtlich zitiert, und sie werden hier nun so neu ausgelegt: In der Erscheinung Jesu Christi wird der neue Bund oder, wie es heißt: das neue Testament auf herrlich neue Weise erfüllt. Das Neue ist jetzt, dass wir Menschen aus den Heiden dank der Hingabe Jesu Christi nicht mehr „draußen vor der Tür" stehen müssen. Durch ihn dürfen wir hineingenommen werden zum Volk Gottes. Nun ist es auch uns gesagt: „Es sollen wohl Berge weichen und Hügel hinfallen; aber meine Gnade soll nicht von dir weichen, und der Bund meines Friedens soll nicht hinfallen, spricht der Herr, dein Erbarmer." Das Zeichen für dieses Zusage ist, dass für uns aus den Heidenvölkern auch das Buch des ersten Testaments, das sogenannte Alte Testament, heilige Schrift ist.

Jedoch machen wir uns klar: Damit rauben wir dieses Buch nicht den Juden. Wir haben anzuerkennen, dass sie die ersten Leser dieses Buchs sind. Indem sie es treulich lesen und auf seine Worte achten, geben sie jedenfalls die Antwort, auf die Gott wartet. Sie sind die Ersten im Bund Gottes, und wir aus den Völkern sind nur nachträglich hinzuberufen zum Volk Gottes. Wir sind nicht anstelle der Juden von Gott Geliebte, sondern wir sind es an ihrer Seite und unter ihrem Vor-zug. Wir können Christen sein nur in unlöslicher Verbindung mit den Juden. Trennen wir uns von ihnen, dann trennen wir uns von der „reinen Güte Gottes", in der er der Gott dieses Volkes ist. Trennen wir uns nicht von ihm, dann stehen wir auch ein für den Staat der Juden, selbst wenn wir der Politik der Verantwortlichen in diesem Land zuweilen nicht zustimmen. Wir Christen haben uns die Verbindung mit ihnen in unseren Gottesdiensten wach zu halten: in der Fürbitte für sie, in der Bitte um den ja aus dem Alten Testament genommenen Schlusssegen und auch in unseren Chorälen, unter denen viele direkt und indirekt an die Psalmen anknüpfen. Johannes Calvin sagt in der Auslegung von Psalm 150: „Mit den Juden sind wir zum selben gemeinsamen Gesang vereinigt, damit Gott auch unter uns Heiden mit unablässigem Lob verehrt werde, bis wir im Himmelreich zusammenkommen und mit den Engeln das ewige Halleluja anstimmen."

Von hier aus fällt schließlich noch ein Licht auch auf die menschliche Verbindung, auf den Ehebund, auf den zu Anfang der Predigt hingewiesen wurde. Solch ein Ehebund darf ein schönes Abbild der Verbindung Gottes mit seinem Volk sein. Aber wie oft halten die menschlichen Partner ihre Verbindung nicht ein, sondern verletzen und zerbrechen sie. Und wie oft halten sie ihr Miteinander nicht aus, weil der eine Partner den anderen belästigt oder weil sie sich beide gegenseitig ihr Leben schwer machen. In jedem Fall ist es hilfreich, wenn wir uns daran halten und daran orientieren, dass der Gott Israels durch das Wort des Propheten uns Vergebung unserer Verkehrtheiten und Erneuerung unserer Herzen verspricht. Paul Gerhardt hat das in einem seiner Lieder so ausgerückt: „Der aber, der uns ewig liebt, / macht gut, was wir verwirren, / erfreut, wo wir uns selbst betrübt, / und führt uns, wo wir irren; / und dazu treibt ihn sein Gemüt / und die so reine Vatergüt, / in der uns arme Sünder / er trägt als seine Kinder."



Prof. Dr. Dr. Eberhard Busch
Göttingen
E-Mail: ebusch@gwdg.de

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